„Bekennend homosexuell“ – Über die Vermeidung von Gefrierbrand

8 Nov

Ein Auszug aus Mirjam Münteferings neuem Buch „Tochter und viel mehr“ ist jetzt im Cicero erschienen. Enttäuschend für alle Freunde des gepflegten Vorurteils: Ein weiteres Mal vergab sich die BILD eine Chance, über Lesben herzuziehen. Müntefering hatte also gut daran getan, auf den Rat ihres Vaters zu hören:

Mein Vater hörte sich meinen Bericht in Ruhe an. Dann ließ er sich noch mal die Namen aller Zeitschriften und Talksendungen nennen, die sich gemeldet hatten.
„Lad die Bild am Sonntag ein“, sagte er schließlich. „Mach ’ne kleine Homestory und erzähl ihnen ein bisschen von dir. Du wirst das schon machen. Ach… und lass dir den Text des Artikels für eine autorisierte Fassung schicken.“ Gesagt, getan. Und es funktionierte.
Zunächst war es ein mächtiger Schrecken, einen Sonntag später beim Bäcker auf der Ablage mein Gesicht neben der Schlagzeile „Lesbische Ministertochter“ zu sehen. Doch mein Interview nahm allen den Wind aus den Segeln.
Was hätte es auch groß zu hetzen und zu klatschen gegeben? Der Artikel war wohlwollend – von mir noch zusätzlich autorisiert.

Im Großen und Ganzen war Müntefering mit der Berichterstattung über sich zufrieden. Ausnahmen gab es:

Ich erklärte mich. Ich beantwortete Fragen. Ich tat allen den Gefallen, meist pflegeleicht und nett zu sein. Nur wenn mal wieder jemand schrieb, dass „Mirjam Müntefering sich zu ihrer Homosexualität bekennt“, wurde ich pampig.
Ich meine, sich zu „bekennen“ ist kein glücklicher Ausdruck dafür, dass ich jemanden liebe – auch wenn diese Jemand ebenfalls eine Frau ist. Ich bekenne mich schuldig? Denkste!
Wieso stand da nicht einfach so was wie „Lebt mit ihrer Lebensgefährtin im Ruhrgebiet“ oder Ähnliches. Dann wüssten auch alle Bescheid, hätten aber nicht gleich das Gefühl, von einem brandheißen, dunklen Geheimnis erfahren zu haben. Ich bekenne mich? Huuuaahhh!

Wer käme auf die Idee kundzutun, dass ich mich zu meiner Liebe oder Ehe mit Tobias XY bekenne? Wer würde in die Schlagzeile setzen: „Heterosexuelle Ministertochter erzählt!“? Niemand, der bei klarem Verstand ist.
Ich rückte also auch zurecht, wenn mal wieder Blödsinn geschrieben wurde – damit auch zumindest das „richtig lesbisch“ bei den Menschen ankam. Und kein verhuschtes „bekennend homosexuell“, das klingt so nach Berührungsängsten, ähnlich wie bei der Fernsehwerbung für Frischhaltebeutel („Iiih, das ist ja Gefrierbrand!“).

Vielleicht helfen diese Zeilen dem einen oder anderen ja dabei, die eigenen stereotypen Formulierungen in Zukunft vor der Veröffentlichung noch einmal zu überdenken.

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