Voll opfermäßig: Brigitte und die Piusbrüder

11 Jul

Die jüngste Polemik der Pius-Bruderschaft, für die es nicht zufällig Beifall von ganz rechts gab, hat Bundesjustizministerin Zypries von „religiösem Extremismus“ sprechen lassen:

Was die Piusbruderschaft in ihrem aktuellen Mitteilungsblatt über Homosexuelle verbreite, sei „unerträglich“, sagte die Ministerin am Donnerstag bei einer „Konferenz gegen die Verbreitung von Hass im Internet“ wie der „Tagesspiegel“ berichtet. „Im Umgang mit solch religiösen Extremisten muss das Gleiche gelten wie im Umgang mit Rechtsextremisten“, hatte Zypries bereits am Montag gefordert. Die Piusbrüder hätten die Opfer des Nationalsozialismus beleidigt und Homosexuelle diffamiert. „Die Kirche darf nicht dulden, dass unter ihrem Dach oder auch nur in ihrem Halbschatten solche Fanatiker ihr Unwesen treiben können.“

Soweit also die Meinung von Frau Zypries. Der Ort für die Wortmeldung scheint wohl gewählt, die Gleichsetzung mit den Rechtsextremisten passend, die Charakterisierung („beleidigend und diffamierend“) treffend. Doch was vermerken die Luschen von der katholischen Front dazu?

Die Piusbruderschaft selbst wehrt sich gegen die Kritik von der Bundesjustizministerin Frau Brigitte Zypries und fordert diese zur Rücknahme der Aussagen auf.

Warum?

In einer Aussendung ist davon die Rede, dass Frau Brigitte Zypries die Piusbruderschaft in schwerer Weise diffamiert habe

?

Linke Extremisten sind da ehrlicher. Die beschweren sich, wenn man sie extremistisch nennt, weil „Extremisten sind immer die anderen“, also alle „rechts von uns“ und bestehen darauf, „links-radikal“ zu sein, radikal nämlich ist gut, extremistisch hingegen böse. So viel Differenzierung ist aber vermutlich zuviel verlangt von den Herren von der katholisch-nationalen Front. Statt dessen jammert man ein wenig herum und stilisiert sich zum Opfer:

„Die Priesterbruderschaft St. Pius X. beruft sich wie jeder freie Bürger auf dieses unveräußerbare Grundrecht. Wir verkünden die Gebote Gottes, wie sie in der heiligen Schrift stehen, und eines von diesen lautet: „Du sollst nicht Unzucht treiben“.

Schon der erste Satz ist fragwürdig. Schließlich

distanziert sich auch die Piusbruderschaft nicht von Demokratiefeindlichkeit und Frauenunterdrückung. Die Suche nach Akzeptanz der Menschenrechte und Toleranz gegenüber Andersgläubigen verlief auch bei der deutschen Sektion der Piusbruderschaft bislang vergeblich.

Wer Grundrechte ablehnt, kann sich nicht gleichzeitig glaubwürdig auf sie berufen. Zum Zweiten: Was über Homosexualität in der Bibel steht, ist umstritten. Das wissen auch die Herren Piusbrüder. Wenn sie den Eindruck erwecken, ihre Sicht sei die einzige, dann lügen sie. Was schließlich Zypries‘ Gleichsetzung mit den Rechtsextremisten angeht:

Die Piusbruderschaft nahm mehrfach an Pilgerfahrten zum Grab des Nazi-Kollaborateurs Pétain teil, wobei 2007 der französische Distriktobere der Bruderschaft, Abbe Regis de Cacqueray, den „Kampf von Patin für Frankreich“ mit dem „Kampf des Lefebvres für die katholische Kirche“ verglich.

Ein interessanter Vergleich,  zeigt er doch die Beliebigkeit, mit der sich die Piusbrüder historische Analogien zurecht phantasieren. Mal setzt man die eigene Hetze gegen Homosexuelle gleich mit dem katholischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, dann identifiziert man sich mit einem Nazi-Kollaborateur. Ja, wie denn nun? Vielleicht hilft ein Blick zurück:

Marcel Lefebvre, der 1991 verstorbene Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., schrieb am 31. August 1985 in einem Brief an Papst Johannes Paul II., die Feinde der Kirche seien Juden, Kommunisten und Freimaurer.

Und wie war das mit der Berufung auf die Grundrechte?

„Der Atheismus beruht auf der Erklärung der Menschenrechte.“ predigte Lefebvre zu Allerheiligen 1990 im schweizerischen Ecône, dem Hauptsitz seiner Bruderschaft.

Als Lob war das nicht zu verstehen, sondern als klare Kampfansage, an Atheismus (also alle anderen) wie auch an die Menschenrechte. Hierfür fanden sich zahlreiche Gelegenheiten:

In den Jahren zuvor fiel er auch öffentlich durch Aussagen in Predigten auf, wonach die Militärjunta von Argentinien und die Diktatur in Chile unter Augusto Pinochet vorbildliche Regierungen seien. Lobende Worte fand er auch für die Diktatoren Franco, Salazar und Pétain.

Was eigentlich soll Frau Zypries zurücknehmen? Sie scheint doch mit jedem Wort Recht zu haben.

3 Antworten zu “Voll opfermäßig: Brigitte und die Piusbrüder”

  1. Marco 14. Juli 2009 um 07:54 #

    „Wer Grundrechte ablehnt, kann sich nicht gleichzeitig glaubwürdig auf sie berufen.“

    Mag durchaus richtig sein. Aber deshalb werden die Grundrechte ja trotzdem nicht verwirkt. Grundrechte stehen auch den Feinden jener Ordnung zu, die sie garantiert – zumindest nach liberaler Überzeugung.

    Wenn jedem in der Bundesrepublik, der Grundrechte auch nur verbal in Frage stellt, diese genommen würden, wäre schließlich das gesamte politische Establishment vogelfrei. 😉

  2. Damien 14. Juli 2009 um 10:40 #

    Hi Marco,
    Du hast Recht. Ich plädiere auch nicht dafür, den Pius-Brüdern die Grundrechte zu entziehen. Mich nervt nur ihre verlogene Berufung darauf, wenn sie sie sonst ablehnen.

  3. DDH 14. Juli 2009 um 14:32 #

    @Marco: „wäre schließlich das gesamte politische Establishment vogelfrei.“

    Was nicht das Schlechteste wäre.^^

    Im Ernst: Da Establishmentarier (also Politganoven und ihre Kollaborateure im korporatistischen Wirtschaftssystem) samt und sonders nur deswegen Establishmentarier überhaupt sein können, weil sie ihre bes. gesellsch. Stellung im Spätetatismus einem komplexen System von Interventionen verdanken, also Agressoren/Gewaltinitianten sind, gäbe es keine anarcho-kapitalist. Versicherung, die diese Aggressoren gegen von ihnen selbst induzierte Gegengewalt schützen würde bzw. überhaupt könnte. Sie wären damit in der Tat „vogelfrei“.

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