Schwule Entwicklungshilfe für Bremen

17 Jan

Berlin gehört nicht gerade zu den wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands, was nicht verwundert, wenn man die ökonomische Kompetenz der bisherigen Landesregierungen zugrunde legt. Dennoch hat die Hauptstadt das Potential, ab und an Entwicklungshilfe zu leisten; für Bremen z. B., welches nicht nur ökonomisch, sondern offenbar auch gesellschaftlich noch nicht an das Berliner Niveau herangekommen ist:

In Bremen wollte man über Homophobie in der Schule und den Kampf dagegen sprechen. Weil sich kein örtlicher Kollege dazu bereitfand, musste ein schwuler Lehrer aus Berlin für das Podium geholt werden.

Und ein schwuler Lehrer aus der großen Stadt, der – wie passend – auch noch Detlef heißt, muss von den Stadtmusikanten natürlich erst einmal ausgiebigst begutachet werden:

So also sieht ein schwuler Lehrer aus. In den hinteren Stuhlreihen der voll besetzten Aula einer Bremer Gesamtschule stehen ein paar Jungs auf, um ihn sich genau anzugucken. Detlef Mücke trägt ein kariertes Jacket über dem weißen Hemd, einen gestutzten weißen Bart – sein Äußeres verrät vielleicht den Lehrer, nicht aber den Schwulen-Aktivisten, der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Aus Berlin ist der 64-Jährige angereist, um auf Einladung des Schulzentrums Walliser Straße vor Oberstufenschülern über sein Lebens-Thema zu sprechen: den Kampf gegen Homophobie an Schulen.

Ausgerechnet in einem sozialen Brennpunkt hat man Herrn Mücke geschickt, in einen Problemkiez und dann auch noch an eine Schule

in der die Eltern oder Großeltern der meisten Kinder nicht in Deutschland geboren wurden; viele glauben an Allah.

Allah, sei Dank. Dann dürfte die Aufgabe für Herrn Mücke ja doch nicht so schwer ausfallen. Immerhin ist Allah der Gott der Religion des Friedens und ein lupenreiner Anhänger der gleichgeschlechtlichen Liebe, nicht wahr?

Dass diese häufiger als andere Homosexualität als „unnatürlich“ oder „sündhaft“ ablehnen, das hat eine Umfrage unter Jugendlichen an genau dieser Schule ergeben. 85 Prozent der befragten Muslime stimmten danach der These „Küssen von Homosexualität in der Öffentlichkeit ist ekelhaft“ zu – weit mehr als in jeder anderen Gruppe unter den 968 befragten Schülerinnen und Schülern.

Wie beginnt also ein schwuler Lehrer aus Berlin einen Dialog im armen Bremen, einem Dialog der sich mir nichts dir nichts, auch noch als interkulturelles Verständigungsseminar entpuppt?

„Wir können nicht alle Ausländer und Muslime in eine Ecke stellen, dazu gibt es unter ihnen zu unterschiedliche Meinungen“, sagt Mücke und erntet donnernden Applaus. Er spricht lieber von „orthodoxen Gruppen in den Religionen“, die Homosexuellen das Leben schwer machen – vor allem von evangelikalen Christen, die radikalen Muslimen in Sachen Homophobie in nichts nachstehen.

Dass es im Islam momentan allerdings ein wenig mehr „orthodoxe“ und radikale Gruppen gibt, soll an dieser Stelle natürlich auch nicht verschwiegen werden. Und dass Evangelikale glücklicherweise keinen Staat haben, in denen sie Schwule hängen können, wird man ja auch noch erwähnen dürfen.

„In der Bibel wird Homosexualität sechs Mal erwähnt“, zählt er auf, „im Koran nur drei Mal.“

Und was soll uns das jetzt sagen? Dass Juden und Christen gefälligst schwulenfeindlicher zu sein haben? Oder dass unter Christen Homosexualität weiter verbreitet ist?

Dieselbe Rechnung nutzt er später, als ein Jugendlicher ihm mit Adam und Eva kommt. „Gott hat ja nicht Hans und Peter erschaffen“, argumentiert der Junge, der sich als „Marco“ vorgestellt hat und bekundet, „eine andere Meinung zu vertreten: Also ich bin gegen Homosexualität.“ Mücke versucht gar nicht erst, ihm diese Einstellung auszureden, sondern hält Marco nur entgegen, dass es „uns immer gegeben hat“, dafür seien auch die Bibelstellen ein eindeutiger Beleg. Marco fällt dazu nicht mehr viel ein, außer sich selbst zu widersprechen: „Man muss ja nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel steht.“

Lieber Marco, wenn Gott statt Hans und Peter, Adam und Eva erschaffen hat, wieso existieren dann Hans und Peter? Und wieso existiert Marco? Und was soll es bedeuten, Du seist gegen Homosexualität? Was bist Du denn für ein kleiner Schnüffler, der sich erdreistet, im Liebesleben anderer Menschen herumzuwühlen? Zwingen Deine Eltern Dich etwa, mit Jungen zu schlafen? Ist das der Grund dafür, dass Du Deine Ablehnung so eindeutig bekunden musst?

Eine andere Strategie verfolgt Mücke […] Freundlich lächelnd, als hätte er nicht schon tausend Mal darauf hingewiesen [erklärt er], dass nicht jeder Geschlechtsverkehr dem Zweck dient, ein Kind zu produzieren und es deshalb mit der angeblichen Naturgegebenheit von Heterosexualität etwas haarig sei.

Was natürlich nicht stimmt, denn selbstverständlich ist Heterosexualität sehr wohl „naturgegeben“, ebenso, wie auch die Homosexualität. Andernfalls gäbe es beide schlicht und einfach nicht.

Er zitiert die Position der katholischen Kirche, die Sex nur im Dienste der Reproduktion erlaubt und erzählt von seinen polnischen Schülerinnen, die vehement gegen Abtreibung waren, aber nichts gegen die Pille hatten.

Bleibt zu hoffen, dass eben jene Schülerinnen nun nicht auch noch gegen die Pille sind.

Er verurteilt weder diese noch den Schüler, der ihn gerade nach dem Sinn des Lebens gefragt hat: „Ich meine wozu hat Gott uns sonst geschaffen?“ Mücke sagt, die Frage sei wichtig. Aber jeder müsse selbst entscheiden, wie strikt er sich an religiöse Gebote halte.

Ob die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ so wichtig ist, darüber mag man streiten. Besser wäre es in jedem Fall, wenn jeder Suchende diese für sich selbst beantworten würde, ohne seine Moralvorstellungen permanent anderen Leuten aufzuzwingen und sich darüber hinaus anzumaßen, anderen Menschen Dinge zu verweigern, die man selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: