Im Namen der Diskretion – Über die Kunst intellektuell zu begründen, dass Schwule einem tierisch auf den Sack gehen

2 Jul

Viel ist in den letzten Jahren von einer angeblichen „Homosexualisierung“ der Gesellschaft gesprochen worden, ein Schlagwort, das für nicht wenige Lesben und Schwule bestenfalls wie ein müder Witz, schlimmstenfalls wie blanker Zynismus daherkommt. In der Schweizer „Weltwoche“ hat sich Philipp Gut daran abgearbeitet, seinen Lesern zu erklären, warum diese Ansicht falsch ist, und es tatsächlich so etwas wie eine „Homosexualisierung“ gibt.

Gut holt weit aus und beginnt seinen Artikel ausgerechnet mit dem neuen Film „Brüno“ von Sacha Baron Cohen:

In der Schweiz startet «Brüno» am kommenden Donnerstag. Und auch hier gibt die Tunten-Satire, wie überall, bereits vor der Premiere zu reden. Die Meinungen der Voraus-Interpreten gehen merkwürdig auseinander: Während die einen den Film für eine «beleidigende» Attacke auf die Schwulen halten, sehen die andern in ihm eine «Entlarvung der Homophobie».

Zu dem Film selbst kann und will ich mich noch nicht äußern, da ich ihn noch nicht gesehen habe. Drängender als eine Filmkritik ist aber ohnehin, eine Einschätzung der Gut’schen Thesen:

Man könnte die Sache auch etwas unverkrampfter betrachten. Wäre es nicht möglich, dass «Brüno» mit satirischen Mitteln die Realität zur Kenntlichkeit entstellt? Kann es sein, dass sich der Film zu Recht über das seit Jahren anschwellende Theater um Schwule, Lesben und die Bedeutung sexueller Veranlagungen in der Öffentlichkeit lustig macht? Nichts gegen persönliche Vorlieben, aber die Homosexualisierung der Gegenwart erreicht Rekordwerte.

Mit dem letzten Satz hat Gut den Rahmen abgesteckt indem sich seine Argumentation bewegt. Seine Behauptung, es gäbe eine „Homosexualisierung der Gegenwart“ schmückt er dann auch weit reichend, aber doch wenig originell aus:

Es ist ein irritierender Kult um die Schwulen entstanden, Homosexualität ist zu einer Art Religion geworden. Wer sich outet, wird zum leuchtenden Märtyrer einer bekennenden Kirche. Wer sich dem Kult widersetzt, den trifft der Bannstrahl.

Es ist leicht irritierend, dass Gut zum Beweis für den „Kult“ um die Homosexualität ausgerechnet auf das Coming-Out verweist. Denn das hat nun wirklich nichts mit dem Eintritt in eine Kirchengemeinde zu tun, sondern ist eine grundlegende Bedingung um der heterosexuellen Mehrheit – die von jedem von vornherein erwartet, dass man heterosexuell sei – zu erklären, dass man eben nicht heterosexuell ist. Jeder ungeoutete Schwule wird die Fragen von Eltern, Verwandten und Freunden kennen, ob man denn nicht schon eine Freundin habe, oder ob man die Neue in der Parallelklasse nicht auch total scharf fände. Was bitte schön soll es mit „Märtyrertum“ zu tun habe, wenn man die heterosexuellen Mehrheit sachlich darauf hinweist, dass man eben nicht auf das andere Geschlecht steht? Und wieso sollte diejenigen der Bannstrahl treffen, die sich dem „Kult“ widersetzen? Ich zumindest habe noch nie von Geschichten gehört, in denen ein Junge von zu Hause flüchten musste, weil er sich in ein Mädchen verliebt hat. Desgleichen sind auch Vorfälle äußerst rar gesät, dass einem heterosexuellen Paar die körperliche Unversehrtheit abgesprochen wird, weil sie Hand in Hand durch die Straßen schlendern.

Wie in allen Glaubenssystemen gilt auch hier: Wer die Stirn runzelt, gehört nicht dazu. Die Schwulenparty will nicht gestört werden.

In der Tat; wer die Stirn runzelt, das bedeutet, seine Missbilligung mit der Homosexualität eines Mitmenschen ausdrückt, gehört in der Tat nicht zum Chor der schwulen Gemeinde. Doch inwiefern sollte das verwunderlich sein?

Das erstaunt, auch vor dem Hintergrund der Geschichte. Die moderne Homosexuellenbewegung ist jung, in diesen Tagen hat sie ihr vierzigjähriges Jubiläum gefeiert. Kaum eine andere Emanzipationsbewegung hat in so kurzer Zeit so viel erreicht. Von Ächtung und Diskriminierung kann keine Rede mehr sein. Einst verlacht und verfolgt, üben Homosexuelle heute selbstverständlich alle erdenklichen Bürgerrechte aus.

Entweder versucht Gut seine Leser hier arglistig zu täuschen, oder er ist tatsächlich unwissend. Sicher, wenn man den gleichberechtigten Ehestatus nicht als Bürgerrecht definiert, könnte man argumentieren, dass der Gleichberechtigung genüge getan wurde. Zu kolportieren, Schwule und Lesben würden vierzig Jahre nach Stonewall nicht mehr geächtet und diskriminiert; eine solche These zeugt allerdings von atemberaubender Ahnungslosigkeit.

Besonders akzeptiert sind sie in der Schweiz. Im Jahr 2005 hat der Souverän mit 58 Prozent der Stimmen sogar ja gesagt zu den eingetragenen Partnerschaften – in der weltweit einzigen Volksabstimmung zum Thema.

Das alles ist schön, keine Frage, ändert aber nichts an der Tatsache, dass von einer konsequenten Gleichstellung mit den Rechten heterosexuelle Paare noch keine Rede sein kann. So bleibt es schwulen und lesbischen Paaren weiterhin verboten, Kinder zu adoptieren und auch der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin ist ihnen verwehrt. Doch sehen wir großzügig darüber hinweg und gestehen Gut zu, dass das Gesetz nichtsdestotrotz ein „triumphaler Aufstieg“ der Rechte homosexueller Menschen ist:

Doch die rechtliche Gleichstellung macht bloss einen Teil des triumphalen Aufstiegs aus. Die Anerkennung, die Homosexuelle geniessen, geht weit darüber hinaus. Der Staat fördert sie, die Gesellschaft buhlt um ihre Gunst. Die Schwulen bestimmen heute, wie über Schwule zu denken und zu sprechen ist.

Selbst wenn wir das Spielchen mitspielen, stellt sich die Frage, wo denn, bitte schön, schön Gut hier ein Problem sieht? Denn ist es nicht so, dass der Staat auch Heterosexuelle fördert, die Gesellschaft um deren Gunst buhlt und Heterosexuelle bestimmen, wie über Heterosexuelle zu denken und zu sprechen ist?

Und vor allem, worüber man nicht sprechen darf. Der Punkt scheint erreicht, wo die Propagierung des eigenen Lebensstils auf Kosten der Meinungsäusserungsfreiheit ins Intolerante kippt. Jüngstes Beispiel ist der Fall von Carrie Prejean, die den Titel einer Miss California wegen kritischer Äusserungen zur Homoehe abgeben musste.

Zunächst einmal, musste Carrie Prejan den Titel der Miss California nicht abgeben, weil sie sich kritisch zur Homo-Ehe geäußert hat, sondern weil sie gewisse Vertragsbedingungen nicht erfüllen wollte. Weiterhin ist es reichlich bemüht, ausgerechnet diesen Fall als Fanal für eine Gefährdung der Meinungsfreiheit zu sehen. Carrie Prejan hat dargestellt, dass sie Schwulen ein Recht verwehren würde, dass sie selbstverständlich in Anspruch zu nehmen bereit ist. Warum nun ein schwules Jury-Mitglied diese Äußerung auch noch belohnen bzw. keine Beachtung schenken sollte, erklärt uns Gut nicht. Mehr noch: In jedem anderen Fall als den der Homosexualität, würde Gut überhaupt nicht auf die Idee komme, dass hier die Meinungsfreiheit eingeschränkt würde. Wie wäre es z. B., die Prejan hätte sich gegen die Ehe für Moslems ausgesprochen? Würde man es dann auch als „intolerant“ empfinden, wenn ihr ein moslemischer Preisrichter die Krone verweigert?

Längst haben die Schwulen den Spiess umgedreht. Belege dafür drängten sich in den letzten Tagen und Wochen geradezu auf. In Berlin zogen am Samstag aus Anlass des Christopher Street Day Zehntausende von Lesben und Schwulen zum Brandenburger Tor, angeführt vom schwulen Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Riegelt man für diskriminierte Minderheiten ganze Innenstädte ab?

Welcher Spieß soll hier bitte schön umgedreht worden sein? Will uns Gut etwa weismachen, Schwule wären die einzigen, die Demonstrationen veranstalten dürfen, für die Innenstädte abgesperrt werden? Will er tatsächlich behaupten, die Tatsache, dass es den CSD gibt, sei ein Ausweis einer Gesellschaft, die Homosexuelle ebenso akzeptiert wie Heterosexuelle?

Ähnliches gilt von der Euro-Pride in Zürich. Das Hochamt der internationalen Homogemeinde dauerte vom 2. Mai bis zum 7. Juni, länger als einen Monat. Dabei überboten sich öffentliche Hand und private Sponsoren mit Unterstützungsleistungen. Entsprechend ging der Dank der Veranstalter an unzählige Stellen: ans Stadtpräsidium, an den Stadtrat, das Präsidialdepartement, das Polizeidepartement, das Amt für Bewilligungen, die Elektrizitätswerke, an Grün Stadt Zürich, die Wasserwerke, das Tiefbauamt, an Schutz und Rettung, die Zürcher Aids-Hilfe, an Zürich Tourismus sowie an den Regierungsrat, die Kantonalverwaltung, den Lotteriefonds (er überwies 100 000 Franken), die Standortförderung und die Greater Zurich Area. Unter den Sponsoren waren British Airways, Campari, Coca-Cola, Nivea, Red Bull, die SBB und andere mehr.

Und noch einmal? Worin besteht hier das Problem? Unterstützen Firmen, Kommunen und Behörden nicht auch Familien, konventionelle Stadtfeste und die Love Parade?

Zum Kult um die Schwulen gehört die Anbiederung. Sacha Baron Cohen hat als PR-Gag zur Lancierung seines Films in den Niederlanden den Rotlichtbezirk von Amsterdam in «Pink Light District» umbenannt. Doch auch hier hinkt die Satire der Wirklichkeit hinterher. Zum 25-Jahr-Jubiläum der Bewegung (1994) strahlte New York das Empire State Building zwei Tage lang in den Farben Rosa und Fuchsia an. Tel Aviv stellte vergangenen Monat anlässlich der Gay Pride Parade auf Regenbogenbeleuchtung um. Und auch Zürich übt sich in chamäleonhafter Anpassung. Die Stadt hisste – neben dem Schweizerkreuz und dem Züri-Wappen – während der Euro-Pride die Homofahne.

Soll es nun darauf hinauslaufen? Wird der „Kult um die Schwulen“ tatsächlich mit der Regenbogenflagge begründet? Worum geht es Gut? Ärgert er sich, dass Heteros keine Flagge haben? Mitnichten! Seine Argumentationskern ist noch undurchsichtig, kommt aber langsam ins Rollen: Eben der Umstand, dass Heterosexuelle keine Flagge haben, kein Äquivalent zum CSD und keine Führungen zu heterosexuellen Zootieren, muss als Beweis um den „Kult“ herhalten, der um die Homosexualität gemacht wird.

Und diese Beispiele sind ja noch lange nicht alles:

Die Liste lässt sich verlängern. Im Zürcher Zoo fanden Führungen zu schwulen Tieren statt. Die SP, die Partei der lesbischen Stadtpräsidentin Corine Mauch, warb mit dem Zungenbrecherspruch «Wir sind Partei für lesBischwule Anliegen». Besonders hervor tat sich die Stadtpolizei. Sie schaltete ganzseitige Inserate, die rosa gepolsterte Handschellen zeigten. Darunter der Text: «Willkommen zur Euro-Pride 2009. Wir sorgen für Sicherheit, damit Zürich eine weltoffene, tolerante Stadt bleibt.»

Und? Ist es in der Gesellschaft selbstverständlich zu wissen, dass es Homosexualität im Tierreich gibt? Sind lesbische Stadtpräsidentinnen selbstverständlich? Ist es selbstverständlich, dass die Polizei – einst das Machtorgan zur Inhaftierung Homosexueller – zeigt, dass sie sich dem Schutz Schwuler und Lesben verpflichtet fühlt? Ist es das wirklich?

Bei solchen Auftritten liess es die Stadtpolizei nicht bewenden. Unter ihrem Patronat führte Pink Cop, der Verein homosexueller Polizistinnen und Polizisten in der Schweiz, eine «internationale Fachtagung» durch. Der Titel hiess, so selbstredend wie selbstbezogen: «Polizei und Homosexualität». Die schwulen Ordnungshüter fordern, «dass alle Schweizer Polizeikorps» das Thema «Homosexualität in den eigenen Reihen bereits in der Grundausbildung behandeln – wie es die Stadtpolizei seit Jahren betreibt».

Was nagt an Gut? Was genau stört ihn? Es ist doch wohl nicht von der Hand zu weisen, dass Homosexuelle in der Stadtlandschaft ein weitaus höheres Risiko eingehen, beschimpft und verprügelt zu werden, als dies Heteros tun. Warum sollte sich die Polizei nicht mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen, wenn es Homosexuelle nun mal gibt?

Und gleiches gilt auch für die Armee:

Seit dem 1. Januar 2009 verfügt die Schweizer Armee über einen entsprechenden Befehl. Der einfühlsame Umgang mit homosexuellen Kameraden ist «Pflichtthema» in der Kaderausbildung. Sehr zur Freude der Queer Officers Switzerland. Der schwule Offiziersverein geht der Armeespitze mit «Engagement» zur Hand, um «die Ausbildungseinheiten mitzugestalten und die höheren Kader zu beraten und zu unterstützen».

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wo liegt das Problem von Gut? Worum geht es ihm? Will er eine Indoktrinierung der Gesellschaft hin zur Homosexualität konstruieren? Man könnte fast dieser Meinung sein:

Selbst vor Kindern und Schulen machen die schwulen Pressure-Groups nicht halt. «Die Schule ist ein Ort, an dem Homosexualität nur beschränkt Zutritt hat – vielleicht eine letzte heterosexuelle Bastion?», klagten die Initianten der Euro-Pride. «Die Thematisierung von Fragen zur sexuellen Orientierung» müsse «sowohl mit der allgemeinen Sexualerziehung als auch fächerübergreifend im jeweiligen Kontext in allen Altersstufen behandelt werden». Von der Unterstufe bis zum Militär, vom Erstklässler bis zum Armeeoffizier: «Homosexualität» soll lebensbegleitender Pflichtstoff werden.

Und schon wieder bleiben nur Fragen. Ist sich Gut nicht über die Lage homosexueller Schüler im Klaren? Hat er noch nie von den höheren Raten für Depressionen und Suizid unter homosexuellen Jugendlichen gehört? Ist ihm bewusst, dass „Schwuchtel“ zu den beliebtesten Schimpfworten auf dem Schulhof gehört? Warum sollten Kinder und Jugendliche im Sexualunterricht nicht lernen, dass es auch Homosexualität gibt? Hab ich umgekehrt etwa protestiert, als mir in der Schule erklärt wurde, dass ein Junge sich in ein Mädchen verliebt, gehöre zum natürlichen Gang der Dinge?

Bitte, Gut, kläre uns auf:

Es geht auch längst nicht mehr darum, ob Schwule und Lesben ihre Sexualität praktizieren dürfen. Was hier zum Ausdruck kommt, ist etwas anderes. Wir haben dem Phänomen religiöse Züge attestiert, der konservative amerikanische Autor Dinesh D’Souza spricht von einer «Ideologie».

Ein Vergleich mit der Antike erhellt, was damit gemeint ist. Unter den alten Griechen gab es viele Schwule, darunter so berühmte wie Sokrates. Doch das bedeutete nicht, dass der Philosoph die Welt durch eine rosa Brille betrachtete. Sokrates war auf selbstverständliche Weise schwul, aber er hätte nie beabsichtigt, die Schule, den Staat, die Armee daran zu messen.

Mir persönlich ist es ziemlich schnuppe, woran Sokrates seine Homosexualität nicht gemessen haben soll. Denn ich für meinen Teil, beurteile Schule, Staat und Armee, und zwar genau daran, ob er mit Homosexuellen so umgeht wie mit Heteros. Bisher lautet die Antwort darauf leider „Nein“.

Wo ist der Punkt, an dem der berechtigte Protest gegen Unterdrückung, Verkennung und Diskriminierung umschlägt in peinliche Propaganda für persönliche Vorlieben? Wie sehr interessiert es uns eigentlich, wer welchen sexuellen Praktiken nachgeht und warum? Kommt als Nächstes die Latexfraktion? Oder beglücken uns die Tierliebhaber mit ihren Vergnügungen? Exhibitionismus wird zum Massenphänomen.

Der Vergleich mit Latexfetischisten und Tierliebhabern; der Verweis auf exhibitionistische Massenphänomene, insbesondere aber die Reduzierung der Homosexualität auf „sexuelle Praktiken“ ist nur die Spitze des Eisberges der endgültig klar macht, worum es Gut eigentlich geht. Um eine klare Separierung zwischen Hetero- und Homosexualität. Erstere dürfen natürlich über ihre Sexualität an Schulen aufgeklärt werden, sie dürfen auch bei der Armee auch sagen, dass sie verpartnert sind. Wenn es um Schwule geht, wird daraus allerdings „Propaganda“, „Exhibitionismus“ und eine Zurschaustellung „sexueller Praktiken“.

Homosexualität ist Weltanschauung und politisches Programm geworden. Eine Nebensächlichkeit drängt sich ins Zentrum. Homosexuelle Politiker wie Klaus Wowereit oder Corine Mauch werden nicht nach ihren Überzeugungen und Taten beurteilt, sondern nach ihren sexuellen Präferenzen. «Enttäuscht sind viele Schwule und Lesben darüber, dass Obama bisher keine offen homosexuelle Person in sein Kabinett berufen hat, doch nun fokussieren sich die Hoffnungen auf die anstehende Ernennung eines neuen Mitglieds des Obersten Gerichts», meldete kürzlich ein Schweizer Onlineportal. Es stünden zwei Lesben im Gespräch. Halleluja!

Dass Wowereit und Mauch nach ihrer sexuellen Orientierung beurteilt werden, stimmt wahrscheinlich nur insoweit, dass es Leute gab, die beide wegen ihrer Homosexualität nicht gewählt haben. Heterosexuelle Politiker dürften auch selten Hassmails bekommen, weil die Wähler mit dem Geschlecht von deren Partnern nicht einverstanden sind. Sicher, man kann es albern finden, die Qualifikation zweier Richterkandidaten danach zu bemessen, ob sie Lesben sind. Man könnte sich allerdings auch die Frage stellen ob es nicht ebenso albern ist, das Privatleben einflussreicher Persönlichkeiten ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren und bei Politikern vom Lande zu fragen, ob sie denn überhaupt verheiratet seien. Ja, auch das kommt immer noch vor.

Eigentlich haben die Homosexuellen mit der rechtlichen Gleichstellung und der gesellschaftlichen Akzeptanz ihre Ziele erreicht. Sie befänden sich in einer «sehr privilegierten Lage», die Politik sei ihnen «sehr wohlgesinnt», heisst es im Begleitheft zur Euro-Pride. Die Gegnerschaft sei «unbedeutend».

Oh ja, unsere Lage ist durchaus „privilegiert“ und unsere Gegnerschaft auch durchaus „unbedeutend“. Vor allem, wenn man sie mit der Situation vergangener Jahrzehnte vergleicht. Was allerdings nicht die Tatsache vernebelt, dass Homosexuelle weder rechtlich gleichgestellt, noch gesellschaftlich akzeptiert sind. Doch wahrscheinlich verstehen solche Feinheiten nur Homosexuelle selber.

Die Opferrolle, mit der Lesben und Schwule noch immer kokettieren, passt nicht mehr. Ihre Demonstrationen sind zu hohlen Ritualen gutmenschlicher Bekenntnisse geworden, die nichts kosten. Wer hingeht, kann sich besser fühlen eine Gratistoleranz.

Nun will ich nicht bestreiten, dass es Menschen gibt, die sich in der Opferrolle sauwohl fühlen. Ich denke auch, es wäre auch vermessen, sich als Schwuler in der westlichen Gesellschaft als Opfer zu fühlen. Dennoch fühle ich mich nicht in dem Maße anerkannt, wie es der Fall wäre, würde ich darauf Wert legen, eine Frau zum Bette zu führen. Doch eine solche Einschätzung gehört vermutlich wieder zu den Sensibilitäten, für die man schwul sein muss, um sie zu begreifen.

Geradezu ein Gemeinplatz ist geworden, dass der schwule Lifestyle weite Teile des öffentlichen Lebens dominiert. «Beim Schweizer Fernsehen sind Homosexuelle im Vorteil», titelte der Blick vor zwei Jahren. Und verwies auf schwule Moderatoren wie Kurt Aeschbacher, Sven Epiney, Patrick Rohr, Charles Clerc, Dani Fohrler und Christian Franzoso. Das Magazin widmete den Homosexuellen eine Doppelnummer. «Wir werden alle immer schwuler», wurde festgestellt. Schwule Kultur habe «nicht nur die Hoheit in Mode- und Designfragen, schwule Kultur hat uns heterosexuelle Männer (und Frauen) in fast allen Lebensbereichen beeinflusst».

Was natürlich schon ziemlich verwerflich ist, vergleicht  man es mit Zeiten, in denen Schwule, anstatt die heterosexuellen Lebensbereiche zu beeinflussen, noch in Gefängnisse gesperrt wurden.

Wenn alle schwul sind, ist niemand mehr schwul. Die Minderheit gibt längst den Ton an. Umgekehrt erstaunt es, dass Lesben und Schwule Ehen schliessen und selbst Kinder adoptieren wollen (und sich so die letzten Eigenheiten der Heterosexualität aneignen).

Erstaunen kann das allerdings nur diejenigen, die ihr Wissen über Homosexuelle allein aus den Redaktionstuben der einschlägigen Massenmedien beziehen. Nur dann nämlich kann man sich zu der aberwitzigen Behauptung versteigern, homosexuelle Menschen seien so verschieden, so „anders“ von ihren heterosexuellen Kollegen, dass sie eigentlich gar kein Interesse an Ehe und Kindern haben dürften. Aber was will man andererseits  für eine Argumentation erwarten, die Homosexualität nicht als sexuelle Orientierung, sondern als Lifestyle, Ideologie und Religion sieht?

Doch vielleicht ist Homosexualität ja nicht nur das, nicht wahr Herr Gut? Vielleicht ist sie ihrem Wesen nach auch zutiefst unmoralisch. Zur Beantwortung dieser Frage wenden wir uns doch einfach mal dem Kronzeugen Thomas Mann zu:

Frühere Generationen dachten freier. Thomas Mann, selbst homoerotisch veranlagt, sah die Homosexualität durchaus unsentimental: «Sie ist ‹freie› Liebe im Sinn der Unfruchtbarkeit, Aussichtslosigkeit, Konsequenz- und Verantwortungslosigkeit. Es entsteht nichts aus ihr, sie legt den Grund zu nichts, ist l’art pour l’art, was ästhetisch recht stolz und frei sein mag, doch ohne Zweifel unmoralisch ist.» Sie «irrlichteliere», schweife «nach allen Seiten». Ihr fehle «die Treue».

Und die Schwulen von heute sollten sich gefälligst an Mann ein Beispiel nehmen und ihre Veranlagung endlich wieder „unsentimental“ und diskret behandeln. Denn machen wir uns nichts vor. Was Gut will ist, dass Schwule wieder schön in den Schrank zurückkriechen aus dem sie herausgekommen sind, auf dass sie die normale Menschheit nicht weiterhin mit ihrem Lebensstil belästigen.

Nach der erfolgreichen Emanzipation der Schwulen dürfte man eigentlich erwarten, dass die Homosexuellenbewegung etwas lockerer wird. Welche Bedeutung hat die penetrante, ja das öffentliche Leben bedrängende «Sichtbarkeit» noch?

Schwulsein wäre dann einfach eine sexuelle Veranlagung, eine Privatsache, die nach den Regeln des guten Geschmacks in der Öffentlichkeit endlich wieder diskret behandelt würde. Man läuft ja auch sonst nicht dauernd mit offenem Hosenladen herum.

Nun, womöglich wäre ich sogar bereit, meine Veranlagung in Zukunft etwas diskreter zu behandeln. Allerdings nur, wenn auch die Heteros endlich aufhören, mich mit ihren Küssereien, ihren Hochzeitsparaden, ihren Familienbildern und ihren Fragen nach meiner Freundin zu belästigen.

——————————–

Update (3.07.09) Absatz über Carrie Prejan korrigiert.

18 Antworten zu “Im Namen der Diskretion – Über die Kunst intellektuell zu begründen, dass Schwule einem tierisch auf den Sack gehen”

  1. martin783 2. Juli 2009 um 18:46 #

    Offen gestanden bin ich ein wenig enttäuscht über Deinen Verriss des Artikels von Gut. Es macht ein wenig den Eindruck, als ob Du im notorisch unterschwellige Homophobie vorwerfen willst. Ich glaube aber, dass Du seinem Artikel damit nicht gerecht wirst.

    „Homosexualisierung“ ist ein Schlagwort, dass Dich, wie es scheint, ziemlich aufregt. Aber ich will nicht um Worte streiten. Was Gut eigentlich mit „Homosexualisierung“ meint, weiß ich nicht – aber man kann „Homosexualisierung“ anders verstehen, als Du es Gut unterstellst: dass es nämlich darum ginge, die Gesellschaft zu Homosexualität umzuerziehen. Es geht vielmehr darum, dass mit Homosexualität eine Privatangelegenheit über Gebühr in die Öffentlichkeit getragen wird. Dass ist es ja auch, was Gut „Brüno“ unterstellt, wenn er schreibt: „Kann es sein, dass sich der Film zu Recht über das seit Jahren anschwellende Theater um Schwule, Lesben und die Bedeutung sexueller Veranlagungen in der Öffentlichkeit lustig macht?“

    Gut verwendet allerlei religiös-katholisierende Metaphern, um das öffentliche Phänomen Homosexualität zu beschreiben. „Wer sich outet, wird zum leuchtenden Märtyrer einer bekennenden Kirche. Wer sich dem Kult widersetzt, den trifft der Bannstrahl.“
    Ich kann mir nicht helfen, doch habe ich – auch als Schwuler – den Eindruck, dass Gut die Realität damit ganz gut trifft. Ich finde es keineswegs irritierend, sondern ganz im Gegenteil völlig berechtigt, dass Gut hier auf das Coming-Out verweist. Beim Coming-Out geht es ja eben nicht bloß darum, sich der heterosexuellen Mehrheit gegenüber als homosexuell zu erklären, um sich von allerlei Belästigungen zu befreien (als ob es besser wäre, wenn die Eltern, Verwandten und Freunde plötzlich fragen, ob man denn nicht schon einen Freund habe, oder ob man den Neuen in der Parallelklasse nicht auch total scharf fände). Vielmehr wird das Coming-Out zum Initiationsakt stilisiert: Indem man öffentlich Bekenntnis ablegt, das schwule Credo spricht, wird man in die homosexuelle Kirche aufgenommen. Das Coming-Out ist der Moment, an dem man sein sexuelles Schicksal aktiv in die Hand nimmt, eine Entscheidung trifft, sich überhaupt erst als Person konstituiert und den wahren Kern seines Wesens vor aller Augen enthüllt. – In meinen Augen eine völlig verfehlte Idee davon, was Liebe und Sexualität zwischen Menschen bedeutet.
    Jedenfalls geht es eben nicht bloß darum, seinem Umfeld deutlich zu machen, dass man als Junge oder Mann eben nicht auf Frauen steht. Im Gegenteil: das Coming-Out ist in seinem Wesen ein _öffentlicher_ Akt.

    Mit der Tatsache, dass es weiterhin Diskriminierung von Homosexuellen, sowohl auf privater Ebene, als auch auf rechtlicher Ebene gibt, hat das erst einmal nichts zu tun. In dieser Feststellung steckt lediglich die Verwunderung darüber, dass Menschen ihr sexuelles Selbstverständnis nach außen tragen und dadurch ihr Privatleben veröffentlichen und repolitisieren.
    Um es deutlich zu sagen: Heterosexualität ist keine öffentliche Angelegenheit. Heterosexuelle werden nicht als Heterosexuelle vom Staat gefördert. Die Gesellschaft buhlt nicht um die Gunst von Heterosexuellen als Heterosexuellen und Heterosexuelle bestimmen auch nicht darüber, wie über Heterosexuelle als Heterosexuelle zu denken und zu sprechen ist. Hier besteht ein fundamentaler Unterschied zum gesellschaftlichen Diskurs über Homosexualität – und dieser Unterschied liegt eben auch darin begründet, wie sich (viele) Homosexuelle öffentlich stilisieren.

    Selbstverständlich kann man sagen, dass es bis zu einem gewissen Grad notwendig ist, Homosexualität in der Öffentlichkeit zu thematisieren, gerade um auf bestehende Diskriminierungen hinzuweisen und Missstände zu beseitigen. Das ist völlig klar.
    Allerdings hat, obwohl sich die Diskriminierung von Homosexuellen hierzulande glücklicherweise sehr reduziert hat, die öffentliche Thematisierung von Homosexualität nur noch an Intensität zugenommen. Es wäre zu fragen, ob die klare Separierung von Homo- und Heterosexualität, die Du Gut unterstellt, nicht gerade erst hier eingeführt wird. Die Phänomene werden erst an dem Punkt auseinandergegliedert, wo man beginnt, sie wahrzunehmen – und in diesem Fall muss man sie wahrnehmen, denn ihre Wahrnehmung ist gewollt.

    Eine liberale und demokratische Gesellschaft – jetzt komme ich sozusagen zum Grundsätzlichen – zeichnet sich dadurch aus, dass sie zwischen privater und öffentlicher Sphäre scharf trennt. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Liberalismus und Totalitarismus (und nicht etwa, dass es dort keine Menschenrechte oder keine demokratische Partizipation gäbe). Ich würde gerne in einer Gesellschaft leben, in der es nicht von öffentlichem Interesse ist, dass ich mit einem Mann zusammenlebe und ihn liebe. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Homosexualität kein politisch relevantes Thema ist, und in dem ich nicht von „Gesinnungsgenossen“ implizit dazu verpflichtet werde, mein „Bekenntnis“ vor das Forum der Öffentlichkeit zu tragen. Wenn Du so willst: Ich will, dass Schwule wieder in den Schrank zurückkriechen, aus dem sie herausgekommen sind, und die Menschheit nicht weiterhin mit ihrem Lebensstil belästigen.
    Bedauerlicherweise hat die Bekenntnisgemeinschaft den Umschlagspunkt nicht erkannt, an dem aus der Öffentlichmachung um der Gleichstellung eine Öffentlichmachung um der Selbstdarstellung Willen geworden ist. Es liegt nahe, gerade in dieser narzisstischen Nabelschau eine Ursache für das Wiedererstarken von Homophobie in Teilen der Gesellschaft zu sehen – ein bekanntermaßen politisch nicht gerade korrekter Gedanke, der uns aber, wie ich finde, in eine ziemlich tragische Situation führt, zu deren Lösung ich nichts zu sagen weiß.

    Schwulsein sollte nichts weiter als eine sexuelle Veranlagung sein, eine Privatsache, die nach den Regeln des guten Geschmacks in der Öffentlichkeit endlich wieder diskret behandelt wird. Wohlgemerkt: Dass heißt nicht, dass man sich nicht wie auch Heteros in der Fußgängerzone küssen, Hochzeit feiern oder mit Fragen nach dem Freund belästigen darf. Aber das heißt, dass man seine sexuellen Neigungen sorgfältig von politischen Statements unterscheidet und sich nicht mit dem Gestus des Bekenners selbst stilisiert.

  2. Adrian 2. Juli 2009 um 19:42 #

    „Offen gestanden bin ich ein wenig enttäuscht über Deinen Verriss des Artikels von Gut.“

    Das macht nichts.

    „Es macht ein wenig den Eindruck, als ob Du im notorisch unterschwellige Homophobie vorwerfen willst.“

    Ich unterstelle Gut konkret heteronormatives Denken.

    „Es geht vielmehr darum, dass mit Homosexualität eine Privatangelegenheit über Gebühr in die Öffentlichkeit getragen wird.“

    Was heißt „über Gebühr“?

    „Vielmehr wird das Coming-Out zum Initiationsakt stilisiert: Indem man öffentlich Bekenntnis ablegt, das schwule Credo spricht, wird man in die homosexuelle Kirche aufgenommen.“

    Diese Pauschalisierung ist, mit Verlaub, einfach nicht richtig. Das Coming-Out ist für viele Schwule ein sehr schwieriger, schmerzhafter Prozess der sich teilweise über Jahre hinzieht. Von einem öffentlichen Bekenntnis in Form eines religiösen Ritus kann hier keine Rede sein.

    „In dieser Feststellung steckt lediglich die Verwunderung darüber, dass Menschen ihr sexuelles Selbstverständnis nach außen tragen und dadurch ihr Privatleben veröffentlichen und repolitisieren.“

    Das sexuelle Selbstverständnis wird zwangsläufig nach außen getragen werden müssen, weil sonst sowieso jeder annimmt, man sei hetero. Aus meiner Sicht tragen Heteros ständig ihr Privatleben und ihr „sexuelles Selbstverständnis „nach außen. Ich find das okay, das gehört zum Menschsein, aber warum sollten Schwule das nicht dürfen?

    „Um es deutlich zu sagen: Heterosexualität ist keine öffentliche Angelegenheit.“

    Doch das ist sie. (Und wie gesagt, so wie es ist, ist das auch okay)

    „Heterosexuelle werden nicht als Heterosexuelle vom Staat gefördert.“

    Doch das werden sie: Ehegattensplitting, Eheprivileg.

    „Die Gesellschaft buhlt nicht um die Gunst von Heterosexuellen als Heterosexuelle und Heterosexuelle bestimmen auch nicht darüber, wie über Heterosexuelle als Heterosexuelle zu denken und zu sprechen ist.“

    Da bin ich anderer Meinung. Natürlich nennt man Heterosexuelle, wenn man um sie buhlt, nicht Heterosexuelle. Man nennt sie statt dessen „Familien“, „Paare“, „große Liebe“, „Valentinsschatz“, „Ehepartner“. Man plakatiert sie in Werbefilmen, Anzeigen, Reportagen, in Filmen und im Fernsehen.
    Man sieht die Heterosexualität nicht, weil sie normal und allgegenwärtig ist. Im Gegensatz zur Homosexualität: Dort sieht man erst einmal nicht das Paar; nicht deren Liebe, sondern die sexuelle Orientierung.

    „Ich würde gerne in einer Gesellschaft leben, in der es nicht von öffentlichem Interesse ist, dass ich mit einem Mann zusammenlebe und ihn liebe.“

    Ich auch.

    „Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Homosexualität kein politisch relevantes Thema ist, und in dem ich nicht von “Gesinnungsgenossen” implizit dazu verpflichtet werde, mein “Bekenntnis” vor das Forum der Öffentlichkeit zu tragen.“

    Ich auch.

    „Wenn Du so willst: Ich will, dass Schwule wieder in den Schrank zurückkriechen, aus dem sie herausgekommen sind, und die Menschheit nicht weiterhin mit ihrem Lebensstil belästigen.“

    Ich versteh nicht genau, was das heißen soll. Inwiefern belästigen Schwule die Menschheit mit ihrem Lebensstil?

    „Es liegt nahe, gerade in dieser narzisstischen Nabelschau eine Ursache für das Wiedererstarken von Homophobie in Teilen der Gesellschaft zu sehen – ein bekanntermaßen politisch nicht gerade korrekter Gedanke“

    Homophobie resultiert aus der Existenz von Homosexualität. Das ist allerdings das Problem der Homophoben, nicht der Schwulen. Die Schwulen für Homophobie verantwortlich zu machen, finde ich reichlich dreist.

    „Aber das heißt, dass man seine sexuellen Neigungen sorgfältig von politischen Statements unterscheidet und sich nicht mit dem Gestus des Bekenners selbst stilisiert.“

    Das habe ich auch gar nicht bestritten. Nur geht es mir darum in meiner Kritik an Guts Artikel gar nicht.

  3. martin783 2. Juli 2009 um 21:14 #

    Zum heteronormativen Denken:
    Was heißt „heteronormatives Denken“? Ebenso gut könnte man behaupten, Du würdest „homonormativ“ denken, weil Du die soziale Präsenz von Heterosexualität in besonderer Weise wahrnimmst. Dass Du z.B. in Ehegattensplitting und Eheprivileg eine staatliche Förderung von Heterosexualität als Heterosexualität siehst, ist homonormativ gedacht. Denn natürlich werden heterosexuelle Ehen nicht bevorzugt und gefördert, weil es dabei um Heterosexualität ginge. (Im Grunde genommen weiß ich nicht, warum Ehen überhaupt gefördert werden, wenn nicht aus reiner Gewohnheit. Vielleicht geht es auch um Reproduktion, aber das wäre ja auch nicht Heterosexualität.) Das ändert wiederum nichts daran, dass homosexuelle Partnerschaften dadurch benachteiligt werden. Dennoch bedeutet Benachteiligung von Homosexuellen nicht gleichzeitig, dass Heterosexuelle deshalb bevorzugt werden, weil sie eben heterosexuell sind. Das ist ein Gedankensprung, der sich, mit Verlaub, einen Gedanken zu wenig macht. Im Übrigen halte ich Begriffe wie „heteronormativ“ für poststrukturalistisches Wirrwarr, von dem kein vernünftiger Mensch recht weiß, was es eigentlich bedeuten soll. Fehlt nur noch, dass Du anfängst die Geschlechter zu que(e)ren.

    Zum Coming-Out:
    Gut, das war eine Pauschalisierung, für die ich mich hiermit entschuldige. Es ist allerdings mein Eindruck, dass das Coming-Out ein in schwulen Kreisen reichlich mystifiziertes Etwas ist. Um ehrlich zu sein war mir noch nie ganz klar, was das eigentlich sein soll: ein Coming-Out. Wenn es bloß darum geht, festzustellen und zu akzeptieren, dass man als Mann auf andere Männer steht, dann will ich den Begriff gerne übernehmen. Aber für mein Dafürhalten ist mit dem Begriff eben doch immer auch eine ganze Menge mehr verbunden, z.B. ein geradezu bizarrer Absolutismus, eine Entscheidung und eben dieser Identität stiftende Bekenntnischarakter. Ich bin aber eine ganze Menge mehr als bloß schwul, und fühle mich eingeengt von diesen semantisch überfrachteten Vokabeln, die soviel Bedeutungsschwere für sich beanspruchen (dazu gehört übrigens auch das Wort „schwul“ – ich neige dazu, es nicht auf mich anzuwenden).

    Zum Thema Öffentlichkeit:
    Vielleicht meine ich mit Öffentlichkeit etwas anderes als Du. In gewisser Weise ist die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum offensichtlich nicht klar zu ziehen: Wenn ich in meinen Freund in der Fußgängerzone küsse, dann ist das irgendwie etwas Öffentliches, obwohl es sich im Grunde um eine zutiefst private Handlung handelt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen diesem allgemeinen öffentlichen Raum und dem öffentlichen Raum, der mit politischen Stellungnahmen zu tun hat. Hier besteht eben die scharfe Unterscheidung, die durch den Liberalismus gezogen wird: Was wer mit wem im Bett treibt ist keine Angelegenheit von öffentlichem Belang.
    Mit „über Gebühr“ meinte ich, dass viele Schwule ihre Sexualität in einer Art und Weise in diesen öffentlichen Raum hineintragen, die nicht nur damit zu begründen ist, dass sie gesellschaftliche Missstände beheben wollen. Vielmehr geht es dort in erster Linie um Selbstdarstellung und um Lust an der Provokation. Das sind aber Verhaltensweisen, die in der politischen Öffentlichkeit nichts zu suchen haben, etwa unter Inanspruchnahme des Demonstrationsrechts. Damit belastet man im Gegenteil die demokratische politische Kultur mit Privatangelegenheiten, die niemanden etwas angehen (sollten). Und daran kann man auch nochmal den Unterschied zur Heterosexualität benennen: Natürlich demonstrieren auch Heterosexuelle z.B. dagegen, dass die Steuerprivilegien der Ehe abgeschafft werden (oder sie würden es tun, falls mal jemand auf diese kluge Idee käme). Aber sie tun das, um politische Interessen zu artikulieren, und nicht, um andere auf ihre Heterosexualität hinzuweisen.
    Es ist nicht in Ordnung, wenn man bei Homosexuellen in erster Linie „nicht das Paar, nicht deren Liebe, sondern die sexuelle Orientierung“ sieht. Das ist aber oft auch wenig verwunderlich, wenn die Öffentlichkeit wochenlang mit der Präsentation dieser sexuellen Orientierung konfrontiert wird (und nur daran entzündet sich Guts Artikel). Nichts anderes meinte ich übrigens mit dem Schwule-in-den-Schrank-zurück-und-Menschheit-nicht-weiter-belästigen-Satz, den ich mir aus Deinem Text geborgt habe. Schwule sollten ihr Schwulsein nicht unterdrücken, aber sie sollten es dort ausleben, wo es hingehört und wo auch Heterosexuelle ihr Heterosexuellsein ausleben. Und das ist eben nicht die Öffentlichkeit, sondern – bildlich gesprochen – der Schrank.

    Zum Thema Homophobie:
    Es liegt natürlich nahe, derartige Argumente mit dem Hinweis auf ihre Dreistigkeit wegzufegen. Dass sie oft genug in Zusammenhängen geäußert werden, die noch erheblich heikler sind als Homophobie (z.B. Antisemitismus), macht es nicht gerade leichter, sie vorzubringen. Man könnte es aber auch anders ausdrücken: eine politische und gesellschaftliche Präferenz für bestimmte Gruppen schürt Neid und Aggression in anderen, sich benachteiligt sehenden Gruppen. Damit ist weder gesagt, dass dieser Neid berechtigt ist, noch dass die bevorzugten Gruppen dafür Verantwortung tragen. Es wird schlicht eine Beziehung zwischen zwei sozialen Phänomenen hergestellt. Wahrscheinlich wirst Du die öffentliche Präferenz für Schwule bestreiten, nur bin ich da (mit Gut) anderer Ansicht, und finde es (moralisch) bedenklich, wenn Schwule und Lesben positive Diskriminierung nicht nur ausnutzen, sondern auch noch rechtfertigen und die Kritik daran als „dreist“ bezeichnen. Im Grunde genommen läuft es auf ein klassisches affirmative-action-Problem hinaus. Affirmative Action ist bis zu einem bestimmten Punkt sicher notwendig, wird jenseits dieses Punktes aber nicht nur überflüssig, sondern gefährlich. Dieser Punkt ist in meinen Augen im Falle der Homosexualität überschritten (übrigens auch bei Frauen, vielleicht nicht bei Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe oder Religion oder einer Behinderung diskriminiert werden). Daher ist es ein großes Problem, wenn wir uns in einer Gesellschaft befinden, in der die Rechtfertigungsgründe für Affirmative Action (Diskriminierung) mit deren abzulehnenden Folgen (Diskriminierung und wiederum Diskriminierung) koexistieren.

  4. Adrian 2. Juli 2009 um 21:47 #

    „Ebenso gut könnte man behaupten, Du würdest “homonormativ” denken, weil Du die soziale Präsenz von Heterosexualität in besonderer Weise wahrnimmst.“

    Ich denke nicht, dass ich die Präsenz von Heterosexualität in besonderer Weise wahrnehme, sondern als das wahrnehme, was sie ist: Als sozial und gesellschaftlich erwünschte Norm des menschlichen Zusammenlebens, bei gleichtzeitiger Andersbehandlung homosexueller Partnerschaften.

    „Denn natürlich werden heterosexuelle Ehen nicht bevorzugt und gefördert, weil es dabei um Heterosexualität ginge.“

    Wenn dem nicht so wäre, warum werden dann eben nur heterosexuelle Ehen gefördert? Warum nur die Ehe zwischen Mann und Frau?

    „Dennoch bedeutet Benachteiligung von Homosexuellen nicht gleichzeitig, dass Heterosexuelle deshalb bevorzugt werden, weil sie eben heterosexuell sind.“

    Oh doch, das bedeutet es. Die Gegner der Gleichstellung sagen das ja selbst. Natürlich, sie sagen nicht „heterosexuelle“ Verbindungen, aber sie sagen, dass die Verbindung zwischen Mann und Frau (d. h. die Heterosexualität) besonders förderungswürdig und schützenswert sei.

    „Fehlt nur noch, dass Du anfängst die Geschlechter zu que(e)ren.“

    Keine Sorge. Nur weil ich einen Begriff aus der Queer Theory verwende, heißt das nicht, das ich ein Anhänger dieser bin. Manchmal haben aber eben auch poststrukturalistisch konnotierte Begriffe ihre Berechtigung.

    „Ich bin aber eine ganze Menge mehr als bloß schwul, und fühle mich eingeengt von diesen semantisch überfrachteten Vokabeln“

    Da geht es mir nicht unähnlich, nur sehe ich in diesem Fall keinen Bezug zu meiner Kritik.

    „Mit “über Gebühr” meinte ich, dass viele Schwule ihre Sexualität in einer Art und Weise in diesen öffentlichen Raum hineintragen, die nicht nur damit zu begründen ist, dass sie gesellschaftliche Missstände beheben wollen. Vielmehr geht es dort in erster Linie um Selbstdarstellung und um Lust an der Provokation.“

    Einverstanden. Aber geht es Gut wirklich darum? Was haben denn Bemühungen, die Bevölkerung über Homsexualität aufzuklären, ob in der Schule oder bei der Polizei mit Selbstdarstellung zu tun? Was hat es mit Selbstdarstellung zu tun, dass Schwule gleichberechtigt in der Armee dienen dürfen? Wieso das unselige Thomas Mann-Zitat?

    „Wahrscheinlich wirst Du die öffentliche Präferenz für Schwule bestreiten“

    Mehr noch, ich frage mich, wie man überhaupt auf eine solche Idee kommen kann… – aber gut

    „und finde es (moralisch) bedenklich, wenn Schwule und Lesben positive Diskriminierung nicht nur ausnutzen, sondern auch noch rechtfertigen und die Kritik daran als “dreist” bezeichnen.“

    Ich habe es als „dreist“ bezeichnet, dass du das Auftreten von Schwulen (so exzessiv es dir auch immer vorkommen mag) für Homophobie verantwortlich gemacht hast.

    Was Affirmative Action angeht, sehe ich nicht, dass ich sie in irgendeinem Fall gefordert oder gutgeheißen habe.

  5. Christian 3. Juli 2009 um 01:24 #

    Prejan wurde nicht Miss USA nachdem sie ihre bigotte Äusserung getätigt hatte. Den Miss California Titel musste sie später tatsächlich abgeben. Aber nicht wegen ihrer Äusserung, sondern weil sie bestimmte Vertragsbestandteile nicht erfüllen wollte. Mr. Trump stellte ausdrücklich klar, dass der Rausschmiss mit Prejans Gedankenpfurz nichts zu tun hatte.

    Gewinn ich damit jetzt den Preis für die „most gay answer ever“? 😉

  6. Adrian 3. Juli 2009 um 08:44 #

    @ Christian

    Ja, der ist schon zu Dir unterwegs. Hab ihn eingepackt und versandt. Ist ein ziemlich großer Preis: Sperrig aber glitterig und bunt 😀

    Die Berichtigung stimmt natürlich.

  7. Ralf 3. Juli 2009 um 18:56 #

    @Martin/Adrian

    Super Diskussion! Bravo!

    @Adrian

    bin mal wieder völlig Deiner Meinung

  8. prediger 5. Juli 2009 um 10:53 #

    der moderne homophobe hat schwule total lieb, solange sie nur vollkommen unsichtbar bleiben und bitteschön nicht in seiner welt auftauchen.

    mit einem ehrlichen „ich kann homos nun einmal nicht riechen“ kann ich umgehen. aber dieses verlogene mantra „ich habe nichts gegen schwule, ABER…“ kotzt mich zunehmend an.

    seid wenigstens ehrlich, leute! wenn schon nicht der schwulen wegen, die euch doch dermaßen auf den keks zu gehen scheinen, dann vielleicht zumindest eurer selbstachtung zuliebe. ihr belügt euch selbst!

  9. martin783 5. Juli 2009 um 20:56 #

    Um noch einmal auf unsere unabgeschlossene Diskussion von vor einigen Tagen zurückzukommen:

    Warum werden heterosexuelle Ehen gefördert?
    Ja, warum werden sie das? Um ehrlich zu sein, kenne ich keinen guten Grund, der eine besondere staatliche Begünstigung irgendeiner menschlichen Zweierbeziehung in unserer Zeit noch rechtfertigen würde. Aus historischer Perspektive dürfte es aber doch auf die Verbindung von Ehe und Familie hinauslaufen, und auf das Interesse der Gesellschaft an ihrer eigenen Reproduktion. Es ist ja kein Zufall, dass die kirchliche Eheschließung stets in enger Verbindung zur Familiengründung gedacht wurde und wird. Natürlich ist die Verbindung von Ehe und Familie heute weitgehend gelöst, so dass, wie gesagt, kein rechter Grund mehr zu bestehen scheint, die Ehe besonders auszuzeichnen. Aber es läuft eben doch darauf hinaus, dass die heterosexuelle Ehe nicht deshalb bevorzugt und gefördert wird, weil sie heterosexuell ist, sondern weil sie potentiell Kinder hervorbringt. Sonst müsste man ja geradezu annehmen, dass die Besserstellung der heterosexuellen Ehe homosexuelle Partnerschaften verhindern soll. Obwohl das einige konservative Ehe-Apologeten tatsächlich zu glauben scheinen, ist das offensichtlich ziemlicher Unfug – auch im 19. Jahrhundert wird es wohl nicht an der rechtlichen Präferenz für die heterosexuelle Ehe gelegen haben, wenn schwule Männer ihre Veranlagung unterdrückt und Frauen geheiratet haben, eher schon an anderen rechtlichen und sozialen Umständen.

    Es gibt also eine rechtliche Benachteiligung von Homosexuellen. Das bestreite ich ebenso wenig, wie die Tatsache, dass es Homophobie gibt – immer noch und verbreitet, wie ich hinzufügen muss, und womöglich sogar wieder zunehmend.
    Gleichzeitig gibt es aber eine enge Verbindung von Homosexuellenbewegung (was das auch immer sein mag), gesellschaftlichem Mainstream und politischer Korrektheit. Dabei wird, ganz banal, Macht ausgeübt auf die Art und Weise, wie innerhalb der Gesellschaft mit Homosexualität umzugehen und über sie zu denken ist. Das ist die öffentliche Präferenz für Schwule, die ich meinte.
    Es ist geächtet, wenn Menschen sich abfällig über Homosexuelle äußern – das Beispiel der Piusbruderschaft ist nur ein besonders aktuelles. Es ist aber nicht so, dass es dabei keine Rolle spielen würde, dass es um Homosexuelle geht, sondern bloß darum, dass irgendjemand schlecht behandelt wird. Vielmehr wird dieser Skandal, gerade weil es sich um Homosexuelle handelt, besonders skandalisiert.
    Ich habe Dir übrigens nicht unterstellt, dass Du Affirmative Action gefordert oder gutgeheißen hättest. Ich wollte sie lediglich zur Analogie heranziehen: es geht generell um positive Diskriminierung oder Auszeichnung von nach willkürlichen Kriterien vorgestellten Gemeinschaften.

    Was schließlich Herrn Gut angeht: Es war eigentlich nicht meine Absicht, ihn in jeder Hinsicht zu verteidigen, sondern lediglich, einige Punkte hervorzuheben, die mir wahr und richtig scheinen. Selbstverständlich sollten Schwule im Militär, bei der Polizei oder in der Schule respektiert und vernünftig behandelt werden – was von Umerziehung und Gesinnungsterror sorgfältig zu unterscheiden ist. Allerdings weiß ich nicht, was in Schweizer Schulen und im Schweizer Militär vor sich geht und kann es auch auf Grundlage von Guts Artikel nicht beurteilen. Mir scheinen dabei aber sowohl die von Gut angeführten Positionen seiner (homosexuellen) Gegner als auch Guts eigene Position zweifelhaft zu sein.

    Und das Thomas-Mann-Zitat?
    Das gefällt mir eigentlich ganz gut. Nach meinem Eindruck kommt es dem, was sich viele Schwule wünschen, sogar sehr weit entgegen. Ich persönlich werde es mit meinem Leben aber gerne widerlegen, und hoffe daher nicht nur auf den Abbau rechtlicher Benachteiligungen, sondern auch darauf, von selbsternannten Schwulenaktivisten nicht länger bevormundet zu werden. – Damit beziehe ich mich übrigens weder auf Dich noch auf Gay West, ein Blog, das ich mit großer persönlicher Bereicherung zu lesen glaube, selbst wenn ich dort vertretene Auffassungen nicht immer teile.

  10. Adrian 5. Juli 2009 um 21:28 #

    @martin783

    „Warum werden heterosexuelle Ehen gefördert?“

    Keine Ahnung. Historisch ist es vermutlich eine Verquickung von kirchlichem Machtanspruch über das Intimleben der Menschen („du darfst nur lieben/darfst Sex nur haben, wenn…“), in Verbindung mit staatlichem Wunsch nach Reproduktion.

    „Es ist geächtet, wenn Menschen sich abfällig über Homosexuelle äußern – das Beispiel der Piusbruderschaft ist nur ein besonders aktuelles.“

    Das ist mittlerweile wirklich weitgehend geächtet, zumindest in den aufgeklärten, urbanen Schichten der Gesellschaft. Und? Wo liegt das Problem? Rassismus ist auch geächtet. Warum nicht Homophobie?

    „Es ist aber nicht so, dass es dabei keine Rolle spielen würde, dass es um Homosexuelle geht, sondern bloß darum, dass irgendjemand schlecht behandelt wird. Vielmehr wird dieser Skandal, gerade weil es sich um Homosexuelle handelt, besonders skandalisiert.“

    Vielleicht ist das so, weil mittlerweile viele Menschen eingesehen haben, dass Abfälligkeiten über Homos moralisch verwerflich sind. Das ist doch gut.

    „es geht generell um positive Diskriminierung oder Auszeichnung von nach willkürlichen Kriterien vorgestellten Gemeinschaften.“

    Das versteh ich nicht. Wenn die Gesellschaft der Gruppe der Homosexuellen deutlich positiver eingestellt ist, als bspw. der Gruppe der Fundi-Katholiken, dann beruht das doch nicht auf willkürlichen Kriterien. Die einen lieben und fordern gleiche Rechte, die anderen hetzen und wollen Rechte verwehren. Das ist keine willkürliche Unterscheidung in der Bewertung beider Gruppen, sondern im Gegenteil eine zutiefst moralische.

    „Und das Thomas-Mann-Zitat?
    Das gefällt mir eigentlich ganz gut.“

    Ich finde es furchtbar. Es gehört mit zum miesesten, was ich kenne. Selbst wenn man die Zeit seiner Entstehung berücksichtigt und das – gelinde gesagt – ambivalente Verhältnis Mann’s zu seiner Homosexualität, zeugt es vom eklatanten Selbsthass. Im Kontext des Artikels von Gut, finde ich das Zitat geradezu verwerflich, denn es sagt doch nichts anderes aus, als das Schwule arme, geist- und lieblose Wesen sind; und unmoralisch obendrein.

    Nein, da höre ich mir lieber jeden Tag die Beschimpfung „dreckige Schwuchtel“ an, als eine solch entwürdigende Beschreibung meiner selbst.

  11. martin783 5. Juli 2009 um 22:01 #

    @ Adrian:

    Was daran schlimm ist, dass Homophobie geächtet ist?
    Natürlich nichts, darum geht es ja gerade: Wenn Menschen einander erniedrigen, beleidigen, verächtlich machen oder sich Demütigungen zufügen, dann sollte das geächtet werden (nicht unbedingt verboten). Das heißt aber noch lange nicht, dass gerade Homosexuelle besonders geschützt werden müssen, noch, dass jede Kritik z.B. an der Homosexuellenbewegung geächtet werden sollte.
    Es geht ja nicht darum, dass Fundi-Katholiken wegen ihrer Hetze geächtet werden. Das geschieht ja in der Tat nach moralischen Kriterien. Es geht bloß darum, dass Homophobie auch nicht schlechter ist als z.B. Christophobie – keine willkürlich ausgewählte Gemeinschaft sollte bevorzugt werden.

    Und das Thomas-Mann-Zitat?
    Ich habe ja nicht gesagt, dass ich das Zitat als Beschreibung für mich akzeptiere. Natürlich sagt das einiges über Mann aus. Aber eine entwürdigende Beschreibung Deiner selbst? „arme, geist- und lieblose Wesen“? Immerhin: „ästhetisch recht stolz und frei“, Zweckfreiheit (l’art pour l’art) kann ja auch ein Wert sein.
    Konsequenz- und Verantwortungslosigkeit bezieht sich ja offensichtlich auf eine aus der Unfruchtbarkeit folgende Bindungsunfähigkeit und eben: Treulosigkeit, Unmoralität. In meinen Augen ein interessanter Gedanke, der angesichts eines Euro-Pride womöglich nicht ganz von der Hand zu weisen ist, der mich aber auch nicht vergessen lässt, dass genug Schwule in Liebe und Treue mit ihrem Partner zusammenleben.
    Und da ich den ganzen Gut-Artikel ja schon nicht ekelhaft und beileidigend empfunden habe, nehme ich mir die Freiheit, das nach der Lektüre des Thomas-Mann-Zitats gegen Ende des Artikels auch nicht mehr zu ändern. Es tut mir Leid, aber auf meinen Schlips ist Herr Gut nicht getreten.

  12. Adrian 5. Juli 2009 um 22:54 #

    @ martin783

    „Wenn Menschen einander erniedrigen, beleidigen, verächtlich machen oder sich Demütigungen zufügen, dann sollte das geächtet werden (nicht unbedingt verboten).“

    Ja, von einem Verbot habe ich auch nie was geschrieben. Ich unterscheide streng zwischen moralischer und rechtlicher Ächtung.

    „Das heißt aber noch lange nicht, dass gerade Homosexuelle besonders geschützt werden müssen, noch, dass jede Kritik z.B. an der Homosexuellenbewegung geächtet werden sollte.“

    Auch das habe ich nirgendwo geschrieben.

    „Konsequenz- und Verantwortungslosigkeit bezieht sich ja offensichtlich auf eine aus der Unfruchtbarkeit folgende Bindungsunfähigkeit und eben: Treulosigkeit, Unmoralität.“

    Entschuldige bitte, aber das ist doch gequirlter, kulturkonservativer Käse. Aus Kinderlosigkeit folgen zwangsläufig weder Bindungsunfähigkeit, noch Treulosigkeit, noch Unmoralität.

    Nur weil Herr Mann mit seiner Homoerotik nicht so recht zurechtkam – was ich ihm angesichts der Zeit nicht unbedingt verübeln möchte – muss Herr Gut ihn hier nicht als Kronzeuge für klassisch homophobe Vorurteile (hedonistisch-verantwortungslos, bindungslos, unmoralisch) über Schwule zitieren.

  13. martin783 6. Juli 2009 um 00:00 #

    @ Adrian:

    Dass Du dies oder jenes irgendwo geschrieben hättest, habe ich wiederum nirgendwo geschrieben. Allerdings verwundert mich Deine Reaktion auf Philipp Guts Artikel weiterhin, weil ich immer noch denke, dass er eine im Kern berechtigte Kritik artikuliert – selbst wenn man ihr längst nicht in allen Punkten folgen sollte.
    Das, was Mann schreibt, ist kulturkonservativ – ja und? Du kannst es auch gerne falsch nennen, denn aus Kinderlosigkeit folgt zwangsläufig überhaupt nichts. Aber was heißt hier „homophobe Vorurteile“? Das gezeichnete Bild entspricht im Großen und Ganzen dem, was an homosexuellem Lifestyle andauernd präsentiert und vorgelebt wird, und zwar von Schwulen, und zwar mit großer Freude. Was ist daran deplatziert? Zu beschweren haben sich, wenn überhaupt, diejenigen, die im Schatten der „Homosexualisierung“ der Gesellschaft ihr (homosexuelles) Leben ohne Verantwortungs- und Bindungslosigkeit leben. Aber die sind ja bloß bürgerlich, was heißt: langweilig und/oder reaktionär. Was kann es da schaden, wenn die von einer Handvoll Prominenten, obskuren Verbänden und karnevalesk-narzisstischen Partyumzügen geprägte schwule Hegemonialkultur von außen angegriffen wird? Wenig, wie ich finde. Sicher, Gut zeichnet nicht gerade den Weg nach Utopia, aber die Zeit, in der Schwulenaktivisten das getan haben, ist auch vorbei. Außerdem gibt es kein schwules Monopol auf Schwulenkritik. Deshalb reicht mein kommunitarisches Solidaritätspotential leider nicht aus, um mich über derartige Artikel zu echauffieren.
    Im Übrigen glaube ich nicht, dass sich Unfruchtbarkeit in diesem Zitat ausschließlich aufs Kinderzeugen bezieht, dass man das Nichtzurechtkommen mit Homoerotik überhaupt jemandem verübeln muss und dass man Thomas Mann angesichts seiner Zeit übermäßig in Schutz nehmen sollte. Wenn Gut Mann als Kronzeuge zitieren will, dann soll er das tun – auch wenn Mann nicht gerade als berechtigte Autorität auf dem Gebiet eines akzeptablen Umgangs mit Schwulen genannt werden und sich auch nicht mehr wehren kann, wenn er dafür in Anspruch genommen wird. Aber was macht das schon?
    Und nein, nichts von dem hast Du irgendwo behauptet.

  14. Adrian 6. Juli 2009 um 09:06 #

    Gut zeichnet nicht nur nicht den Weg nach Utopia, er zeigt den Weg zurück. Der Kern seiner Kritik ist klar: Zurück in den Schrank! Er will Schwule nicht sehen, nichts von ihnen hören, nicht von ihnen sprechen. Ich finde das bigott. Aber da Du ja bereits gesagt hast, dass Du seine Position verstehen kannst, weiß ich nicht, was ich noch an Argumenten anführen soll.

  15. DDH 8. Juli 2009 um 21:17 #

    Der Niedergang der Weltwoche.

  16. weltwocheonline 9. Juli 2009 um 11:04 #

    Der schwule Schrifsteller Philipp Tingler antwortet in der Weltwoche 28/09 auf den Artikel von Philipp Gut: «Es gebe einen nervigen Kult um die Schwulen, schrieb die Weltwoche. Jetzt kommt die Replik: Der Kampf um Gleichberechtigung muss weitergehen. Tunten hin oder her.»

  17. Vielleser 17. Juli 2009 um 16:12 #

    Thomas Läubli bringt es in seinem Kommentar auf den Punkt:

    „Dass im Artikel «Papi und Papi» auch noch Schwulenexperte Daniel Regli (ich halte jetzt den Nazi-Vergleich mal zurück) zu Wort kommen darf, zeigt mir, dass die Weltwoche sich dem undifferenzierten, holzschnittartigen rechtsbürgerlichen Mainstream angegliedert hat.“

  18. Thomas 25. November 2009 um 12:12 #

    *hust* realitätsfern? *hust*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: