Vom Scharlatan zum Dissidenten – Libertäre aller Länder vereinigt Euch!

29 Mai

Die 68er nehmen bis heute für sich in Anspruch, die Bundesrepublik liberalisiert zu haben. Damit sind sie kurioserweise der gleichen Meinung wie diejenigen, welche die 68er für alles Übel in Deutschland verantwortlich machen. Und dieses Übel ist natürlich die Liberalisierung, die unter rechtskonservativen Kreisen heutzutage vielfach nur mit dem zum Schimpfwort mutierten Begriff „Politische Korrektheit“ verunglimpft wird. Mit dem Herumtanzen, Herumsitzen, Scheiben einschmeißen und Bömbchen legen, hätten die 68er in Deutschland alles zerstört. Nach den Worten André Lichtschlags, allseits bekannt als kulturreaktionärer „Libertärer“, war diese Zerstörung ziemlich umfassend:

Der Schuss von Karl-Heinz Kurras war die große emotionale Legitimation derer, die sich die Politisierung aller Lebensbereiche auf ihre roten Fahnen schrieben. Ihre folgenschwere Geschichte basiert, so wissen wir jetzt, schon im Beginn auf einer linken Lebenslüge. Sie vernichten seit mehr als vier Jahrzehnten Moral, Freiheit, Ehrlichkeit, Wohlstand, Anstand, Familie, Schönheit und Kultur.

Erster Satz stimmt sogar; zweiter stimmt noch ein wenig; der dritte allerdings ist einfach nur hanebüchen. Sicher, wenn man der Meinung ist, dass früher alles besser war, dann steht man natürlich vor einem Trümmerhaufen der eigenen Werte. Doch was war damals eigentlich gut?

Die „Moral“ schlug sich u.a. in so wunderbaren Errungenschaften wie der Ungleichbehandlung von Mann und Frau nieder.

Die „Freiheit“ manifestierte sich z.B. in der Inhaftierung von Homosexuellen.

„Ehrlichkeit“ zeichnete sich dadurch aus, lange Zeit einen Mantel des Schweigens über Deutschlands jüngste Vergangenheit gezogen zu haben.

Der „Wohlstand“ war weitaus geringer als er es heute war, sowohl in Deutschland als auch im globalen Maßstab.

Der „Anstand“ ging so weit, dass man Behinderte vom öffentlichen Leben ausschloss.

„Familie“ war eine recht straff geführte Organisation mit einseitigen Zielvorgaben für das Leben des Mannes, der Mutter und der Kinder.

„Schönheit“ war, bedingt durch die noch nicht so weit fortgeschrittene Globalisierung, eher die Schönheit des immergleichen. Das gleiche kann man über die „Kultur“ sagen.

Wie gesagt, es ist mitnichten so, dass die 68er den Anstoß für all die Umwandlungen gaben, die Lichtschlag offenbar gerne wieder rückgängig gemacht haben will; sondern es ist einfach eine Folge einer liberal verfassten Gesellschaft, in der Ideen und Werte im Meinungsstreit stehen und immer wieder neu verhandelt werden.

Wer allerdings am heutigen Leben verzweifelt und leidend schmollt, für den gibt es Rettung: Bodrum. Idyllisch gelegen in der von der westlichen Moderne noch nicht ganz so heruntergekommenen Türkei, hatten sich dort illustre Gäste zusammengefunden um gemeinsam mit Lichtschlag zu beraten, wie man den kulturellen Gegenschlag gegen die Dekadenz der westlichen Welt führen kann. Das ganze trug den protzigen Namen „Property and Freedom Societey“, ursprünglich ins Leben gerufen von Hans-Hermann Hoppe.

Ja, der Name kommt dem geneigten Leser bekannt vor. Denn Hoppe gehört u.a. zu den Apologeten einer intelligent verbrämten Homophobie, die sich unter dem Deckmantel der „Natürlichen Ordnung“ tarnt, einer Ordnung, in der Schwule natürlich nichts zu suchen haben.1

Lichtschlag jedenfalls zeigte sich vom Treffen in Bodrum begeistert:

Die Charakteristik dieser Treffen habe ich im letzten Jahr so beschrieben: „Michael Klonovsky spricht in einem seiner Aphorismen sinngemäß vom Genuss, einmal mit einem gebildeten Rassisten zu sprechen, im Meer der seichten, langweiligen Politischen Korrektheit. Die Treffen der PFS bieten genau solche Genüsse: In kleinen portionierten und damit verträglichen Dosen ist die Diskussion mit politisch unkorrekten Intelligenzforschern oder Nationalisten durchaus ein anregendes Erlebnis. Der radikale Anspruch freier Rede in Zeiten der Gedankenkontrolle ist es, der Bodrum für alle beteiligten Freidenker zu einem Erlebnis macht.“ Und es auch in diesem Jahr wieder uneingeschränkt machte.

Und was läge näher, als seine Langeweile, bedingt durch die einförmige, politisch korrekte, libertinistische Moderne, mit ein wenig Rassismus und Nationalismus aufzupeppen? Denn anders als Deutschland, ist die Türkei ja noch ein freies Land, indem jeder sagen kann was er denkt, ohne vom „Großen Bruder“ wegen Gedankenverbrechen vor Gericht gestellt zu werden.

Der selbsternannte Intellektuelle – seit jeher ein Apologet der als Freiheit getarnten Unfreiheit – war jedenfalls in seinem Element:

Insgesamt 18 Vorträge zu den verschiedensten Themen zuzüglich diverser Diskussionsrunden boten ein unvergleichliches intellektuelles Abenteuer. Auf der Rednerliste standen dabei auch einige ef-Autoren, allen voran die Redaktionsbeiräte Hans-Herman Hoppe (mit einem Vortrag über soziale Evolution) und Jörg Guido Hülsmann (über die Finanzkrise) sowie unser Kolumnist Carlos A. Gebauer (über das deutsche Gesundheitssystem). Zu den Höhepunkten zählte auch in diesem Jahr ef-Edelfeder Theodore Dalrymple alias Anthony Daniels mit seiner Verteidigung von Vorurteilen. Schließlich durfte der Herausgeber selbst die ef-Rednerriege komplettieren und die anwesenden Amerikaner mit den Besonderheiten der Politischen Korrektheit in Deutschland vertraut machen.

Es gehört heute zu einem weit verbreiteten Mythos, dass es in Deutschland eine von oben aufgezwungene politische Korrektheit gäbe, die es Andersdenkenden nicht mehr erlaube, seine Meinung zu sagen. Was natürlich Unsinn ist.

Die PC war ohnedies der rote Faden, der sich durch viele Reden zog. Themen dazu waren unter anderem „Global Warming“, der Gleichheitskult, das amerikanische Empire und die Obamania. Die intellektuelle Herkunft der Teilnehmer war auch in diesem Jahr sehr unterschiedlich. Was alle einte, war ihre entschiedene politische Unkorrektheit.

Jeder kann hierzulande gegen die Klimapanik und den „Gleichheitskult“ sein, sowie den Hype um Obama lächerlich finden. Das einzige Risiko besteht dabei darin, dass andere Leute mit einem vermutlich nicht einer Meinung sind. Doch vielleicht ist es genau das, was Lichtschlag stört: Die Schmach, nicht zur intellektuellen Elite in Deutschland zu gehören, der man an den Lippen hängt, was immer sie auch von sich gibt.

Was Lichtschlag überdies nicht zu verstehen scheint ist, dass man sich u. U. nicht wundern muss, nicht angehört zu werden. Nämlich dann, wenn man offensichtlich Meinungen vertritt bzw. hofiert, die keinerlei Bezug zur Realität mehr haben:

Der „AIDS-Dissident“ Peter Duesberg – ein Deutscher Molekularbiologe, der in Kalifornien forscht – hatte sich über die Einladung zu einer solchen Konferenz zunächst sehr gewundert und Hans-Hermann Hoppe gewarnt: „Über meine Thesen darf man eigentlich nicht mehr sprechen!“ Nach dem ersten Konferenztag meinte Duesberg: „Jetzt ist mir klar, dass die Einladung kein Versehen war!“ Und ihn wunderte dann auch nicht mehr, dass sich niemand über seine Erkenntnisse hypermoralisch entrüstete. Vielmehr stieß der Mediziner auf unvoreingenommenes Interesse.

Peter Duesberg darf man mit Fug und Recht als medizinischen „Scharlatan“ bezeichnen. Sein Beitrag zur Leugnung des Zusammenhangs zwischen dem HI-Virus und Aids kann gar nicht scharf genug verurteilt werden. Es ist kein Wunder, dass Duesbergs Thesen auf „unvoreingenommenes Interesse“ gestoßen sind, denn wenn man eine Weltsicht hat die impliziert, dass jeder mit einer kruden Meinung ein unschuldig Verfolgter höherer Mächte ist, mutiert jeder Scharlatan gleichsam zum Dissident.

Mitunter wurde auch eine kräftige Prise Selbstironie in den Pausenkaffee gestreut. Vorneweg auch hier das geradezu jugendlich wirkende 72-jährige, tanzende, schwimmende, feixende Enfant Terrible Peter Duesberg, das mit seiner AIDS-Kritik von den PC-Anklägern gerne als Schwulenfeind verleumdet wird. Auf die Frage, wie man ihn denn per Email kontaktieren könne, antwortete er im Vorbeihüpfen: „Sie finden mich leicht über Google. Suchen Sie unter Homophobie!“

Ja, Duesberg war unzweifelhaft der Star des Abends: Was will man auch anderes in einer Runde erwarten, die stolz darauf ist, Meinungen zu vertreten wie die, Homosexualität hätte in einer „natürlichen Ordnung“ nichts zu suchen? Da schließt sich dann schnell der Kreis hin zur „Erkenntnis“, der unnatürliche Schwule selbst, und nicht ein „ominöses“ Virus, sei an Aids schuld.

Wie auch immer, Verschwörungstheorien sind unter „politisch inkorrekten“ Denkern jedenfalls schwer angesagt:

Vom Amerikaner Steve Farron erfuhren die Konferenzteilnehmer vom erschütternden Ausmaß der im Grunde rassistischen US-amerikanischen Diskriminierungspolitik unter dem Label „Affirmative Action“ gegenüber den Weißen. Tests und Abschlussprüfungen in fast allen Berufsqualifikationen werden heute systematisch nach Rasse getrennt unterschiedlich bewertet. Das Ergebnis erfuhr man beim Smalltalk: „In den USA lässt sich kein vernünftiger Mensch von einem schwarzen Arzt behandeln!“

Die ganze USA, gefangen in einem riesigen Kerker linker Gutmenschlichkeit. Steve Farron hatte es sichtlich leicht, seine eingeschränkte Weltsicht den unbedarften Zuhörern in Bodrum zu vermitteln. Denn wer keine Ahnung haben will, der weiß auch nichts.

Eine Besonderheit zeichnete das Treffen in Bodrum allerdings aus: Denn im Gegensatz zu sich sonst als „politisch inkorrekt“ bezeichnenden Herren, spielte der Islam auf dieser Zusammenkunft eine gänzlich unerwartete Rolle:

Zu den Besonderheiten der Treffen der Property and Freedom Society zählt auch, dass hier einmal nicht das zunehmend beliebte Feindbild Islam gepflegt wird. Und das liegt nicht nur oberflächlich am Veranstaltungsort, sondern wurde auch inhaltlich begründet. Wie im letzten Jahr war es der deutschstämmige US-Amerikaner Peter Mentzel (Liberty Fund), der in seinem Vortrag an die durchaus an Habsburg erinnernde Toleranz des Osmanischen Vielvölkerreichs im Allgemeinen und an das multiple Rechtssystem dort im Besonderen erinnerte.

Natürlich, wer an „multiplen Rechtssystemen“ Gefallen findet, der nimmt auch eine Einladung zur Steinigung, zwecks Durchsetzung der Scharia, mit Freuden an. Die Vielfalt der islamischen Straftatbestände kann eben nicht hoch genug bewertet werden.

Und so zeichnete auch niemand den üblichen Popanz von der allseits lauernden islamistischen Gefahr. Man war sich einig: Die noch größeren Gefahren gehen heute im Westen von den eigenen Regierungen aus. Der Brite Sean Gabb (Libertarian Alliance) hielt dazu einen Vortrag über die Politische Klasse. Ihm wurde klug entgegengehalten, es habe zu allen Zeiten seit Menschengedenken eine „Ruling Class“ gegeben und es sei eine Illusion zu glauben, diese ganz abstreifen zu können. Gabb bestätigte, dass „dies wohl leider richtig“ sei. Und dann ergänzte der Engländer, dass er deshalb nie pauschal zu einer Revolution geraten habe, da die neue „Ruling Class“ im Ergebnis durchaus schlechter sein könne als die damit überwundene. In Anbetracht aber der erschreckenden Entwicklung in Richtung der totalitären, konfiskatorischen Rundumüberwachungs- und Gesinnungsstaaten des Westens, die keinerlei Respekt vor den Eigentumsrechten, ja keinerlei menschliches Maß überhaupt mehr kennten, in Anbetracht einer verkommenen und zügellosen politischen Klasse, so Gabb, könne er diesen allgemeinen Einwand heute kaum mehr aufrecht erhalten.

Und so werden die Bodrumer auch weiterhin auf eine politisch inkorrekte Welt hinarbeiten, ausgestattet mit gehörigem Maß an Sendungsbewusstsein, Selbstgefälligkeit und bar jeder Zweifel. Ein Konglomerat von Wichtigtuern, das vorgibt für Anstand, Moral und Aufrichtigkeit einzutreten, in Wahrheit aber davon soviel besitzt wie ein Fliegenpilz Heilungskräfte.

Doch wahrscheinlich gehört die Erkenntnis, dass manche Pilze eben giftig sind, auch nur zu den Legenden der politisch korrekten Herrscherklasse.

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[1] Eine ausführliche Analyse der Ideologie von Hoppe, die mit Liberalismus rein gar nichts mehr zu tun hat, vielmehr eine Gefahr für die Freiheit darstellt, findet sich bei der „Achse des Guten“. [back]

4 Antworten zu “Vom Scharlatan zum Dissidenten – Libertäre aller Länder vereinigt Euch!”

  1. lalibertine 29. Mai 2009 um 20:46 #

    Naja, nicht überraschend. „Libertär“ ist eh nur ein anderes Wort für homophob, rechtskonservativ bis -extrem, antisemitisch, frauenfeindlich und, last but not least, geistig unterbelichtet. Ach so: Männerbündisch hatte ich vergessen 😉

  2. DDH 12. Juni 2009 um 23:42 #

    Der Begriff „libertär“ ist seit Lichtschlags Rechtsdrift hoffnungslos verbrannt. Hat aber auch sein Gutes: Man sollte sich den „Liberalismus“ sowieso nicht von Soft-Staazis (sog. „Sozial-Liberalen“) wegnehmen lassen sondern endlich wieder um dessen ursprüngliche Bedeutung kämpfen!

  3. Sergej 9. Juli 2009 um 21:44 #

    Lichtschlag ist ein ganz erbärmliches kleines Männchen!

Trackbacks/Pingbacks

  1. In Bodrum versackt « Steven Milverton - 31. Mai 2009

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