Schwule Entnazifizierung

6 Apr

Eigentlich finde ich die Kommentare des Tagesspiegel-Kolumnisten Malte Lehming immer ganz gut. Seinem Feldzug gegen den für alle verpflichtenden Ethikunterricht allerdings, mangelt es ein wenig an Argumentation:

Einmal angenommen, es gibt einen Schüler namens Ibrahim Hasanbeyoglu, der aus einer streng muslimischen Familie kommt, Ibrahim hat ein diskriminierendes Frauenbild und mag weder Homosexuelle noch den Christopher Street Day. Im Ethikunterricht soll dieser Ibrahim deshalb umerzogen, gewissermaßen kulturell entnazifiziert werden und ein Bekenntnis ablegen zu Toleranz und Emanzipation.

Ist das jetzt zynisch, oder einfach nur gedankenlos? Wahrscheinlich letzteres, denn für einen Hetero ist es nur allzu leicht sich darüber zu mokieren, dass Schwulen und Lesben tatsächlich daran gelegen ist, Vorurteile und Antipathien ihnen gegenüber abzubauen. Wieso Herr Lehming sich bemüßigt fühlt, dies gleich als „Entnazifizierung“ zu bezeichnen, bleibt sein Geheimnis.

Doch Lehming ist noch lange nicht am Ende, denn seine Bedenken verkleidet er schelmisch im Duktus anteilnehmender Sorge um die Integration:

Das wird nicht leicht, es kann sogar nach hinten losgehen. Denn eine Schule, die sich explizit als Wertgegenpol zu bestimmten Familien definiert, riskiert, von diesen Familien insgesamt abgelehnt zu werden – als ein Ort der zwangsmultikulturellen Leitkultur. Wer zum Deutschen mutiert, ist ein Verräter: Diese Regel gilt schon jetzt auf vielen Pausenhöfen, die von muslimischen Kindern dominiert werden. Und eine Wertvermittlung, die nicht überzeugt, kann in die aggressive Rebellion führen, wie Deutschlands 68er Generation aus eigener Erfahrung erlebt hat. In diesem Sinne erschwert ein Wahlpflichtfach Ethik die Integration womöglich mehr, als dass es sie erleichtert.

Wenn ich Herrn Lehming richtig verstehe bedeutet das also, dass ein an den Werten des liberalen demokratischen Rechtstaates orientierter Unterricht, Migranten nicht zuzumuten sei, weil er eben konsequent gegen deren Wertgefüge verstoßen würde und sie somit weiterhin in die Ghettoisierung treiben könnte. Als Alternative bliebe also nur, Migranten in ihrem eigenen kulturellen Hintergrund zu bestärken und sie um Himmels willen nicht mit den Erfordernissen und Gepflogenheiten der dekadenten säkularen Welt zu belästigen.

Für das Verhältnis homophobe Migranten und Schwule hieße das, dass sich die Schwulen und nicht die Migranten ändern müssten. Ein Lösungsansatz wäre es also, sich zu verstecken oder, noch besser, gleich hetero zu werden. Und die Gesellschaft insgesamt? Tritt am Besten geschlossen zum Islam über. Dann würden wir Migranten von den Übeln der „zwangsmultikulturellen Leitkultur“ – d. h. in dem Fall: von einer liberalen, demokratischen Wertebasis – verschonen und die Integration wäre vollendet.

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