Das Kreuz mit der Homosexualität

4 Nov

Europa tritt  in eine interessante neue Phase ein. Nicht nur, dass der tschechische Präsident Václav Klaus seine Abneigung gegen den Lissabon-Vertrag überwunden hat – wenn auch eher gezwungen – und dieser somit nun von allen EU-Mitgliedsstaaten angenommen wurde, kommt gleichzeitig vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein Urteil ins Haus geflattert, das dafür geeignet ist, das Selbstverständnis nicht weniger europäischer Staaten zu untergraben:

Ein christliches Kreuz im Klassenzimmer einer Staatsschule verletzt die Religionsfreiheit der Schüler. Sie nimmt zudem den Eltern die Freiheit, ihre Kinder nach ihren eigenen philosophischen Überzeugungen zu erziehen, und ist nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) vereinbar. Zu diesem Urteil kam der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte am Dienstag in Straßburg. Die Richter gaben damit einstimmig einer Italienerin recht, die bis in höchste Instanzen mit dem Versuch gescheitert war, ihre Kinder in Räumen ohne religiöse Symbole unterrichten zu lassen. Das Urteil löste in Italien Entrüstung aus. Die Regierung in Rom kündigte Beschwerde gegen die Entscheidung an.

Das Urteil ist, aus meiner Sicht,  an sich zu begrüßen, da die strikte Trennung von Staat und Kirche nun mal zu den Grundsätzen eines modernen Staatswesens zu gehören hat. Es fragt sich bloß, welche Konsequenzen dieses Urteil auf die Rechtssprechung in anderen Staaten hat, bspw. in Deutschland, wo in Berlin gerade erst einem moslemischen Schüler die Einrichtung eines Gebetsraumes in der Schule zugesagt wurde, und das Kopftuch je nach Bundesland, in öffentlichen Einrichtungen mal erlaubt ist und mal nicht. Man braucht kein Prophet zu sein um zu erkennen, dass hier etwas geschehen muss, wollen sich die europäischen Institutionen nicht den Ruf eines Heuchlers einhandeln, dem es nur darum geht, einseitig das Christentum zurückzudrängen, während man gleichzeitig Nachsicht gegenüber anderen Religionen, und insbesondere einer ganz bestimmten, übt.

Die Konservativen jedenfalls hauen schon mal kräftig auf die Pauke. Wie z.B. in der polnischen Tageszeitung „Rzeczpospolita“ in der Europa-Skepsis, Katholizismus und Homophobie zu einem Brei der Ängste angerührt werden:

„Europa wird niemals zu einer Macht werden, weil es gerade einen zivilisatorischen Selbstmord begeht. Es schneidet sich von seinen christlichen Wurzeln ab, stellt die Welt der Werte, die jahrzehntelang die Europäer verbunden hat, auf den Kopf. Denn die Krakauer Marienkirche, Notre Dame in Paris und die Sixtinische Kapelle verbinden uns nicht mehr.“

Nun hat diese „Welt der Werte“, die Europäer schon seit Luther nicht mehr verbunden, denn alle aufgeführten Kirchenbauten sind katholischen Ursprungs, während das Christentum in Europa ja auch noch zwei andere Seiten hat. Desweiteren stellt sich die Frage, was die Zeitung überhaupt von uns Europäern erwartet. Denn ihre Klagen sind ziemlich allumfassend:

„Heute gelten als Bindeglied: Lissabon-Vertrag, MTV, voller Bauch, Urlaub auf Ibiza und Toleranz für Schwule.“

Sollen wir also in Zukunft aus Musik verzichten, hungern, den Urlaub jedes Jahr in Lourdes verbringen und zwischendurch Schwule verprügeln? Schon erstaunlich, immer wieder sind es auch die Schwulen, die als Blitzableiter, als Ursache für das Unbehagen dienen müssen und dafür verantwortlich gemacht werden, dass Europa langsam aber sicher dem Niedergang entgegenstolpert. Man beachte: das Übel bestehe in der „Toleranz“ gegenüber Schwulen, was ja schlussendlich ja nichts anderes bedeutet, als dass für die Rettung des Abendlandes diese wieder verfehmt und vielleicht sogar verfolgt gehören.

Von diesem christlichen Standpunkt her, ist die Entscheidung des Gerichtshofes für Menschenrechte natürlich ein Schlag in die Weichteile, denn wo kommen wir bitte schön hin, wenn Kreuze aus Klassenräumen verbannt werden, gleichzeitig aber Kinder in der Schule lernen

wie toll die Homosexualität ist.

Aber aufgemerkt: Um des lieben Friedens willen bin ich bereit, all den Kulturkonservativen da draußen ein Kompromissangebot zu unterbreiten: Ich werde künftig angesichts von Kreuzen im Klassenzimmer meine säkularen Prinzipien aufweichen und beide Augen zudrücken, aber nur unter der Bedingung, dass die Kinder in Gegenwart des Kreuzes (weiterhin) lernen dürfen, „wie toll Homosexualität ist.“ Klingt doch fair,oder?

Korrektur (4.11.2009): Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat mit der Europäischen Union – zumindest institutionell – nichts zu tun, sondern ist statt dessen mit dem Europarat verbunden. Einigen Formulierungen die sich auf die EU beziehen wurden deshalb ausgetauscht. Dank an „Tobi“ für den Hinweis.

4 Antworten zu “Das Kreuz mit der Homosexualität”

  1. Tobi 4. November 2009 um 18:56 #

    Der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hat nichts mit der EU zu tun. Vermutlich verwechselt du ihn mit dem Europäischen Gerichtshof.

    • Adrian 4. November 2009 um 18:58 #

      Ach ja, stimmt. Blöder Fehler… Danke!

  2. Tobi 4. November 2009 um 19:03 #

    Außerdem bist du da in bester Gesellschaft, diverse Zeitungen haben das auch alles in einen Topf geworfen. Spricht aber auch nicht gerade für Europa, wenn der überdurchschnittlich (ja, das ist ein verkapptes Kompliment) gebildete Bürger den Überblick über die Institutionen verliert.

  3. Adrian 4. November 2009 um 19:15 #

    Besser ein verkapptes Kompliment als gar keins 😉

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