Sieben Gebote für den neuen schwulen Menschen

14 Nov

In Kalifornien geht es nach der Ablehnung der Homo-Ehe durch eine Front arroganter heterosexeller Narzissten hoch her. So wird z. B. spekuliert, ob die von homosexueller Seite artikulierte Empörung über den Ausgang des Referendums die Geburtsstunde einer neuen Schwulenbewegung sein könnte und es werden allerhand Analysen angestellt, warum man die Heteros bislang nicht davon überzeugen konnte, ihre Privilegien solidarisch mit denen zu teilen, die qua sexueller Orientierung nicht ganz so begünstigt sind.

Im Kommentarbereich des von mir sehr geschätzten liberal-koservativen Independent Gay Forum glaubt ein User die Antwort gefunden zu haben. „Ashpenaz“ scheint der Meinung zu sein, die Homos seien – mehr oder weniger – selbst schuld daran, wenn Heteros uns das Recht auf Eheschließung verwehren wollen. In einem Sieben-Punkte-Plan führt er aus, was sich seiner Meinung nach ändern muss, damit „wir“ endlich als Menschen wie alle anderen auch anerkannt werden:

1. Stop using the word „gay“ as a self-identifier. It carries too much baggage with it. I tell people who need to know that I’m attracted to men.

Das Wort „schwul“ trage also zu viel unnötigen Ballast mit sich herum. Und wenn es so wäre? Warum sollte ich darauf verzichten? Nur weil es Heteros – und auch Homos – gibt, die in das Wort Klischees und Vorurteile hineinprojizieren, die mich nicht betreffen? Und überhaupt: Persönlich bin ich viel zu faul, denen die es wissen müssen oder wollen zu erklären: „Ich fühle mich zu Männern hingezogen“. Einfach zu sagen, „Ich bin schwul“ ist da doch sehr viel kürzer und bequemer.

2. Realize that there are a lot of people who don’t need to know and who don’t want to know. Don’t come out to people who aren’t asking.

Die wenigsten Schwulen dürften wohl durch die Straßen rennen und jedem, den sie begegnen, Auskunft über ihre sexuelle Orientierung zu geben. Ich befürchte aber, „Ashpenaz“ ist hier einer weitverbreiteten Doppelmoral zum Opfer gefallen, die am offensichtlichsten wird, wenn man seine Aussage auf Heteros anwendet: Erst gestern musste ich mir bspw. wieder das Geknutsche eines Hetero-Pärchens antun, welches mit mir gemeinsam an der Tram-Haltestelle stand und das ich ganz gewiss nicht darum gebeten habe, mir mitzuteilen, welche sexuelle Orientierung es denn nun hat. Und was ist, wenn ich auf eine Party meinen Freund mitbringe und ihn auch als solchen vorstelle? Tue ich damit nicht kund, dass ich schwul bin, ohne dass mich jemand danach gefragt hat? Warum sollte ich das nicht tun dürfen?

3. No more parades and rallies. No more rainbows, equal signs, or pink triangles. Never mention Stonewall again.

Es ist anzunehmen, dass „Ashpenaz“ hier, zumindest teilweise, auf das – gelinde gesagt – sehr freizügige Verhalten einiger Schwuler auf den CSDs der Welt anspielt, das unseren Gegnern in die Hände spielen und Homos im Allgemeinen als eine Gruppe durchgeknallter, sexueller Freaks, ohne Scham, aber mit viel Schwachsinn, porträtieren würde. Mit dieser Ansicht gehe ich soweit konform, als dass ich finde, dass es nicht sein muss, dass man sich am hellichten Tag auf der Deutzer Brücke in Köln einen blasen lässt.1
Doch die Akzeptanz schwuler Menschen vom Gutdünken heterosexueller Befindlichkeiten bezüglich des „schwulen Lebensstils“ abhängig zu machen, geht mir eindeutig zu weit. Schließlich beurteile ich Heteros ja auch nicht nach den Vorgängen auf der Love Parade.

Und warum man keine Fahnen, Sticker oder rosa Winkel tragen, bzw. nicht mehr über Stonewall reden sollte, verstehe ich erst recht nicht.

4. Instead of chanting in front of churches, go to church. Be such a good example that people will see how men who are attracted to men can form solid, traditional relationships.

Wenn eine Kirche es für ihre Agenda hält, gegen Homosexualität im Allgemeinen und schwule Partnerschaften im Besonderen zu agiteren, werde ich natürlich vor der Kirche stehen und protestieren, zumindest aber – von wegen Faulheit – einen kritischen Beitrag über diese Kirche schreiben. In eine Kirche werde ich erst dann eintreten, wenn ich an Gott glaube und vielleicht noch nicht einmal dann.

Und vielleicht bin ich altmodisch, aber ich glaube an die große Liebe, an Romantik, an Treue und stabile Partnerschaften. Allerdings interessiert es mich nicht die Bohne, ob ich mit meiner Beziehung, bzw. meinem Ideal davon, anderen Leuten ein gutes Beispiel gebe. Meine Partnerschaft gehört nämlich mir und nicht irgendeiner Gesellschaft.

5. Make lifelong sexual exclusivity your ideal. If this isn’t your ideal, then, please, stop fighting for marriage.

Gesetz dem Fall, mir würde es Spaß machen promisk zu leben und mich durch die Clubs und Betten der Welt zu schlafen: Warum kann ich dann nicht für die Homo-Ehe eintreten und sei es bloß deshalb, weil ich anerkenne, dass es Menschen gibt, die anders ticken als ich, und ein Recht auf Heirat nicht davon abhängig zu machen ist, wie man persönlich zu Ehe und Treue steht? Abgesehen davon, dass einem ja auch während eines Dreiers die große Liebe begegnen kann, für die man dann sein Sexualleben umstrukturiert.

6. Realize that civil unions might actually be the solution. Men’s lifelong relationships with other men are different in many ways from straight couples.

Nun wirklich nicht. Im Grunde genommen, besteht der einzige Unterschied zwischen heterosexuellen und schwulen Beziehungen darin, dass es in einer schwulen Beziehung leichter ist, den Partner zum Höhepunkt zu bringen.

7. Stop beating up on old women and stamping on crosses.

Dieser letzten Forderung von „Ashpenaz“ kann ich allerdings aus vollem Herzen zustimmen. Auf Kreuzen rumzutrampeln und alte Frauen zu verprügeln, zeugt von schlechter Kinderstube und sollte doch lieber den Berliner Busfahrgästen überlassen bleiben.
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[1] mehr dazu hier und hier [back]

4 Antworten to “Sieben Gebote für den neuen schwulen Menschen”

  1. TheGayDissenter 15. November 2008 um 16:17 #

    @ Adrian:

    Die Deutzer Brücke lässt Dir keine Ruhe… 😉

    Wenn Du möchtest, erkläre ich Dir, wie man Fußnoten richtig hinbekommt (technisch, meine ich).

  2. Adrian 16. November 2008 um 15:39 #

    @ TGD
    Das wäre nett. Aber wenn, dann bitte über unsere Mail 😀

  3. TheGayDissenter 16. November 2008 um 18:53 #

    Email für Dich/Euch.

  4. Adrian 16. November 2008 um 19:31 #

    Danke schön 😀 Funktioniert

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