Schwul ist ihm nicht schwul genug

2 Sep

Elmar Kraushaar, seines Zeichens Berufsschwuler der „taz“, hat wieder mal was zu meckern. Dieses Mal geht es um schwule Politiker, die – grande catastrophe – nicht schwul genug sind, um den Beifall des Herrn Kraushaar würdig zu sein:

…zwei bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln, einer im Kompetenzteam von Frank-Walter Steinmeier, und gleich acht hat das Homo-Magazin Männer ausgemacht, die in den Bundestag gewählt werden wollen, um sich dort zu den anderen acht zu gesellen, die bereits einen Abgeordnetensitz erobert haben.

Ein bunter Reigen von Politschwestern also, allerdings mit dem klitzekleinen Wehrmutstropfen, dass niemand von ihnen bereit ist, den Direktiven von Kraushaar zu folgen und  jeden Tag von seiner Homosexualität zu reden und „Schwulenpolitik“ zu betreiben.

Eine solche Verweigerungshaltung muss einem altlinken Grantelkopf natürlich sauer aufstoßen. Und deshalb bekommt auch Guido Westerwelle, die Lieblingszielscheibe des sozialdemokratisierten Redaktionsstuben-Establishments, sein Fett weg:

Guido Westerwelle beispielsweise gehört zur gar nicht mal so seltenen Spezies von Schwulen, die ihre „besondere Neigung“ eher als einen Unfall der Natur betrachten, und öffentlich sprach er erst über sich als Homosexuellen, als er einen Mann an seiner Seite hatte, also fast normal dastand. Dieser verschwiemelte Umgang mit der eigenen Homosexualität taugt nicht zum Schwulenidol und nicht zur politischen Gallionsfigur.

Man könnte meinen, es gehöre zum guten Recht eines jeden Menschen, sein Leben so zu leben, wie man es selbst für richtig hält. Und zeugt es nicht von einer gehörigen Portion Arroganz, denjenigen Schwulen, die nicht bei jeder Gelegenheit mit Regenbogenfähnchen am Revers aufkreuzen, vorzuwerfen, sie würden sich selbst als minderwertig betrachten?

Doch dieser „verschwiemelte Umgang“ mit der eigenen sexuellen Orientierung muss natürlich für Naserümpfen bei den Granden des progressiven Bewusstseins sorgen, weil es eben zu deren Markenzeichen gehört, selbst das Private politisieren zu wollen.

Denn eine Grundregel hat für alle Schwule gefälligst obligatorisch zu sein: Wenn du schwul bist, hat es für dich gefälligst nichts anderes mehr im Leben zu geben:

Nein, selbstbewusste Schwule sind in dem Reigen der schwulen Politiker eher die Ausnahme, und eher selten ist es auch, dass sie sich um schwulenpolitische Belange kümmern. „Ich will doch kein Schwulenpolitiker sein!“, sagen sie dann und haben Angst vor dem Vorwurf, „Betroffenenpolitik“ zu machen.

Hoch lebe dagegen die Kraushaarsche Bekenntnispolitik, in der jedem Menschen eine eindeutigen Schublade von Identitäten zugewiesen wird, um die er dann zu kreisen hat, wie die Planeten das Zentralgestirn.

Ja, es ist schon eine wahre Schande, mit den Homos in der Politik:

Aus Überzeugung jedoch ist keiner dabei, von Volker Beck mal abgesehen. Ein Harvey Milk ist hierzulande aber nicht in Sicht.

Bleibt bloß die Frage, ob man heutzutage wirklich noch eine „Gallionsfigur“ wie Milk braucht? Immerhin ist diese Episode schwuler Historie schon dreißig Jahre her. Dreißig Jahre übrigens, in denen sich allerhand getan hat. Die Schwulenbewegung und die einzelnen Schwulen selbst, sie haben sich pluralisiert, ausdifferenziert und genießen heute die Freiheit, ihre Rechte auch von innerhalb der Macht zu vertreten, oder auch völlig apolitisch zu sein.

Und das, so möchte man abschließen, das ist auch gut so.

4 Antworten zu “Schwul ist ihm nicht schwul genug”

  1. Philipp Schmidt 2. September 2009 um 20:29 #

    Ich lese dein Blog ja wirklich gerne, aber diese blinde Abneigung gegen die taz bzw. links ausgerichtete Medien – verzeih mir diese Offenheit – hast du wirklich nicht nötig. Vorallem wenn du dich über Artikel von der wahrheits-Seite auslässt, als ob sie ernst oder seriös gemeint wären.

    Als kleiner Hinweis für nicht-taz-Leser, hier die Selbstdarstellung der wahrheits-Redaktion:

    Die Wahrheit ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.

    Die Wahrheit hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.

    Die Wahrheit hat drei Grundsätze:
    – Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
    – Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
    – Warum beweisen, wenn man behaupten kann.

    (zu lesen unter http://www.taz.de/1/wahrheit/selbstdarstellung)

  2. Adrian 2. September 2009 um 20:43 #

    Lieber Philipp Schmidt,

    zunächst vielen Dank dafür, dass du das Blog gerne liest (welches im Übrigen zwei Autoren hat).

    Nun zu Deinem Einwand: Es wäre mir neu, dass ich eine „blinde Abneigung“ gegen links ausgerichtet Medien im Allgemeinen und gegen die taz im Besonderen hätte, ein Vorwurf der mir immer gerne gemacht wird, weil ich es unterlasse, alles was als „links“ daherkommt begeistert abzunicken. „Blind“ würde überdies bedeuten, dass ich um mich schlage ohne Grund. Im Gegenteil habe ich aber allzu oft Grund, gewisse Darstellungen in linken Medien zu kritisieren. Was nun die taz angeht, lese ich sie zuweilen mit äußerstem Vergnügen – auch wenn ich die Meinungen oft nicht teile – und halte sie für eine wirkliche Bereicherung in der deutschen Medienlandschaft. Und das ist keine Schleimerei 😉

    Dennoch, das gilt nicht für Kraushaar bzw. seine Texte. Mag sein, dass seine Kolumne im Satireteil der taz angesiedelt ist, dennoch frage ich mich, wo in seinen Texten denn nun genau die Satire steckt und was genau dort eigentlich auf’s Korn genommen wird. Mir scheint es eher so, als dass Kraushaar alles ernst meint, was er schreibt; was Sinn macht, schaut man sich Texte von ihm aus seiner bewegten politischen Vergangenheit an. Seine „Satire“ in der taz unterscheidet sich dabei nicht wirklich von dem, was er sonst so von sich gibt.

    Und selbst wenn Kraushaar alles satirisch meint, werde ich nicht umhinkommen, seinen schlechten satirischen Stil zu kritisieren.

    Soweit meine Einschätzung, die selbstverständlich niemand teilen muss.

  3. stine 3. September 2009 um 17:10 #

    Es ist ja schon immer traurig genug, wenn Frauen sich ein halbes Leben wissenschaftlich nur mit Frauenkrams auseinandersetzen, ich kann diesen „Gender Studies“-Unfug nicht mehr hören,boykottiere deswegen lieber weibliche Dozentinnen und gehe zu den Männern. Immer diese Reduzierungen sind doch schrecklich. Das gleiche gilt dann für Heteros, die sich für die Gleichstellung Homosexueller interessieren und einsetzen, da kann man anscheinend ja nur lesbisch (in meinem Fall) sein! Muss man denn immer gleich „betroffen“(wovon auch immer, Geschlecht, Religion, sexuelle Orientierung…) sein und umgekehrt, wenn man es ist, muss es dann zum einzigen Lebensinhalt werden?
    Deswegen, guter Beitrag.

  4. Sergej 4. September 2009 um 15:04 #

    In dem Magazin „MÄNNER“ ist auch ein interessantes Interview mit dem Sänger Mika, darum hab ich es mir gekauft! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: