Warum Norbert Bolz Schwule für das Resultat eines Betriebsunfalls hält

9 Sep

Norbert Bolz ist ein Guter. Zumindest wenn es um die Kritik des Gleichheitswahns geht, wie in seinem neuen Buch. Geht es darin allerdings um Fragen von Sexualität und Geschlecht, verliert Bolz rapide an Niveau:

Gerade die herrschende öffentliche Meinung kultiviert bestimmte Formen des Nonkonformismus; man denke etwa an die unaufhörliche Propganda des öffentlich-rechtlichen Fernsehens für homosexuelle Gemeinschaften

Stopp, wovon spricht der Mann? Ach so, er meint, dass Schwule nicht nur als Kinderschänder und tragische Existenzen dargestellt werden, wie früher einmal:

Film und Fernsehen zeigen uns vor allem auch in ihrem Unterhaltungsprogramm seit Jahren nur noch (…) Homosexuelle, die ein kultiviertes, politisch korrektes Leben führen.

Schlimmer noch, wir sind Opfer einer Kulturrevolution, die auch beinhaltet:

Nicht die Homosexuellen sind krank, sondern diejenigen, die Homosexualität verurteilen.

So ist das mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, Herr Bolz, der lässt sich nicht von ideologischen Vorbehalten bremsen. Und Sie wollen es mit der Vernunft haben?

Daran glaubt natürlich kein vernünftiger Mensch, aber man darf es nicht sagen.

Genau, sonst kommt gleich die Rosa Nostra und fickt einen von hinten. Oder der schwarze Mann:

Wir haben es hier mit einer schlichten Inversion des Kulturchauvinismus zu tun. Der Westen gilt nichts, Asien und Afrika sind Vorbilder.

Doof nur, dass die Invertierten in Afrika gar nicht so wohlgelitten sind. Irgendwie hakt die Argumentation an dieser Stelle. Aber Bolz scheint noch mehr zu übersehen:

Diversität heißt also: alle minus eins. Und dieses Eine ist die westliche Kultur der weißen Männer.

Weil die sind nämlich alle hetero, sind ja Männer, gell, Herr Bolz? Schwule wären eigentlich auch Männer, begehen aber FahnenGeschlechterflucht:

Sie erspart das Risiko, das darin liegt, dass sich Mann und Frau, um es mit der prägnanten Formel des Psychiaters Hans Bürger-Prinz zu sagen, auf das Überraschungsfeld des anderen Leibes begeben müssen.

Die Schwulen sind übrigens nicht alleine mit ihrer Feigheit vor dem Anderen, nur am ausgeprägtesten:

Die Homosexuellen stellen hier nur einen Extremwert dar. Sie ersparen sich das Risiko des anderen Geschlechts und befriedigen ihr Begehren nach Frauen an Männern – und züchten damit eine Kultur der effiminierten Männer. Das ist durchaus realitätsgerecht. Denn der Kult der Männlichkeit verträgt sich nicht mit modernen Erfolgsbedingungen. Und deshalb kann man immer häufiger beobachten, dass gerade die Erfolgreichen in die Homosexualität flüchten.

Was für ein krudes Gebräu! Schwule haben kein Begehren nach Frauen. Was Bolz hier ganz klassisch vorführt, ist die Funktionsweise von heteronormativem Denken.

Nur weil die Medien häufiger als früher über erfolgreiche Homosexuelle berichten, heißt das keineswegs, dass es nicht überall Schwule gibt. Ganz abgesehen davon, dass es Homosexualität schon immer gab. Aber wem erzähle ich das? Leute mit entsprechendem Ressentiment wie Bolz wird das einen feuchten Kehricht kümmern. Sie betrachten einfach nur den Teil der Realität, der ihre These zu bestätigen scheint. Und was nicht passt, wird passend gemacht:

Der Siegeszug der Homosexuellen in den modernen Metropolen zeigt, dass es unserer Gesellschaft heute einleuchtet, Sexualität als vollkommen formbar zu begreifen.

Korrekt wäre an dieser Stelle, wenn Bolz darüber schriebe, dass es ihm einleuchtet, Sexualität als vollkommen formbar zu begreifen. Bolz outet sich an dieser Stelle also als Wüstenstrom-Fan. Warum auch nicht? Jeder hat das Recht auf eine obskure Weltanschauung. Nur die Berufung auf die Vernunft sollte besser unterlassen, wer mit solchen Gedanken in erster Linie die Angst vor seinen eigenen femininen Anteilen bekämpft: Im Zuge der Feminisierung der Öffentlichkeit, also bei der Verbreitung von Eigenschaften wie Mitgefühl, Sensibilität, Sanftheit und Freundlichkeit, entstehe Homosexualität als Nebenprodukt.

Bei einigen Männern gelingt diese Temperierung ihrer Männlichkeit – die anderen werden schwul.

Schwule sind also Resultat eines Betriebsunfalls. Aber, wie der Rheinländer sagt, et hätt noch schlimmer kumme künne:

Wenn man Männer nicht männlich sein lässt, werden sie gewalttätig oder schwul.

Immerhin: Oder. Wobei: Hat sich der Mann nicht eben noch über die erfolgreiche Verweiblichung der Männer beklagt? Männer scheinen ja heutzutage richtig viele Optionen zu haben. Sie können sensibel und so werden oder gewalttätig oder ganz oppositionell einfach Mann sein. Und manche davon sind schwul. So bunt ist die Realität, auch wenn das ein reaktionärer Knochen wie Bolz nicht erkennen mag.

32 Antworten zu “Warum Norbert Bolz Schwule für das Resultat eines Betriebsunfalls hält”

  1. Georg Bruckner 9. September 2009 um 18:42 #

    Warum ein Mann, der einen anderen Mann sexuell begehrt, (zumindest ein bißchen, gelle?) „feminin“ sein soll, habe ich noch nie begriffen!

  2. goddamnedliberal 9. September 2009 um 19:01 #

    „Norbert Bolz ist ein Guter. Zumindest wenn es um die Kritik des Gleichheitswahns geht…“

    Tja, soo gut ist er dann doch wieder nicht. Es ist die Tragik des ‚konservativen‘ Schwulen, dass er alles hinnimmt, was ausgrenzend, arrogant und unsozial ist, nur nicht die Homophobie! Aber leider gehört die nun mal zum Programm dazu, ja sie wird als stabilisierende Ausgrenzungsideologie sogar dringend gebraucht, um das ‚Männerbild‘ zu formen, das auch Herrn Bolz festigt.

    Herr Bolz hat Verschiedenes nicht verstanden:

    1. Ein echter Kerl braucht keinen ‚Maskulinismus‘

    2. Er braucht auch keine Homophobie, um Frauen zu begehren.

    3. Ein beamteter Professor hat dem Gleichheitsgedanken der demokratischen Verfassung, auf die er vereidigt ist, zu dienen.

    Auch und gerade weil er sein Geld von Brotverkäuferinnen, Taxifahrern, Handwerkern etc. etc. (auch wenn sie lesbisch oder schwul sind) bezieht. Ansonsten kann er sich ja einen Posten als Hofpoet bei Gloria von Thurn und Taxis u. ä. suchen.

  3. Adrian 9. September 2009 um 19:23 #

    „Es ist die Tragik des ‘konservativen’ Schwulen, dass er alles hinnimmt, was ausgrenzend, arrogant und unsozial ist, nur nicht die Homophobie!“

    Wen meinst Du mit „‚konservativen‘ Schwulen“? Und was genau definierst Du jenseits der Homophobie als „ausgrenzend, arrogant und unsozial“?

  4. goddamnedliberal 9. September 2009 um 20:06 #

    Der ‚konservative‘ Schwule liebt es seine Außenseiterposition durch demonstrative Distinktion vom Unfeinen zu kompensieren. Es gibt da ein schönes Chanson von Gustaf Gründgens :’Liebling, dazu sind wir zu vornehm!’it…

    So weit, so nett…

    Problematisch wird es erst, wenn’s politisch wird.

    Sehen wir das Beispiel ‚Bolz‘: Dessen Homophobie, die die einfachsten zoologischen Fakten ignoriert (haben schwule Pinguine etwa auch ein Problem mit dem Feminismus?) paart sich mit seiner Frauenfeindlichkeit, seinem elitären Anspruch und nicht zuletzt mit seinem vezerrten Bild von der jesuanischen Religion, deren friedliches, soziales und durchaus egalitäres Wesen (wie war das noch mit dem Reichen, dem Kamel und dem Nadelöhr?) er verkennt und dem Antichrist zuschiebt. Wenn es jemand gefällt, Frauen an den Herd zu wünschen und den Pöbel unten und auf Distanz zu halten, dann verwundert es nicht, dass er sich auch über das Mittel der Homophobie als das versichern muss, was er zu sein gedenkt.

    Was ist das? Ein weisser (was immer das sei) Herr, ein Bildungsbürger (wobei sowohl Bildung als auch Bürgerlichkeit durchaus hinterfragen kann), und ein heterosexueller (was immer das sei) Pater familias. Unten sind in diesem Konzept immer die ‚anderen‘.

    ‚Westlich‘ ist das nicht. ‚Westlich‘ ist das Prinzip ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘, das denn 1791 auch zur Abschaffung der klerikalen Sodomiterverfolgung führte. Westlich ist Rousseau und nicht der ‚Anti-Rousseau‘ des Herrn Bolz.

  5. Adrian 9. September 2009 um 20:33 #

    Zu deiner Einschätzung des politischen Standpunkts von Bolz kann ich nichts sagen, ich kenne diesen nicht genau. Er ist gegen Rousseau?

    Nun gut. Ich bin, so gesehen, auch Anti-Rousseau. Rousseaus Plädoyer für die Gleichheit geht weit über die liberale Maxime der Gleichheit vor dem Gesetz hinaus; er plädierte im Gegenteil für absolute Gleichheit und der Unterwerfung des Einzelnen unter dem Volkswillen. Ich halte es für keinen Zufall, dass das Abgleiten der Französischen Revolution in den Terror, maßgeblich von einem eifrigen Anhänger Rousseaus vorangebracht wurde: Robespierre. Der „Gesellschaftsvertrag“ Rousseaus begründet m. E. die Schrecken der Terrorjahre und den Schrecken einer absoluten Gleichheit.

    Ich bin ein Anhänger der individuellen Freiheit. Und Individualismus und Gleichheit vertragen sich schlecht. Menschen sind gleichwertig an Rechten und Würde aber eben nicht gleich. Sie haben unterschiedliche Charaktere, Interessen, Neigungen, Talente und Vorstellungen von ihrem Leben. Und das ist auch gut so.

  6. goddamnedliberal 9. September 2009 um 21:35 #

    Der reaktionäre (weil auf die Moderne und ihre Anforderungen irritiert reagierende) polit. Standpunkt von Bolz passt zu seiner Homophobie.

    Der Terror der Ungleichheit (z. B. der Ungleichheit zwischen einer revolutionären ‚Avantgarde‘ und ihren Untertanen, der Terror des Herrenmenschen, der Herrenrasse, der Klassenkampf von Oben nach Unten) hat mehr Todesopfer gezeitigt als der Terror der Gleichheit (was immer das sei).

    „Das Abgleiten der franz. Revolution in den Terror“ nimmt nämlich nichts von ihren Leistungen hinweg – von der Gleichberechtigung der Bekenntnisse (Protestanten und Juden waren vorher entrechtet) bis zur Freiheit des Intimlebens (auch des gleichgeschlechtlichen). Insofern war die Gesellschaft, die sie hervorbrachte, durchaus individualistisch. Dass es Adel und kath. Kirche, die vorher alles im festen Griff hatten, zeitweise schlecht ging, war unvermeidlich. Bürgerliche Revolutionen wie die in Frankreich und Amerika, aber auch der amerikan. Bürgerkrieg (auch da spielte im Kampf gegen die Sklaverei der Gleichheitsgedanke eine zentrale Rolle) zeitigen Opfer. Völker, wie das unsere, die nie so intensiv für die Freiheit gekämpft haben, sollten das nicht zum Moralisieren mißbrauchen….

    Die Entfaltung der Persönlichkeit ist nur möglich in einer Gesellschaft, in der alle Begabungen gleichermaßen gefördert werden und jedem der soziale und berufliche Aufstieg ermöglicht wird. Alles andere ist nicht nur inhuman, sondern auch unökonomisch.

    Die Fortpflanzung von mediokren ‚Eliten‘ und seien es Juristen- und Mediziner-‚Dynastien‘ ohne Zufuhr neuer Kräfte hat nichts mit individueller Freiheit zu tun.

  7. Left Libertarian 9. September 2009 um 21:59 #

    Bolz ist ein typisches Exemplar eines „Neoliberalen“, der zum Konservativen degeneriert, weil ihm zum radikalen Liberalismus das Rückgrat fehlt! Solche Typen sind wirklich schlimm, aber heutzutage prägend für die gesellschaftspolitische Vulgarisierung der liberal-libertären Szene. Wenn nicht mehr der Staat der klare Feind ist, dann müssen nolens volens an dessen Stelle Minderheiten treten. So kann man weiterhin Radikalität simulieren, von der man sich im Denken längst verabschiedet hat.

  8. Adrian 10. September 2009 um 00:08 #

    @ goddamnedliberal

    Offenbar ist dir dir Geschichte der Französischen Revolution, genauer, die Geschichte des Jakobinischen Terrors nicht sonderlich gut vertraut. Sonst würdest du nicht so nonchalant auf den Adel und den Klerus (und nicht nur dem) verweisen, dem es eben nicht nur „zeitweise schlecht ging“.
    Der Terror der Jakobiner war ein Rundumschlag gegen die Idee des Individuums an sich, etwas, das mit den ursprünglichen Ideen der Französischen Revolution nicht mehr viel zu tun hatte, von dem sich aber eine Linie zu Rousseaus Idee des „Gemeinwillens“ und des Naturzustandes ziehen lässt.

    Es liegt mir fern aufzurechen, ob nun die Ungleichheit mehr Tote gefordert hat, zumal ich klar definiert habe, dass ich zwischen Gleichheit vor dem Gesetz und absoluter Gleichheit unterscheide. Der Versuch, absolute Gleichheit herzustellen, etwas, das u.a. die Jakobiner vorhatten, führt zwangsläufig zum Totalitarismus.

    Wenn du vom Terror der Herrenrasse sprichst, und damit vermutlich die Nazis meinst, so sehe ich den Terror der Gleichheit. Denn es war doch das Ziel der Nazis, eine ethnisch reine, gleichförmige Volksgemeinschaft herzustellen, in der Unterschiede keinen Platz hatten. Ungleichheiten sollten rigoros beseitigt werden. Möglich aber, dass wir hier einen anderes Verständnis von Ungleichheit und Gleichheit haben und du dich auf die Ungleichheit vor dem Gesetz versteifst, die ich, wie gesagt, ebenso ablehne.

    Überdies begreife ich nicht ganz, ob du mir hier unterstellen willst, ich würde etwas gegen sozialen und beruflichen Aufstieg haben, oder einer Elite das Wort reden, die sich nicht durch Fähigkeit und Leistung, sondern durch Standesrechte auszeichnet.

    Noch mal: Alle Menschen sollten vor dem Gesetz gleich an Rechten und Würde sein; alle sollten ein Recht haben auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Mehr Gleichheit braucht es nicht.

  9. goddamnedliberal 10. September 2009 um 02:06 #

    Die Geschichte der franz. Revolution ist mir wohlvertraut. Ihre Irrwege stehen in keinem Verhältnis zu ihren positiven Resultaten, von denen wir heute noch profitieren. Der beste Kern der Protestierenden im Iran steht übrigens in der Tradition der franz. Revolution. Sie sind für eine säkulare Republik ohne klerikale Unterdrückung. Dieser Kampf hat leider einen hohen Preis.

    Der Nationalsozialismus baute auf der Ungleichheit der Menschen auf. Sowohl was unterschiedliche ‚Rassen‘ als auch, was verschiedene Klassen innerhalb der Volksgemeinschaft betraf. Auch und gerade im Wirtschaftssleben galt nämlich das strikte Führerprinzip. Das gleiche gilt für alle anderen gesellschaftlichen Bereiche. Auch Eintopfsonntage können davon nicht ablenken.

    Zum Totalitarismus führt jede Absolutsetzung einer Weltanschauung. Davon ist übrigens auch der Neoliberalismus nicht gefeit. Was dem Honecker sein Marx war, war dem Pinochet sein Friedman. Mit dem Unterschied, das Marx Honecker nie begegnet ist.

    Das Streben nach Glück macht übrigens erst dann wirklich glücklich, wenn die soziale Basis stimmt. Sonst ist es nicht mehr als eine hohle utopistische Phrase. Der Erfolg der skandinavischen Gesellschaften in fast jedem Ranking belegt dies.

  10. Adrian 10. September 2009 um 11:21 #

    Der Jakobinische Terror war kein Irrweg, sondern nach Maßgaben der absoluten Gleichheit eine Zwangsläufigkeit; ein utopischer Versuch eine Gesellschaft hin zur absoluten Gleichheit zu formen. Wer die Gleichheit zu sehr betont, landet im Zwang. Die amerikanische Revolution hat das vermieden, mit dem Ergebnis, dass sie Praktiken, wie die der Jakobiner, nicht nötig hatte.

    Ziel der Nationalsozialisten war es, eine gleichförmige Volksgemeinschaft zu schaffen. Da Menschen aber nun mal unterscheidlich sind, ist es das Wesen jeder Gleichmacherei, diese Unterschiede zu nivellieren. Die Gleichmacherei bedingt die Auslöschung von Unterschieden und die Nazis haben sich dafür den brutalsten Weg ausgeguckt: nicht Umerziehung, sondern Eleminierung. Das Verbrechen der Nazis bestand darin, Menschen nicht als Menschen angesehen zu haben, ihnen also das Grundrecht an sich vorenthalten zu haben und für den Rest der Menschheit zu bestimmen, wie man gefälligst zu leben hat. Letzteres ist die Basis jeder Diktatur.

    War mir ja klar, dass irgendwann Kapitalismuskritik kommt. Darauf ist bislang noch jedes Eintreten für die Gleichheit hinausgelaufen. Der Neoliberalismus des Herrn Friedmann war nicht die Ursache der diktatorischen Praxis Pinochets. Eine autoritäre Diktatur – und eben keine totalitäre – wie die von Pinochet, hat nicht die Absicht die Gesellschaftsstrukturen zu verändern. Es geht nur um Macht. Pinochet kann auch ohne den Neoliberalismus ein Diktator sein. Sozialismus ohne Honecker geht dagegen nicht. Und der Grund dafür ist ganz einfach: Der Neoliberalismus ist nichts anderes als eine ordnungspolitische Grundvorstellung, die dem Staat alleine die Rolle des Schiedsrichters im Marktgeschehen zuweist. Der Sozialismus ist dagegen der Versuch, eine Gesellschaft zu formen und in eine bestimmte Richtung zu drängen.

    Ich maße mir nicht an zu beurteilen, wann ein Mensch glücklich ist, und wieviel „soziale Basis“ es dafür braucht. Das Streben nach Glück ist keine utopistische Phrase. Jeder hat das Recht sein Glück zu suchen, und weder Individuen, noch Kollektive oder gar der Staat sollten einem da im Wege stehen. Ob man das Glück immer findet, ist eine andere Sache.

  11. Adrian 10. September 2009 um 11:48 #

    Im Übrigen könntest du mir mal folgenden Satz erklären:

    „Der ‘konservative’ Schwule liebt es seine Außenseiterposition durch demonstrative Distinktion vom Unfeinen zu kompensieren.“

    Worin liegt die Relevanz des Satzes, in Bezug

    a) auf die Realität
    b) auf Norbert Bolz, der eben nicht schwul ist
    c) auf der politischen Ebene, bei der du das für „problematisch“ hälst?

    Und nehmen wir mal an, der „konservative Schwule“ würde sich so verhalten: Ja und?

  12. goddamnedliberal 10. September 2009 um 23:57 #

    „Die amerikanische Revolution hat das vermieden, mit dem Ergebnis, dass sie Praktiken, wie die der Jakobiner, nicht nötig hatte.“

    Auch die amerikanische Revolution war nicht gewaltfrei. Der amerikanische Bürgerkrieg als ihre notwendige Vollendung (Demokratie und Sklaverei vertragen sich nicht) war sogar noch brutaler als der Jakobinismus. Nebenbei: die falsche Rücksichtnahme der amerikan. Revolution auf religiöse Ressentiments hat dazu geführt, dass die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Liebe jenseits des Atlantiks erst 2003 abgeschafft wurde. In Frankreich geschah dies 1791.

    Die angeblich gleichförmige Volksgemeinschaft der Nazis war nichts als ein ideologisches Deckmäntelchen. Soweit, dass die Kapitalbesitzer aus ihren Villen vertrieben worden wären oder ihre Einkommen angeglichen worden wären, ging die Gemeinschaft nämlich nicht. Die gemeinsame Ausbeutung jüdischer Mitmenschen aus allen Schichten bat das perfide System dann allen nichtjüdischen Schichten als Kompensation für die weiter bestehende Ungleichheit an.

    „Der Neoliberalismus des Herrn Friedmann war nicht die Ursache der diktatorischen Praxis Pinochets.“

    Die Diktatur hat den ‚Neoliberalismus‘ (der weder neu noch liberal ist) jedoch erleichtert. Wenn eine Marktwirtschaft nicht sozial ist, ist es praktisch, wenn sozial Benachteiligte ihre Interessen nicht im demokratischen Prozess artikulieren können, sondern stattdessen im Folterkeller enden. Insofern kann ein extremer ‚Neoliberalismus‘ durchaus auf Diktaturen bauen. In einer Demokratie muss er Kompromisse machen. Dasselbe gilt natürlich auch für einen extremen Sozialismus. Enteignung wird durch Diktaturen, die den Widerstand der Enteigneten niederschlagen können, sehr erleichtert.

    Beide Rezepte sind moralisch und ökonomisch gescheitert – zumindest im Vergleich zu skandinavischen sozialliberalen bzw. sozialdemokratischen Modellen.

    „Und nehmen wir mal an, der „konservative Schwule“ würde sich so verhalten: Ja und?“

    Jaa… dann muss der ‚konservative Schwule‘ damit rechnen, dass diejenigen, denen er die Solidarität aufkündigt, auch mit ihm nicht solidarisch sind, wenn er andere ‚Konservative‘ die gleichgeschlechtliche Liebe auslöschen wollen – durch Therapie, Ausgrenzung, Wegsperren usw.

  13. Adrian 11. September 2009 um 00:40 #

    „In Frankreich geschah dies 1791.“

    Mir ist es persönlich vollkommen wurscht, dass eine Regierung mich nicht einsperrt, wenn ich mit Männern schlafe, um den Preis der Haftstrafe, weil ich nicht in ihr politisches Konzept passe und keinen Bock habe, im Kollektiv zu schlafen, zu essen und zu arbeiten.

    Wie gesagt: „Neoliberalismus“ ist freie Marktwirtschaft im ordnungspolitischen Rahmen des Staates. Das Problem bei einer Diktatur ist immer ein zuviel an Staat.

    „dann muss der ‘konservative Schwule’ damit rechnen“

    Im Klartext heißt das ja wohl: Schwule, die politisch nicht so ticken, wie man selber das gerne hätte, sollten damit rechnen, dass niemand für ihr Grundrecht auf Selbstbestimmung eintritt, denn dieses Recht verdienen nur die, die politisch auf der selben Wellenlänge sind. Ist das jetzt sozialdemokratische Gesinnungsethik?

  14. goddamnedliberal 11. September 2009 um 01:03 #

    „im Kollektiv zu schlafen, zu essen und zu arbeiten.“

    Woher stammen solche Ängste? Das klingt nach kapitalistischem Arbeitshaus oder kommunistischer Kolchose und hat mit der bürgerlichen Revolution von 1789 nichts zu tun. Die hatte im Gegensatz zum nordamerikanischen Puritanismus eben Respekt vor der Privatsphäre des Einzelnen.

    „Ist das jetzt sozialdemokratische Gesinnungsethik?“

    Nein, das ist ein Warnung vor falschen Verbündeten, nämlich denen, die anderen ihre individuellen, also auch sozialen Grundrechte absprechen. Die gibt es jedoch auch auf der linken Seite.

  15. Adrian 11. September 2009 um 01:22 #

    Diese Ängste beruhen auf dem Programm der Jakobiner und überhaupt aus der geschichtlichen Wahrnehmung gesellschaftsbeglückender Utopien.

    Die Warnung an unserer Seite ist völlig unbegründet, denn erstens sucht man sich hier keine Verbündeten, und zweitens wurde Bolz ob seiner Homophobie/Heteronormativität doch klar kritisiert.

    Soziale Rechte und individuelle Rechte haben wenig bzw. gar nichts miteinander zu tun. Letztere sind Abwehrrechte des Einzelnen gegenüber dem Staat, erstere undefinierbare Nebelkategorien, unter den sich jeder vorstellen kann, was gerade politisch opportun ist: Gestern war das „Recht auf Arbeit“ ein „soziales Grundrecht“, morgen ist es ein bedingungsloses Grundeinkommen von 2500 Euro, nebst Studienplatz ohne Qualifikationsbescheinigung.

  16. goddamnedliberal 11. September 2009 um 01:54 #

    Ach, wo kann man denn das ‚Programm‘ der Jakobiner, in dem kollektive Schlafsäle gefordert werden, finden? In der Zielsetzung der Jakobiner war vielmehr ein breitgestreutes Privateigentum enthalten.

    Soziale Rechte wiederum haben nichfs mit Utopien zu tun, sondern damit, dass es zur Menschenwürde gehört, eine ausreichende Ernährung und ein Dach über dem Kopf zu haben. Sicher gehören auch ein Recht auf und die Pflicht zur Arbeit dazu. Eine Gesellschaft, in der Mitbürger ohne soziale Sicherung auf der Strasse elend verrecken, ist weder menschlich noch bürgerlich. Auch der schönste Individualismus lässt sich schlecht im Elend leben.

    PS. ‚Staat‘ ist nicht ‚Staat‘. ‚Abwehrrechte‘ gegenüber dem demokratischen Staat benötigt ein Demokrat eigentlich nicht. Abgewehrt werden muss nur eine Diktatur – egal ob faschistischer oder kommunistischer Prägung. Dass Faschisten und Kommunisten wiederum den liberalen Rechts- und Sozialstaat abwehren wollen, kann nicht verwundern. Bei einem Liberalen verwundert es einen schon…

  17. Thommen 11. September 2009 um 08:43 #

    Das Problem bürgerlicher Lebensweise besteht darin, nur innerhalb der gewohnten Kriterien gewalttätig, besoffen, herumirrend oder schwadronierend sein zu können.
    Es gibt keinen Ausgang zur Kreativität des Lebens.
    Das stelle ich auch bei vielen bürgerlichen Homosexuellen fest, die nicht aufhören wollen in dieser Weise zu „klammern“! 😉

    Ich erinnere an die veraltete These, dass Homosexualität in der Natur nicht vorkomme! Oder diejenige über ein Schwulen-Gen.

    Dominique Fernandez hat in seinem Buch über die Kulturgeschichte der Homosexualität die These aufgestellt, dass ebendiese Natur homosexuell orientiert sei und nur der „Überbau“ in Form von Kultur das Überleben der Kreaturen sichere.

    (Der Raub des Ganymed, vergr.)

  18. Adrian 11. September 2009 um 10:43 #

    @ goddamnedliberal

    Das Programm der Jakobiner kenne ich noch aus meiner Schulzeit.

    Was bitte schön, ist denn ein „breitgestreutes Privtateigentum“. Eigentum ist inividuell, sonst macht es doch gar keinen Sinn.

    Ich bestreite nicht, dass Menschen ausreichend Nahrung und eine Wohnung haben müssen. Ich bestreite aber, dass man dies mit einem bloßen Rechtsanspruch durchzusetzen kann.
    Recht auf Arbeit? Zu welcher Arbeit? Die Pflicht zur Arbeit? Wer setzt diese Pflicht durch? Der Staat? Ist dann auch Zwangsarbeit legitim?

    „‘Abwehrrechte’ gegenüber dem demokratischen Staat benötigt ein Demokrat eigentlich nicht.“

    Ein demokratischer Staat ohne Abwehrrechte ist nichts weiter, als die Diktatur der Mehrheit; einer Mehrheit, welche die Todesstrafe befürwortet und – so lange her ist das auch noch nicht – für die Legitimität des §175 eintrat. Eine Demokratie ist nur mittels der Abwehrrechte freiheitlich, weil die Mehrheit mit dem Einzelnen sonst machen kann, was sie will.

  19. Adrian 11. September 2009 um 10:52 #

    @ Thommen

    Ich stelle bei vielen linken Homosexuellen fest, dass sie den Kontakt zum einfachen Volk verloren haben, und sich dermaßen elitär ausdrücken, dass sie der kleine Mann gar nicht mehr versteht.

    Versuch es doch noch einmal, ordne deine Gedanken und haue sie dann frei von akademisch-postmoderner Prosa in die Tasten.

  20. goddamnedliberal 11. September 2009 um 12:36 #

    Ach in der Schule wird viel gerfiltert.

    Ein breitgestreutes Privateigentum fördert den Individualismus, der – wenn er ein allgemeines Prinzip und nicht nur das Vorrecht einer selbsternannten Elite sein soll – auch auf individuellem Besitz basieren kann. Das wußte sogar Frau Thatcher (von deren demokrat. Zuverlässigkeit ansonsten nicht viel zu halten ist).

    Und die französischen Revolutionäre wussten das auch. In den 1794 durch franz. Revolutionstruppen eroberten linksrhein. Gebieten Deutschlands wurde die Gewerbefreiheit (für alle, auch für Protestanten und Juden) durch die Erobererer und Befreier übrigens erst eingeführt. Viele heute noch existierende Traditionsunternehmen wie das Bankhaus Sal. Oppenheim oder der Dumont-Verlag wurden in der ‚Franzosenzeit‘ gegründet. Unter Napoleon später auch die Firma Krupp. Das Recht auf Privateigentum und auf Privatheit gehören zum Programm der franz. Revolution, da ist nichts mit Massenschlafsaal. Mit der Privatheit war es in den USA weniger weit her, in Idaho konnte man z. B. bis 2003 für ‚Sodomy‘ lebenslänglich bekommen.

    Die Pflicht zur Arbeit wiederum ist implizite oder explizite Forderung fast jeden sozialen Sicherungssystems- übrigens auch und gerade in den USA. Sie ist dann berechtigt, wenn ein Gemeinwesen wiederum seiner Pflicht zur sozialen Grundsicherung seiner Bürger nachkommt. Das eine bedingt das andere.

    Demokratie ist mehr als die ‚Diktatur der Zahl‘. Todesstrafe und Homosexuellenverfolgung nach Par. 175 haben mit demokratischen Grundwerten nichts zu tun. Im Gegenteil! Es kann ja auch nicht verwundern, dass der Par. 175 in undemokratischen Zeiten entstanden und ist in noch undemokratischeren Zeiten 1935 verschärft wurde. Die Beibehaltung des Par. 175 verdanken wir übrigens nicht irgendwelchen Mehrheiten, sondern einer mediokren, z. T. postfaschistischen Juristenelite ohne demokratische Werthaltung (siehe das Skandalurteil des Bundesverfassungsgericht zum Par. 175 aus dem Jahre 1957).

  21. Blub 11. September 2009 um 12:41 #

    Bezieht sich auf Thommen: Dass die Natur homo ist und nur die Gesellschaft erst Heterosexualität erzeugt, hört sich biologisch gesehen wie ziemlicher Bullshit an. Kulturwissenschaften eben. Ich würde sagen, Homosexualität und v.a. Bisexualität hat etwas mit dem Erhalt der Arten zu tun, da jede zu eingeschränkte Form der Orientierung mit Veränderungen und Evolution Probleme hat. Robustes Design ist also gefragt und eine breit gefasste Sexualität ist genau dies.

    Linke Homosexuelle kann man auch fragen, warum in den ganzen linken Staaten auf der Welt und bei vielen ihrer politischen Verbündeten Homosexuelle nicht allzu gut dastehen und selbst die recht konservative USA vorbildlicher sind als die. Insofern ist linke Politik für Schwule genauso dumm wie konservative.

  22. Adrian 11. September 2009 um 13:04 #

    @ goddamnedliberal

    Wird der Einzelne gefragt, ob er sich durch den Staat sozial absichern lassen will?
    Natürlich verlangt die „Pflicht“ des Staates zur sozialen Grundsicherung die Pflicht zur Arbeit, schon rein ökonomisch gesehen. Für mich spricht das aber eher gegen diese Pflicht.

    „Demokratie ist mehr als die ‘Diktatur der Zahl’.“

    Aber eben nur dann, wenn es die Abwehrrechte des Einzelnen gegenüber dem Staat gibt, etwas, dessen Notwendigkeit, du vorher noch bestritten hast.

    Todesstrafe und Homosexuellenverfolgung haben mit liberalen, freiheitlichen Werten nichts zu tun. Rein demokratisch lässt sich alles legitimieren, was die Mehrheit will.

    Demokratie = Volksherrschaft, also Herrschaft der Mehrheit

    Liberale Demokratie = Herrschaft der Mehrheit wird eingeschränkt um die Freiheit des Einzelnen zu schützen

  23. goddamnedliberal 11. September 2009 um 13:28 #

    Abwehrrechte sind nur im Dreiklang mit Teilhabe- und Leistungsrechten sinnvoll. Je nach polit. Standpunkt kann man sie unterschiedlich gewichten. Das Verhältnis eines demokratischen Staatsbürgers zum demokrat. Staat ist jedoch keines der Abwehr. Schon gar nicht eines der Abwehr vernünftiger Sozialleistungen- für sich und für andere. Der soziale Zusammenhalt ist nämlich die Grundlage jedes demokratischen Gemeinswesens. Das zeigt u. a. die Erfolgsgeschichte von Staaten wie Norwegen und Schweden (als ideologisch unverdächtige Quelle empfehle ich in diesem Zusammenhang u. a. das CIA-Factbook).

  24. Adrian 11. September 2009 um 13:33 #

    Ich habe keine Ahnung, was ein „sozialer Zusammenhalt“ sein soll.

  25. Adrian 11. September 2009 um 13:42 #

    „Das Verhältnis eines demokratischen Staatsbürgers zum demokrat. Staat ist jedoch keines der Abwehr.“

    Für mich ist nicht entscheidend wer regiert, sondern in welchem Ausmaß ich regiert werde.

  26. goddamnedliberal 11. September 2009 um 13:51 #

    „Ich habe keine Ahnung, was ein „sozialer Zusammenhalt“ sein soll.“

    Wirklich? Das glaube ich nicht.

  27. Adrian 11. September 2009 um 14:10 #

    Na, dann glaubst du es eben nicht. Es ist aber so.

  28. isabelle 14. September 2009 um 17:47 #

    sein buch über den diskus der ungleichheit halte ich für sehr gelungen,und grundsätzlich begrüße ich meinungen fernab der allgemeinen undifferenzierten political-correctness, sofern sie gut begründet sind und nicht ins irrationale abdriften… leider sinkt meine meinung über ihn nach diesem artikel, seine argumentation ist lächerlich, auserdem sollte er sich lieber mit themen beschäftigen von welchen er etwas versteht anstelle seine übliche argummentation an sexuell-emotionalen dingen zu verwenden, nur um etwas „nicht-politisch-korrektes“ des nicht-politisch-korrektseins-wegen geäußert zu haben(…laaaangweilig…)

    (ich bin weiblich und hetero)

    grüße!

    Isa

  29. Georg 6. August 2010 um 15:59 #

    Nein, Norbert Bolz ist kein „Guter“. Er ist, wie in seiner absurden Meinung zu Schwulen, ein Adorno-Nachfolger gewesen, als „man“ links war, und ist längst ein Neokonservativer, der sich an Fans freut, die gerne zum vier millionsten Mal „ablachen“, sobald das Wort „political correctness“ fällt. Wo sind sie nur, die „politisch Korrekten“? Es scheint tausendmal mehr Häme gegen sie zu geben, als lebendige Beispiele… Und was wäre schlimm, wenn einer „politisch korrekt“ gegen Benachteiligung von Schwulen wäre, wie z.B. derzeit in manchen Staaten der USA immer noch üblich?
    Das Gesundheitssystem ist für Bolz „ein Markt“, Schwule sind Leute, die sich vor Frauen verstecken, usw. Er kam – zur Freude seiner neocon-Fans – genau da, etwa 1998, mit dem „Design der Betroffenheit“, als es „cool“ geworden war, Leute, inzwischen längst winzigste Minderheiten, die sich für soziale Themen weiterhin einsetzen, fast schon pseudorassistisch runterzumachen. Als „Siebziger“, „Achtziger-Schlaffis“ usw usw. (de:bug, taz, Spex, BR-Zuendfunk, Feuilletons FR, Süddeutsche usw usw., jeder konnte und kann es hören/lesen). Das ist eine extrem billige Denkweise, die immer nach dem gleichen Schema funktioniert. Er stellt übertriebene Thesen auf (niemand behauptet etwa, alle wären gleich – die Ungleichheit wächst seit 2-3 Jahrzehnten ständig in Germanien). Dann stellt er sich als tapferen Kämpfer dagegen vor. Ob gegen Schwule, gegen Arme, gegen Linke (als Ex-Linker seine Hauptfeinde) – Bolz kann sich in der Woge indifferent postmoderner Szenemehrheiten schon seit 2 Jahrzehnten recht wohl fühlen, und gleichzeitig seine Häme loswerden. So redet er nicht nur seinen Unsinn gegen Schwule, sondern scheint wirklich überzeugt, die Gesellschaft rede ständig nur über Hartz4-Empfängerinnen und sei „zu sozial“. Die Fakten – ignoriert er. Aber auch da hat er viele, viele Claqueure. Es sind eben restaurative Zeiten. Vielleicht sind in den 10 Monaten nach diesem Beitrag ja doch manche aufgewacht, wie auch Bolzens Partei, die FDP, von bundesweit bis 17% auf 3 gesunken ist. Wissenschaftlich ist Bolz, ähnlich wie Hörisch, Kittler oder die unsäglichen Journalistenkumpels a la Maxeiner etc., längst durch zuviel völligen nonsense am Ende. Selbst in der Literatur wird es manchen inzwischen peinlich, die früher in ihre Prosa gar Bücher von Bolz als Leseempfehlung stellten. Bolz ist der Guru indifferent pseudocooler Leute, die letztlich alles nur nach style and fashion beurteilen, und Minderheiten hassen.

  30. Adrian 6. August 2010 um 17:51 #

    „Das Gesundheitssystem ist für Bolz ein Markt“

    Ähm, das ist ja auch so. Gesundheit wird nachgefragt – also ist es ein Markt.

    Im Übrigen finde ich den Drang nach autoritär, also staatlich, herbeigeführter Gleichheit in Deutschland extrem verbreitet. Meiner Meinung nach reden wir in Deutschland tatsächlich ständig über Hartz IV, über Sozialstaat, über soziale Gerechtigkeit, wer noch benachteiligt ist, und was man noch gerechter machen müsste – natürlich alles unter der Prämisse, dass der Staat das gefälligt regeln soll.

  31. Peter 19. November 2011 um 17:07 #

    @ Adrian: Der Sozialstaat ist eine Errungenschaft der Demokratie. Doch diese Errungenschaft wird durch neoliberale Strömungen immer weiter beschnitten. Bolz ist ein Lobbyist des Neoliberalismus, der letztlich einen modernen Feudalismus herbeischwört.

  32. Yadgar 21. November 2011 um 14:40 #

    Norbert Bolz scheint mir so eine Art Matthias Horx für Konservative zu sein – steile Thesen, eloquente Schreibe und immer ganz vorne am Trend, wozu natürlich auch ständige Medienpräsenz gehört.

    Nur: während ich Horx seinen postalternativen Zukunftsoptimismus abnehme (aber deswegen längst nicht immer mit ihm einer Meinung bin), hat sich Bolz bereits beiläufig als Blender geoutet – irgendwann nach seinem Buch „Das Wissen der Religion“ (2008), wo er, auf der damaligen „Wir-sind-Papst“-Welle surfend den Apostel Paulus über den grünen Klee lobte und vor dem Antichristen in Gestalt von Teamwork, Multikulti und Ökologie warnte gab er in einem Interview einmal zu Protokoll, dass er, in den Worten Max Webers, eigentlich „religiös unmusikalisch“ sei – tut mir leid, so jemanden kann ich nicht ernst nehmen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: