Abstand zur Tante

19 Dez

Schon mal was von Literal Videos gehört? Da

werden Musikvideos mit neuem Gesang unterlegt, in dem geschildert wird, was im Video zu sehen ist. So spröde das mit Worten zu beschreiben ist, so verblüffend ist die Wirkung, wenn man es sieht.

George Michael hielt seine Homosexualität vor dem großen Publikum so lange geheim, bis es 1998 nicht mehr anders ging, weil er in Los Angeles wegen „unzüchtigen Benehmens“ auf einer öffentlichen Toilette verhaftet worden und dies bekanntgeworden war. Natürlich muss niemand auf der Bühne denjenigen spielen, der er glaubt zu sein.
Doch der Clip „Careless Whisper“ ist typisch für das Image des Frauentraums und Ladykillers, das für George Michael seit Wham!-Tagen aufgebaut wurde: Immer wieder muss er die Frau küssen und dabei lächeln, am Ende ist er froh, dass wenigstens der Safer-Sex-Schirm seiner Kappe die Tante auf Abstand hält.
In der wörtlichen Version von „Careless Whisper“ wird das Versteckspiel mit offenen Worten als unwürdiges Szenario entblößt. Der Hohn trifft nicht George Michael, sondern Musikindustrie und Publikum, derentwegen sich der Sänger nicht zum Schwulsein bekannte und lieber Gerüchte über heterosexuelle Affären zuließ. Ist die Meute da draußen so mächtig, fragt der Clip pointiert, dass sich jemand diesen Mummenschanz so lange antun muss?

Was sagen die GayWest-Leser? Ist die Meute so mächtig?

2 Antworten zu “Abstand zur Tante”

  1. Marco 19. Dezember 2008 um 15:25 #

    Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass „die Meute“ so mächtig ist – eher sind es die CEOs bzw. die Marketing-Leute der entsprechenden Firmen. Niemand traut sich so recht – und dann hat jeder Angst davor, dass sich die CDs nicht mehr so gut verkaufen würden. Dabei hat sein Coming Out George Michael ja nicht geschadet.

    Nur fragt sich halt, ob sich ein schwules Musikvideo massenkompatibel vermarkten lässt? Wohl kaum. So gesehen ist ein Pop-Musiker halt ein Dienstleister, und das Publikum ist eben zu 90 Prozent hetero. Also muss er halt diesen Leuten was bieten.

  2. TheGayDissenter 19. Dezember 2008 um 22:40 #

    Ich möcht, auch wenn kaum ein GayWest-Leser ist, Noël Coward zu Wort kommen lassen:

    It is discouraging how many people are shocked by honesty and how few by deceit.

    Die Macht der Meute, ist, vom Gesichtspunkt eines Pop- oder Showstars auch betrachtet, wohl sehr groß.

    Wie das Spiel funktioniert, macht Robbie Williams, der, je nachdem welche Meute gemolken werden soll, Gerüchte in die eine oder andere Richtung verbreiten lässt.

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