Der Geisbock und die Gretchenfrage

12 Aug

„Nun sag, wie hast du’s mit der Adoption? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Ob das mit dem „herzlich guten Mann“ in diesem Fall so passend ist, sei dahingestellt, aber Norbert Geis, bekannter Muffelkopf aus den Reihen der CSU, beantwortet eine der Gretchenfragen der modernen Zeit, mit der für ihn typisch bayerischen Bierseligkeit:

„In der Ehe und bei heterosexuellen Paaren liegt die Zukunft. Und nicht bei irgendwelchen Fehlentwicklungen.“

Autsch, „Fehlentwicklungen“. Das ist jetzt aber gar nicht nett, Nobbie, aber andererseits, von einem kulturreaktionären Wüterich wie Dir auch nicht anders zu erwarten. Mit ein wenig Differenzheit hätte man möglicherweise eingestanden, dass Du auch nur ein Mensch bist und deshalb unmöglich wissen kannst – und es Dich eigentlich auch einen feuchten Kehricht angeht – für wen wie die Zukunft aussieht.

9 Antworten zu “Der Geisbock und die Gretchenfrage”

  1. Anselm 12. August 2009 um 16:51 #

    War Norbert Geis nicht der letzte noch verbliebene Unterstützer des Geisterfahrers Martin Hohmann aus Fulda in der CDU/CSU-Fraktion?

  2. Ralf 12. August 2009 um 17:55 #

    Geis ist und bleibt, was er schon immer ist: kein Rechtsexperte, sondern ein Rechtsextremist. In seiner Gegenwart verspürt man noch heute, wie recht Bertolt Brecht hatte: Der braune Schoß ist fruchtbar noch…

  3. Thorben 12. August 2009 um 20:20 #

    Erstens verstehe ich die Aufregung nicht. Herrn Geis nennt Forderungen nach einem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare eine „Fehlentwicklung“ – das ist vielleicht keine sonderlich diplomatische Formulierung, aber auch nichts anderes als die Position vieler Politiker und Wähler der Unionsparteien. Man könnte ihm auch dankbar dafür sein, dass er seine Abneigungen wenigstens nicht in wortreiche Heucheleien packt.

    Zweitens kann man diese Äußerungen mit guten Gründen für gefährlichen Unsinn halten und Herrn Geis auch für einen Idioten und „kulturreaktionären Wüterich“, bloß hat das deshalb noch lange nichts mit Rechtsextremismus zu tun. Natürlich kann man alles und jedes, was einem nicht in den Kram passt, als rechtsextrem oder faschistisch bezeichnen. Damit erreicht man aber auch nichts anderes, als dass man aus Worten bedeutungsleere Hülsen macht.
    Es gibt in diesem Land übrigens wirklich Nazis. Ob man etwas gegen sie ausrichtet, indem man Leute wie Herrn Geis in den „braunen Schoß“ verpflanzt?

  4. Ralf 12. August 2009 um 21:20 #

    @ Thorben

    „Fehlentwicklung“, „Perversion“, „Abartigkeit“ – das ist für Geis nicht die Stiefkindadoption durch Schwule und Lesben oder gar die Adoption eines nicht von einem Partner/einer Partnerin stammenden Kindes, sondern das ist Homosexualität selbst.

    O-Ton Geis:
    „Es ist daher an der Zeit, dass diese Lebensform endlich auch in der Öffentlichkeit als das bezeichnet wird, was sie ist: die Perversion der Sexualität. Die Aufdringlichkeit, mit der sich Homosexuelle öffentlich prostituieren, ist nur noch schwer zu ertragen. Sie lassen jede Scham vermissen. Der Verlust der sexuellen Scham aber ist immer ein Zeichen von Schwachsinn (…). Deshalb muss in der Öffentlichkeit Widerspruch laut werden, damit der Schwachsinn nicht zur Mode wird.“ – „Die Gesellschaft, so lange sie noch gesund empfindet, wird diese sexuelle Lebensform nie als gleichberechtigt mit der Lebensform von Mann und Frau anerkennen.“ – „Wenn ihre Sexualität den rechtlichen Rahmen der Ehe hat, so hoffen sie, werden ihre sexuellen Praktiken (…) von dem Odium der Widerrnatürlichkeit befreit sein.“ usw. usf.

    Rechtsextremisten muss man Rechtsextremisten nennen. Die Ehre, sie als Konservative zu bezeichnen, darf man solchen Gestalten nicht antun.

  5. Thorben 12. August 2009 um 22:47 #

    @ Ralf:

    Steht dieser O-Ton im Zusammenhang mit den Äußerungen von Geis zur Adoptionsfrage, um die es ja hier in erster Linie geht, oder nicht? Ich hatte mich in meinem Kommentar vor allem auf das bezogen, was ich von Adrian verlinkt gefunden habe, und was bei Google News wiederum verlinkt war. So wie ich das dort lese, hat Geis im ZDF-Morgenmagazin die Adoption von Kindern durch Homosexuelle als „Fehlentwicklung“ bezeichnet und offenbar sogar hinzugesetzt, dass die CSU grundsätzlich nichts gegen homosexuelle Partnerschaften habe (so zitiert ihn die ddp). Das scheint mir im Großen und Ganzen der „offiziellen“ CSU-Position zu entsprechen.
    Da ich seine Äußerungen nicht live gesehen habe, habe ich mir meine Meinung aus der Wiedergabe anderer Medien gebildet. Das ist natürlich immer gefährlich, andererseits bleibt mir wenig anderes übrig. Nach diesem meinem Kenntnisstand handelt es sich um eine Verzerrung, wenn man Geis‘ Äußerungen im Morgenmagazin so wiedergibt, wie es diverse schwule Medien im Internet tun: als ob er Homosexualität dort als „Fehlentwicklung“ bezeichnet hätte (so blu.fm, pride1radio).

    Allerdings will ich hier gar keinen Grundsatzstreit darüber führen, was Geis nun genau gesagt hat oder nicht. Ich bin gerne bereit meine Meinung darüber zu revidieren. Dass Geis ansonsten alle möglichen seltsamen Ansichten vertritt, auch zur Homosexualität (die Du zitiert hast), darin bin ich mit Dir ja absolut einer Meinung. Auch dann teile ich allerdings nicht Deinen Rechtsextremismus-Begriff.

  6. Nobody 12. August 2009 um 23:10 #

    das Interwiew ist die Woche noch in der ZDF mediathek zu sehen

    Morgenmagazin vom DIenstag
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/Homo-Familie_CSU_zieht_Klage_zurueck/7TR,RD20090811,816002/815984?inPopup=true

  7. thorben 13. August 2009 um 15:37 #

    Auf die Idee, dort zu suchen, hätte ich zugegebenermaßen auch kommen können. Das Video bestätigt allerdings meine Meinung: Es besteht m.E. kein Anlass, über diese speziellen Äußerungen von Herrn Geis großen Wirbel zu machen. Dass Herr Geis sich wie jedermann in verschiedenen (politischen) Rollen und vor verschiedenem Publikum je unterschiedlich äußert, mal schärfer, mal unverbindlicher, ist bloß gewöhnlich. Bei diesem Auftritt klang er ja geradezu handzahm.
    Nicht nur, dass ich selbst im Augenblick gewiss lieber in Lugano im Urlaub wäre, als in München bei der Arbeit, muss ich ihm außerdem in einigen Punkten rechtgeben: Von einer Änderung in der Haltung der CSU ist nichts zu sehen – wenn überhaupt, so sind die neuerlich liberalen Anflüge der bayerischen Staatsregierung auf den kleinen Koalitionspartner von Herrn Seehofer zurückzuführen (so auch Zuständigkeit des Standesamtes für Lebenspartnerschaften in Bayern). Außerdem halte ich auch nicht viel von bestellten Studien und bevorzuge den gesunden Menschenverstand. Bedauerlicherweise komme ich bei Anwendung meines Verstandes zu entgegengesetzten Schlüssen wie Herr Geis, und sehe nicht einmal, inwiefern seine Argumente geeignet sein könnten, die Forderung nach einer grundsätzlichen Gleichstellung homosexueller Paare im Adoptionsrecht zurückzuweisen. Ende der Einmütigkeit.

  8. Thommen 13. August 2009 um 15:57 #

    Solange sich niemand um die schwulen Kinder und jungen Männer kümmert, sehe ich keinen Grund, warum Homosexuelle schnellstens heterosexuelle Bälger adoptieren sollten.
    Der Adoptionsanspruch entsteht nicht aus der Homosexualität oder dem hs Paar, sondern aus der Familie, die durch das allenfalls in die Beziehung gebrachte Kind eines Partners entsteht.

    Im übrigen schlagen sich viele Schwule schon seit Jahrzehnten beruflich mit Kindern rum, die Probleme in heterosexuellen Familien haben!

  9. Ralf 13. August 2009 um 21:02 #

    Es geht bei der jetzt zurückgenommenen bayerischen Klage doch ganz einfach darum, dass Leute wie Geis Kindern, die mit einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar zusammenleben (jetzt schon zusammenleben!), diejenigen Rechte verweigern wollen, die alle anderen Kinder haben. Um die Eltern geht es nur am Rande.

    Übrigens: Man sollte sich mal durchlesen, was im Dritten Reich Nazi-Größen über Schwule von sich gegeben haben, z.B. Heinrich Himmler in seiner Tölzer Geheimrede 1937 vor SS-Bonzen, dann merkt man schnell, wes Geistes Kind Gestalten wie Geis, Ratzinger und Konsorten sind.

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