Scharia selektiv

28 Jan

Staatliche und selbst ernannte Sittenwächter machen in Malaysia und Indonesien Jagd auf Abweichler, Andersdenkende und Schwule – manchmal im Namen des Islams. Im Fall des malaysischen Oppositionsanführers Anwar Ibrahim dient die Verfolgung «widernatürlichen Verhaltens» aber klar politischen Zwecken.

erfahren wir in einem Blog der NZZ. Doch was bedeutet eigentlich „im Namen des Islam“? Hat der Islam mit den erwähnten Vorgängen nichts zu tun? Wird er gar für ihm widersprechende Zwecke benutzt? Sind politische Zwecke denen des Islam stets entgegengesetzt? Der Text versucht sich darin, aufzuklären:

Malaysias Scharia verbietet Muslimen das Trinken von Alkohol.

Alle nichtmuslimischen Staatsbürger Malaysias dürfen also. Dummerweise gibt es diese nicht, denn

Malaien sind gemäss malaysischem Recht automatisch Muslime und fallen damit unter das Alkoholverbot, an das sich Kuala Lumpurs Nachtvögel aber kaum zu halten scheinen.

Alles also halb so wild? Andererseits ist immerhin sogar gesetzlich geregelt, welche sexuellen Praktiken erlaubt sind:

das Strafgesetzbuch droht all jenen, die sich auf «widernatürlichen Geschlechtsverkehr» einlassen, mit Haft bis zu 20 Jahren und Auspeitschen. Gemäss Artikel 377 sind unter «widernatürlichen Akten» Sex mit Tieren sowie zwischenmenschlicher Anal- und Oralverkehr zu verstehen.

Klingt nicht einladend, was? Doch die Realität ist laut NZZ eine ganz andere:

Aus puritanischer Sicht gleicht Kuala Lumpur einem Sündenbabel. Das ist nicht zuletzt ein Grund, warum hier so viele Touristen aus Iran, Saudiarabien oder Kuwait Urlaub machen. Da laufen bis auf einen Augenschlitz schwarz verschleierte Frauen Hand in Hand mit ihren Männern durch das Vergnügungsviertel Bukit Bintang, wobei die bärtigen Begleiter nicht selten ganz unmuslimisch Shorts tragen. Manchmal kommt es gar zu einer verstohlenen Umarmung oder einem Kuss auf offener Strasse.

Verantwortlich für die ganzen Verbote, die mehr oder weniger nicht eingehalten werden, ist aber nicht der Islam, schon gar nicht systematisch:

Gelegentlich kommt es zwar zu Polizeirazzien in einschlägig bekannten Clubs, doch von einer systematischen Verfolgung von Homosexuellen kann kaum Rede sein. Auch die Scharia-Polizei durchsucht Diskotheken und Bars nach Muslimen, die Alkohol trinken. Dabei werden regelmässig «Sünder» verhaftet. Das prominenteste Opfer war bisher das Teilzeit-Fotomodell Kartika Shukarno, eine junge Mutter von zwei Kindern, die in einem Strandhotel beim Biertrinken erwischt und von einem Scharia-Gericht zu sechs Stockhieben verurteilt wurde. Das Urteil löste allerdings Empörung im In- und Ausland aus. Dies dürfte der Grund sein, warum die Strafe bis heute nicht vollstreckt wurde. Eine derartige Blösse wollte sich die Regierung dann doch nicht geben. Kartika ist allerdings auch ohne Stockhiebe mehr als genug bestraft: Sie hat wegen des Verfahrens ihren Arbeitsplatz im benachbarten Singapur verloren, und ihre Ehe ist inzwischen zerbrochen.

Ob auch dafür der Islam nichts kann, verrät uns die NZZ zur Abwechslung nicht. Das eigentliche Problem ist laut der Zeitung aber die nicht konsequente Durchsetzung der Scharia:

Das Problem mit dem «Sodomie»-Gesetz und den religiösen Sittenwächtern ist der selektive Einsatz der Bestimmungen: Immer wieder gibt es Berichte, dass Malaysias Religionspolizisten vor allem gegen arme Schlucker, unter ihnen indonesische Gastarbeiter, vorgehen und dabei manchmal auch Bestechungsgelder erpressen. Wer über Geld verfügt und sich einen guten Anwalt leisten kann, hat gute Chancen, ungeschoren davonzukommen. Pech hatte dagegen ein 39jähriger Malaysier, der wegen mehrfachen Analverkehrs mit einem minderjährigen Jugendlichen zu insgesamt 60 Jahren Gefängnis und 22 Stockhieben verurteilt wurde. Der Mann legte Berufung ein und argumentierte, dass Artikel 377 gegen die Verfassung verstosse, weil dadurch Männer diskriminiert würden. Dies war das erste Mal, dass die Verfassungsmässigkeit des «Sodomie»-Gesetzes vor Gericht in Frage gestellt wurde. Der Verteidiger bezog sich ausserdem auf ein Urteil des Obersten Gerichts, in dem es um den Schutz der Privatsphäre ging. Trotzdem verlor der Mann den Prozess.

Selbstverständlich wäre es nicht im geringsten angemessen, das Urteil in irgendeinen Bezug zum Islam zu setzen – auch wenn die Begründung des Richters durchaus Parallelen zu der für islamische Gesellschaften typischen mangelnden Privatsphäre aufweist,

Der Richter fragte den Verteidiger, ob er mit seiner Argumentation behaupten wolle, dass Homosexualität unter Erwachsenen legal sei. «Mit anderen Worten: Was im Schlafzimmer passiert, geht die Regierung nichts an?»

Praktisch ist der Vorwurf der homosexuellen Handlungen in jedem Fall auch zur Bekämpfung des politischen Gegners – zumindest in islamischen rückständigen kulturell von uns verschiedenen Gesellschaften:

Malaysias bekanntester angeblicher «Sodomit» ist der Oppositionsanführer Anwar Ibrahim. In seinem Fall dient die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Praktiken einfach nur politischen Zwecken. Mit dem vor kurzem auf den 2. Februar verschobenen «Sodomie-Prozess II» will die Regierung von Premierminister Najib Razak den populären Anwar aus dem Verkehr ziehen. Der Grund: Die von Anwar angeführte Oppositionsallianz droht bei den nächsten Wahlen zu einer ernstzunehmenden Konkurrentin für die seit der Unabhängigkeit regierende Nationale Front zu werden.

Anwar stand einst im Machtzentrum des politischen Establishments und brachte es bis zum stellvertretenden Premierminister. Mit dem damaligen Regierungschef Mahathir überwarf er sich aber während der Asien-Krise Ende der Neunzigerjahre.

Achtung, im nächsten Absatz vorkommende Feindbilder, die sie an von Moslems gepflegte Feindbilder erinnern, sind nicht etwa Beleg für den Realitätsgehalt Ihrer Erinnerungen, sondern Beleg für Ihre vorurteilsbeladenen Gedanken:

Anders als Dr. M., wie Mahathir in Malaysia genannt wird, machte Anwar nicht allgemein den Westen und im Besonderen die Juden für den Zerfall der asiatischen Währungen verantwortlich, sondern er nahm die Korruption und den Nepotismus in der Regierungspartei aufs Korn.

Für den Fall, dass Sie sich, nach all diesen doch eher theoretisch-trockenen Ausführungen, zur Auflockerung

Bilder und Videos von Auspeitschungen im heutigen Malaysia

ansehen wollen, hat die NZZ einen Link im Angebot. Bevor nach der Ansicht Ihre moralische Empörung einsetzt,  sollten Sie allerdings bedenken, dass die Verantwortung für diese Praktiken keinesfalls dem Islam zufällt, sondern dem Vereinigten Königreich. Denn daher kommen sowohl die Gesetze als auch die dazugehörigen Sanktionen:

Die so genannten Sodomie-Gesetze und das Auspeitschen von Kriminellen gehen auf die britische Kolonialzeit zurück

Und jetzt fragen Sie bloß nicht, was die Briten des 19. Jahrhunderts für Gesetze und Strafen im heutigen Malaysia können, Sie alter Rassist!

Eine Antwort zu “Scharia selektiv”

  1. martin 28. Januar 2010 um 18:44 #

    Du bist Dir aber schon im Klaren darüber, dass Malaysia kein homogen muslimischer Staat ist? Es gibt nämlich nicht-muslimische Staatsbürger, sogar jede Menge: nur etwa 60 Prozent der Bewohner Malaysias sind Muslime. Die von Dir und der NZZ zitierte Vorschrift bezieht sich nämlich nur auf ethnische Malaien, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Daneben gibt es zahlreiche andere ethnische Gruppierungen, die zu großen Teilen auch anderen Religion angehören. So gibt es z.B. große Minderheiten an Buddhisten und Christen.
    Das erstaunliche ist doch, dass wir es hier mit einer multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft zu tun haben, in der auf verschiedene Ethnien – ganz im klassischen Sinne des Multikulturalismus – unterschiedliche gesetzliche Vorschriften angewandt werden (oder auch nicht angewandt werden, aber jedenfalls bestehen). Es ist doch überaus interessant, festzustellen, dass diese Gesetze auf die Kolonialzeit zurückgehen, der orthodoxe Islam innerhalb der muslimischen Bevölkerung Malaysias sich aber erst nach der Unabhängigkeit stark verbreitet hat. Der Gedanke liegt nahe, dass der Islam hier politisch instrumentalisiert wurde (zum Zwecke der ethnischen Integration und Segregation) – und das wäre ja auch nichts Neues.

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