„Freundschaft als Lebensweise“. Wie Schwule, die nicht schwul sein wollen, ihr Heil im Islam suchen (Teil 1)

30 Okt

Es gibt Thesen, die sind so absurd und zynisch, dass man ihnen am Besten so wenig wie möglich Aufmerksamkeit schenkt. Wenn ihre Begründer allerdings die ersten Bücher schreiben und anfangen, deutschlandweit daraus vorzulesen, kann es an der Zeit sein, das eine oder andere kritische Wort darüber zu verlieren. Georg Klauda ist so ein Fall. Der veröffentlichte unlängst „Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“. Die erste Rezension des Buches ist ein großes Lob desselben und eignet sich daher vorzüglich auch für eine Kritik des Titels. Und die beginnt schon bei der Überschrift, in der es heißt, Klauda betreibe die

notwendige Kritik des schwulen Islam-Diskurses.

Einen solchen jedoch gibt es ebenso wenig wie es schwule Bushaltestellen oder auch die gern zitierte schwule Community gibt. Natürlich gibt es Schwule, die sich gerne als repräsentativ gerieren und daher für die schwule Community halten. Umgekehrt gibt es andere, die diese ominöse Community als Feindbild brauchen und ihre selbsternannten Vertreter daher ernster nehmen, als es angebracht wäre.

Der erste Satz der Rezension ist programmatisch für das vertretene Weltbild:

Diese Studie will politisch genommen werden, also doch wohl „persönlich“.

Und das bedeutet, Schwule darauf zu verpflichten, sich vor einer Auseinandersetzung mit „dem Islam“ erst einmal der „Heteronormativität“ zuzuwenden und damit den Konstitutionsbedingungen der eigenen Subjektivität und anderenfalls den Mund zu halten. Diese Zumutung ähnelt nicht zufällig der Zumutung einer heteronormativen Gesellschaft an Schwule, die ihnen das selbstverständliche Reden über Alltägliches als penetrantes Zurschaustellen ihrer sexuellen Orientierung vorwirft und sie deshalb gerne zum Schweigen verurteilen würde. Um ein derartiges Kunststück zu vollbringen, muss man wohl postmoderner Identitätskritiker sein. Als ein solcher versteht sich Klauda allemal, wenn er

zeigt, dass „die Formierung einer `selbstbewussten´ homosexuellen Identität“ ebendiese Heteronormierung nicht nur zur Bedingung hat.

Womit eine erste Verschränkung von Macht- und Herrschaftsdiskursen – so eine beliebige wie beliebte Aneinanderreihung einiger Schmankerl des Dekonstruktivisten-Sprechs – erreicht wäre und unaufgelöst bleibt, damit die Heteronormierung in keinem Fall auf dem Boden der jetzigen Gesellschaftsordnung aufzuheben ist, sondern nur durch irgendwelche Revolutiönchen. Wenigstens in Deutschland ist diese homosexuelle Identität laut Klauda grundsätzlich rassistisch aufgeladen, womit die Notwendigkeit ihrer Kritik ein weiteres Mal bewiesen wäre und Klauda selbst wohlfeil implizieren kann, dass er schon gar kein „Schwuler“ sein kann, da er doch Antirassist ist. Stattdessen verweigert er sich tapfer den herrschenden Bekenntniszwängen bezüglich der sexuellen Orientierung. Das klingt nicht nur anstrengend, das ist es auch. Weshalb die Ablehnung homosexueller Identität weiterer Begründungen bedarf. So postuliert Klauda, sie trage,

begriffen „als Teil eines von westlicher Seite voranzutreibenden Emanzipationsprozesses“, sogar noch zu deren [gemeint ist die Heteronormierung, Anm. D.] Durchsetzung – gegebenenfalls mit militärischem Zwang – in aller Welt bei, indem sie „einer dubiosen Ethnisierung der Menschenrechte“ Vorschub leistet –

Ganz in der Tradition der Linken – und als ein solcher versteht sich Klauda zweifelsohne – hat das Böse also einen Namen und damit auch eine Adresse: Der Westen ist’s. Wenn der plötzlich für Emanzipation steht, muss mit dieser etwas nicht stimmen. Und so wird sie ersetzt durch die Regression, früher war schließlich alles besser.

In der Rezension wird Bezug genommen auf gewalttätige Übergriffe von Jugendlichen mit türkisch-arabischem Migrationshintergrund auf das Berliner Café PositHiv, das in der Folge zum Schutz der Gäste seinen Standort wechseln musste. Über einen Artikel von Jan Feddersen in der Taz heißt es hierzu:

Indem er sich u. a. auf den Ärger bezog, den das Aids-Selbsthilfeprojekt Café PositHiv mit ein paar Kids aus der Nachbarschaft hatte, beschwor er unter dem Titel „Was guckst du? Bist du schwul?“ die Gefahr, der Szene-Bezirk Schöneberg drohe „für Schwule zur No-go-Area zu werden“. Und zur Abwehr führte Feddersen der Notwendigkeit einer „Zivilisierung des Vormodernen“ das Wort, womit er junge Männer meinte, „die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind“. An diesen infamen Artikel erinnert Klauda im Vorwort und verspricht: „Gegen diese Konstruktion von Lesben- und Schwulenfeindlichkeit als ein `vorzivilisatorisches´ Relikt, das zunehmend auf den Fremden und `Anderen´ abgewälzt wird, nimmt das vorliegende Buch wissenschaftlich Stellung.“

Die Verniedlichung brutaler Schläger, die es auf Leib und Leben von Schwulen abgesehen haben, weil die es ja nicht anders verdient hätten, zu ein paar Kids aus der Nachbarschaft erinnert fatal an die Verharmlosung noch jeden Naziüberfalls im Osten Deutschlands, dessen Urheber sich stets darauf verlassen konnten, dass ihnen ein paar Volksgenossen zu gute hielten, es doch eigentlich gar nicht so gemeint zu haben. Auch Klauda selbst zeigt bereits an dieser Stelle, dass er Ideologie meint, wenn er Wissenschaft sagt. Denn die Daten sprechen eine andere Sprache: Homophobie und Schwulenfeindlichkeit sind unter Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund signifikant höher als unter denen ohne einen solchen Migrationshintergrund. Am niedrigsten sind sie unter Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Das weiß auch Klauda, das passt jedoch nicht in sein politisches Konzept. Klauda nämlich braucht es gut und böse. Und so sortiert er auch die Schwulen, in gut und böse.

Teil 2

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8 Antworten to “„Freundschaft als Lebensweise“. Wie Schwule, die nicht schwul sein wollen, ihr Heil im Islam suchen (Teil 1)”

  1. Beate Dreher 3. November 2008 um 01:25 #

    Bisher war ich der Ansicht, daß schwere Körperverletzung aus jedwedem Grund, insbesondere aber als Hassvergehen gegenüber Minderheiten, als ein die Gesellschaft traumatisierender Zivilisationsbruch zu betrachten ist.Ich lerne:Fucking Norm!!! In verantwortungsloser Weise produziere ich Minderheiten mit dieser Normsetzung und zwinge ein paar kids aus der Nachbarschaft -wohltönend:“kids“, „Nachbarschaft“-einen inakzeptablen Minderheiten-und Außenseiterstatus auf!Ein Bißchen Kieferbruch und schon geriere ich mich als Kulturimperialist und Rassistenschwein.Aber ernsthaft:diese- sagen wir mal-„Meinungen“, die keinem wissenschaftlichen Disput standhalten, bewegen sich auf der Ebene von Untertassen-Sehern in obskuren Zirkeln.Da sollte man es belassen.Aber Dummheit läßt einen oft fremdschämen und es graut einem vor alten Schachteln und jungen Kerlen aus dem gesammelten Volkshochschulkader!

  2. daniel 17. November 2008 um 14:52 #

    sind kritische anmerkungen hier nicht zugelassen oder warum ist mein neulich eingestellter beitrag nicht veröffentlich wurden? LG

  3. Adrian 17. November 2008 um 16:00 #

    Vielleicht hier?

  4. daniel 18. November 2008 um 17:29 #

    thx, die Fortsetzung war nicht zu finden – gut das sie nun verlinkt ist 🙂

  5. Martin 26. Dezember 2008 um 10:53 #

    Das ist ein guter Artikel von Damien!

    Der Herr Georg Klauda alias „lysis“ ist mir schon vor einiger Zeit in der Wikipedia über den Weg gelaufen. So viel ideologische Borniertheit habe ich noch selten erlebt!

    Nichts macht so blind, wie ein inbrünstig geglaubtes ideologische Weltbild, das alles klar in Gut und Böse sortiert.

    So einen wie den Klauda solle man nach Saudi-Arabien oder den Iran verfrachten, da kann er ja fern von westlicher Heteronormierung seine Sexualität genießen!

    Ich rufe ihm sogar noch ein multikulturelles „allahu akbar“ zum Abschied nach!

  6. Rachel 3. Februar 2009 um 10:54 #

    gute Artikel- alle Achtung-

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  1. Ideologische Grenzgänge « Raumzeit - 30. Oktober 2008

    […] a comment » Damien widmet sich in einer neuen Serie dem linken Dekonstruktivismus: “Freundschaft als Lebensweise”. Wie Schwule, die nicht schwul sein wollen, ihr Heil im Islam suc… Wer sich für intellektuelle Schleichwege totalitär verwirrter Hochschulabsolventen […]

  2. Georg Klauda’s Vertreibung der Vernunft « The Gay Dissenter - 2. November 2008

    […] Teil 1 und Teil 2 […]

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