Ein Brief an Tom

22 Aug

Lieber Tom,

Vielen Dank für Deine klaren Worte, bezüglich meines Beitrags „Warum Kolonialismus manchmal gar nicht so schlecht ist„. Vermutlich lag die Intention Deiner Kritik darin, dass ich mich nach dem Lesen selbiger beschämt in die Ecke zurückziehe, mich mit jamaikanischer Reggaemusik kasteie und anschließend einen Scheck für „Brot für die Welt“ ausstelle. Dummerweise ist mein Wesen so sehr von neoimperialistischer Arroganz durchdrungen, dass die Welt – inklusive Dir Tom – darauf lange warten kann.

Ich gebe zu, beim Schreiben meines Beitrags bezüglich der Vorgänge auf den Niederländischen Antillen saß mir der Schalk im Nacken und es lag durchaus in meiner Absicht, Irritationen zu ernten und das gerne auch aus den Kreisen der sich selbst für progressiv haltenden, antiimperialistischen Linken. Das geringe Feedback hat mich enttäuscht und wäre nicht Deine Gegenrede erschienen, hätte es mir mehr als eine Woche verhagelt. So bin ich aber wieder zufrieden. Doch genug der langen Vorrede, nun möchte ich zur Sache kommen und ein wenig auf Dein Schreiben eingehen.

Du schreibst

Adrian sei daran erinnert, dass die Kolonialherren der sogen. westl. Welt, welche sich selbst für kulturell höherwertig hält, bereits in der frühen Neuzeit damit begann die Homophobie durch ihre christlichen Missionare in die Welt hinauszutragen.

und garnierst diese These mit dem Auszug eines Liedes des sich selbst als antiimperialistisch und antiamerikanisch verstehenden Reggae- und Dancehall-Künstlers Ganjaman:

Es legten große Schiffe irgendwo in Afrika an, sie nahmen die Menschen mit und steckten Hütten in Brand und es war nicht irgendjemand, sondern der schlaue weisse Mann. (…) Sie töteten und mordeten ohne Sinn und Verstand, die Parasiten und der Schmerz hält noch immer an. (…) Jedes Fürstenhaus wollte Gold und Sklaven haben und alle sind sie in die weite Welt hinausgefahren, haben geplündert okkupiert, nach Schätzen gegraben, Weisheit zerstört und Krankheiten übertragen, Frauen vergewaltigt und das in Gottes Namen, damit die Heidenkinder einen Christenvater haben (…)

Ich bin etwas verwundert, denn in diesem Abschnitt des Songs geht es augenscheinlich gar nicht um die Verbreitung von Homophobie, sondern um eine Kolonisierung des Goldes, der Sklaven und der sinnlosen Gewalt wegen. Aber natürlich gebe ich Dir im Grundsatz recht wenn Du sagst, dass das Vorgehen der Kolonialherren alles andere als human war und zu verurteilen ist. Nicht Recht gebe ich dagegen dem guten Ganjaman wenn er kolportiert, es wurde allerlei „Weisheit zerstört“ und damit suggeriert, die vorkolonialen Gesellschaften in Afrika, Südamerika und Asien seien humanistische Paradiese gewesen.

Die Weisheit der Azteken ging zum Beispiel so weit, ihren Göttern regelmäßig Menschenopfer darzubringen, wobei sie sich aus einem reichhaltigen Fundus an Stammesangehörigen – je nach Gottheit befanden sich auch Kinder unter den Geopferten – sowie Kriegsgefangenen und Sklaven bedienten. Ja Tom, Du hast richtig gelesen: Opferungen von Kindern, Kriegsgefangenen und Sklaven. Solche Barbarei gehörte zum Gesellschaftssystem der Azteken wie die Jungfrau Maria zur Katholischen Kirche und all das haben sie ganz ohne Zutun des bösen weißen Mannes hinbekommen. Oder man nehme die Weisheit des Kastenwesen in Indien, dass sich nicht etwa aus Gesetzen der britischen Kolonialherren speist, sondern ein integraler Bestandteil der hinduistischen Religion ist.

Bei allem Respekt Tom, ist es nun mal so, dass eben nicht nur der weiße Mann von der Natur dafür geschaffen ist, seine Mitmenschen wie Dreck zu behandeln, sondern dass alle Menschen gleich befähigt sind, böse Dinge zu tun. Da Du kein Rassist bist und auf die Gleichheit aller Menschen ebenso Wert legst wie ich, wirst Du das sicherlich einsehen.

Doch Du, Tom, hast noch mehr in petto:

Ich kann dem Kolonialismus nichts aber auch gar nichts Gutes abgewinnen, genausowenig wie dem 3.Reich und dem Holocaust, der an den Juden begangen wurde.

Kurz, nur ganz kurz, kam mir der Verdacht, dass Du, Tom, meine Idee, die Niederländischen Antillen vollkommen der Legislative des Mutterlandes zu unterstellen – was auf die Schwulen der Inseln zweifellos positive Auswirkungen hätte -, auf dieselbe Stufe zu stellen bereit bist, wie der Relativierung des Holocaust. Aber das hattest Du doch nicht wirklich im Sinne, nicht wahr Tom? Du wirst doch nicht tatsächlich den Holocaust mit unangemessenen Vergleichen verharmlosen wollen? Ich gehe ja schließlich auch nicht so weit, Dir zu unterstellen, Du fändest etwas Gutes am Dritten Reich, weil Du Dein Weblog „Toms Wochenschau“ nennst.

Doch pardon, wir sind ein wenig vom Thema abgewichen, der Verbreitung der Homophobie durch christliche Missionare im Zuge des Kolonialismus. Du schreibst Tom:

Zweifelsohne ist der Schwulenhass in vielen Kulturkreisen ein riesiges Problem. Aber hat nicht unsere westl. Welt, welche die moralisch höchste Reinheit vielfach für sich beansprucht, dieses Problem erst geschaffen oder zumindest einen großen Anteil daran?

In der islamischen Kultur, so heißt es, sei es üblich gewesen, dass jeder Mann mit jedem Mann rumvögeln – entschuldige den Ausdruck Tom – konnte wie er wollte. Dann aber kamen die Briten, wedelten mit ihrem Gesetzbuch und schon ließen die Moslems von ihrer jahrhundertealten Tradition ab und verwandelten sich über Nacht von Homophilen zu Homophoben. Bleibt natürlich die Frage, warum in heutigen islamischen Gesellschaften die Repression von Homosexuellen immer noch stark verbreitet ist, obwohl die Menschen dort nicht christianisiert wurden und das ehemalige genuin christlich geprägte Mutterland, was die Rechte der Homosexuellen angeht, schon weitaus weiter ist. Die Scharia kann jedenfalls nicht der Grund für die Schwulenfeindlichkeit in islamischen Ländern sein, hat sie doch mit den Briten überhaupt nichts zu tun, nicht wahr Tom?

Dein nächster Einwand hat bei mir allerdings die größten Fragezeichen hinterlassen:

So sehr ich die gesetzl. Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen überall, also auch auf den niederl. Antillen begrüßen würde, so wenig bin ich der Auffassung, dass man das durch Rekolonialisierung erreichen kann, zumal durch aufgezwungene Gesetze die Homophobie aus den Köpfen der Menschen nicht verschwindet.

Tut mir leid, Tom, das versteh ich nicht. Deine ganze Argumentation beruht darauf, dass alle Menschen total schwulenfreundlich waren, bis irgendwelche Kolonialisten aus dem christlichen Westen dahersegelten und durch aufgezwungene Gesetze die Homophobie in die Köpfe der armen Unterdrückten pflanzten. Und nun soll der Westen nicht mal aus seinen Fehlern lernen dürfen und das Ganze rückgängig machen? Wieso denn nicht? Wenn es denn so einfach ist, dass es lediglich eines westlichen Kolonialsystems bedarf, um in einer vormaligen Hippie-Gesellschaft die Homophobie salonfähig zu machen, dann dürfte es doch kein Problem sein, diese durch Rekolonialisierung wieder aus den Köpfen der Menschen zu verbannen.

Oder wie hat sich das Adrian von Gay West vorgestellt? Soll der “primitive Neger” dem man über Jahrhunderte die christlich-westlichen Grundwerte eingeprügelt hat, nun wieder umerzogen werden?

Aber Tom, Adrian von Gay West würde solche Worte wie „pr******* N****“ niemals in den Mund nehmen, weil er nämlich gelernt hat, Menschen mit Würde, Toleranz und Respekt zu begegnen. Dafür sind, in nicht unerheblichem Maße, die von Dir so sehr geschmähten westlichen Werte verantwortlich, die sich nämlich nicht nur durchs Christentum auszeichnen, sondern auch durch die Aufklärung und ihre Errungenschaft der individuellen Freiheit. Das ist es was den Westen ausmacht. Leider haben allzu viele ehemalige Kolonialvölker diese westlichen Ideen nur unzureichend in sich aufgesogen. Sonst wären sie heute nämlich genau so weit wie wir. Ausnahmen wie die USA, Kanada, Australien oder Neuseeland bestätigen die Regel.

Herzlichst

Adrian

P.S. Die Hauptstadt der Niederlande ist Amsterdam 😉

2 Antworten to “Ein Brief an Tom”

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  1. Brieffreundschaft « Freunde der offenen Gesellschaft - 22. August 2008

    […] Ein Brief an Tom « Gay West. Dieser Eintrag wurde von Daniel Fallenstein am Fr, 22. Aug 2008 um 18:20 geschrieben, abgelegt […]

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