19 Jahre – 40 Jahre

3 Okt

Seit 19 Jahren nun ist die Deutsche Demokratische Republik (DDR) Geschichte, jener Staat also, der unter allen Ländern den Sozialismus am gelungensten verwirklicht hat. Das ist natürlich kein Kompliment, denn auch im besten Sozialismus unter allen Sozialismen, sah sich die Vorhaut der Arbeiterklasse schlussendlich dazu gezwungen, eine Mauer zu bauen, damit die Bevölkerung nicht den Verlockungen des dekadenten, ausbeutenden, repressiven Kapitalismus erlag.

19 Jahre später sieht es, zumindest in Berlin, wieder so aus, wie zu Zeiten der Teilung. Im Ostberliner Rathaus regiert die SED, stilecht als Verbindung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, getragen vom Willen des Volkes, das in unverbrüchlicher Treue regelmäßig seine Stimme der Partei der Arbeiterklasse gibt. Zwar hat die Linke die 99 Prozent Zustimmung aus DDR-Zeiten noch nicht ganz erreicht, doch kann sie in Ostberlin bereits wieder nahezu die Hälfte der Bürger von ihren Positionen überzeugen.

Westberlin dagegen ist vom Umland abgeschnitten: Wie zu Mauerzeiten verkehren keine S-Bahnen nach Spandau, und auch nach Wannsee kommt man nur über Umwegen.

Wer am heutigen Samstag vom Ost- in den Westteil der Stadt möchte – bspw. vom piefigen Lichtenberg ins bürgerlich-schwule Schöneberg – der hat ein Problem. Denn ausgerechnet zum Jahrestag der deutschen Einheit beschließt die Regierung jedes Mal, den Einwohnern ein authentisches Gefühl der Teilung zu vermitteln: die Innenstadt rund um den Alexanderplatz ist gesperrt, Unter den Linden dicht, denn es wird Kasperle-Theater gespielt.

Und was bleibt sonst noch von der DDR? Nun, zwei Sachen, die ich persönlich nicht missen will: Straßenbahnen und der Fernsehturm, der zufälligerweise am gleichen Tag Geburtstag feiert wie die neue Bundesrepublik,  und heute 40 Jahre alt wird. Dass das Prestigeobjekt der DDR – welches dennoch nur mit Hilfe des kapitalistischen Auslands errichtet werden konnte – einmal den Tag der Deutschen Einheit krönen würde, welch Ironie der Geschichte…

5 Antworten zu “19 Jahre – 40 Jahre”

  1. Thommen 5. Oktober 2009 um 01:58 #

    Als Aussenstehender will ich jetzt nicht die ganze braune Vergangenheit des „Rechtsnachfolgers“ des 3. Reiches aufwühlen. Auch nicht die „Überlebenden“ aus diesem Apparat bis weit in die 70er Jahre im Apparat der BRD…

    Die Art dieses kritiklosen Artikels der „eigenen“ Geschichte gegenüber und des ausschliesslichen Verrisses gegenüber derjenigen „der Anderen“ kann historisch nicht ernst genommen werden. Es ist die Fortsetzung der Ego-Moral, die man mal an „den Anderen“ kritisiert hat.

  2. Adrian 5. Oktober 2009 um 10:44 #

    „Meine“ Geschichte ist die der DDR. Ich bin kein Kind der BRD. Insofern kann man mir nicht vorwerfen, ich würde die „eigene“ Geschichte nicht kritisieren.

    Auch frage ich mich, was dein Einwand bzgl. Drittes Reich mit 19 Jahren deutscher Einheit zu tun hat. Oder ist das so eine Art pawlowscher Reflex?

  3. jüngel 6. Oktober 2009 um 17:52 #

    „Zwar hat die Linke die 99 Prozent Zustimmung aus DDR-Zeiten noch nicht ganz erreicht“
    Die SED hatte nie 99 Prozent Zustimmung (also nichtmal ‚offiziell‘). Sondern die Liste, auf der neben Politikern der SED auch welche von CDU & LPD standen.

    Im Übrigen ist die Linkspartei um einiges fortschrittlicher in Sachen Homo-Rechte als die nationalliberale FDP. Aber Mauermörder und so, ne.

  4. Adrian 6. Oktober 2009 um 22:30 #

    „Sondern die Liste…“

    Schlauer Junge. Macht bloß keinen Unterschied, denn die so genannte „Nationale Front“ wurde von der SED beherrscht und kontrolliert.

    „Im Übrigen ist die Linkspartei um einiges fortschrittlicher in Sachen Homo-Rechte“

    Und was nützt mir das, wenn ich im Sozialismus leben muss?

  5. martin 7. Oktober 2009 um 16:13 #

    Sehr nett: „Vorhaut der Arbeiterklasse“. Schade, dass ich kein hartgesottener Freudomarxist bin.
    Vermutlich sollte man die Linken nicht verteufeln, selbst wenn man, wie ich, davon überzeugt ist, dass Sozialismus so ziemlich das Gegenteil dessen ist, was man emphatisch „Freiheit“ zu nennen pflegt, und Begriffe wie „demokratischer Sozialismus“ hoffnungslose Versuche, zu umschreiben, was schlicht nicht zusammen denkbar ist. Auch mag die Linke keine extremistische Partei sein, was allerdings auch nichts daran ändert, dass keine Partei soviele Extremisten zu politischen Ämtern und Mandaten verhilft wie sie (doch die größte Gefahr für die Demokratie verkörpert natürlich die NPD).
    Letztlich kann man es drehen und wenden, wie man will, am Ende behält Adrian Recht: Homo-Rechte ja, aber nicht um jeden Preis. Wer besitzt denn schon den nötigen Narzissmus, um seinen Wunsch nach der Gleichstellung von Homosexuellen etwa über seinen Wunsch nach einer freien und gerechten Gesellschaft zu stellen – ist das eine nicht nur ein Aspekt des anderen?

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