Seminar Nummer 8: Von der Ehe und der narzisstischen Arroganz der Heteros

7 Nov

Es gehört zu den Grundtopoi der Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben, dass diese ihre Sexualität für etwas ganz besonderes halten, beständig damit kokettieren würden und diese gar als der Heterosexualität überlegen ansehen. Zur Bekräftigung dieser These verweist man immer wieder gerne auf diverse CSD-Paraden, auf „Proud-to-be-gay“-Bumpersticker und auf das Homo-Pärchen, dass sich auf der Straße flüchtig küsst. Und sicher: Bei ledigich oberflächlichem Denken könnte man zu dem Schluss kommen, dass z.B. CSD-Paraden nichts anderes ausdrücken, als den Narzissmus einer selbstverliebten Gruppe sexueller Hedonisten, die privates öffentlich zelebriert und die Grenzen von Vernunft, Moral und Anstand über Bord geworfen hat.

Doch dieser Schnellschuss geht nach hinten los. Die Zelebrierung sexueller Orientierung pauschal den Homosexuellen anzulasten, ist nichts anderes als eine heteronormative Konstruktion, die nicht erkennen will, dass

a) eine durch die Mehrheitsgesellschaft diskriminierte Minderheit, auch zum Schutz des eigenen Selbst genötigt ist, ihre Forderungen und ihre Existenz der Öffentlichkeit etwas eindringlicher bewusst zu machen,

b) ein schwarzer Schwan in einer Herde weißer Schwäne naturgemäß stärker auffällt, und

c) die Zelebrierung der heterosexuellen Orientierung so gewöhnlich ist, dass diese den Heteros gar nicht bewusst ist.

Die Ungleichbehandlung homo- und heterosexueller Beziehungen fängt eben damit an, dass ein Kuss zwischen zwei Männern ganz anders wahrgenommen wird, als ein Kuss zwischen Mann und Frau. Letzterer wird als so gewöhnlich betrachtet, wie Regen im Herbst, ersterer allzu oft mit dem Verweis auf das Private sexualisiert und entsprechend sanktioniert.

Aus der Perspektive Schwuler und Lesben aber, gibt es wohl kaum etwas, das so selbstgefällig, narzisstisch, arrogant und überheblich daherkommt wie die Heterosexualität, und zwar insbesondere dann, wenn sie sich nicht damit zufrieden gibt ihre Liebe und ihre sexuelle Ausdrucksform zu leben, sondern behauptet, diese sei zu bevorzugen und zwar aufgrund biologischer, sozialer und gesellschaftlicher Faktoren.

Eines der geläufigsten Argumente ist das der „Widernatürlichkeit“ der Homosexualität bzw. die Rangerhebung der Heterosexualität zur allein natürlichen Ausdrucksform menschlicher Sexualität, die von homosexueller Seite ebenso häufig mit dem Verweis auf diverse Sexualpraktiken im Tierreich gekontert werden. Dabei taugt die Kategorisierung, ob etwas „natürlich“ oder nicht sei, weder so noch so zur Beurteilung einer Handlung als moralisch richtig oder falsch, weil man als „natürlich“ eben alles qualifizieren kann was existiert und weil Vergewaltigungen und Morde ebenso „natürlich“ sind und im Tierreich vorkommen, ohne dass irgendjemand daraus schließt, diese seien in Ordnung.

Das Hauptargument der Forderung, die Ehe dürfte ausschließlich einem Mann und einer Frau vorbehalten sein, wird sehr häufig damit begründet, Schwule und Lesben seien der Ehe nicht würdig, weil diese (zusammen) eben keine Kinder bekommen können. Doch was bitte schön, hat denn die Ehe mit Fortpflanzung zu tun? Die Ehe ist ein staatlich garantierter Vertrag, der zusätzlich durch religöse Institutionen abgesegnet werden kann. Fortpflanzung ist dagegen nur dann möglich, wenn eine Ei- und eine Samenzelle miteinander verschmelzen. Um dies zu gewährleisten sind folgende Vorraussetzungen von Nöten: Eine Ei- und eine Samenzelle, manifestiert in einem Menschen männlichen und einem weiblichen Geschlechts. Damit Samen- und Eizelle verschmelzen können, bedarf es wiederum

a) des richtigen, d.h. fortpflanzungsfähigen Alters,

b) einer Frau mit gesunden Eizellen,

c) einer Frau während ihrer fruchtbaren Phase,

d) eines Mannes mit gesundem Sperma,

e) eines Mannes mit der Fähigeit zur Erektion, und

f) der Kopulation ohne Verhütungsmittel.

Eine Ehe braucht es dafür schlicht nicht und im Grunde genommen wissen das auch alle, denn nirgends wird, im staatlichen Bereich, die Legitimation einer Ehe an das Alter, die Potenz oder die Fruchtbarkeit gekoppelt. Somit führt sich auch der Einwand ad absurdum, die Ehe sei als Schutzraum für das Aufziehen von Kindern gedacht und müsse dementsprechend privilegiert sein. Denn noch einmal: Ob ein Paar Kinder hat oder nicht, gefördert wird die Ehe sowieso. Man mag das falsch finden, aber dann sollte man doch bitte nicht auf heiratswillige Homos rumhacken, sondern sich dafür einsetzen, dass – wenn überhaupt – lediglich Menschen mit Kindern gefördert werden.

Doch was ist die Ehe heute, wenn nicht ein Vertrag zweier sich liebender Menschen, die sich im gegenseitigen Einvernehmen geloben, füreinander einzustehen? Alles Kokolores, hört man den stolzen Heterosexuellen hier rufen, wenn Liebe ein Kriterium für die Heirat ist, warum kann ein Bruder dann nicht auch seine Schwester, oder Oma Hedwig ihre Katze heiraten? Ja, warum eigentlich nicht?

Als Mensch ohne Bindung an religiöse Traditionen, fällt es mir schwer, dafür ein Gegenargument zu finden, wenn man mal davon absieht, dass die Katze von Oma Hedwig schwerlich ihre Zustimmung zur Heirat bekunden kann. Wenn Bruder und Schwester einander heiraten wollen, bitte, mir macht das nichts aus. Und wenn nun jemand darauf insistiert, Bruder und Schwester dürften nicht heiraten, wegen der Gefahr für die körperliche und geistige Gesundheit ihrer Kinder, dann kann ich das nachvollziehen, muss aber hinzufügen, dass eine solche Gefahr bei homosexuellen Paaren ja nun wirklich nicht besteht.

Es ist nun mal leider so, dass noch allzuviele Heteros in Schwulen nicht mehr sehen als emotional verkrüppelte, seelenlose Wesen, denen es im Leben nur darum geht, von einem Orgasmus zum nächsten zu erigieren und dass ohne Rücksicht auf Verluste und ohne jenes tiefe Gefühl, welches den Mensch erst zum Menschen macht. Der Widerstand gegen die Heirat gleichgeschlechtlicher Paare lässt sich rational nicht erklären, sondern entspringt einer tiefen Weigerung anzuerkennen, dass Schwule und Lesben ebenso zur Liebe fähig sind wie Heteros.

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5 Antworten to “Seminar Nummer 8: Von der Ehe und der narzisstischen Arroganz der Heteros”

  1. Dagny 7. November 2008 um 18:36 #

    Ist die Ehe nicht ursprünglich eine kirchliche Institution, derer sich der Staat nur bemächtigt hat?

  2. Florian 8. November 2008 um 01:46 #

    Ein sehr, sehr gut argumentierter Beitrag. Danke dafür!

  3. Rabenzahl 8. November 2008 um 09:38 #

    Nein, Dagny, es ist eher umgekehrt:

    Die Ehe ist in so ziemlich allen mir bekannten Kulturen (von antik bis heute), so auch bei den alten Griechen und Römern, bei Germanen und Franken, in der jüdischen, islamischen, chinesischen Kultur (um nur einige Beispiele zu nennen) ein VERTRAG zwischen den Eheleuen in welchem diese sich dazu verpflichten „für einander da zu sein“.

    Religiöse Riten waren ursprünglich immer nur eine öffentliche Bestätigung dieses Vertrages bzw. die Bitte an höhere Machte, das ganz Vorhaben zu unterstützen – was im römischen Reich auch bei anderen Verträgen üblich war. Erst später kam „die Kirche“ (welche? die Katholische? die Orthodoxe?) auf die geniale Idee, ihre Macht über das Leben der Menschen weiter auszubauen, indem erklärt wurde, ein Ehe (also der Vertrag) sei nur nach kirchlichem Segen gültig.

    Der deutsche Staat hat den Spieß lediglich wieder umgedreht und im Bürgerlichen Gesetzbuch (das sich ausschlieslich mit dem Privatrecht, also Verträgen befasst) verbindliche Regeln für den Ehe“vertrag“ und was damit zusamenhängt geschaffen. Die Eheschließung vor dem Standesbeamten ist somit „nur“ eine Bestätigung, um den Vertrag gültig zu machen – und den Eheleuten die gesetzlich bestimmten Sicherheiten (Unterhalt, Erbschaft u.a.) zu verschaffen.

    Klugscheißende Grüße,

    Rabenzahl

  4. alivenkickn 21. Dezember 2011 um 18:03 #

    ehrlich und objektiv betrachtet kann ich dir nur zustimmen . . . . gez alivenkickn . . hete

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  1. Der schwarze Schwan « The Gay Dissenter - 8. November 2008

    […] Von der Ehe und der narzisstischen Arroganz der Heteros […]

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