Warum es falsch ist, aus dem „Doppelleben“ Jörg Haiders politische Forderungen abzuleiten

25 Okt

Wenn Haider schwul oder bi oder wasauchimmer war … So what? Bei aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhundert würde man erwarten, dass diverse sexuelle Neigungen eine akzeptierte Tatsache unserer Gesellschaft sind. Dass Menschen einfach tun und lassen können, was sie wollen – auch wenn sie Landeshauptmänner oder -frauen sind. Wo niemand zu Schaden kommt, braucht sich niemand aufzuregen. Betrunken Autofahren ist lebensgefährlich. Sich in einem Schwulenlokal aufhalten gefährdet aber weder das eigene Leben – noch das eines anderen.

Nur leider ist die gesellschaftspolitische Realität in Österreich noch immer eine andere. So lange Coming-out-Prozesse bei Jugendlichen noch immer ein hohes Risiko darstellen, erhöhte Suizid-Gefahr besteht und Ängste vorherrschen, man könnte die Familie und die besten Freunde verlieren, wenn man sich outet, so lange gleichgeschlechtliche Paare vor dem Gesetz mit verschiedengeschlechtlichen Paaren nicht gleichgestellt sind, so lange es Diskriminierungen und Ausgrenzungen gibt, wird es Ausdrücke wie „Homosexuellenmilieu“ geben. Und so lange prinzipiell davon ausgegangen wird, dass das Begehren des anderen Geschlechts die Norm ist, wird Homosexualität als abnormal wahrgenommen.

So weit, so richtig. Was Standard-Autor Marco Schreuder, grüner Landtagsabgeordneter und „deklariertermaßen schwul“ danach postuliert, ist richtig, aber keineswegs ausreichend.

Als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender geoutete Mandatare (…) können aus eigener Erfahrung auch politische Rahmenbedingungen schaffen, damit es an Schulen mehr Aufklärung gibt und diskriminierende Gesetze angepasst werden.

Als wenn das nicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wäre! Ich finde diese Vorstellung genauso absurd wie die, wonach Juden am Besten für die Bekämpfung des Antisemitismus geeignet seien. Immerhin:

Wie lesbische und schwule Politiker/innen ihr Sexualleben tatsächlich ausleben, geht dabei tatsächlich niemanden was an.

Und dann geht plötzlich einiges arg durcheinander:

Wer sich aber versteckt (in der Sprache der Community nennt man solche Schwule „Klemmschwester“ )

(weil Schwule, die sich der Community zugehörig fühlen, offenbar unbedingt alle Klischees, die über sie kursieren, übernehmen müssen, hier also die Mär von den femininen Schwulen), gemeint ist etwas anderes, nämlich wer

nicht will, dass das eigene Schwul-, Lesbisch-, Bi- oder Transgender-Sein publik wird,

der hat darauf nicht etwa jedes Recht der Welt, sondern

macht sich erpressbar und spielt dem Vorurteil, dass das etwas Schmutziges, Perverses und Abstoßendes ist, in die Hände.

Deshalb versucht nun Schreuder aus Haiders Ableben politisches Kapital zu schlagen, natürlich in bester Absicht:

Wenn das nun bekannt gewordene vermutliche Doppelleben Jörg Haiders eine politische Konsequenz haben soll, dann läge dies an den nunmehr regierungsverhandelnden Parteien SPÖ und ÖVP. Ein Maßnahmenpaket zur Gleichstellung von Lesben und Schwulen könnte zur erhöhten Akzeptanz beitragen. Und damit müssten sich am Ende dieser Legislaturperiode weniger Menschen verstecken.

Womit an der Legende, Jörg Haider habe sich verstecken müssen oder überhaupt versteckt, ein weiteres Mal gestrickt wäre. Was bleibt, ist die Respektlosigkeit gegenüber Menschen, die ihre sexuelle Orientierung nicht veröffentlichen wollen und die Verschiebung der Verantwortung einer heteronormativ strukturierten Gesellschaft auf den einzelnen Schwulen, der mit gutem Beispiel voranzugehen hat.

5 Antworten zu “Warum es falsch ist, aus dem „Doppelleben“ Jörg Haiders politische Forderungen abzuleiten”

  1. DDH 26. Oktober 2008 um 00:50 #

    Vertreter von homophoben Pateiprogrammen gehören zwangsgeoutet! Ohne Rücksicht auf Verluste! Basta! In allen anderen Lebenssituationen verbietet sich freilich die pathetische Forderung nach einen Bekenntniszwang. Aber wer BZÖ, FPÖ oder CSU oder SVP angehört, gehört als Schwuler geoutet! Absolut!

  2. Adrian 26. Oktober 2008 um 01:05 #

    Nein!

  3. Damien 26. Oktober 2008 um 13:39 #

    Lieber Dominik, kannst Du mal einen Beleg für die Homophobie im Parteiprogramm der CSU nennen? Das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen ist jedenfalls alles andere als homophob: Lebenspartnerschaften können jetzt auch in Bayern auf dem Standesamt geschlossen werden – dank der Initiative der FDP, die von der CSU zumindest nicht gebremst wurde.

  4. Beate 30. Oktober 2008 um 20:57 #

    Lieber Damien,
    Hab mal wieder in Gay West reingeguckt. Bin mit dir einverstanden, dass das Privatleben der Politiker uns nichts angeht, solange sie nicht kriminell sind. Sie sollen gute Politik machen zum Wohle ihres Landes. Was seine Politk angeht, bin ich mit Haider nicht einverstanden. Er war ein rechtsextremer Populist, eine schillernde Figur….na ja, nun lebt er ja nicht mehr….
    Gruß! Beate

  5. Campori 12. November 2008 um 21:21 #

    Sehr schöne und informative Seite, gefällt mir wirklich sehr gut

    Weiter so 😉

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