Radikalität ist so was von schwul – Warum die „Generation Stonewall“ langsam in die Jahre kommt

29 Jun

Dass die schwul-lesbische „Community“ in diesem Jahr den vierzigsten Jahrestag des Stonewall-Aufstandes begeht, sorgt natürlich nicht überall für Feierlaune. Von nicht wenigen altgedienten „Aktivisten“ bekommt die heutige Generation Homos gerade anlässlich des Jubiläumsjahres vorgehalten, sie sei zu unpolitisch, zu träge, zu angepasst, zu konformistisch, zu „heteronormativ“. Wir damals, so tönt es der jungen schwulen Generation entgegnen, wir wollten noch die Welt aus den Angeln heben, aber alles was ihr wollt, ist heiraten um dann  fröhlich mit Ehemann, Kind und Schäferhund im abbezahlten Reihenhaus bei Kaffe und Kuchen die neuesten Aktienkurse zu studieren.

Eine berechtigte Kritik? Mitnichten! Denn wozu sind Revolutionen gut, die nicht irgendwann einmal ein Ende haben? Nur weil die „Generation Stonewall“ langsam aber sicher in die Jahre kommt und die Erinnerungen an ihre Heldentaten sich in das realistische Gefüge schwuler Realität im Jahr 2009 einzufügen beginnen, muss man der jüngeren Generation doch nicht gleich Desinteresse unterstellen.

Ausgerechnet Peter Tatchell, der im Allgemeinen als ganz vernünftiger Schwulenrechter einzuordnen ist, wirft der heutigen Schwulenbewegung vor, ihre Radikalität eingebüßt zu haben, eine Klage, die genauso enervierend daherkommt, wie sie ist:

I joined London GLF [Gay Liberation Front], aged 19. Our slogan: Gay is Good. These three simple words were revolutionary. Until then, nearly everyone – including many LGBTs – believed that gay was bad, mad and sad. Whereas mainstream society saw homosexuality as a problem, we said the problem was homophobia. Straight supremacism was, to us, the equivalent of white supremacism.

Sieht Tatchell nicht, dass er die Antworten auf die Frage nach dem Verbleib des schwulen – pardon: „queeren“ – revolutionären Bewusstseins selbst gibt? Die Welt – zumindest die westliche Welt – hat sich nun einmal verändert: Zu sagen, dass schwul etwas „gutes“, zumindest aber normales, gewöhnliches ist, das ist heute eben nichts revolutionäres mehr. Wir leben nicht mehr in den späten 60ern, als es darum ging, gegen Polizeiwillkür und Strafrechtsparagrafen zu kämpfen.

Our vision was a new sexual democracy, without homophobia and misogyny. Erotic shame and guilt would be banished, together with socially enforced monogamy and male and female gender roles. There would be sexual freedom and human rights for everyone – queer and straight. Our message was „innovate, don’t assimilate“.

Eine schöne Vision? Kommt drauf an. Erst einmal herzlichen Glückwunsch, die Frauenfeindlichkeit ist heutzutage überwunden. Bei der Homophobie haben wir noch was zu tun, ganz gewiss, aber vielleicht würde man das schneller hinter sich bringen, wenn man den ganzen anderen Kram beiseite lassen, oder einfach mal nur realistisch in die heutige Situation transferieren würde. Starre Geschlechterrollen? Man schaue sich im Prenzlauer Berg nur mal die Papis an, die glücklich ihre Kinder spazieren führen. Gesellschaftlich aufgezwungene Monogamie? Nicht im Privatfernsehen. Sexuelle Freiheit? Man lasse mich dazu Dale Carpenter zitieren: „Jeder mit einem Wohnungsschlüssel hat das„.

Ach ja, und der Kampfschrei sich nicht assimilieren zu lassen, war doch seit jeher nichts anderes als der Ruf nach separierten Vierteln mit „queerer“ Infrastruktur. Wem es noch nicht aufgefallen zu sein scheint: Sie existieren! Und wer dort leben will, darf das gerne tun. Andere Schwule ziehen aber das Leben in der wirklichen Welt, der Eintönigkeit der Motzstraße vor. Für sie ist die Szene nicht etwas in der man lebt, sondern zu der man geht – wenn man denn darauf Lust hat.

GLF never called for equality. The demand was liberation. We wanted to change society, not conform to it. Equal rights within a flawed, unjust system struck us as idiotic. It would mean parity on straight terms, within a pre-­existing framework of institutions and laws devised by and for the heterosexual majority. Equality within their system would involve conformity to their ­values and rules – a formula for gay submission and incorporation, not liberation.

Und genau wegen dieser Attitüde hat die Gay Liberation Front auch ihren Einfluss verloren, wenn sie diesen denn überhaupt jemals besessen hat. Jede Veränderung eines Systems beginnt nun mal von innen und es ist geradezu aberwitzig, der „heterosexuellen Welt“ den Kampf ansagen zu wollen. Denn eine solche „Welt“ gibt es nicht.

We argued then, and I still argue now, that accepting mere equality involves the abandonment of any critical perspective on straight culture. In place of a healthy scepticism, it substitutes naive acquiescence with the hetero mainstream. Discernment is surrendered in favour of compliance. While heterosexuality has its good points, it also has its downsides, like the machismo of many hetero men, which is linked to gang culture and violence against women.

Es ist wirklich atemberaubend, wie ein vordergründig um Gleichberechtigung kämpfender Schwulenaktivist, die Homosexualität zum Programm für die Umgestaltung hin zu einer schönen, neuen Welt ausgibt. Schwule als bessere Menschen? Was genau unterscheidet Tatchells Argumentation hinsichtlich der schlechten Seiten der Heterosexualität eigentlich von den üblichen Klischees über Homosexuelle und ihres „Lebensstils“? Machismo und Frauenfeindlichkeit sind keine Folgen heterosexueller „Kultur“ (was auch immer das schon wieder sein soll), sondern liegen schlicht und einfach einer Weltsicht zugrunde, die Menschen als nicht gleichwertig betrachtet. Lediglich in den Elfenbeintürmen queerer Gendergesinnung macht Heterosexualität einen Mann zum Sexisten.

In the 40 years since Stonewall and GLF, there has been a massive retreat from that radical vision. Most LGBT ­people no longer question the values, laws and institutions of society. They are content to settle for equal rights within the status quo. On the age of consent, the LGBT movement accepted equality at 16, ignoring the criminalisation of younger gay and straight people. Don’t the under-16s have sexual human rights too? Equality has not helped them. All they got was equal injustice.

Ja, und wenn schon, Tatchell, wenn Du und Deine Genossen irgendwann schlüssig begründen können, dass es ungerecht ist, die Sexualität der unter 16jährige zu diskriminieren, dann wird auch irgendeine Legislative, oder gar Judikative, Euch auch irgendwann anhören. So läuft das nun mal in liberalen Demokratien. Getreu dem Motto des Berliner CSD: Stück für Stück ins Homoglück.

Whereas GLF saw marriage and the family as a patriarchal prison for women, gay people and children, today the LGBT movement uncritically champions same-sex marriage and families. It has embraced traditional hetero­sexual aspirations lock stock and barrel. How ironic. While straight couples are deserting marriage, same-sexers are rushing to embrace it: witness the current legal fight in California for the right to marry. Are queers the new conservatives, the 21st-century suburbanites?

Worin genau besteht eigentlich Tatchells Problem? Will er uns wirklich weis machen, eine Ehe zwischen zwei Frauen bzw. zwei Männern sei ein „patriarchales Gefängnis“? Das hätte schon was putziges. Will er wirklich ernsthaft behaupten, die Ehe zwischen Mann und Frau ginge in jedem Fall auf Kosten der Frau? Vielleicht ist es der Aufmerksamkeit Tatchells entgangen, aber – zumindest außerhalb migrantischer Kreise – ist die Praxis unfreiwillig eine Ehe einzugehen, nahezu zum Erliegen gekommen. Wenn Tatchell und seine queeren Freunde keine Lust haben zu heiraten, wird sie niemand dazu zwingen. Aber Menschen sind nun mal unterschiedlich und so soll es tatsächlich „konservative“, „spießige“ Schwule geben, die die Vorstellung einer Heirat mit anschließendem Leben in der Vorstadt sehr schön finden. Wie wäre es also, wenn jeder nach seiner Fasson selig werden darf?

Don’t get me wrong. Despite my critique of marriage and my advocacy of a more democratic, flexible model of relationship recognition and rights, I oppose the ban on same-sex marriage. It is homophobic discrimination.

Na wenigstens etwas. Stellt sich bloß die Frage, wie man diese Diskriminierung abbaut? Indem man Steine wirft und Fäuste in die Luft reckt. Was meint Tatchell eigentlich, wenn er für mehr Radikalität in der Schwulenbewegung wirbt?

There would be riots if the government banned black people from getting married and offered them civil partnerships instead. It would be denounced as apartheid. Well, that’s what civil partnerships are: sexual apartheid. […]

The LGBT community’s retreat from radicalism signifies a huge loss of confidence and optimism. It has succumbed to the politics of conformism, respectability and moderation. What a shame.

Im Gegenteil; welch eine Erleichterung! Wie anders will man denn die Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft erreichen und unsere Anliegen kommunizieren, als über Konformismus, Anstand und Mäßigung? Wenn ich Tatchell ernst nehme, würde er also erwarten, dass die Schwule für ihr Rechte, auf die Straße gehen um dort zu randalieren. Nein, da gefällt mir die Aktion der amerikanischen Schwulen in Kalifornien schon besser: Auf die Straße zu gehen, nicht um wutentbrannt zu toben, sondern zu zeigen worum es uns wirklich geht: Liebe.

4 Antworten zu “Radikalität ist so was von schwul – Warum die „Generation Stonewall“ langsam in die Jahre kommt”

  1. martin783 1. Juli 2009 um 11:18 #

    Ich finde Deinen Kommentar vollkommen berechtigt und in jedem Punkt zustimmenswert.
    Wenn man allerdings meint, dass die Kritik von Peter Tatchell an der jungen schwulen Generation besonders originell ist, täuscht man sich. Man muss sich nur einmal mit Alt-68ern unterhalten – im letzten Jahr, als sie aus allen Löchern gekrochen sind, war dazu ein guter Anlass – und bekommt mehr oder weniger das gleiche zu hören: Dass die junge Generation unpolitisch und konformistisch sei und sich nicht lautstark genug gegen Missstände zu Wort melden würde. Da ist dann nicht mehr im Besonderen von Schwulen die Rede, aber die Argumente sind im Wesentlichen die gleichen.
    Aber ganz abgesehen davon, dass ich allzu oft das Gefühl habe, dass meine Altersgenossen keineswegs zu leise sind – im Gegenteil: oft sind ihre politischen Forderungen mir sogar zu laut (Stichwort: Bildungsstreikt) -, hat mich diese Kritik immer aus einem ganz anderen Grund fasziniert: Sie ist nämlich in ihrem Herzen konservativ, indem sie die Veränderung der Zustände bedauert und den Verfall von Werten, die einstmals (nämlich 1968 oder in Peter Tatchells Jugend, was ungefähr auf dieselbe Zeit hinausläuft) hochgehalten worden sind. Und sie ist obendrein selbstwidersprüchlich, weil sie ja die Folgen der eigenen Erfolge von damals bedauert: Dass man sein Leben heute freier gestalten darf als man es früher konnte, ist ja angeblich ein Erfolg von 1968 und GLF – wie kann man es dann jemandem heute zum Vorwurf machen, dass er sich diese Freiheit auch nimmt?
    Und schließlich: Was ist das Ziel sozialer Bewegungen wie der Gay Liberation? Sollte es nicht das Ziel sein, soziale Konformität von Schwulen und Lesben überhaupt erst zu erreichen und zu ermöglichen?
    Ich habe den Eindruck, dass altgediente Aktivisten wie Tatchell an einem bestimmten Punkt begonnen haben, konkrete Ziele durch die Revolution in Permanenz zu ersetzen. Aber wohin soll das führen? Ich habe nicht den Eindruck, dass es da Visionen gibt, die ich gutheißen kann. Deshalb wurde ich zum Renegaten, der sich von der politischen Linken verabschiedet hat, der kein Interesse daran hat sich von anderen bevormunden zu lassen (genauso wenig, wie er selbst andere bevormunden will), der von einem frei bestimmten und zufriedenen Leben träumt und der eben lieber seinen Schäferhund (der in meinem Fall ein Boxer ist) spazieren führt als auf CSDs geht.

  2. Adrian 1. Juli 2009 um 11:26 #

    „Ich habe den Eindruck, dass altgediente Aktivisten wie Tatchell an einem bestimmten Punkt begonnen haben, konkrete Ziele durch die Revolution in Permanenz zu ersetzen.“

    Das halte ich für eine gute Erklärung. Ein (Berufs-)Revolutionär kann gar kein Interesse an einer vollendeten Revolution haben, da sie ihn überflüssig macht. Die Geschichte ist voller Beispiele von Bewegungen, die zum Selbstläufer wurden.

    Die „queere“ Bewegung hat ihre revolutionäre Permanenz ja schon festgeschrieben. In dem sie vorgibt, gegen den „Terror der Zweigeschlechtlichkeit“ zu kämpfen. Ein ewiges Projekt, das sie nie erreichen werden, und das eben deshalb dafür Sorge tragen wird, dass die Revolution nie stirbt weil die gesellschaftlichen Verhältnisse niemals gut genug sein werden.

  3. Thommen 5. Juli 2009 um 22:44 #

    Tja, wer nicht über die Gegenwart hinausblicken kann, der rächt sich für seinen bürgerlichen Frust wenigstens an der Vergangenheit! 😛

  4. Adrian 5. Juli 2009 um 23:04 #

    Und wer nicht über seinen linken Gartenzaun hinausblicken kann, unterstellt allen mit anderer Meinung „bürgerlichen Frust“.

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