Was uns eng macht und was weit

29 Aug

Am letzten Wochenende war ich auf der Zwischenraum-Jahrestagung. Es war ein wunderbares, gesegnetes Wochenende mit vielen tollen Begegnungen. In einem Gespräch kamen wir auf die These des Schweizer Psychotherapeuten Kurt Wiesendanger, wonach Schwule nach ihrem Coming-Out häufig zwischen Hedonismus und Depression pendeln – weil sie ihre sexuelle Orientierung zwar nach außen hin vertreten, innerlich aber keineswegs akzeptiert haben. Ich kenne das Buch nicht, wurde aber beim Lesen von Kester Brewins „Der Jesus-Faktor“ zu weitergehenden Überlegungen angeregt:

Brewin bezieht sich in seinem Buch auf James Fowler, der in „Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn“ sechs Stadien des Glaubens definiert, durch die Menschen wie Kirchen gehen können. Die ersten beiden Stadien beschreiben ein eher kindliches Verständnis von Gott. Im dritten Stadium ist es Menschen wichtig, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Von den darin geltenden Ansichten ist man zwar überzeugt, man hinterfragt diese allerdings nicht und kann sie daher auch nicht eigenständig argumentieren. Auf die Frage, woher sie wissen, dass wahr ist, was sie glauben, erhält man von solchen Menschen Antworten wie „Das steht so in der Bibel“ oder „Das hat mein Pfarrer gesagt“. In Stadium 4 hinterfragen Menschen ihre Glaubenssätze und werden offen für Komplexität und Widersprüche. Stadium 5 nennt Fowler „konjunktiv“. Hier ist einer z.B. in der Lage, Spannungen auszuhalten. Stadium 6 rechnet Fowler Menschen wie Martin Luther King oder Thomas Merton zu.

Ich habe mir nun überlegt, wie es sich mit frommen Schwulen verhält. Wenn sie in Stadium 3 verharren, werden sie zwischen der frommen Verurteilung der Homosexualität und ihren homosexuellen Empfindungen schier zerrissen. Also versuchen sie, die Spannung aufzulösen. Eine Möglichkeit ist der Versuch, die Homosexualität loszuwerden, dafür bieten sich Wüstenstrom und andere Vereine an, die unhaltbare Versprechungen machen. Die andere Möglichkeit ist der Versuch, Gott loszuwerden. Vielleicht ist das Stadium 4. Hier läßt sich hedonistisch leben, ohne Rücksicht auf Verluste. Ob die eigene Würde und die anderer dabei immer gewahrt bleibt, ist fraglich. Stadium 5 wäre die Erkenntnis, dass sich Homosexualität und Christentum bzw. evangelikaler Glaube nicht ausschließen.

Und dann habe ich mich gefragt, weil es bei Wiesendanger ja gar nicht speziell um homosexuelle Christen geht, wie das 6-Stadien-Modell überhaupt auf Schwule und ihre politischen Bewegungen anzuwenden wäre. Wenn die ersten beiden Stadien die Vorurteile der Gesellschaft über Schwule beinhalten, die Schwule auch erst einmal verinnerlichen (müssen), wäre das dritte Stadium das homosexuelle Selbstbild. Vor 40 Jahren sah das weitgehend so aus, dass man sich als Schwuler nur gegen die Gesellschaft und ihre Werte emanzpieren konnte. Wenn Familie, Zweierbeziehung, Treue und Kinder ausschließlich heterosexuell codiert waren, hatten Schwule eben gegen Familie und den ganzen Rest zu sein. Wenn die entwickelte kapitalistische Gesellschaft keinen Platz für Schwule bot, war man als Schwuler eben für den Sozialismus. Problematisch wird es nun, wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern und wir das nicht bemerken. Dann fechten Schwule im Jahr 2009 immer noch den Kampf gegen Familie und den ganzen Rest, für den Sozialismus sowieso. Und wer das anders sieht als Schwuler, ist ein Verräter, kann gar nicht schwul sein.

Dabei wäre es längst Zeit für Stadium 4, nein, eigentlich für Nummer 5. Aber zum Glück gibt es immer mehr bürgerliche Schwule, liberale wie konservative, linke wie rechte. Und immer mehr schwule Christen, die sich outen, auch Evangelikale. Immer mehr Schwule, die ganz selbstverständlich ihre monogame Partnerschaft leben, weil sie es so wollen und für sich als gut empfinden, die Kinder haben und das mit dem Sozialismus für den historischen Fehler halten, der er ist.

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4 Antworten to “Was uns eng macht und was weit”

  1. blogterium 30. August 2009 um 11:01 #

    Lieber Damien, Stadium 4 in den Stufen des Glaubens kann, insbesondere für Schwule und als Folge der durch die Kirchen erfahrenen Ablehnung, auch bedeuten, das man sich mit den grundlegenden Mechanismen des Glaubens beschäftigt.
    Wer diese Mechanismen hinterfragt und der Frage nachgeht, warum Menschen glauben, kommt möglicherweise zu dem Schluss, dass es möglich ist, ohne Moralvorstellungen und Heilsversprechen zu leben, die für Wüstengesellschaften am Ende der Eisenzeit durchaus ihre Berechtigung gehabt haben mögen.
    Wer sich von der Kirche und tradierten Gottesbildern abwendet, muss dabei keineswegs dem Hedonismus verfallen.
    Die europäische Aufklärung hat hier ganz andere Formen und Wege des (durchaus würdevollen) Zusammenlebens aufgezeigt. Ich sehe nicht den Hedonismus, sondern Selbstbestimmung, Freiheit und Verantwortung als Gegensatz zum kindlichen Glauben.

    Mit deiner Bewertung der politischen Bewegung machst Du dir die Sache meiner Meinung nach zu einfach. Die Schwulenbewegung der 70er-Jahre war eingebettet in eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Das reale tägliche Leben dürfte dabei in vielen Fällen ganz anders ausgesehen haben, als in der medialen Selbstdarstellung der 68er.
    Damals wie heute dürfte es einen ähnlich hohen Prozentsatz monogam- oder promisk lebender homo- wie auch heterosexueller Männer gegeben haben. Auch in den 70er-Jahren wird sich niemand gegen eine Zweierbeziehung entschieden haben, nur weil die klassische Familie hinterfragt wurde. Schon eher, weil zwei zusammenlebende Männer außerhalb der Großstädte großen Anfeindungen ausgesetzt waren.

    Das die Schwulenbewegung eher links angesiedelt war, lag in der Zeit und dürfte bis heute damit zu tun haben, das wir von konservativer Seite nach wie vor Ablehnung erfahren. Auch zwei oder drei schwule CDU-Politiker können nicht darüber hinwegtäuschen, dass CDU/CSU im Grunde gegen die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben sind. Auch von liberaler Seite kommt leider zu wenig, den linksliberalen Flügel hat die FDP in der Vergangenheit leider erfolgreich ausgeschaltet. So steht man als Schwuler heute vor dem Dilemma, das man zwar den Sozialismus als Fehler sehen kann und auf keinen Fall SED-Bonzen in Landes- oder Bundesregierung sehen möchte, aber trotzdem froh ist, dass sich wenigstens Grüne, neuerdings SPD und auch die Linke die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben auf ihre Fahnen geschrieben haben.

    Es ist zwar erfreulich, dass sich heute immer mehr Schwule unterschiedlichster Herkunft und politischer Einstellung an die Öffentlichkeit trauen. Die Freiheit, die wir heute genießen , haben wir aber in erster Linie den von Dir geschmähten Sozen zu verdanken.
    Um auf die bürgerlich-konservativen oder gar christlichen Schwulen zu warten – dafür ist das Leben leider zu kurz.

  2. Damien 30. August 2009 um 13:42 #

    Liebes blogterium,
    ich glaube nicht, dass es möglich ist, ohne Moralvorstellungen zu leben.
    Wer sich von der Kirche und tradierten Gottesbildern abwendet, kann auch aufregende und neue Erfahrungen mit Gott machen.
    Ich glaube, dass Selbstbestimmung, Freiheit und Verantwortung zu Stadium 5 gehören und auch und gerade für Christen lebbar sind. Alle drei erlebe ich als Geschenk Gottes.
    Schwule und Lesben erfahren von vielen Seiten Ablehnung, nicht zuletzt von links(extremer) und rechts(extremer) Seite. Über beides haben wir hier häufig geschrieben.
    Was unsere Freiheit angeht, sieht es beim § 175 anders aus, als von Dir gezeichnet: 1990 kündigte die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) auf Initiative der FDP-Fraktion an, den Paragraphen zu streichen und machte dies 1994 wahr. Helmut Schmidt hingegen wehrte sich noch gegen die Abschaffung mit den Worten: „Ich bin doch kein Kanzler der Schwulen.“

  3. Blogterium 30. August 2009 um 21:02 #

    Jep, eine beeindruckende Bilanz der Liberalen, bei insgesamt 41 Jahren Regierungsbeteiligung. Das in der SPD recht viel Homophobie zu finden ist, habe ich als Jugendlicher in meiner lange, lange zurückliegenden und sehr kurzen Mitarbeit bei den Jusos gemerkt. Der 86er Versuch der Grünen, den §175 abzuschaffen, ist damals leider an CDU/CSU, FDP und auch SPD gescheitert.
    Hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben, gäbe es den §175 warscheinlich immer noch.

  4. Damien 30. August 2009 um 22:14 #

    Von einer Bilanz war nicht die Rede, sondern von einem Beispiel.
    Den 86er Versuch hätte ich beinahe noch als Parteimitglied erlebt, ich bin bei den Grünen 1985 ausgetreten.
    „Hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben, gäbe es den §175 warscheinlich immer noch.“
    Glaube ich nicht.

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