And the Oscar goes to … „Little freaky Queer Guy“

24 Feb

Man stelle sich für einen Augenblick vor, man lebe als Schwuler in einem als „schwul“ ausgewiesenen Viertel in irgendeiner deutschen Großstadt. Die Freunde sind schwul, der Bäcker ist schwul, der Friseur sowieso und auch der Capuccino im schwulen Café. Buchhandlungen werden nur besucht, wenn an der Eingangstür die Regenbogenfahne weht und mindestens die Hälfte des Bestandes an Büchern sich um multiple männliche Orgasmen, Arschgymnastik und Schwanztraining dreht. Zum CSD geht man jedes Jahr als Papst im rosa Tutu, um auf die grausame Repression Schwuler durch das Christentum hinzuweisen, das Hängen von Schwulen in islamischen Ländern geht einem aber am Arsch vorbei, weil andere Länder nun mal andere Sitten haben und überhaupt „schwul“ ja eh nur eine repressiv heteronormative Kategorie des Westens ist. In der grellpink gestrichenen Wohnung, dekoriert mit Federboas und SM-Spielzeug, steht unübersehbar ein Altar für Rosa von Praunheim und der Fernseher empfängt nur schwule Sendeformate und sollte doch mal ein Heteropaar erscheinen, schaltet sich der Kasten automatisch aus.

Für heute Abend hat man seine schwulen Freundinnen zu sich nach Hause geladen, um sich proseccotrunken die Oscar-Verleihung anzuschauen. Normalerweise würde der Fernseher das nicht zulassen und gewöhnlich würde man sich so etwas auch nicht anschauen – schließlich sind die Oscars der Inbegriff schamlosen Kommerzes – doch was will man machen? „Milk“ wurde in neun Kategorien nominiert und, nun ja, ein schwuler Held ist und bleibt ein schwuler Held, auch wenn er Amerikaner war.

Man selbst ist sich natürlich darüber im Klaren, dass „Milk“ keinerlei Chancen hat, auch nur einen Oscar zu gewinnen, da Hollywood nun einmal strukturell homophob ist, was man ja u. a. daran sieht, wie leer bereits „Brokeback Mountain“ bei der Verleihung im Jahr 2006 ausging, und auch daran, dass die Hollywood-Beaus ständig Frauen heiraten. Die schwulen Freundinnen stimmen einem natürlich zu: Niemals wird ein Film über die Schwulenbewegung von der heterosexuellen Klasse geehrt werden, absolut unmöglich. Dabei ist „Milk“ an sich ja schon eine Zumutung, hat Hauptdarsteller Sean Penn doch nicht einmal Sex, was den Film natürlich für jeden aufrechten Schwulen allein deshalb vollkommen wertlos macht.

Während der Verleihung schwatzt man angeregt über die Roben der Hollywood-Diven, die allesamt schrecklich kitschig, peinlich und untragbar sind und dennoch so sündhaft teuer, und das, obwohl in Afrika Kinder an Hunger sterben. Nicht nur in Afrika, ergänzt eine schwule Freundin, auch in den USA ist es ja mittlerweile so weit. Für einen Moment lastet das Elend der weltweiten Wirtschaftskrise schwer auf den Häuptern des schwulen Gewissens, doch dann erscheint die Winslett auf dem Bildschirm, um sich ihren Preis als beste Schauspielerin abzuholen. Winslett ist natürlich supi peinlich, man konnte sie schon damals in „Titanic“ nicht leiden, weil sie erstens mit Leo geschlafen hat, zweitens eine furchtbare Frisur hat und drittens –

Moment mal, was ist denn jetzt los? „Milk“ hat gerade den Oscar für das beste Drehbuch gewonnen! Die schwulen Freundinnen sind außer sich, kreischen, weinen und fallen sich um den Hals. Man selbst allerdings nippt gelassen und mit leichtem Augenrollen an seinem Glas Prosecco. Also bitte, keine Szene hier ja! Man wird sehen, das dicke Ende kommt noch! Sean Penn wird jedenfalls bestimmt keinen Oscar gewinnen, denn man wird ja wohl noch daran erinnern dürfen, dass Hollywood strukturell homophob ist. Erinnernt sich hier keiner mehr an „Brokeback“?

Die schwulen Freundinnen schauen betreten drein, ja, das ist richtig, ist ja eh alles Blödsinn, niemals wird Penn den Oscar gewinnen, die Heteros werden das schon zu verhindern wissen…

Man ist jetzt ein bisschen ungehalten und nimmt die schwulen Freundinnen ins Gebet, sie mögen doch mal nachdenken, die Filmindustrie und gerade in den USA, ist ein Multi-Milliarden-Dollar-Imperium, ein Konglomerat des Kommerzes und eine Ausgeburt des räuberischen Kapitalismus, der sich mit der heterosexuellen Klasse verbündet hat um Schwule zu unterdrücken und zu verhindern, dass alle Männer dieser Welt ihre wahre schwule Bestimmung entdecken. Das steht schon bei Marx – und bei Kraushaar. Und bei Rosa sowieso…

Doch der letzte Satz geht in einem grellen Jubelschrei unter, denn eben hat man Sean Penn auf der Bühne entdeckt. Bester Hauptdarsteller! Für die Rolle des Harvey Milk! Der Schluck aus dem Glas ist dieses Mal ein wenig größer, doch schnell besinnt man sich und weist die schwulen Freundinnen erneut scharf zurecht, sie sollten doch endlich aufhören mit dem Theater. Sehen die denn nicht, was hier gespielt wird? Die schwule Community wird von Grund auf verarscht. Mit Bröckchen werden wir gelockt, nur, um uns dann den ultimativen Todesstoß zu versetzen. Klar, sicher, gönnerhaft hat die Jury Penn den Preis gegeben, warum auch nicht, man ist ja „tolerant“ – ha! Von wegen! Hatte Sean Penn etwa Sex im Film? Nein, natürlich nicht, soviel schwulen Stolz konnte man dem heteronormativen Publikum dann doch nicht zumuten. Toleranz? Ha! Pseudotoleranz ist das, mehr nicht! Man wird sehen. Den Oscar für den Besten Film wird Milk nicht bekommen, niemals, nicht in einer Million Jahren. Man sei doch bitte nicht so naiv!

Wieder schauen die schwulen Freundinnen betreten drein, ja, das ist richtig, ist ja eh alles Blödsinn, niemals wird „Milk“ den Oscar gewinnen, die Heteros werden das schon zu verhindern wissen…

Und genau so ist es natürlich auch gekommen, nicht wahr? Man hat es ja gleich gewusst. Und die schwulen Freundinnen haben sich echt eingebildet, irgendetwas könnte sich geändert haben. Nichts da! Die Heteros, Hollywood, das Kapital – niemals werden sie uns Schwulen das geben was wir verdienen, niemals werden sie auch nur eine Fußbreit weichen:

Damit ist die „Academy“ einmal mehr ihrem Ruf für beispiellose Homophobie gerecht geworden. Wer einen Film über eine solch einmalige Figur der Zeitgeschichte, noch dazu angesichts der gesellschaftlichen Umstände, nicht zum besten Film macht, der beweist nach 2006 zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, dass er der Gay Community schlichtweg mit aller Macht diesen Titel verwehren will!

Eine weitere verpasste Chance, jungen Menschen die so dringend notwendige Botschaft sexueller Vielfalt, Freiheit und Gleichheit auf prominenter Bühne nahezubringen, und es ist ganz sicher kein Zufall, dass dies innerhalb von drei Jahren schon zum zweiten Mal so ausgegangen ist!

Und wenn wir nicht gestorben sind, delirieren wir noch heute.

2 Antworten zu “And the Oscar goes to … „Little freaky Queer Guy“”

  1. ondamaris 24. Februar 2009 um 18:10 #

    manchmal schafft ihr’s tatsächlich doch, mich zum schmunzeln zu bringen ;-))
    schöne glosse …

  2. Irmtraud Hackenberg 20. März 2010 um 11:23 #

    Ich habe die Herangehensweise zwar nicht so ganz kapiert, sehe aber auf jeden Fall das Potential dahinter :-). Ich wünsche noch eine schöne Rest-Fastenzeit (falls überhaupt 🙂 und schönen Gruß, Irmtraud Hackenberg

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