Wie sexy ist der Holocaust?

30 Nov

Auf diese Frage könnte man eine Diskussion bei queer.de herunter brechen. Es geht um Profilfotos bei Gayromeo, die als Hintergrund für ihre Präsentation das Stelenfeld nutzen:

Im Ausland wundert man sich über den merkwürdigen Trend: das schwule Blog „Catch Fire“ sammelt einige der Fotos unter der Kategorie „Memorial Pics“. „Ich habe nie verstanden, was der Gedanke bei den Fotos ist (und ich habe wirklich eine Menge davon gefunden, also muss irgendein merkwürdiger Gedanke dahinter stecken)“, schreibt der Blogger. „Ich denke, es ist faszinierend, wie all diese Leute sexy aussehen wollen an einem Ort, der zu denen auf der Welt gehört, die am wenigsten sexy sind.“

Doch das versteht in Deutschland nicht jeder. Ein User meint daher:

Was ist denn gegen private Photos einzuwenden, man kann es auch übertreiben? Typisch, immer wenn irgendwas mit dem Zentral der Juden nur in sehr entfernter Weise in Kontakt geraten könnte, meldet man sich sofort mit dem Hinweis auf die Vergangenheit Deutschlands.

Merkwürdig, der vermutlich gemeinte „Zentralrat“ hatte sich zu den Holocaust-Präsentationen gar nicht geäußert. Aber, so scheint der User zu denken, die Juden haben unser Land eben so sehr im Griff, dass man selbst beim Holocaust-Mahnmal nicht umhin kommt, an den Holocaust zu denken. Sauerei, das! Ein anderer User neidet den Juden die Aufmerksamkeit, die ihnen im Gegensatz zu uns entgegen gebracht wird:

Dann würde ich mir gleichfalls wünschen, dass ermordete Brüder mit dem „rosa Winkel“ in der Öffentlichkeit einmal die gleiche Aufmerksamkeit erhalten wie die Vernichtung der Juden.

Diesem User ist nicht wohl bei entsprechenden Fotos, obgleich er vermutet, dass sie dem Architekten des Mahnmals gefallen würden:

Ich persönlich finde GR Profilfotos mit diesem Motiv immer fragwürdig und wundere mich darüber, warum man sich in diesem Kontext präsentieren möchte. Ich vermute da immer einen Mangel an Bewusstsein für die Symbolik und Bedeutung des Mahnmals.
Aber soweit ich weiß sagte der Künstler selbst, der den Ort (Hitlers Staatskanzlei stand dort) man solle dort Spaß haben, auf den Steinen vögeln und sonstwas tun, das Hitler nicht gepasst hätte.

Den letzten Satz verstehe ich nicht. Mit Sicherheit hätte es Hitler gefallen, wenn Menschen auf einem jüdischen Friedhof gevögelt hätten. Überhaupt muss an dieser Stelle dem verbreiteteten Klischee der repressiven Sexualmoral der Nazis widersprochen werden. Dagmar Herzog hat in „Die Politisierung der Lust: Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ überzeugend dargelegt, dass die Nationalsozialisten – oder wenigstens einer ihrer Flügel – auch vor- und außerehelichem Sex durchaus positiv gegenüber standen – vorausgesetzt, er fand unter heterosexuellen, nicht-behinderten Ariern statt.

Manch einer empfindet einen Friedhof für sich nicht als passende Kulisse:

Ich persönlich würde aber einen Hintergrund mit etwas mehr Bezug zu mir wählen…

Eben das aber haben die anderen vielleicht getan, als sie sich entschieden, ihre Persönlichkeit ausgerechnet auf einem jüdischen Gräberfeld in Szene zu setzen.

Der Nahost-Experte unter den Kommentatoren will keine weitere Mauer, die haben wir schließlich schon in Palästina zu ertragen:

Bitte keine Mauer und keinen Zaun aussenrum.

Der hier hat ganz andere Probleme:

Generell das Mahnmal ist deutlich zu groß zu Teuer

Vielleicht also ist die Nutzung des Mahnmals zu Zwecken der Präsentation der eigenen Leiblichkeit nichts anderes als der Versuch, dem nutzlosen Mahnmal zu guter Letzt doch noch einen Sinn abzugewinnen.

Eine Antwort zu “Wie sexy ist der Holocaust?”

  1. bärbel 3. Dezember 2009 um 14:42 #

    Wenn irgendwelche Heinis sich vor dem Holocaust-Mahnmal ablichten lassen, denke ich eigentlich meistens: „Meine Güte, ist das Pubertär.“

    Da steht irgendwas rum, um das viel Brimborium gemacht wird, von dem sich viele Deutsche erhoffen, dass es mit diesem Monument nun endlich vorbei sein müsse mit der Schmach. Irgendwie soll das Ding etwas bedeuten.

    Es gibt eine derart große Berührungsangst mit dem Thema, und niemand will sich diese Angst eingestehen und dichtet sie kurzerhand um zum Berührungsverbot, zum Tabu. Oder man macht ein geradezu sakral anmutendes Gedöns um das Mahnmal und spricht so das eigene Unbehagen vor der schieren Unfassbarkeit des Holocaust heilig.

    Wenn Jugendliche in der Pubertät sind, dann haben sie ein Näschen für sowas. Man stelle sich einfach nur 16- Jährige auf Klassenfahrt am Holocaust- Mahnmal vor. Natürlich werden einige von ihnen herumalbern und den einen oder anderen üblen Witz machen. Und nicht, weil sie Antisemiten sind (das kommt oft später), sondern weil sie sich an der Unsicherheit und Erklärungsnot ihrer Lehrkraft oder anderer Mahnmal-Touristen weiden wollen.

    Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, fällt mir nicht auf, dass keiner unserer Geschichtslehrer es je geschafft hat, uns über Antisemitismus mehr zu erklären als dass es sich um eine Form des Rassismus handelt und dass die Juden schon immer der Sündenbock für alles waren.

    Und dass es auch nie mehr gab als Phrasen vom „Singulären Menschheitsverbrechen“ und „Die industrielle Massenvernichtung der Juden Europas“ und das Gebot der Erinnerung und immer wieder diese Zahl: 6 Millionen.

    Ich spreche von Phrasen, weil das denke ich wichtigste bei den Sprechern fehlte und immer wieder fehlt: das ersnthafte Verstehen-Wollen des Antisemitischen Wahns, von seinen Anfängen bis in die Gaskammern.
    Ich habe als Jugendlicher wenige „erwachsene“ Menschen erlebt, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie bei ihren Ausführungen etwas fühlen.

    Ob das einfache Verdrängung ist, Unfähigkeit zu trauern oder die Angst, an bedeutende Axiome der Identität zu rühren, ich weiß es nicht. Jedenfalls wird viel Tamtam gemacht um Scham, Wut und Trauer, und selten mal schämt sich dabei jemand wirklich, wird wütend oder trauert. Die Gefühle bleiben abstrakt, und damit die Auseinandersetzung.

    Und weil im Seelenleben der Beteiligten nichts los ist, dann stellen sie Gefühle dar, von denen sie denken, dass sie sie haben müssten. Und da sind wir wieder beim sakralen Brimborium, das z.B. auf Zahlen wie „6 Millionen“ baut (Also, so eine Zahl muss doch etwas auslösen, oder?). Der tatsächlich stattgefundene Massenmord allein reicht nicht, um die Gemüter zu bewegen, da braucht’s schon einen sechsstelligen Paukenschlag. Es ist widerlich.

    Den meisten ist die Zwanghaftigkeit des Vorgangs klar. Die einen schalten dann auf Durchzug beim Thema Holocaust, „ich kann’s nicht mehr hören“, andere vermuten, dass es der ewige Zentralrat ist, der da zwingt.

    Und da sind wir wieder bei den pubertären Jugendlichen. Ich kann es den kleinen Biesetern noch nicht persönlich übel nehmen, wenn sich Spaß daran haben, sich im Mahnmal wie die Berserker aufzuführen. Jedenfalls den meisten nicht. Die Affektiertheit der meisten Erwachsenen angesichts der Stelen gibt ihnen Recht, ich bin sogar geneigt, solche Sensibilität erstmal für sympathisch zu halten.

    Sympathisch bei Jugendlichen. Die dürfen unreif sein. Wenn Erwachsene auf den Zug aufspringen, sei’s aus pubertärem Spaß am Widerspruch, sei’s, um sich den Anstrich unergründlicher, sexy Geistestiefe zu geben, – dann ist das, sofern nicht satirisch aufbereitet einfach peinlich unreif und eigentlich kaum der Rede wert.

    Schlimm finde ich ja, dass die daraus folgende Diskussion, also diese Anhäufung von Ahnungslosigkeit, Abwehr und antisemitischem Dreck nicht anders zu erwarten war.

    Tja, und solange das „Gedenken“ an den Holocaust so abstrakt bleibt wie bisher, wird der Stelenhintergrund auch so sexy bleiben, wie jeder andere pubertäre Obskurantismus oder Todeskult.

    Wahrscheinlich haben die Jungs einfach nur Angst davor, erwachsen und damit unattraktiv und langweilig zu werden.

    Ein Prosit also auf die Pubertät bis 40!

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