Liebe, Hass und Bibliotheken

7 Okt

Unsere religiösen Kämpfer gegen die Homosexualität werden immer klüger, ihre Methoden immer gewitzter. So zum Beispiel in Fairfax County, Virginia. Dort nämlich initiierte die evangelikale Organisation Focus on the Family, bekannt für ihre abstrusen Ansichten, insbesondere zur Homosexualität, eine Protestaktion gegen die örtliche High School. In deren Bibliothek nämlich, findet sich an Büchern nicht eines, welches die Meinung der evangelikalen Streiter bezüglich Homosexualität bestätigt. Und so kam eines zum anderen: Christlich-konservative Studenten und deren Anhang belagern nun den County, bepackt mit Büchern, die eine „alternative Sicht“ auf Homosexualität propagieren; Büchern von denen verlangt wird, dass die High School sie gefälligst in ihren Bibliotheksbestand aufnehmen soll. Denn bis jetzt, so klagen die Studenten nebst Focus on the Family, sei die Bibliothek

stocked with „pro-gay“ books

Die Aktion ist außerordentlich clever, knüpft sie doch an andere Vorfälle in den Staaten an, die Bücher mit „homosexuellem Inhalt“ und schulische Bibliotheken betreffen. Die American Library Association, listete für das Jahr 2007 unter den Top Ten der aus Bibliotheken verbannten Büchern, ganze drei, die in irgendeiner Form Homosexualität thematisieren. Besonderen Wirbel verursachte dabei ein mittlerweile bekanntes Kinderbuch über die Elternfreuden eines männlichen Pinguinpaares:

The list was led by „And Tango Makes Three,“ a tale of two male penguins who become companions at the Central Park Zoo and try to hatch an egg-shaped rock together. Last spring, a parent tried unsuccessfully to have the book removed from shelves in Loudoun County schools.

In Fairfax County gibt die „Verbannung“ von Büchern, in denen Schwule und Lesben als geisteskranke Psychopathen dargestellt werden, Focus on the Family nun die Gelegenheit, sich selbst als Hüterin der Meinungsfreiheit und der intellektuellen Pluralität hervorzutun:

The Focus on the Family initiative, „True Tolerance,“ is not promoting censorship; it’s trying to fight it, said Candi Cushman, education analyst for the group, who flew from Colorado for the event.

„We hear . . . more and more that homosexuality is being promoted in schools,“ she said. „The word tolerance is often used, but a faith-based viewpoint is belittled or ridiculed.“

Fundireligiöse Gruppierungen nehmen für sich nicht mehr nur die bloße Meinungsfreiheit in Anspruch, sondern sie stellen sich zusätzlich als gesellschaftlich diskriminierte Gruppe dar, um ihre Ziele zu erreichen. Eine meisterhafte Taktik.

Die Verantwortlichen der High School haben es bisher geschafft, die von Focus on the Family propagierten Bücher aus der Sammlung der Bibliothek raus zu halten:

Fairfax County’s policy on library book selection says „the collection should support the diverse interests, needs and viewpoints of the school community.“ But library officials said donated and purchased books alike are evaluated by the same standards, including two positive reviews from professionally recognized journals.

None of the donated titles met that standard, said Susan Thornily, coordinator of library information services for Fairfax schools. Some librarians also said that the nonfiction books were heavy on scripture but light on research, or that the books would make gay students „feel inferior,“ she said.

Doch genau auf so eine Argumentation haben die evangelikalen Sensibelchen ja nur gewartet. Denn ist nicht auch die Verbannung evangelikalen Schrifttums dazu angetan, Evangelikale und ihre Positionen für minderwertig zu erklären, sie also zu diskriminieren? Eigentlich schon, oder?

Wenn also die Evangelikalen darauf bestehen, sie würden durch die Homos und ihren Alliierten diskriminiert dann lasse man sie sich doch in ihrer Sensibilität suhlen. Lasst sie doch ihre doofen Bücher in die Bibliothek bringen. Lasst sie doch ihren Unsinn verbreiten. Meinungsfreiheit ist Meinungsfreiheit und die USA sind (noch) nicht Europa, wo jede Gruppe einen Anspruch hat, nicht in ihren Gefühlen verletzt zu werden, solange sie den Segen der gerade regierenden politischen Partei hinter sich weiß. Wer nämlich auf diesen Anspruch beharrt, sollte sich nicht wundern, irgendwann von Evangelikalen wegen Diskriminierung verklagt zu werden, weil man deren Weltanschauung als „doof“ bezeichnet hat.

2 Antworten zu “Liebe, Hass und Bibliotheken”

  1. Phaidros 7. Oktober 2008 um 18:24 #

    Aber deren Weltanschauung ist doch doof und dumm und klar ist auch, dass sie eine totalitäre Gesellschaftsordnung herbeisehnen.

    Sollen sie mich doch verklagen. 😉

  2. TheGayDissenter 7. Oktober 2008 um 20:46 #

    Wenn die Damen und Herren FotF-Studenten all die Bücher doch schon haben – sonst könnten sie sie nicht in die Bibliothek tragen -, warum soll dann die Bibliothek diese Bücher in ihren Bestand aufnehmen? Außer den FotF-Leuten interessiert sich doch eh niemand für die Schundliteratur, und die haben sie ja schon und brauchen sie nicht ausleihen.

    BTW: Ist etwas über den Bestand in Fuldaer Bibliotheken bekannt geworden?

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