Blumenkinder für die Rente

19 Mai

Stillgestanden, Kameraden! Augen rechts! Die Narzissen marschieren wieder! Besorgt um das christliche Abendland und dabei so blau wie eh und je, hatten es sich die kulturkonservativen Blumenkinder diese Mal vorgenommen, einen Beobachter zum Europawahlkampf der neuen Partei AUF (Arbeit, Umwelt, Familie) zu schicken, auf dem sich so berühmte Nachtgeister wie Eva Herman, Christa Meves und Gabriele Kuby ein Stelldichein gaben.

Narzissen-Korrespondent Carlo Clemens berichtet frohen Mutes:

AUF, im Januar letzten Jahres gegründet, tritt nach eigenen Aussagen für eine „werteorientierte Politik“ ein und lockte an jenem Tag etwa 150 interessierte Bürger mit überaus prominenten Referenten. […]

Der christliche Aspekt zog sich hierbei als Mittelpunkt der ethischen Grundüberzeugung von AUF wie ein roter Faden durch die etwa fünfstündige Veranstaltung.

Der „christliche Aspekt“ einer Veranstaltung mit Hermann, Meves, Kuby und Co liegt natürlich insbesondere darin zu beweisen, dass „werteorientierte Politik“ nur dann möglich ist, wenn alles das glauben, was Herman, Meves, Kuby und Co glauben. Alle anderen sind ja eh mehr oder weniger Satanisten ohne Moral, Werte und Anstand.

Als Beleg dafür, ließ Madame Meves folgenden bedenkenswerten Sermon vom Stapel:

AUF wolle dafür sorgen, dass das praktizierte Christentum wieder zur ethischen Grundlage der Gesellschaft wird. Durch die liberale Abtreibungspolitik der letzten Jahre und Jahrzehnte fehlten etwa acht Millionen Menschen als potenzielle Rentenfinanzierer. In der Überzeugung, dass die klassische Familie die „wichtigste Keimzelle der Gesellschaft“ sei, dürfe die Mutterschaft als „wichtigster Beruf“ nicht länger benachteiligt und diskriminiert werden.

Frau Meves enttäuscht einen mit diesen Sätzen durchaus, denn Konsequenz sieht anders aus. Denn ist es nicht so, dass durch die liberale Masturbationspolitik jedes Jahr Milliarden potenzieller Rentenfinanzierer bedenkenlos per Taschentuch ins nächstbeste Klo gespült werden? Und was ist mit den Beitragszahlern, die in ihrem kaum begonnenen Leben nicht mehr sehen, als die watteweiche, saugfähige Oberfläche einer Always Ultra?

Wie jetzt, solch zynischen Ausführungen finden Sie politisch nicht korrekt? Dann darf ich Ihnen sagen, dass mich dies nun wirklich nicht kümmert:

Mit der Ankündigung, dass sie sich nicht darum kümmere, „was politisch korrekt, sondern was korrekt ist“, durfte dann die 50-jährige ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman zur Notwendigkeit einer „christlichen Kulturrevolution“ referieren. So monierte Herman zu Beginn ihres Vortrages, dass der Gottesbezug im vorgesehenen Lissabon-Vertrag keinen Platz fand und dass dem Schöpfer-Gott ein „irdischer Gott“ entgegengesetzt wurde, der für Materialismus, Macht und „menschliche Eitelkeit“ stünde. Nicht erst seit der Finanzkrise sehe sie Europa in der Krise, nämlich in der Krise der Dekadenz. Wir befänden uns „mitten im Untergang des Abendlandes“.

Bis das Abendland dann untergegangen sein wird, bleibt allerdings noch genügend Zeit um der Herman zu erklären, dass man seine eigene Midlife-Crisis nicht mit dem Untergang der Weltordnung verwechseln sollte. Gut wäre es auch, anstatt sich in Glaubensplattitüden zu verrennen, erst einmal zu studieren, bevor man den Mund allzu weit aufmacht:

Alte Zivilisationen wie Rom, Griechenland oder Ägypten hätten gezeigt, wo es hinführt, wenn in einer noch so gebildeten Gesellschaft lediglich Lustprinzip und Materialismus zählten. Als konkrete Missstände führte sie die staatlich alimentierte Ideologie des „Gender Mainstreaming“ an, welche darauf abziele, die natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau abzuschaffen. Des Weiteren nannte Hermann typische Kritikpunkte wie europaweit stagnierende Geburtenzahlen, steigende Scheidungsraten, Alkoholexzesse und entmenschlichte Sexualisierung von Jugendlichen oder mangelndes Verantwortungsbewusstsein zur Entscheidung für Familie und Kinder.

Alles bekannte Gräuel, bei denen zur Ergänzung eigentlich nur noch Evolution, Säkularisierung und Homosexualität fehlen. Doch da musste die Herman nicht alleine durch, denn Kameradin Kuby sprang ihr hilfreich zur Seite:

Gabriele Kuby, katholische Konvertitin, die schon mehrere Veröffentlichungen zum Thema „Gender Mainstreaming“ herausbrachte und in diesem Gebiet als Aufklärerin gilt, knüpfte an die Gesellschaftskritik Hermans an. 1999 entworfen, sei Gender Mainstreaming eine Ideologie, die den Mensch zerstört und zu einem neuen Totalitarismus führe.

Und dieser neue Totalitarismus kommt nicht einfach nur auf leisen Sohlen daher, nein, dank Kubys brillanter Analyse lassen sich gleich vier Ebenen der künftigen Schreckensherrschaft unterscheiden:

Diese Ideologie bereite einen „Generalangriff auf moralische Normen, denen wir unsere abendländische Kultur verdanken“, auf vier Ebenen vor: der biologischen – also Abkopplung des sexuellen Aktes von der Fortpflanzung und Legitimierung von Abtreibung; der sozialen – also Zerschlagung der klassischen Familie durch Entzug ihrer ökonomischen Grundlage; der psychologischen – also Verfall der Werte hin zu Selbstverwirklichung und Bindungsunfähigkeit sowie der geistigen Ebene, worunter sie die Propagierung der Sünde bei gleichzeitigem Dauerangriff auf die Kirche versteht.

Summa summarum war früher alles besser: Da wurde Renate noch mit Karl-Heinz arrangiert verheiratet, beide schnackselten sittsam im Dunkeln unter dem über dem Bett hängenden Kruzifix, und nebenan schlief ein Stall von Rentenfinanzierern, alle korrekt männlich oder weiblich und garantiert heterosexuell.

Eine Differenzierung der Geschlechter, welche auch eine kritische Betrachtung von Homosexualität beinhalten würde, fassten diese als „homophobe“ Diffamierung auf, die gleichgesetzt sei mit Rassismus oder Antisemitismus. Dieser Umstand führe zur „Gesinnungsdiktatur“. Skandalös sei hierbei, dass diese radikalfeministische Idee mittlerweile Grundlage der deutschen Familienpolitik sei, wie die etwa 100 Lehrstühle für „Gender Studies“ an deutschen Hochschulen – bei keiner vorhandenen ideologischen Alternative! – oder die Milliarden-Förderungen durch EU und UNO beweisen würden.

Und so wie die Kritik an Rassismus, Antisemitismus und Homophobie zu einer Gesinnungsdiktatur führt, lässt sich auch die ideologische Verkommenheit der deutschen Familienpolitik anhand von hundert Lehrstühlen für eine Pippi-Langstrumpf-Theorie beweisen. Denn was Gender Studies vom Gender Mainstreaming unterscheidet, hat die Kuby immer noch nicht herausgefunden.

Für Erheiterung sorgte im Anschluss ein weiteres Mal Martin Lohmann, der angesichts des politisch korrekten Meinungsklimas frech und provokant bekannte: „Ich bin ein hundertprozentiger Mann und ich fühle mich wahnsinnig hingezogen zu hundertprozentigen Frauen. Ich bin gerne römisch-katholisch und ich bin gerne Deutscher. Ich bin sakramental verheiratet und habe meiner Tochter nie verschwiegen, dass sie ein Mädchen ist.“

Meine Güte, selbst die Eichhörnchen im Tiergarten dürften wesentlicher frecher und provokanter rüberkommen, als das, was Herr Lohmann hier vom Stapel lässt. Doch es gehört bei stolzen Heteros nun mal dazu, ständig ihre sexuellen Vorliebe zur Schau zu stellen und dafür auch noch Erplaus zu erwarten.

Eigentlich sind solche Abgründe katholisch-konservativen Humors eher zum Heulen als zum Lachen, beweisen sie doch, in welcher Fantasiewelt die Teilnehmer dieser Parade des Irrsinns leben. Da muss man sich an dieser Stelle ausnahmsweise Hans-Peter-Raddatz anschließen, der AUF empfahl, vorübergehend andere Prioritäten zu setzen als die Zerstörung der Familie und die Schwulen. Denn mit diesen Übeln kann man sich schließlich immer noch beschäftigen, wenn das Christentum gesiegt hat und der Islam vernichtet ist.

Und bis es soweit ist, sei den Narzissen ein Joint oder wenigstens ein Blow-Job empfohlen. Das entspannt ganz ungemein und sorgt für ein Denken, das klarer ist als das, was bislang durch ihre Köpfe spukt.

4 Antworten zu “Blumenkinder für die Rente”

  1. Thommen 24. Mai 2009 um 11:54 #

    In der NZZ am Sonntag vom 24.5.09 findet Ihr einen statistisch-wissenschaftlichen Artikel, der belegt, dass Renten niemals durch die Produktion von Kindern gestützt oder erhalten werden können. (Nur gedruckte Ausgabe!)

  2. Thommen 24. Mai 2009 um 18:41 #

    hier noch die Angaben: Wirtschafts- nicht Bevölkerungswachstum braucht das Land. Über staatliche Geburtenförderung, Ressourcenknappheit und Überbevölkerung. Interview mit Prof. Reiner Eichenberger, Univ. Fribourg, Schweiz
    NZZ Sa/So 23. Mai 2009, S. 15

    Der Staat kann und soll zur Sicherung der Renten keine Geburtenförderung betreiben, meint Eichenberger. Er leide vielmehr unter dem Bevölkerungswachstum.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Abwechslung und Blumenkinder, aber keine Teddys « Steven Milverton - 20. Mai 2009

    […] GayWest: Blumenkinder für die Rente […]

  2. ‘Gay West’: “Blumenkinder für die Rente” « Kein toter Fisch - 30. Mai 2009

    […] West’: “Blumenkinder für die Rente” By calito89 Ich verweise auf eine Reaktion zu meinem Artikel über die Europakundgebung der AUF-Partei in […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: