Römische Antimoderne

6 Okt

Was ist nur in der römisch-katholischen Kirche los? Dagegen war die „geistig-moralische“ Wende unter Helmut Kohl ja geradezu ein Modernisierungsprogramm:

Die Ansichten des Papstes ergeben ein Programm: die intellektuelle Blaupause einer geistig-moralischen Wende, die seine Anhänger als „benedettinische Wende“ bejubeln. Sie bedeutet: Abkehr von der Moderne, Rollback der Aufklärung, Einschränkung der Demokratie, Abschied vom wissenschaftlichen Denken, Schluss mit der Emanzipation der Frau und der sexuellen Selbstbestimmung. Sie bedeutet eine Umdeutung der Geschichte und eine Umwertung aller Werte. Sie hat letzten Endes mit dem fundamentalistischen Islam mehr gemeinsam als mit der säkularen Gesellschaft Europas. Papst Benedikts Kreuzzug bedeutet die Verneinung von allem, was den Westen bei aller Unzulänglichkeit zur liebens- und lebenswertesten Gesellschaft macht, die unser Planet bislang gekannt hat.

Alan Posener in der FR

Eine Antwort zu “Römische Antimoderne”

  1. martin 6. Oktober 2009 um 10:38 #

    Offen gestanden halte ich Poseners Ansichten für falsch, sogar für ziemlichen Unsinn – was ihn natürlich nicht daran gehindert hat, sie in einem Buch mit dem hübschen Titel „Benedikts Kreuzzeug“ zu publizieren. Zwar bin ich im Moment nicht in der Stimmung dazu, den Papst oder die Kirche zu verteidigen – und man muss sie auch beileibe nicht gegen jeden Vorwurf verteidigen, es gibt da ja schließlich einige berechtigte Vorwürfe. Allerdings führt es uns auch nicht weiter, im Papst in guter deutscher Tradition den großen Satan zu zeichnen und den „antirömischen Affekt“ zum tausendsten Male aufzuwärmen. Natürlich ist der Papst kein Freund von Homosexuellen und kein Anhänger szientistischer Evolutionstheoretiker, und natürlich vertritt er z.B. in Fragen von Blasphemie und im Umgang mit dem Islam in erster Linie eigene, katholische Interessen (was auch sonst?) – ihn aber deshalb zum Antimodernisten, Antiaufklärer etc. zu stilisieren ist schlicht Unfug. Poseners Lesart von Aufklärung und Demokratie hat dagegen dermaßen ausschließende, um nicht zu sagen: totalisierende Züge, dass man sich schon fragen kann, wie man sich da noch als liberaler Demokrat bezeichnen will.
    Dass Religion nichts mit Gewalt zu tun habe, ist genauso falsch wie die schlichte Gegenthese, dass religiöse Wahrheitsansprüche notwendig zu Gewalt führen würden. Dass der katholische Antijudaismus mit dem nationalsozialistischen Völkermord nichts zu tun habe, ist genauso falsch wie die schlichte Gegenthese, dass das eine nur die religiös-weltanschauliche Untermauerung des anderen ist (zu den islamistischen Terroristen und ihrem Verhältnis zum Islam besteht da doch noch ein ziemlicher Unterschied).
    Dass der Papst schließlich sehr deutlich seine Meinung sagt, was den Zusammenhang von Glaube und Vernunft, von Religion und Aufklärung angeht (nämlich: der Glaube ist nicht bloß un- oder widervernünftig, gerade die christliche Religion war und ist selbst eine Kraft der Aufklärung), muss jemandem wie Posener, der offenbar einen sehr von antireligiösen Affekten getragenen Begriff von Aufklärung und Vernunft hat, natürlich ehrenrührig scheinen. Insofern hat Posener nämlich völlig recht: auf theoretischer Ebene führt der Papst einen ziemlich erfolgreichen Kampf gegen bestimmte säkularistische Lesarten von Moderne, Aufklärung und Demokratie. Es mag sein, dass Posener sich da angegriffen fühlt. Meines Erachtens ist es allerdings längst an der Zeit, sich von solchen, unhaltbaren Positionen zu verabschieden.
    Also Papstkritik gerne, aber bitte kluge und gerechtfertigte!

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