Warum Toleranz nicht genügt (2)

18 Nov

Ein paar Jahre lang ist man nun schon offiziell schwul, man hat gelebt, geliebt, gelacht und geweint und sich intensiv mit seinem Status als „Minderheit“ in einer heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft auseinandergesetzt. Man hat hunderte Male erklärt, dass man nicht auf Frauen steht, und dass obwohl man gar nicht schwul aussieht; man hat vielfältige blöde Bemerkungen mal über sich ergehen lassen, mal gekontert; man hat des Öfteren erklärt, dass man nichts gegen Heteros habe und auch nicht prinzipiell gegen jede Art von Religion sei; und nein, als Schwuler wählt man nicht immer bloß links und grün; nein, wir gehen nicht alle in den Park um uns gegenseitig zu besteigen; nein, wir sind nicht alle bei Gayromeo; nein, wir tragen nicht alle Frauenkleider; nein, wir tucken nicht unentwegt rum; nein, wir haben nicht alle was gegen Kinder und Familie; nein, wir lieben Kinder nicht mehr als es erlaubt ist; nein, wir wollen keine Sonderrechte; nein, wir wollen bloß behandelt werden, wie jeder Hetero auch.

Doch warum tut man sich das eigentlich an? Abgesehen davon, dass man in schweren Stunden den Eindruck gewinne könnte, man drehe sich mit seinen Erklärungen immerfort im Kreise und Heteros würden es sowieso nie begreifen, was soll das alles überhaupt? Man hat als Schwuler seine Infrastruktur, seine schwulen Freunde, man kann Sex haben ohne in den Knast zu kommen, man kann seine Partnerschaft gar „eintragen“ lassen, kurzum, die Toleranz der Gesellschaft ist doch da! Warum also noch Zeit und Energie darauf verschwenden, nach wirklicher Akzeptanz zu streben? Müssen denn alle Heteros Homosexualität „gut“ finden? Müssen sie alle der Meinung sein, dass es im Prinzip doch keinen Unterschied macht, wen man denn nun liebt?

Nun, müssen Heteros natürlich gar nichts, aber es wäre besser, wenn die Gesellschaft Homos nicht nur toleriert, sondern akzeptiert. Zunächst einmal aus rein egoistischen Motiven: Da nicht jeder Schwuler in Schöneberg leben kann und will und demnach nicht darauf vertrauen kann, abgeschottet von der Hetero-Welt zu leben, ist es eine zwingende Notwendigkeit, auf Akzeptanz zu pochen, weil man sich andernfalls doch immer weder erklären, oder verleugnen muss. Wenn man lediglich toleriert wird, ist ein stinknormales Leben in einer Welt voller Heteros schlichtweg nicht möglich.

Zum anderen sind da die Kinder. Die Kinder nämlich, die irgendwann für sich entdecken, dass sie schwul bzw. lesbisch empfinden. Für diese ist Akzeptanz zwingend geboten, weil sie sich nämlich in einem fundamentalen Punkt von allen anderen „Minderheiten“ unterscheiden:

Whereas black children generally have black parents, Jewish children generally have Jewish parents, and so on, LGBT people can have any sort of parents—and most often have straight ones. Far from being able to take for granted our parents’ understanding of the discrimination we face, we often have to struggle for their acceptance, too.

Während also Kinder anderer Minderheitengruppen fast immer die Gewähr haben, zumindest in ihrem wichtigsten Sozialisationsrahmen, der eigenen Familie, einen Rückzugsraum zu besitzen, wenn sie beginnen müssen, sich damit auseinanderzusetzen „anders“ zu sein, haben Jugendliche, die ihre Homosexualität entdecken, diese Gewähr eben nicht. Im Gegenteil gehört für viele Schwule und Lesben das Coming out innerhalb der eigenen Familie zu den schwierigsten und schmerzlichsten Prozessen überhaupt, wobei nicht wenigen dieser Prozess niemals gelingt, sei es, weil sie diesen Schritt nicht wagen, allzu oft aber, weil die Eltern die Homosexualität ihrer Kinder, auch wenn sie sie tolerieren mögen, eben nicht akzeptieren und ihre Kinder demnach ihr Leben lang tatsächlich anders behandeln, als sie es mit „normalen“ Kindern tun würden.

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Siehe auch: Warum Toleranz nicht genügt

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