Lesen und leiden

22 Apr

Manchmal frage ich mich, wer eigentlich die von Adrian und mir annoncierte Lektüre zur Kenntnis nimmt. Um dieser Kenntnisnahme ein wenig nachzuhelfen und vielleicht sogar den einen oder anderen zu verleiten, sich dazu zu äußern, ein paar Worte zu dem aktuell von mir gelesenen Buch.

„Komm, gehen wir“ von Arnold Stadler erwarb ich vergangenen Samstag im Prinz Eisenherz Buchladen, als ich die Golo-Mann-Biografie abholte und gerne noch einen Roman dazu erstehen wollte. Zwar blieb mein Blick bei der Suche nach einem geeigneten Objekt an dem Stadler hängen und die Idee von Rosemarie, Roland und Jim, die sich auf Capri verlieben, wo der Himmel so blau ist und die Sonne im Meer versinkt, klang nett, wie mir auch die Klappentextankündigung von drei Geschichten einer über Jahrzehnte andauernden Sehnsucht gefiel, ebenso wie das Versprechen eines Romans über die Würde und die Komik der Liebe. Ganz entschieden aber war ich nicht.

Mein Gespräch mit dem Buchhändler über Proust und was nach seiner Lektüre alles nicht mehr gelesen werden will, weil es so sehr abfällt dagegen, war vermutlich Schuld daran, dass ich, nachdem ich meine Unsicherheit bezüglich des Stadler-Buches erwähnte, des Buchhändlers Kaufempfehlung folgte. Zwar warnte er, es sei kein so schwules Buch, aber das störte mich nicht. Eher die Erwähnung, dass Stadler katholisch sei. Meine besorgte Frage, ob er so wie Winkler schreibe, wurde jedoch entschieden verneint, so dass ich mich schließlich zum Kauf entschied.

Und nun sitze ich hier mit dem Buch und leide. Der Stil erinnert mich an „Fermer“ von Ortheil. Das war ’79 sicher innovativ, heute jedoch klingt es einfach nur gestelzt. Die Figuren, die Stadler zeichnet, gefallen mir – obwohl Stadler vieles unternimmt, um sie zu denunzieren. Er versteht es, Distanz zu seinen Figuren herzustellen, doch was dabei auf der Strecke bleibt ist alle Herzlichkeit den Menschen gegenüber, das einzige Gefühl, das deutlich wird, ist seine Verachtung ihnen gegenüber. Seine Menschen werden mehr oder weniger wie Tiere beschrieben. Stadler selbst steht drüber, weiß Bescheid. Und muss immer wieder zeigen, was er weiß, zu wissen meint – auch wenn er tatsächlich weniger weiß als der informierte Laie. Das führt zu Sätzen wie:

Das war in der Zeit, als die endogene Depression seines Vaters in eine offene Schizophrenie übergegangen war, beide Erkrankungen für die Umwelt schwerer zu ertragen als einfaches Asthma, das nur dem jeweils Betroffenen das Leben schwer machte. (S. 72)

Dabei zeigt der verwendete Begriff der „endogenen Depression“ nichts als den Versuch, gescheit zu erscheinen, ist er doch veraltet und wird heutzutage nicht mehr benutzt. Eine „offene Schizophrenie“ hat darüber hinaus noch nie existiert, ebensowenig wie eine „geschlossene“ oder eine „verdeckte“. Da will jemand den Eindruck erwecken, er wisse, worüber er schreibe und scheint auf die Uninformiertheit seiner Leser zu hoffen. Oder dieser Satz:

Freundlichkeit beim Mann galt als Schwäche, als unmännliche Verhaltensweise nach dem Kanon der Behaviouristen (Verhaltenstrainer). (S. 136)

Da weiß man gar nicht wo man anfangen soll: Behaviouristen sind keine Verhaltenstrainer, sondern Verhaltensforscher und Normen für geschlechtskonformes Verhalten werden von ihnen gleich gar nicht gesetzt.

Ähnliches gilt für die Zitate diversen Liedguts. Da ist die Rede von dem Lied „If-you-think-that-I-am-sexy“ von Rod Stewart. Das Stück heißt aber „Do You Think I’m Sexy“. Und so geht es fröhlich weiter mit Stadler, der offenbar meint, ein wenig Distanz zur eigenen katholischen Herkunft sei ein ausreichender Ersatz für tatsächliches, nicht nur Halb-Wissen über das, worüber einer schreibt.

Man mag sich fragen, wieso ich weiterlese. Nun, ich bin leidensfähig. 😉 Außerdem bin ich geizig. Ein bezahltes Buch einfach wegzuwerfen fällt mir schwer. Ich habe selten erst ein Buch so schlecht gefunden, dass ich es nicht zu Ende lesen konnte wollte. Zudem ist da die Hoffnung, dass es noch besser wird.

Vielleicht erhalte ich als Dank für diese Lesewarnung ja auch mal einen Lesetipp unserer geneigten Leserschaft.

2 Antworten zu “Lesen und leiden”

  1. Steven 23. April 2009 um 21:40 #

    Seit geraumer Zeit schon frage ich mich, was die Leselisten in diesem und anderen Blogs für einen Sinn haben. Da ich bisher keine Antwort bekommen habe, ziehe ich in Betracht, Experten zu befragen. 😉

    In einem eher anonymen Blog wie GayWest, in dem der Leser über die Schreiber ziemlich wenig erfährt, wirkt eine Leseliste wie eine google-Werbeeinblendung, die mich nicht anspricht. Was nützt es mir zu wissen, dass jemand, den nicht kenne, Bücher liest, die ich nicht kenne?

    Eine kurze Reflexion über ein Buch, wie in diesem Post, ist da deutlich nützlicher, erlaubt sie mir doch, Bücher gegebenenfalls auf meine Liste der noch zu lesenden Bücher zu setzen.

    @ Damien:

    Das Gefühlt, einmal ‚angefangene‘ Bücher auch zu Ende lesen zu müssen (Zwangshandlung?) kenne ich auch. Die größte Tortur erlebte ich mit dem Buch „Der Pfarrer und die Sünde“, in dem es der Autor Crawford Power verstand, nicht nur (vermutlich) sich selbst und seine Protagonisten, sondern auch seine Leser nicht endenwollend zu quälen.

    Gut finde ich, dass Du Deine Bücher noch so richtig in einem Bücherladen kaufst und nicht in einer Megabuchhandelskette oder im Internet.

    Mit einem Lesetipp revanchiere ich mich gerne:

    http://stevenmilverton.com/2007/12/30/buchtipp-die-chaordische-organisation-vom-grunder-der-visa-card/

  2. Damien 24. April 2009 um 10:13 #

    @Steven:
    Mich interessiert, was andere lesen. Deshalb denke ich, es interessiert vielleicht auch andere, was ich lese.
    Bei Hugendubel kauf ich manchmal auch ein und bei Amazon sowieso. Am liebsten allerdings geh ich zu dem kleinen Laden um die Ecke (Nollendorfstraße/Maaßenstraße). Der ist so herrlich voll mit Büchern, dass er auf der Theke stapeln muß, weil die Regale nicht genug Platz bieten. Da find ich immer was Spannendes.
    Auf das Visa-Buch wär ich wohl nie von selbst gekommen, das ist wirklich ein Tip.

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