Dunkin’ gays and lesbians

26 Aug

Schwule Libanesen heißen „Pussy“ und „Nana“, tragen Stilettos, Paillettenkleider und falsche Wimpern, weiß die Welt, die ausführlich über die Situation von Schwulen und Lesben in dem arabischen Land berichtet. Im Vergleich mit dem Rest der arabischen Welt scheinen die Zustände in Beirut geradezu paradiesisch:

„Sicher, die Leute kichern und machen blöde Witze“, meint Bassam. „Größere Probleme gibt es aber nicht.“ Nicht einmal die Sicherheitskräfte machen Schwierigkeiten: Die politische Lage in Beirut bleibt angespannt; die Abstände zwischen den Checkpoints sind kurz. Wenn „Pussy“ und „Nana“ den Soldaten ihre Papiere reichen, dann nicken die wortlos und winken sie durch.

Durchgewinkt werden in Beirut auch andere, die sonst in der arabischen Welt nichts zu lachen hätten:

Noch ist Beirut ein Fluchtpunkt der Freiheit in der islamischen Welt, der Kreative und Intellektuelle zu sich zieht. Auch Homosexuelle finden Nischen in Beirut, dem einzigen Ort im Nahen Osten, wo es eine lebhafte Schwulen- und Lesbenszene gibt.

Dem einzigen Ort im Nahen Osten? Was, bitte, ist mit Israel, mit Tel Aviv? Immerhin taucht Homosexualität im Strafrecht des Landes auf – was man von Israel nun wirklich nicht behaupten kann -, auch wenn es zur Zeit offenbar nicht zur Anwendung kommt:

Wie schwer sich die libanesische Gesellschaft mit dem Thema tut, ist an der widersprüchlichen Haltung des Staates abzulesen. Homosexueller Geschlechtsverkehr ist laut Gesetz illegal, strafbar mit drei Monaten Haft für den aktiven und sechs für den passiven Vollzug, doch zu einer Verurteilung ist es seit zehn Jahren nicht gekommen.

Für ein arabisches Land ist die Möglichkeit, sich politisch als Homo-, Bi- oder Transsexueller organisieren zu können, einzigartig – wenn auch nicht ohne Einschränkungen zu haben:

Die Behörden dulden sogar die Existenz einer Initiative, die sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen einsetzt, solange die Mitarbeiter nicht auf die Idee kommen, einen Christopher Street Day zu organisieren.

Helem ist die einzige NGO dieser Art im arabischen Raum; die Aktivisten müssen behutsam vorgehen. Jüngst haben sunnitische Geistliche eine Kampagne gegen die Organisation gestartet. Hin und wieder zeigten Nachbarn die Aktivisten an und behaupteten, im Helem-Büro würden Orgien gefeiert. „Homophobie ist weit verbreitet“, sagt Bilal Sharafaddin in den Räumen der NGO im Innenstadtviertel Hamra. „Es kommt vor, dass Leute ihren Job verlieren, weil sie schwul sind. Und viele Psychologen versuchen, Homosexuelle zu ,heilen‘.“

Deutlich wird in dem Artikel, wie sehr eine stabile Demokratie eine Voraussetzung für die Möglichkeit homosexueller Emanzipation ist:

Derzeit leidet der politische Aktivismus unter der Instabilität. Die Spannungen zwischen konfessionellen Gruppen steigen zusehends. Deshalb haben die Helem-Mitarbeiter ihren politischen Kampf weitgehend eingestellt. „Es ist nicht die richtige Zeit dafür“, sagt Sharafaddin. „Erst war das Parlament 18 Monate lang geschlossen, dann hatten wir zwei Monate lang keine Regierung – wie sollen wir uns unter diesen Bedingungen dafür einsetzen, dass das Gesetz gegen Homosexualität abgeschafft wird?“

Sympathisch klingt die Beschreibung der Atmosphäre in einer Beiruter Schwulendisco, die eine Begegnung von Menschen mit unterschiedlichem religiösen Hintergrund aufgrund der gemeinsamen sexuellen Orientierung ermöglicht, die sonst aufgrund alltäglicher Abgrenzung nicht denkbar wäre:

Das Acid zählt zu den beliebtesten Schwulenklubs in Beirut. „Hier trifft man alle möglichen Leute: Christen, Schiiten, Sunniten. Normalerweise bleiben die Konfessionen unter sich, hier feiern alle zusammen“, sagt Joseph, ein 22-Jähriger mit gegelter Frisur. „Zudem kommen jede Menge Golf-Araber auf der Suche nach homosexuellem Sex.“

Wie so häufig, sind es die westlichen Codes, die Homosexuellen eine Begegnung mit ihresgleichen ermöglichen:

man findet zueinander, nachts in den Klubs, tagsüber im Dunkin‘ Donuts. Hier treffen sich Schwule und Lesben, weil der Kaffee billig ist und die Fastfood-Marke für eine Moderne mit westlicher Prägung steht.

Doch die relative Freiheit ist in Gefahr:

„Als Hunderttausende in Beirut auf die Straße gingen und Freiheit und Demokratie forderten, haben wir Homosexuellen gedacht, das Land wacht auf“, erinnert sich Nadine. „Jetzt haben alle Angst, dass der Libanon seinen Liberalismus verliert. Der moralisch-religiöse Fundamentalismus ist auf dem Vormarsch.“

Manchem Kommentator bei der Welt scheint das ganz recht zu sein:

in saudi-arabien gibt es für schwule die todesstrafe. in deutschland gibt es dafür schwulen-paraden.

Ein anderer will aufklären,

Im Orient waren und sind homosexuelle Handlungen absolut normal. Auch verheiratete Männer können sich daran beteiligen. Allerdings ist „Homosexualität“ als einseitige Fixierung auf das gleiche Geschlecht dort ungern gesehen. Sie gilt dort als „westliche“ Errungenschaft (was historisch richtig ist).

doch scheitert dabei auf ganzer Linie:

Natürlich ist die Kolonialzeit zwischen 1920 und ca. 1950 nicht spurlos an diesen Ländern vorbeigegangen. Aber in dieser Sache sollte wohl doch noch beachtet werden, daß DAS Beirut, von dem hier die Rede ist, das christliche ist. Im islamischen sieht alles anders und in dieser Sache ganz gewiss auch toleranter aus. Vielleicht wäre es gut, wenn einige Journalisten begännen, zu recherchieren?

Wir schlagen vor, hier damit anzufangen. Oder hier. Vielleicht auch hier, hier, hier, hier oder am Besten gleich da. Es ist ja nicht so, dass sich noch niemand zum Thema „Homosexuelle im Islam“ Gedanken gemacht hätte.

Eine Antwort zu “Dunkin’ gays and lesbians”

  1. fadyfan 30. August 2008 um 15:10 #

    Danke für den Post! Allerdings verschleppt die Hisbollah auch Homosexuelle! Darum ist es auch für in Deutschland lebende Libanesen nicht ratsam sich zu outen…

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