Denkt endlich an die Kinder!

24 Jul

Wann immer die Forderung erhoben wird, Homosexuellen die Adoption von Kindern zu ermöglichen, erhebt sich aus den Reihen der üblichen Verdächtigen ein Sturm der Entrüstung: Kinder würden in derartigen Familienkonstellationen zur Homosexualität verführt, Lesbenpaare würden Mädchen zu Männerhassern erziehen, Männerpaare die Jungen missbrauchen. Weniger exzessive „Argumente“ richten sich auf die Geschlechtsidentität der Kinder, die durch homosexuelle Eltern gestört würde oder ganz einfach auf den egoistischen Narzismus der Homos, die nur deshalb Kinder wollen, um damit ihre eigenen selbstsüchtigen Bedürfnisse zu befriedigen. Manche Gegner argumentieren gar höchst einfühlsam, dass grundsätzlich zwar nichts gegen ein Adoptionsrecht sprechen würde, auf Grund der Intoleranz der Gesellschaft, den betreffenden Kindern, die Hänseleinen und der Spott von seiten anderer Kindern jedoch nicht zuzumuten sei.

Natürlich sind alle diese Einwände höchst fragwürdig. Ein Junge, der bei zwei Frauen aufwächst, weiß auch so, dass er ein Junge und kein Mädchen ist, schließlich hat er, was Mädchen  nicht haben. Natürlich ist die Chance in einem schwulen Haushalt schwul zu werden nicht größer als in einer konventionellen Familie, aber selbst wenn: Ist Homosexualität etwas, das man unbedingt verhindern muss? Sicher, es gibt gewiss homosexuelle Paare, die sich ein Kind wünschen, um etwas mehr Pepp in ihr Leben oder ihren Beziehungsalltag  zu bringen, aber das gleiche lässt sich von Heteros ja auch sagen. Oder entschließen die sich etwa nur deshalb für Kinder, um damit das Rentensystem abzusichern und dem Staat eine Gefallen zu tun? Sicher nicht.

Verstanden habe ich die Einwände der Gegner der Adoption durch homosexuelle Paare noch nie. Im Grunde sagen sie ja nichts anderes als dass ich, Adrian, einem Kind ein guter Vater sein kann. Aber nur solange ich mit einer Frau zusammen bin. Ziehe ich dagegen ein Kind mit einem anderen Mann groß, wären die Folgen nicht absehbar. Ist das absurd? Ja, das ist mehr als absurd.

Eine neue Studie (die ich im Wortlaut bislang leider noch nicht finden konnte), widerlegt nun alle Klischees und Vorbehalte hinsichtlich homosexueller Elternschaft. Brigitte Zypries nebst Partei, sowie die Kollegen von den Grünen, der FDP und der Linken, ziehen daraus die einzig richtige Feststellung: Denkt endlich an das Kindeswohl! Lasst Homosexuelle adoptieren!

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie liefert u.a. die „Welt„.

Doch natürlich erhebt sich, kaum wurde die Studie öffentlich gemacht, Protest. Ebenfalls in der „Welt“, breitet Robin Alexander seine Bedenken aus:

Im Kern aber geht es um etwas anderes: Schon heute ist Adoption durch Homosexuelle sehr wohl möglich. Allerdings geschieht sie selten. Ursache ist, dass es zehnmal so viele adoptionswillige Paare in Deutschland gibt wie Kinder, die Adoptiveltern suchen. Die Auswahl orientiert sich am Wohl des Kindes: Die Adoptiveltern sollen nicht zu alt sein und in stabilen und materiell sicheren Verhältnissen leben. Und sie sollen Frau und Mann sein, damit das Kind die beiden komplementären Elternteile erlebt. Und genau hier setzt Zypries an: Sie meint, Mutter und Vater sind einfach nur zwei Erziehungsberechtigte, austauschbar durch zwei Mütter oder zwei Väter. Oder vielleicht, wenn man den Gedanken weiter treibt, durch eine stabile Dreierbeziehung oder eine stabile Wohngemeinschaft.

Natürlich sind Mutter und Vater nicht einfach nur zwei Erziehungsberechtigte. Im Idealfall sind sie die liebenden Bezugspersonen für ein Kind. Aber das resultiert doch nicht aus ihrem komplementären Wesen, welches  Alexander hier auf Grund der unterschiedlichen Geschlechter konstruiert. Denn wieso sollen Mann und Frau grundsätzlich komplementär sein? Und inwiefern ist dies überhaupt entscheidend für die Entwicklung eines Kindes? Überdies ist es höchst merkwürdig, dass Alexander einen fließenden Übergang von homosexuellen Eltern zu Dreierbeziehunge zieht. Das erinnert schon sehr an die alberne Argumentation, die Homo-Ehe werde zwangsläufig auch die Polygamie gesellschaftlich legalisieren.

Sicher, Verantwortung kann in unterschiedlichen Zusammenhängen übernommen werden. Die Erfahrung aus Alltag und Geschichte zeigt allerdings, dass die klassische Familie eine ganz besondere Verantwortungsgemeinschaft ist. Zypries verlangt, diese Erfahrung auszuschlagen zu Gunsten einer schönen, neuen Familienwelt.

Die Erfahrung zeigt uns das… Haben wir denn eine andere? Gibt es Vergleichswerte aus Alltag und Geschichte? Die klassische Familie ist eben mitnichten „eine ganz besondere“ Verantwortungsgemeinschaft. Sie ist im Gegenteil eine ganz gewöhnliche Verantwortungsgemeinschaft. Und allzu oft ist sie nicht mal das, wie nicht wenige verwahrloste und misshandelte Kinder beweisen. Doch auf der Alltäglichkeit der konventionellen Familie baut Alexander seine ganze Argumentation auf: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht„, lautet die dafür passende, alte Volksweisheit mit der er seine Bedenken gegenüber homosexueller Elternschaft begründet. Leider wird dabei vergessen, dass der Bauer nicht der Maßstab für die gesamte Gesellschaft sein kann.

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Update (26.07.09): Eine Zusammenfassung der Studie gibt es hier. (Dank an bollwerk.wordpress)

Eine Antwort zu “Denkt endlich an die Kinder!”

  1. thorben 24. Juli 2009 um 19:05 #

    Naja, ich bin von wissenschaftlichen Studien als Grundlage politischer Entscheidungen generell nicht sehr überzeugt – es findet sich bekanntlich zu jedem beliebigen Thema mindestens ein promovierter Wissenschaftler der das eine behauptet, und ein weiterer, der genau das Gegenteil feststellt (ein Schelm, wer meint, dass das etwas damit zu tun hat, wer bezahlt). Deshalb würde ich es befürworten, wenn man nicht bloß auf Grund irgendwelcher „Studien“ zu der Überzeugung käme, dass homosexuelle Elternpaare nicht per se das Kindeswohl ruinieren.
    Dazu würde vielleicht schon ein wenig gesunder Menschenverstand ausreichen: In gleichgeschlechtlichen Paaren wird es eher selten vorkommen, dass eine Frau „aus Versehen“ schwanger wird und die Eltern in Versuchung geraten, diesen Parasiten vorgeburtlich zu entfernen. Auch mag man homosexuellen Paaren mit Kinderwunsch Egoismus vorwerfen – in dem Sinne, in dem eben alle Eltern, die sich Kinder wünschen, egoistisch sein können. Es stellt sich bloß die Frage, ob diese bedauernswerten Wunschkinder per se schlechter dran sind als ihre unerwünschten Zeitgenossen.
    Dass es in Deutschland viel mehr adoptionswillige Paare als potentielle Adoptivkinder gibt, trifft zwar zu. Aber woher kommt der Gedanke, dass das Vorhandensein beider Geschlechter im Elternpaar in irgendeinem Sinn „besser“ für das Kind ist? Warum hat man es bislang versäumt, den allein erziehenden Rabenmüttern und -vätern in unserem Land ihre Kinder wieder wegzunehmen, nachdem sie schon unfähig waren, nachdem Tod ihres Partners oder ihrer Trennung für ein verschiedengeschlechtliches Erzieherpaar Sorge zu tragen?
    Ich bin gar nicht der Meinung, dass man der „klassischen“ Familie ihren Wert absprechen sollte. Allerdings kann es gewiss auch nicht schaden, dabei einen etwas weiteren Familienbegriff anzulegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder mehr darunter leiden, wenn sie von homosexuellen Paaren aufgezogen werden, die in Liebe und Vertrauen zusammenleben, als etwa in zerrütteten Hetero-Familien. Warum sollte es mehr um die Geschlechter der Eltern gehen als um Liebe und Fürsorge? Nur weil der Bauer nicht fressen will, was er nicht kennt? Guten Appetit!

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