„Bildet Banden!“ – Wie uns der Transgenitale CSD alljährlich seine Albernheit vor die Füße kotzt

12 Jun

Linke haben niemals frei. Ständig muss die Welt angeprangert, dekonstruiert und verbessert werden. Das ist harte Arbeit, die keinerlei Leichtlebigkeit und Humor zulässt. Wer den Ernst des revolutionären Kampfes auch nur einen Augenblick vergisst, sieht sich unter Umständen sehr schnell in einer Position, faschistische Strukturen zu stärken. Und wer Witze macht, übersieht sehr schnell die Ausgrenzungsmechanismen hinter den Glitzerfassaden des repressiv-kapitalistischen Systems.

Im letzten Jahr überbrachte man mir die Einladung, doch einmal zum transgenitalen1 CSD der Hauptstadt zu pilgern. Da ich voll liberal bin, bin ich diesem Vorschlag grundsätzlich nicht abgeneigt. Andererseits verbirgt sich hinter meiner liberal-bürgerlichen Fassade naturgemäß ja nicht mehr als die Fratze eines patriarchal-sexistischen, kapitalistisch-imperialistischen Präfaschismus. Was allerdings nicht der Grund ist, warum ich das Angebot auch in diesem Jahr ausschlage.

Nein, der Grund liegt im System:

Wir hören Toleranzgefasel, hinter dem sich nackte Repression, Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit verstecken. Gruppen von Menschen werden als Minderheiten außerhalb der Normalität definiert, herabgesetzt und gegeneinander ausgespielt. Bestenfalls werden sie gnädig „toleriert“ oder „akzeptiert“, denn „Normalität“ braucht Ausgrenzung. Das verdeckt nichts von der rassistischen, homophoben, transphoben, frauenfeindlichen Gewalt, der Ausgrenzung von nicht-„schönen“, nicht-jungen, nicht-reichen, nicht-weißen, behinderten, politisch unbequemen Menschen, die in dieser Gesellschaft – und leider auch innerhalb unserer Szenen – Alltag ist. Wir sehen die alltäglichen Gewalten in einem kranken, an der eigenen Profitgeilheit erstickenden System, das uns in die Krise stürzt, nichts als Ausschlüsse produziert und uns dann seine Toleranz vor die Füße kotzt.

Ja, genau! So redet man, wenn man ab seinem 15. Lebensjahr in einer abbruchreifen WG mit mindestens zehn Leuten zusammenlebt, keinerlei Privatsphäre hat (weil das Private schließlich politisch ist) und sich einer Gesinnungsdiktatur unterwirft, die drei Mal am Tag kontrolliert, ob man auch ja noch das richtige revolutionäre Bewusstsein besitzt. Die Albernheit obiger als links verbrämten Aussage ist in seiner Kontext- und Ahnungslosigkeit fast schon wieder witzig.

Ein Malprojekt im Kindergarten ist gegen diesen Aufruf jedenfalls ein intellektueller Gewinn:

Wir sagen Nein! zu Diskriminierung und Ausgrenzung!

Was natürlich Unsinn ist, denn auch unsere „progressiven“ Transgenitalen wollen Macht zur Ausgrenzung. So könnte ich wetten, dass sie für die Ausgrenzung von Gutverdienenden, „Rechten“, von McDonalds und überhaupt jedem sind, der nicht ihrer Meinung ist.

Wir sagen Nein! zur Ökonomisierung der Bildung. Freier Zugang für alle!

Und wozu brauchen transgenitale Menschen Bildung? Steht nicht alles was wichtig ist, in den Büchern von Marx, Marcuse, Butler und Foucault?

Wir sagen Nein! zur Unbezahlbarmachung von Wohngebieten!

Konkret: Wir sagen Nein! zur Eigenfinanzierung unserer alternativen Wohnprojekte! Dafür ist schließlich das kapitalistische Schweinesystem da.

Wir sagen Nein! zu Abschiebeknästen. Kein Mensch ist illegal!

Halleluja! Damit könnte ich mich sogar anfreuden. Aber, ähm,  moment mal: Gilt das auch für bürgerliche Kapitalisten? Oder zählen die nicht als „Mensch“?

Wir sagen Nein! zur Ethnisierung von Kriminalität und Konflikten!

Von mir aus. Und ich sage „Nein“ zur Kriminalität, insbesondere deren Förderung durch links angehauchte Täterversteher, die jeden Faustschlag noch als Dialogangebot werten.

Wir sagen Nein! zur grenzenlosen Ausbeutung von Menschen und Ressourcen. Für die Abschaffung der alten Machtmechanismen (WTO, IWF, Weltbank) und internationale Gremien, die die Zerstörung der Erde aufhalten!

Wie jetzt? Die Trangenitalen wollen die Gremien abschaffen, die verhindern wollen, dass die Erde zerstört wird? Na ja, eigentlich ganz logisch: Denn nur auf einer zerstörten Erde kann sich ein revolutionäres Potential entwickeln. Eine unzerstörte Erde lullt die Menschheit nämlich in ein falsches Bewusstsein ein und gibt dem Kapital die Möglichkeit zur Manipulation der Massen.

Wir sagen Nein! zur Privatisierung öffentlicher Güter. Gesundheit, Wasser, Essen, Bildung für alle!

Stürmt die Supermärkte! Für die Umverteilung von Kaviar!

Aber, gähn! Wird langsam langweilig. Kommt irgendwann auch mal was Schwules?

Wir sagen Nein! zur Heteronormativität. Für die Abschaffung der Zwei-Geschlechter-Ordnung! Gegen die Pathologisierung von Intersexuellen!

Na super! Sein ganzes Leben schlägt man sich mit der Forderung herum, als Mann Männer lieben und mit ihnen Sex haben zu dürfen, und dann kommen die Transgenitalen daher und wollen den Mann abschaffen. Dass dieses Vorhaben massiv männerliebende Männer ausgrenzt scheint unseren „progresssiven“ Freunden dabei völlig egal zu sein. Andererseits muss man diese Strategie schon verstehen. Denn die Linke ist verzweifelt: Arbeiterklasse, die Umwelt, Tiere, Islamisten – sie alle haben als revolutionäres Subjekt mehr oder weniger versagt und halten sich nicht an die Direktiven des Zentralkommitees aus Kreuzberg. Und wenn man das System schon nicht revolutionär verändern kann, bastelt man sich eben eine unlösbare Aufgabe (die Abschaffung der Zweigeschlechtlichkeit) um wenigstens eine Rechtfertigung zu haben, das System für alle Zeiten wegen seiner repressiven faschistischen (weil zweigeschlechtlichen) Struktur anzuprangern.

Denn man mache sich keine Illusionen: Es geht der Linken schon lange nicht mehr um Lösungen, sondern nur noch um subventioniertes Dagegen sein.

Wir sagen Nein! zu Rassismus! Wir sagen Nein! zu Antisemitismus! Wir sagen Nein! zu Sexismus! Wir sagen Nein! zu Antiziganismus!

Zionismus habt ihr vergessen. Und Speziezismus. Und Islamophobie.

Wir sagen Nein! zu Homo- und Transphobie! Bildet Banden!

„Bildet Banden!“ Echt süß diese Linken. Wie Kinder, die nie erwachsen geworden sind. Na ja, sie mussten ja auch nie…

Doch nun werden wir mal ernst. Denn mögen die Transgenitalen auf den ersten, oberflächlichen Blick auch noch so revolutionär und fortschrittlich rüberkommen, tief im Inneren verbergen sich auch bei ihnen noch allerlei repressive Strukturen. Man schaue sich nur einmal ihre Liste an, was für den TCSD alles nötig ist:

es werden gebracht Leute, die:

OrdnerIn machen,

Abgesehen davon, dass es LeutInnen heißen müsste, sind OrderInnen jawohl ein Beweis für Machtstrukturen, die MenschInnen ausgrenzen, die eben nicht OrdnerInnen sind. Es kann nicht sein, dass eine Bewegung die sich als herrschaftsfrei versteht OrdnerInnen stellt! Das ist geradezu skandalös!

„Wagenengel“ (am Wagen mitlaufen und darauf achten, dass nichts und niemand überrollt wird) sein wollen,

In einer herrschaftfreien Welt wird niemand überrollt! Diese (unbewusste?) Simulation kapitalistischer Verwertungs- und Ausschlussmechanismen spielt nur dem Gegner in die Hände. Und was heißt überhaupt „Engel“? Engel sind ja wohl ein Symbol des patriarchalen, sexistischen, repressiven, zweigeschlechtlichen Christentums, das abgeschafft gehört, soll aus der Welt jemals ein sozialistisches Utopia werden.

solche die Lust haben, Spenden zu sammeln,

Man ist geradezu entsetzt und fassungslos: Spenden? Kapital? Auf einer linken Veranstaltung? Jeder wahre Revolutionär müsste angesichts dieser Anbiederung an das kapitalistische System vor Wut die rote Fahne noch fester packen; so fest, dass sich die Nägel in das Fleisch der Arbeiterfaust zu bohren beginnen, so lange, bis rotes, revolutionäres Blut zu fließen beginnt.

des weiteren welche, die Flugblätter und Glitter verteilen,

Wobei natürlich zu hoffen ist, dass die Flugblätter im Dritte-Welt-Laden gedruckt wurden und Papier nebst Glitter ökologisch abbaubar sind.

andere, die für Verpflegung sorgen (also Getränke und Obst einzukaufen und das auf dem Lauti tun, und am Start- und Endpunkt alle Mitarbeitenden mit „festem Futter“ versorgen)

Einkaufen? Oben hieß es noch „Essen für alle“ und jetzt unterwirft man sich schon wieder den Marktmechanismen, indem man doch tatsächlich bereit ist, Kapital für Nahrung zu entrichten. Man, Ihr Transgenitalen: Essen wird organisiert, nicht gekauft!

wieder andere, die den Lauti ausschmücken (WO SIND DIE TRANSPARENTE UND STOFFE AUS DEN LETZTEN JAHREN?)

Guckt doch einfach mal zu den Kreuzberger Häusern hoch. Die Transparente hängen doch das ganze Jahr über aus den Fenstern. Um sie für den Lautsprecherwagen – wie das auf bürgerlich-faschistisch heißt – zu benutzen, müsst Ihr sie nur ausnahmsweise mal abnehmen. Es ist herzzerreißend, keine Frage, die Häuserfassaden so nackt und sexualisiert zu entblößen, aber es dient ja einem höheren Ziel.

Ja, ich weiß schon warum ich nicht auf den Trangenitalen CSD gehe. Eine Kindergartenveranstaltung mit langweiligen Pippi-Langstrumpf-Parolen, bevölkert von quersubventionierten, geschlechtslosen MenschInnen mit unerschütterlichem Sendungsbewusstsein.

Da gehe ich mich doch lieber auf dem echten CSD prostituieren – klassisch und für’s Kapital.

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[1] Das Copyright für diesen Begriff liegt beim Kommentator „Ingo“. [back]

3 Antworten zu “„Bildet Banden!“ – Wie uns der Transgenitale CSD alljährlich seine Albernheit vor die Füße kotzt”

  1. Andreas 13. Juni 2009 um 00:58 #

    Wieso nutzen die eigentlich weiterhin zweigeschlechtliche Formulierungen, wenn es doch allgemein bekannt ist, dass es dutzende Geschlechter gibt? 😉

  2. hörf 14. Juni 2009 um 19:29 #

    Gut, dass du nicht kommst. Mit JuLis ist bestimmt eh nicht gut Party machen.

    • Adrian 14. Juni 2009 um 19:31 #

      Vielleicht. Aber wenigstens dekonstruieren JuLis vor dem Sex nicht erst die Geschlechtsorgane…

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