Tag des schwulen Monologs

4 Okt

Während ich am gestrigen Tag der Deutschen Einheit in der brandenburgischen Landesvertretung genussvoll Schweinefleisch verzehrte und Wein trank – und damit zweifellos eine Menge Moslems in ihren religiösen Gefühlen verletzt habe – gestaltete sich der Tag der Offenen Moschee in der Berliner Sehitlik-Moschee ähnlich konstruktiv. Der Spiegel berichtet:

Sie wollen nicht provozieren. Sie sind keine schwulen Männer, die Händchen halten und keine Lesben, die ein Kiss-In veranstalten wollen.

Stop! Bitte was? Provozieren? Mit Händchen halten? Was soll denn bitte das bedeuten? Glaubt SPON-Autorin Leonie Wild wirklich, jeder Schwule, der mit seinem Partner Händchen hält, tut dies um zu provozieren? Frau Wild, haben Sie schon mal was von Zuneigung gehört? Von Liebe? Oder schlafen Sie mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin auch nur um zu provozieren?

Bali Saygili, schwul, türkischstämmig, leitet ein schwul-lesbisches Integrationsprojekt und will endlich einen „Dialog führen“. Inmitten von Passanten, Moscheebesuchern und Gemeindemitgliedern kommt es tatsächlich zu Dialogen: zwischen Homosexuellen und Homosexuellen sowie zwischen Homosexuellen und Medien. Muslimische Gemeindemitglieder dagegen schlagen verständnislos oder desinteressiert einen Bogen um den Pulk.

Um eines vorneweg zu sagen: Ich finde diese Aktion so schlecht nicht. Natürlich schadet es nicht, sich verstehen und kennen zu lernen. Es kommt aber darauf an, worum es bei diesem Verstehen und Kennen lernen geht. Was mir eben nicht in den Kopf will ist, warum man, wenn es um Homophobie geht, einen Dialog führen muss. Den braucht es schlicht und einfach nicht. Geht es um Schwulenfeindschaft in islamischen Milieus, hat nur einer zuzuhören und zu lernen: Die Moslems.

Fast verschämt findet das Gespräch schließlich doch noch statt, steif sitzen der Schwule und der Islamvertreter über Eck in einem winzigen Raum, eine Frau räumt eilig Gebäck und Getränke weg, als gelte es, die Gäste aus- statt einzuladen, vom souveränen Lächeln [Bekir] Alboas [sic], das er Minuten zuvor inmitten deutscher Moscheebesucher den Fotografen gezeigt hat, ist wenig übrig.

Er gibt sich Mühe, jede Menge Presse ist im Raum, er kann Punkte machen für die Muslime in Deutschland, wenn er nur das Richtige sagt. „Hören Sie unsere Freitagspredigten an und Sie hören, dass Homosexuelle darin nicht diskriminiert werden.“ So klingt keine Erfolgsnachricht.

Es ist aber auch keine schlechte Nachricht. Schließlich sind aus Moscheen rund um den Globus des Öfteren ganz andere Dinge zu hören. Von der praktischen Umsetzung dieser Predigten ganz zu schweigen.

Für die Muslime gelte das Recht Deutschlands, daher sei die Diskriminierung Homosexueller inakzeptabel, sagt Albo[g]a, der jenen Spagat unternimmt, den die Verbandshomosexuellen schon im Vorfeld erwartet hatten: den DITIB als liberalen Verband darstellen, jedoch ohne positiven Einfluss für einen respektvolleren Umgang mit Homosexuellen.

Was sollte Alboga auch sonst sagen? Was kann man von ihm mehr erwarten als zu sagen, wir leben in Deutschland, müssen uns folglich an deutsche Gesetze halten, aber mehr sei eben nicht drin. Soll er mal schnell Grundsätze seiner Religion über den Haufen werfen, nur um eine Handvoll Homos glücklich zu machen? Warum sollten ihn die Nöte schwuler und lesbischer Moslems in Berlin und sonstwo interessieren? Warum die Angst Schwuler vor migrantischen Jugendgruppen? Was geht ihn das alles an?

„Man darf uns nicht überfordern.“ Aus dem Dialog ist eine Abfolge von Monologen geworden, die sich gerade einmal 20 Minuten lang abwechseln.

Meine Güte, da fordert man nichts weiter ein als Toleranz und Mitmenschlichkeit und schon wird die DITIB überfordert? Da sucht man einen „Dialog“ und das ist zuviel für’s islamische Gemüt. Da pocht man auf seine Menschenwürde und Alboga kneift den Schwanz ein?

Nach den gebetsmühlenartig, verkrampft und unter Zeitdruck absolvierten Monologen zwischen Vertretern von Islam und Homosexualität stehen die schwulen und lesbischen Delegierten verloren im Hof der Moschee. „Abgebügelt“ seien sie worden, sagt Georg Härpfer, ein schwuler SPD-Mann, und Jörg Steinert vom LSVD bemängelt, sie seien „versteckt“ worden.

Dabei ist das Ergebnis doch so schlecht nicht – es hätte viel schlimmer kommen können. Immerhin hat die DITIB verlauten lassen, Diskriminierung dürfe man sich nicht erlauben und man hätte nun wirklich andere Sorgen als Homosexuelle:

Wie es an der Basis der muslimischen Gemeinde um den Umgang mit Homosexualität steht, traut sich Fatma zu sagen, eine junge Frau im „Moschee-Team“. „Wir haben großen Bedarf an Beratungsarbeit in unserer Moschee, in Bereichen wie Bildung, Jugendarbeit, Integration. Aber Homosexualität?“ Die beträfe nur wenige und sei, „ich meine es nicht böse“, nicht das wichtigste Thema. Sie äußert sich nicht homophob. Sie äußert sich pragmatisch.

Vor allem äußert sie sich tolerant. Und mehr ist bei dem ständigen Umherscharwenzeln zwecks gegenseitigem Verstehen eben nicht drin.

6 Antworten zu “Tag des schwulen Monologs”

  1. Karsten 5. Oktober 2008 um 10:44 #

    Hm. Klingt das nicht in etwa so, wie es sich auch bei den Katholiken anhört? Wäre doch klasse, wenn man einfach so nebeneinander herleben könnte, ohne sich anzugreifen, oder? Was will man mehr?

  2. Adrian 5. Oktober 2008 um 11:13 #

    „Was will man mehr?“

    Einsicht und Hilfe angesichts der Probleme von Schwulen und Lesben in moslemischen Familien z. B. Homos in streng katholischen Familien haben die Möglichkeit in einem breit gefächerten Netzwerk Hilfe zu suchen. Sie sind auch nicht bedroht von Ehrenmorden und Zwangsverheiratung.

    „Wäre doch klasse, wenn man einfach so nebeneinander herleben könnte, ohne sich anzugreifen, oder?“

    Ist aber nicht so. Abgesehen davon, greifen Schwule keine Moslems an.

  3. Anabell 5. Oktober 2008 um 11:51 #

    Bemerkenswerter Blog!!

    Offensichtlich soll man froh sein,
    wenn Feindseligkeiten gegenüber Homosexuellen
    wenigstens schon mal thematisiert werden.
    Besser sicher als nichts,
    doch das sieht nach einem langen Weg aus,
    zum Eigentlichen.

    Warum ist es – verdammt nochmal 😉 – so schwer
    im Gegenüber schlicht und einfach einen Menschen zu sehen.
    Mann, Mann, Mann!!

    Respekt kann doch so einfach sein,
    oder?

    Grüße aus Berlin Mitte!!
    Anabell

  4. Antiislamist 5. Oktober 2008 um 12:35 #

    Interessant ist auch die Formulierung »für die Muslime gelte das Recht Deutschlands«. Wie es wohl aussieht, wenn eines Tages doch die »Islamische Charta« in Kraft tritt, derzufolge doch Ungleiches ungleich behandelt werden darf?

    und dabei gilt die DITIB noch als der liberalste islamverband in deutschland.

    http://www.ex-muslime.de/

    wenn der islam nur ansatzweise so wäre, wie die katholische kirche, dann wäre ja alles bestens, dagegen ist die kirche ja ein hort der toleranz.
    wenn homophobie im islam nur das einzige problem wäre, auch damit wäre schon viel erreicht.
    aber in dieser religion passt einfach alles .

  5. Karsten 5. Oktober 2008 um 23:56 #

    @Adrian:
    Hey, Inhalte. Da macht es ja wirklich gleich Spaß zu diskutieren.

    Zur Frage „Was will man mehr“:

    „Einsicht und Hilfe angesichts der Probleme von Schwulen und Lesben in moslemischen Familien z. B. Homos in streng katholischen Familien haben die Möglichkeit in einem breit gefächerten Netzwerk Hilfe zu suchen.“

    Ist das von der katholischen Kirche selbst organisiert? Oder von den Angehörigen? Das wäre für mich die entscheidende Frage. Wenn Du von Repräsentanten der Muslime verlangst, dass so etwas geschaffen wird, dann bitte auch von Herrn Meisner. Wenn Du es Dir von den Mitgliedern muslimischer Gemeinden erhoffst, die selbst mitdenken (wie ich auch), ist es eine ganz andere Sache. (Übrigens wusste ich von so einem Netzwerk nichts, und freue mich sehr, sehr darüber, auch wenn ich nicht katholisch bin…)

    „Sie sind auch nicht bedroht von Ehrenmorden und Zwangsverheiratung.“

    Erneut: Ehrenmorde sind ein Verbrechen, für das ich nicht die Muslime, sondern Verbrecher verantwortlich machen muss. Zwangsverheiratungen sind ähnlich schlimm, aber nicht das Problem der Gemeinde – oder?

  6. Adrian 6. Oktober 2008 um 09:28 #

    „Wenn Du es Dir von den Mitgliedern muslimischer Gemeinden erhoffst, die selbst mitdenken (wie ich auch), ist es eine ganz andere Sache.“

    Wenn es die Mitglieder in die Hand nehmen würden, wäre es natürlich am Besten. Im Übrigen verlange ich von Herrn Meisner genau das gleiche wie von Moslems. Sich nicht in das Leben fremder Menschen einzumischen und persönliche moralischen Wertvorstellungen nicht anderen Menschen aufzuzwingen. Geht es darum, sind Moslems den Katholikenn allerdings im Rückstand. Schon alleine wegen deren sozialen, familiären und kulturellen Umstände.

    „Ehrenmorde sind ein Verbrechen, für das ich nicht die Muslime, sondern Verbrecher verantwortlich machen muss.“

    Ich mache die Kultur verantwortlich.

    „Zwangsverheiratungen sind ähnlich schlimm, aber nicht das Problem der Gemeinde – oder?“

    Wieso nicht?

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