Der Tanz im Nebel – Neues von der Queer-Theorie

13 Sep

Warum hat die Linke es eigentllich bis heute nicht geschafft, ihre Weltrevolution zu starten, und uns alle zu befreien, auf das wir in Zukunft in einem Paradies auf Erden leben werden?

Ganz einfach: Linke sind unfähig sich so auszudrücken, dass man sie auch versteht:

Wir erleben gegenwärtig einen Wandel der biopolitischen Dispositive der Produktion und der Kontrolle des Körpers, des Geschlechts, der Ethnizität und der Sexualität. Diese Transformation in großem Ausmaß, die auch die Prozesse der Produktion des Lebens im Kapitalismus betrifft, wird ebenfalls die Topografie der Repression und die Bedingungen modifizieren, unter denen Kampf und Widerstand möglich sein werden. Es wird notwendig sein, neue Formen des Kämpfens zu entwickeln, die dem dialektischen Paradigma der Viktimisierung, aber auch den Logiken der Identität, der Repräsentation und der Sichtbarkeit entkommen, die in großem Ausmaß von den Apparaten des Marktes, der Medien und der Hyperüberwachung als neue Kontrollinstanzen re-absorbiert worden sind. Ein Teil der politischen Herausforderung wird darin bestehen, wie die sexuellen Minderheiten und die Körper, deren menschlicher Status oder deren Rang der BürgerInnenschaft durch hegemoniale Zirkel der Biotanatopolitik in Frage gestellt worden sind, Zugang zu den Produktionstechnologien der Subjektivität erlangen werden, um den demokratischen Horizont zu redefinieren.

Das sind alles natürlich total wichtige Punkte. Beruhigend zu wissen, dass die Bildungsoffensive so fulminante theoretische Resultate zeigt und die Staatsknete für die Sozial- und Geisteswissenschaften gut angelegt ist:

Der queere und postkoloniale Transfeminismus […]  entsteht anderseits auch in Opposition zu einer normalisierten Homosexuellenbewegung, deren Befreiungsrhetoriken durch die Sozialisationsagenturen Individuum/Familie/Nation vereinnahmt worden sind, in Opposition zu einer zahmen und amnesischen Schwulenbewegung, die den Konsens, den Respekt gegenüber der tolerierbaren Differenz und die Integration sucht und die nicht selten in ihrer eigenen Spektakularisierung der Differenz auf einen multikulturellen Fetisch reduziert bleibt.

Um als Gegen-Bio-Tanato-Politik des Geschlechts funktionieren zu können, müssen die neuen sexuellen Mikropolitiken aufmerksam gegenüber den unablässigen Verschiebungen des konzeptuellen Rahmens sein, auf dem normale und pathologische Subjektivität redefiniert wird: Die Normalisierung der Homosexualität und die Einschreibung der genannten Geschlechterpolitiken in die administrativen und juristischen Organismen, die beim Aufkommen der neuen Kontrollformen zu beobachten waren (i.e. Intersexualität, Anorgasmus, erektile Disfunktion), ebenso wie eine wachsende Kriminalisierung der männlichen Sexualität (i.e. Pädophilie), die parallel zur staatlichen Institutionalisierung von Formen der Vergewaltigung und der misogynen und homophoben Gewalt verlaufen.

Ganz wichtig ist natürlich, die Menschheit auf das vorzubereiten, was demnächst – vielleicht nicht morgen, aber bestimmt nächste Woche – kommt: Die Revolution. Denn diese ist so lebendig wie eh und je!

In einer neuen geopolitischen Situation haben die postkolonialen und dekolonisatorischen Kritiken den eurozentrischen Charakter des second wave-Feminismus hervorgehoben. Es gibt kein einheitliches und exportierbares feministisches Programm (und es kann es nicht geben), das sich von einer essenziellen Identität oder einer gemeinsamen Unterdrückung herleitet. In diesem Sinne könnten wir sagen, dass die gegenwärtige feministische Landschaft deleuzianisch ist: Sie besteht aus Minderheiten, Multiplizitäten und Singularitäten, und dies alles durch eine Vielfalt von strategischen Lesweisen [Lebensweisen,?], Wieder-Aneignungen und unbeugsame Interventionen den Slogans von der Verteidigung der „Frau“, der „Identität“, der „Freiheit“ oder der „Gleichheit“ gegenüber.

Man muss die regionale Bequemlichkeit des Feminismus als auf die Unterdrückung der Frauen spezialisierte Theorie hinter sich lassen, um aus einer transversalen Analyse der (körperlichen, rassistischen, gender-, sexuellen und ökonomischen) Unterdrückung eine Theorie der sozialen Transformation und der Redefinition der Grenzen der öffentlichen Sphäre zu machen. Angesichts der wesentlichen und unmittelbaren Interrelation der Totalität des Planeten, tritt der Bedarf an feministischen und queeren Theorien für umfassende Verknüpfungen und bewegliche Schwellen mehr denn je zu Tage. Es geht darum, Netze zu knüpfen, Strategien der kulturellen Übersetzung anzuregen, kollektive Prozesse des Experimentierens zu teilen; weniger darum, unerreichbare revolutionäre Modelle aufzuzeigen als vielmehr um das, was wir als das gemeinsames Herstellen „lebendiger Revolutionen“ bezeichnen könnten.

Die Gründe für diese Mangel an Verständlichkeit sind allzu klar. Die Linke hat nichts mehr zu kämpfen. Die gesamte Gesellschaft des Westens ist sozialdemokratisiert, sozial abgesichert, durchreguliert: man kann heute nicht mal mehr eine Bar eröffnen, ohne dass einen Bürokraten vorschreiben, wie groß das Klo dort zu sein hat; man kann nicht mal sein Studiengeld aufbessern, ohne dass man ob der Steuerproblematik irre wird. „Soziale Gerechtigkeit“ ist zu einem inhaltsleeren Fetisch verkommen, welcher die individuelle Freiheit des Menschen, seine Kreativität und damit auch die ökonomische Basis erstickt.

Das weltgeschichtliche Projekt, ist der Linken abhanden gekommen, die revolutionären Subjekte – je nach Präferenz das Proletariat, Studenten, Frauen, Homos, Tiere, Bäume, Windkraftanlagen, Islamisten – wollen regelmäßig nicht so revolutionär agieren, wie vom Zentralkomitee vorgesehen. Das Kreisen um sich selbst, der Tanz im Nebel, ist die unvermeidliche Folge.

Eine Antwort zu “Der Tanz im Nebel – Neues von der Queer-Theorie”

  1. prediger 14. September 2009 um 13:55 #

    um eine deiner fragen zu beantworten:
    lesweisen = weisen, etwas zu lesen.

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