Lyrisches Töten – Warum man Reggae-Sängern ihre homophoben Mordphantasien nicht allzu übel nehmen sollte

27 Jun

Eigentlich hätte man es sich denken können: Wenn im jamaikanischen Reggae dazu aufgerufen wird, Schwule zu töten, sollte man die Sänger deswegen nicht einfach pauschal kritisieren und ihre Äußerungen als hassenswert ablehnen. Nein, zuerst muss man natürlich den soziokulturellen Kontext berücksichtigen, indem eine solche Musik gedeihen kann. Und Olaf Karnik erklärt diesen „Kontext“ geradezu liebevoll:

Die sogenannten «Battyboy Tunes» im Dancehall, die in direkter oder metaphorischer Sprache dazu auffordern, Homosexuelle zu erschiessen oder zu erschlagen, sind als sogenannte «Lyrical Killings» zu verstehen. Als solche sind sie Teil einer im Dancehall kultivierten, äusserst krassen Rhetorik, die sich über diverse lyrische Disziplinen erstreckt. Verbal-Massakrierungen finden sich nicht nur in «Battyboy Tunes», sondern mit anderem thematischem Schwerpunkt auch in «Gun Tunes» oder «Badman Tunes», in denen Schusswaffen und Gangsta-Grausamkeit glorifiziert werden.

„Lyrical Killings“. Eine solche Floskel wärmt das Herz jedes Kulturrelativisten. Diese Jamaikaner sind in ihrer rhetorischen Brutalität schon irgendwie putzig und kuschelig.

Und weil das so ist, darf man sie auch nicht zu hart bestrafen. Etwa durch den Boykott ihrer Konzerte. Das wäre ganz gemein und voll fies:

Angesichts dessen sollte man in Europa im Einzelfall eines Konzerts eines Dancehall-Artist wohl den Verzicht auf homophobe Lyrics einfordern. Es ist hingegen absurd, Entschuldigungen, auf Dauer geltende Verzichtserklärungen oder gar Bekehrungen zu erwarten. Gerade weil Homophobie tief in der jamaicanischen Gesellschaft verwurzelt ist, muss das Problem von ihr selbst als solches erkannt und gelöst werden. Auch der Druck internationaler Schwulen- und Lesbenverbände, durch den die kleine Reggae- und Dancehall-Industrie in den letzten Jahren tatsächlich arg gelitten hat, scheint letztlich kein probates Mittel zu sein. Denn unter den ökonomischen Einbussen durch Auftrittsverbote und sinkende Plattenverkäufe haben nicht nur Sizzla, Beenie Man, Buju Banton oder Capleton selbst zu leiden, sondern auch die zahlreichen Jugend- und Bildungsprojekte im Ghetto, die diese Persönlichkeiten mit ihren Einnahmen alimentieren.

Nachdem man sich die Tränen des Mitleids abgewischt hat, könnte man sich ja mal die Frage stellen, wozu Jugend- und Bildungsprojekte gut sein sollen, die offensichtlich im vollen Bewusstsein brutalster homophober Ansichten durchgeführt werden. Einmal mehr wird hier durch die Blume suggeriert, dass Verständnis für Hass ein hohes Gut ist, eben weil die Hassenden arm sind und keinerlei Perspektive haben, weshalb sie natürlich keine andere Wahl haben, als ihren Schwulenhass zu kultivieren.

Was übrig bleibt, ist Stolz: Wer im jamaicanischen Ghetto haust, wo Dancehall nicht nur eine integrative Entertainment-Funktion hat, sondern auch eine Überlebenschance bietet, wird sich keinem von aussen auferlegten, universellen Toleranz-Imperativ beugen. Es sei denn, damit wäre irgendeine dauerhafte Option auf ein besseres, menschenwürdiges Leben verbunden.

Deshalb sollte man sich lieber mit den Hasssängern solidarisieren. Denn nur weil jemand künstlerisch zum Ausdruck bringt, Schwule seien zu ermorden, muss er ja deshalb kein schlechter Mensch und noch weniger ein schlechter Künstler sein:

Aus solchen Gründen solidarisiert sich ein Teil der europäischen Reggae-Szene, die in ganz anderen sozialen Verhältnissen lebt, mit den Dancehall-Artists aus Jamaica. Es ist gewiss nicht geteilte Homophobie, die die Reggae-Fans so manchen homophoben Dancehall-Star feiern lässt. Demonstriert wird vielmehr eine Wertschätzung des Künstlers und der Reggae- und Dancehall-Kultur, die sich mitnichten auf Homophobie und Gewaltverherrlichung reduzieren lässt. Tatsächlich laufen die Tiraden von Dancehall-Artists vor europäischem Publikum meist ins Leere. Dass dabei Homophobie geschürt werde, gehört zu den Missverständnissen einer oberflächlichen Reggae-Rezeption, die stets auf den «Hate Speech» in der karibischen Musik fixiert scheint.

Und nicht nur das: Ist es nicht so, dass Liebe und Hass lediglich zwei Seiten derselben Medaille sind, dass also wer seinem Hass freien Lauf lässt, andererseits auch unendlich viel Liebe zu geben hat?

Es gibt kaum ein Genre, in dem Gewalt derart kultiviert – dabei auch kanalisiert und abgeführt – wird wie im Dancehall (allenfalls im Gangsta-Rap). Ebenso gibt es kaum ein anderes Genre, in dem Liebe, Brüderlichkeit und Spiritualität so eindringlich beschworen werden wie im Reggae. «One Love» und «One Hate» sind hier zwei Seiten einer Medaille, die in Europa freilich nicht als moralische Währung taugt.

Was natürlich gegen die Europäer spricht, denen einfach die Sensibilität abgeht zu erkennen, wie spirituell der Reggae ist und das Homophobie eben nicht unbedingt einfältiger Hass ist, sondern zuweilen auch Liebe.

Man fragt sich ob dieses verständnisvollen Sermons angesichts brutaler künstlerischer Lyrik, ob Olaf Karnik seinen Text auch so geschrieben hätte, ginge es nicht um schwarze Reggae-Sänger aus Jamaika, sondern um weiße Hip-Hopper aus den USA. Ob deren Homophobie auch auf soviel Verständnis stoßen würde?

4 Antworten zu “Lyrisches Töten – Warum man Reggae-Sängern ihre homophoben Mordphantasien nicht allzu übel nehmen sollte”

  1. Ralf 27. Juni 2009 um 20:29 #

    Jugendprojekte, die unter der Ablehnung und Bekämpfung von Mordaufrufen „leiden“? Da passt ausnahmsweise mal das Wort PERVERS.

  2. blogterium 28. Juni 2009 um 15:20 #

    Wie viel muss man Kiffen, damit einem ein solcher Schwachsinn einfällt wie Karniks Artikel in der NZZ?

  3. Rasta 30. März 2010 um 14:34 #

    Es ist auch eure Intoleranz, die die Homophobie in der Schweizer Reggae- und Dancehallszene fördert. Gewisse haben echt viel Geld verloren wegen euch.

  4. derkaeptn 31. März 2010 um 18:12 #

    Niemand hindert diese sogenannten Künstler daran, über die Ermordung von Schwulen zu singen. Allerdings sollten sich die Herren nicht wundern, wenn sie in Ländern, in denen eine solche Auffassung nicht als das Nonplusultra ermessen wird, abgewiesen werden. Und das ist dann auch keine Intoleranz, sondern einfach eine Art Spielregel, an die man sich zu halten hat.

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