Konkurrenz, werte Frau vom Lehn, …

25 Jan

… belebt bekanntlich das Geschäft. Wenn man allerdings gar nichts zu verkaufen hat, wäre Kommunikation, gar Kooperation, manchmal eventuell doch zweckdienlicher. Das klappt allerdings nur, wenn es einem zuvor gelingt, die Scheuklappen abzulegen, die einem die Sicht auf die Welt, wie sie ist, so schwer machen.

In der Welt haben Sie eine Veranstaltung, auf der in Bremen über Homophobie in der Schule und den Kampf dagegen gesprochen wurde, einer Art Kritik unterzogen. Wobei „Kritik“ wohl die Intention Ihres Textes nicht ganz trifft, viel eher müßte man wenigstens von einer Polemik sprechen, spricht doch aus jedem Ihrer Sätze der Neid auf die Homosexuellen, denen es doch längst gut gehe und die trotzdem noch soviel Aufmerksamkeit verlangten, wie sie einer wie Ihnen eigentlich zustünde. So mokieren Sie bspw.,

ein Wissenschaftler der Uni Kiel beamte Ergebnisse einer älteren Berliner Studie an die Leinwand;

womit Sie natürlich – ohne mit einem Wort auf den Inhalt der Studie einzugehen – sagen wollen, dass die Situation heutzutage für Homosexuelle so paradiesisch sei, dass man nicht einmal mehr aktuelle Studien erstellen müsse. Sie amüsieren sich desweiteren über den Auftritt von Detlef Mücke,

ein aus Berlin angereister GEW-Vertreter, der offenbar hoffte, bei den Schülern auf besondere Sympathie zu treffen, weil er seine eigene Homosexualität offenbarte

und verschweigen dezent, dass Mücke aus der Hauptstadt anreisen mußte, weil sich vor Ort kein Lehrer und keine Lehrerin zum Outing bereit fand. Und weil Sie das verschweigen, erscheint die folgende Bemerkung für den sachunkundigen Welt-Leser umso absurder:

Ein Mitarbeiter des Bremer Schwulen-Lesben-Zentrums beklagte, Heteros würden „immer noch“ als „höherrangig“ betrachtet,

obwohl auch die Mitteilung,

eine Grüne fand es „ganz normal“, wenn Jugendliche sich Schimpfwörter wie „schwul“ an den Kopf werfen

nicht gerade dafür spricht, dass Schwule es auf deutschen Schulhöfen besonders leicht haben. Denn was die Grüne da behauptet, entspricht der traurigen Realität: „Schwul“ ist neben „Jude“ und „Opfer“ das meistbenutzte Schimpfwort auf Deutschlands Schulhöfen. Dabei, da sind Sie sich ganz sicher, sitzt die Homo-Lobby längst in den Behörden, auch in Bremen:

Die blonde Schülersprecherin wünschte keck, die Behörde möge die Ergebnisse der Schülerarbeit doch bitte in eine „Broschüre“ gießen – wozu der Behördenvertreter auf der Stelle grünes Licht gab.

Ihre Frage, Frau vom Lehn, jedoch, ist eine ganz andere. Entgegen dem selbst in Ihrem so tendenziös formulierten Artikelchen deutlich gewordenen Eindruck, dass auch in Deutschland durchaus noch ausreichend Diskriminierung von Homosexuellen festzustellen ist, wollen Sie den Leser unbedingt glauben machen, Homosexualität werde gesellschaftlich längst für normal gehalten:

Was soll am „Anderssein“ eigentlich noch so problematisch sein, wie hier suggeriert wird? Ist es nicht eher so, dass die Andersseienden, die ja inzwischen fast überall Normalstatus genießen, selbst bei der Hinterbliebenenrente, ihren schillernden Status nicht aufgeben mögen, weil es schick geworden ist, anders zu sein?

Mal abgesehen davon, dass Sie selbst auf das Wörtchen „fast“ nicht verzichten können, da Ihnen weiterhin bestehende Statusunterschiede offenbar durchaus bewußt sind und abgesehen davon, welch massiver Diskriminierung Homosexuelle seitens der christlichen Kirchen und nicht zuletzt – ja, auch in Deutschland – seitens des Islam ausgesetzt sind, abgesehen davon, dass die Situation von schwulen Schülern in der Regel keineswegs mit „Normalstatus“ beschreibbar ist, Homosexuelle regelmäßig verbaler und körperlicher Gewalt ausgesetzt oder davon bedroht sind – wohlgemerkt aufgrund ihrer sexuellen Orientierung -, ganz abgesehen davon können Sie, Frau vom Lehn, sicher sein, dass genug Homosexuelle an einem „schillernden Status“ so wenig interessiert sind, wie Sie daran, Ihre heterosexuelle Orientierung gegen eine gleichgeschlechtliche einzutauschen. Und den Unsinn, es sei „schick geworden“, „anders zu sein“, mögen Sie vielleicht mal im Dschungel-Camp gehört haben, mit der Realität der meisten Homosexuellen hat er nichts zu tun. Im Grunde genommen jedoch sind wir Homosexuellen Ihnen sowieso herzlich egal, denn die etwas zu lang geratene Einleitung diente lediglich für Ihr eigentliches Anliegen, was sich in drei Sätzen formulieren läßt:

Anders zu denken, anders zu handeln, anders zu leben, erst recht anders zu lernen als der Mainstream, das ist in der Tat sehr schwer. Dieselben Behörden, die auf Zuruf Broschüren vom Anderssein durchwinken, lassen Eltern und Kinder auf Granit beißen, wenn sie andere Vorstellungen vom Lernen haben. Wäre das nicht auch was für den Politikunterricht?

Sicher wäre das etwas für den Politikunterricht. Damit rennen Sie bei uns Liberalen offene Türen ein. Wieso Sie allerdings selbst in diesem letzten Absatz noch einen so grandiosen Fauxpas begehen – als wenn Homosexuelle nicht ebenso wie Heterosexuelle Eltern und Kinder sein könnten, stellen Sie sie gegeneinander -, das läßt mich daran zweifeln, ob die Erziehung zum Respekt vor unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und die Information und Reflexion darüber nicht doch im Schulunterricht ganz gut aufgehoben sind. Denn was dabei herauskommt, wenn sich Leute wie Sie darum kümmern, das zeigt unmißverständlich Ihr Elaborat. Und noch etwas: Die Penetranz, mit der Sie darauf bestehen, uns Homosexuelle für „anders“ zu erklären, spricht dem ganzen Normalisierungsgesülze Ihres Artikels Hohn. Sie und Ihresgleichen sind es, die uns für „anders“ erklären, um sich dann darüber zu beschweren, dass Ihr Wunsch,

Anders zu denken, anders zu handeln, anders zu leben, erst recht anders zu lernen als der Mainstream

nicht genug Beachtung fände. Letztlich erweist sich Ihre Behauptung, wir wollten unbedingt anders sein, als nichts anderes als das Resultat Ihrer Projektion. Wenn Sie die zurück nähmen, eröffnete sich Ihnen die Chance, für Ihren Wunsch, anders zu sein, endlich selbst Verantwortung übernehmen zu können.

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