Kommen mit Gott

13 Jan

Konservative Christen sind besonders in Fragen der Sexualmoral dafür bekannt, dass sie sich gerne ins Leben von anderen Menschen einmischen. Homosexuelle zum Beispiel haben es in den Augen von Evangelikalen in einer heteronormativ verfaßten Gesellschaft noch längst nicht schwer genug. Da muss – wider besseres Wissen und jede wissenschaftliche Erkenntnis – die Behauptung der „Heilbarkeit“ von Homosexualität dafür herhalten, sie als satanisch zu denunzieren. Mit anderen Worten:  Die größt mögliche Pervertierung der Nächstenliebe, wie sie Jesus in der Bibel gelehrt hat. Doch auch Heteros haben es nach dem Willen von Fundi-Christen nicht leicht und so werden von ihnen auch der Selbstliebe enge Grenzen gesetzt. Ein Artikel in der Zeitschrift Das Parlament erwähnt die Aktion „Wahre Liebe wartet“. Michael Müller aus Bensheim hat sie

vor 14 Jahren aus den USA nach Deutschland importiert. „Wir sprechen einen Wunsch vieler Jugendlicher an, nämlich enthaltsam zu leben. Der liegt vielleicht manchmal tief verschüttet“, glaubt er zu wissen, aber es gebe ihn.

Das erinnert mich an die evangelikale Propaganda, wonach Homosexuelle falsch „gebunden“ seien und nur darauf warteten, dass ihnen ein Bote Gottes die Wahrheit, die frei macht, verkündet. Und so brauchen auch Heteros Nachhilfe, um zu wissen, was sie eigentlich wollen:

Bei manchen liegt der Wunsch nach sexueller Enthaltsamkeit vor der Ehe offenbar so tief, dass es eine Karte braucht, um sich dieses Wunsches immer wieder bewusst zu werden. Wer will, erhält über „Wahre Liebe wartet“ eine Verpflichtungskarte, die er ausfüllen und damit versprechen kann, bis zum Tag der Heirat Jungfrau zu bleiben. Wer dem nicht gerecht wird, muss freilich nicht mit einer Strafe, wohl aber einem schlechten Gewissen rechnen. „Wer die Selbstverpflichtung übertritt, läuft mit Schuldkomplexen herum und ich glaube, dass diese Zwanghaftigkeiten krank machen können“, sagt Michael Freitag von der AEJ[Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend].

Immerhin kann man dann zu einem evangelikalen Therapeuten gehen, der einem erzählt, dass man dem Herrn Jesus nicht genug vertraut habe. Vielleicht ist man aber auch schon schwanger und kann sich bei einer evangelikalen Anti-Abtreibungsorganisation beraten lassen oder hat sich längst mit HIV infiziert. Selber schuld, man hätte schließlich warten können.

Im „Parlament“ hat man aber auch Verständnis für die evangelikale Aktion:

Bei aller Kritik treffen Kampagnen wie „Wahre Liebe wartet“ auch auf ein Bedürfnis vieler Jugendlicher: Ein Bedürfnis danach, dass Sex als etwas Besonderes wahrgenommen wird, etwas Exklusives und Intimes. Nichts, womit man ständig in Werbespots und TV-Serien konfrontiert werden möchte.

Nun wäre es mir neu, dass man nicht das Recht hätte, eine TV-Serie, die einem nicht behagt, einfach abzuschalten oder dass in Werbespots ständig gesext würde. Aber vielleicht habe ich da eine Entwicklung verschlafen?

Auch Thomas Lauterbach stört sich an der „Übersexualisierung der Gesellschaft“. Da werde ein falsches Bild von Liebe und Sexualität vermittelt, kritisiert er. Das eine habe gar nichts mehr mit dem anderen zu tun. Thomas ist 30 und seit zwei Jahren mit Stefanie verheiratet. Auch die beiden hatten vor der Ehe keinen Sex – aus religiöser Überzeugung. „Das Wichtigste in meinem Leben ist die persönliche Beziehung zu Jesus“, sagt Thomas. Erst dann komme die Beziehung zu seiner Frau. Das klingt für Atheisten vermutlich unverständlich und würde wohl auch nicht funktionieren, wenn Stefanie nicht auch religiös wäre. „Ich könnte gar nicht mit jemandem zusammen sein, der nicht an Gott glaubt“, gibt der Modellbauer zu. Stefanie ist nicht sauer, wenn er so etwas sagt. Sie sitzt dann ruhig neben ihm, legt die eine Hand auf ihren runden Baby-Bauch, die andere auf Thomas‘ Oberschenkel und fügt hinzu, dass die Beziehung zu Gott eine andere sei als zu einem Menschen: „Zu Gott kann man immer kommen.“

Ging Ihre Phantasie jetzt auch mit Ihnen durch? Die eine Hand auf dem Baby-Bauch, die andere auf dem Oberschenkel und dann „immer kommen“… Aber so ist das eben in einer übersexualisierten Gesellschaft. Da spricht eine Frau keusch vom Herrn und schon denkt das Schwein von Leser gleich wieder an das Eine. Aber, wie gesagt, das mit der Selbstliebe ist auch nicht so einfach. Nichts da von wegen „heute mach ich’s mir mal selber“. Das ist schließlich gemeinschaftsschädlich:

Thomas ist bisweilen konservativer und strenger im Glauben als so mancher Pfarrer. Homosexualität sei heilbar und Selbstbefriedigung egoistisch, sagt er zum Beispiel und meint es auch so.

Selbstbefriedigung ist egoistisch? D’accord! Aber Monogamie doch irgendwie auch.

Eine Antwort zu “Kommen mit Gott”

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