Warum der Wahn der Gleichheit in die Inhumanität führt

10 Sep

Nachdem sich ein gottverdammter Liberaler munter darüber ausgelassen hat, dass Norbert Bolz keineswegs ein Guter ist, will ich hier den Versuch unternehmen, eben das Gute, weil Richtige, an Bolz‘ These herauszuarbeiten – und zwar jenseits der Thematik der Homosexualität, die ich bereits abgehandelt habe. Und da die Welt nicht nur schwarz und weiß ist: Ja, Bolz trifft nicht immer ins Schwarze. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr…

Bolz ist der Ansicht, früher sei alles besser gewesen. Das ist falsch. Früher, so Bolz, haben die Menschen soziale Unterschiede akzeptiert, heute tun sie das nicht mehr. Das wäre aus meiner Sicht keineswegs problematisch, wenn es denn dazu führte, dass Menschen, die sich früher mit dem begnügt haben, was sie hatten, nunmehr dafür arbeiten, mehr zu erreichen. Bolz jedoch behauptet nun, die heutzutage verbreitete Reaktion auf soziale Unterschiede sei eine andere. Statt dem Versuch, aufzusteigen und der Bereitschaft, dafür etwas zu tun, sei es jetzt üblich, zu fordern, dass die, die mehr haben, dieses „mehr“ gefälligst abzugeben hätten – und zwar solange, bis alle gleich viel haben. Diese Umverteilung jedoch gebe es nur um den Preis der Freiheit. Paradoxerweise führt Umverteilung, so Bolz weiter, keineswegs zu mehr Zufriedenheit:

Je mehr Gleichheit praktisch durchgesetzt wird, desto unerträglicher wird jede noch vorhandene Ungleichheit. (Bolz: Diskurs über die Ungleichheit, S.10)

Laut Bolz verträgt sich die Religion der Gleichheit bestens mit der Postmoderne, die uns weismachen will, alles sei irgendwie gleich gut und respektabel. Dagegen hält Bolz fest:

Man kann nicht das Gute finden und bewundern, ohne das Schlechte mit zu entdecken – und zu verachten. (S. 11)

Wenn einem alles gleich gültig ist, bleibt etwas auf der Strecke:

Die ersten Opfer dieser Rhetorik der Gleichheit sind die Schönheit, die Wahrheit, die Tugend und die Größe. (S.11)

Bolz trifft die notwendige Unterscheidung zwischen Ungerechtigkeit und Ungleichheit:

Ungerecht ist nämlich nicht die Ungleichheit, sondern das, was motivierte Menschen am Aufstieg hindert. (S.11)

Aufgabe des Staates ist es nicht, Menschen gleich zu machen, sondern sie gleich zu behandeln:

Die Gleichheit vor dem Gesetz schließt nicht Ungleichheit aus, sondern Willkür. (S.12)

Bolz zeigt schließlich auf, dass der Gleichheitswahn prinzipiell unendlich ist und deshalb über kurz oder lang inhumane Ergebnisse zeitigen wird:

Die Emanzipation hört bei Sklaven, Frauen und Kindern nicht auf. Jetzt fordert man Rechte  und Gerechtigkeit für Menschenaffen. (S.27)

Und, möchte man ergänzen, spricht Menschen eben diese Rechte ab, Behinderten zum Beispiel.  Interessanterweise dementiert man damit letztendlich nicht nur die eigene Rede von der Gleichheit der Menschen, sondern auch die Idee ihrer Gleichwertigkeit. Besser als die reaktionäre Sehnsucht von Bolz ist das sicher nicht.

7 Antworten zu “Warum der Wahn der Gleichheit in die Inhumanität führt”

  1. goddamnedliberal 11. September 2009 um 00:20 #

    Es ist schön, dass das Unbehagen an den Bolzschen Theorien in ihrer Darstellung hier unübersehbar ist…

    „Das ist falsch. Früher, so Bolz, haben die Menschen soziale Unterschiede akzeptiert, heute tun sie das nicht mehr. “

    O tempora, o mores! Bei diesen Bolzschen Plattitüden muss man sich fragen, wann denn dieses ‚Früher‘ zeitlich zu verorten ist. Und ob es überhaupt ein erstrebenswerter Zustand ist. Man fragt sich überdies, ob der Aufstiegswillige aus armen Verhältnissen eher durch Umverteiler oder durch Studiengebühren an seinem Aufstieg gehindert wird.

    „Die ersten Opfer dieser Rhetorik der Gleichheit sind die Schönheit, die Wahrheit, die Tugend und die Größe. (S.11)“

    Jetzt wird es einfach nur noch kitschig. ‚Schönheit‘ definiert sich nicht aus der Distinktion und einer schichtenspezfischen Exklusivität. Sie kann in einer Bildungsgesellschaft vielmehr der ‚Erziehung des Menschengeschlechtes‘ (Schiller) dienen. Die ‚Wahrheit‘ wiederum leidet vor allem an den unwahrhaftigen Gemeinplätzen, mit denen hier operiert wird. ‚Tugend‘ und ‚Größe‘ wiederum zeigt auch und gerade der Kämpfer (oder die Kämpferin!) für gleiche Rechte. Egal, ob in Paris oder Teheran.

    Es ist naheliegend, dass jemand, der schon Probleme mit der Emanzipation der Frau hat, in der schwulen oder lesbischen Emanzipation erst recht einen Angriff auf seinen heteronormativen ‚Herren‘-Status sieht. Auch partielle Allianzen mit solchen herrlichen ‚Soziologen‘ sind schwer möglich…

  2. Adrian 11. September 2009 um 00:56 #

    Wir sind hier nicht in der Politik, vom Schmieden von Allianzen kann also keine Rede sein. Es wurde lediglich aufgezählt, was an den Thesen von Bolz gefällt, und was nicht.

  3. goddamnedliberal 11. September 2009 um 01:06 #

    Die Thesen des Herrn Bolz sind allesamt hochpolitisch. Gerade weil sie nicht besonders originell sind.

  4. Adrian 11. September 2009 um 01:29 #

    Und?

  5. Carsten 11. September 2009 um 12:26 #

    Braucht es überhaupt einen „Anti-Rousseau“? Man lese doch mal dies hier: http://blog.freiheitsfabrik.de/?p=1626

  6. Adrian 11. September 2009 um 12:45 #

    @ Carsten
    Klingt interessant. Ich habe Rousseau vor einiger Zeit ein ganzes Seminar lang durchgepaukt, aber diese Interpretation ist mir neu. Ich kann mich nur erinnern, dass es im „Gesellschaftsvertrag“ erheblich kollektivistische, ja totalitäre Tendenzen gibt, zumindest aus meiner damaligen Sicht, die allerdings noch erheblich „demokratischer“ und weit weniger „libertär“ war, als sie es heute ist.

  7. genova68 20. November 2009 um 19:34 #

    Dass die Thesen von Bolz mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben, zeigt doch schon ein Blick auf diese Grafiken:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=3136

    Die Gesellschaft hat in der Tat andere Probleme als „zuviel Gleichheit“. Ich vermute, dass Bolz die Grafiken kennt. Warum er sie ignoriert, wäre die Frage.

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