Warum Schwule an ihrer Diskriminierung selbst schuld sind, wenn sie sich nicht rechtzeitig outen

29 Okt

In den Reigen derer, die die sexuellen Vorlieben des Jörg Haider politisieren und funktionalisieren, hat sich jetzt auch Elmar „Die Wahrheit“ Kraushaar eingereiht:

Ungenannte erzählen nun von Buberln in der Partei und ganz anderen Buberln im sicheren Ausland, alte Fotos mit jungen Männern werden mit einem Mal neu gesehen. Das ist der schäbige Preis für die vorenthaltenen klaren Worte zu Lebzeiten

auf die wir alle schließlich ein Anrecht gehabt hätten. Als Schwuler hat man nämlich so seine Verpflichtungen.

Die Trauermesse ist kaum gelesen, und schon lechzen die Hinterbliebenen nach dem Skandal.

Knapp daneben ist auch vorbei. Natürlich lechzen nicht die Hinterbliebenen nach dem Skandal, die wären froh, wenn die Presse endlich Ruhe gäbe. Schuld ist in jedem Fall ausnahmsweise einmal nicht die Gesellschaft , sondern Haider irgendwie selbst und nicht nur er, sondern jeder Schwule oder dazu Erklärte, der seine Pflicht zum Outing in der großen Öffentlichkeit nicht erfüllt:

Der homosexuelle Mann ist nicht ohne Schuld daran,

das Private ist schließlich politisch,

beständig tappt er in die Falle des vermeintlich „Privaten“,

ein Schlappschwanz ist er auch noch, der Schwule, der seine Coming-Out-Bringschuld nicht erfüllt,

lässt sich hasenfüßig darauf ein, dass es um nichts mehr ginge als um Sexualität, und die gehöre doch schließlich ins Schlafzimmer,

was Herrn Kraushaar gar nicht gefällt, wozu gibt es schließlich Darkrooms?

Heterosexuelle würde ja auch nicht jedem jederzeit ihre „Neigung“ auf die Nase binden.

Das war dann so ungefähr der einzige kluge Gedanke in dem Text. Danach geht’s gleich wieder genauso falsch und ideologisch weiter wie zuvor:

Dumm gelaufen, wer darauf reinfällt, so einfach lässt sich nun mal das eine Ufer nicht mit dem anderen vergleichen.

Natürlich ließe es sich vergleichen, Kraushaar meint vermutlich, es ließe sich nicht gleichsetzen. Das wäre zu kritisieren aus einer Perspektive, die Normalität für Schwule anstrebt. Was Kraushaar aber gar nicht tut, im Gegenteil hält er uns regelmäßig den einigermaßen eingestaubten Bekenntniszwang für Schwule vor, irgendwie anders sein zu müssen als die langweiligen Heten. Sexuell emanzipiert. Promisk. Und so weiter. Wer damit nicht identifiziert werden will, hat mein vollstes Verständnis. Schwul sein und auf seiner Privatsphäre bestehen kann man so gesehen nur gegen und trotz Kraushaar und Konsorten.

6 Antworten to “Warum Schwule an ihrer Diskriminierung selbst schuld sind, wenn sie sich nicht rechtzeitig outen”

  1. Claus 29. Oktober 2008 um 19:50 #

    Richtig.

  2. Henny 29. Oktober 2008 um 23:00 #

    aha, klandestin scheint auch noch ein Lieblingswort des Kraushaar..

    „der klandestine homosexuelle“ – auweia !

    und die taz ist sich nicht zu schade dafür, solche türlochguckerei als aufklärerisch anzusehen.
    ————————————————————————————–
    Hab mal in die magische Google geguckt:
    klandestin [zu lateinisch clandestinus »heimlich«, »geheim«], veraltet: heimlich, im Stillen betrieben;

  3. Reno 30. Oktober 2008 um 15:34 #

    Kenne diesen Kraushaar nicht, beziehe mich also ausschließlich auf den Kommentar und die Zitate:
    Die sexuelle Orientierung als eine Eigenschaft der Persönlichkeit ist was völlig anderes als sexuelle „Vorlieben“ oder „Neigungen“. Weder Hetero- noch Homosexualität sind bloße Vorlieben oder Neigungen.
    Einen „Bekenntniszwang“ darf es nicht geben; weder gibts was zu bekennen, denn Schwulsein ist nicht unanständig. Zudem ist Zwang abzulehnen.
    Sich zu outen kann ich aus eigener Erfahrung sehr empfehlen. Habe selbst lange ungeoutet gelebt; in aller Offenheit geht es mir wesentlich besser, kein Vergleich!
    Was die Person Haider betrifft, geht es um einen Politiker und nicht nur um einen Privatmann. Bei jeder in der Öffentlichkeit stehenden Person besteht zurecht ein Interesse am Privatleben, dieses wird ja auch bewusst in den Dienst der Politik gestellt, z. B. Auftritte und Wahlwerbung mit Familie usw.

  4. marco1981 30. Oktober 2008 um 16:08 #

    Was ich bei diesem Kommentar und einigen anderen Gaywest-Kommentaren nicht verstehe- einerseits beschwert ihr euch über „Outingzwang“- auf der anderen Seite wird aber das „Private“ so betont.

    Ich verstehe das nicht. Ich habe mich mit 16 Jahren geoutet, verfolge eine durch und durch bürgerliche Laufbahn, und hatte weder an der Schule, noch an der Uni, noch sonstwo Probleme. Den meisten Leuten erzähle ich, dass ich schwul bin, wenn sie mich danach fragen. Scheint mir persönlich die gesündeste Einstellung zu sein.

    Niemand muss sich outen, aber letztlich werden sich Vorurteile nur dann auflösen, wenn sich jeder im kleinen Rahmen zu seiner sexuellen Orientierung bekennt. Das wiederum erfordert mehr Mut, als auf einen CSD zu gehen.

    Herr Kraushaar ist einfach zwei Generationen voraus, da sollte man dann aber auch mal etwas Milde gelten lassen.

    Was Jörg Haider angeht, so hatte er sicher einige „Issues“ – sein Schwulsein scheint mir da aber noch das Harmloseste gewesen zu sein…

  5. marco1981 30. Oktober 2008 um 16:09 #

    …und mit voraus meinte ich natürlich „zurück“ 😉

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  1. Knockin’ on heaven’s door « Raumzeit - 30. Oktober 2008

    […] Jörg Haider: Mehr gibt’s eigentlich nicht zu sagen Warum Schwule an ihrer Diskriminierung selbst schuld sind Lady Jörg Possibly related posts: (automatically generated)WahlenEin Europa der zwei […]

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