Rio Reiser, Bruder im Herrn

15 Feb

Mit der Erwähnung von Rio Reisers Homosexualität lockt man heutzutage keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Wenn ich allerdings andeute, Rio könnte Christ gewesen sein, ernte ich in der Regel Irritation, interessanterweise unabhängig davon, ob es sich bei meinem Gesprächspartner um einen Christen, einen Linken oder einen Schwulen handelt. Am wenigsten Skepsis scheinen libertäre schwule Christen in dieser Frage aufzuweisen. Gestern nun war ich im Schwulen Museum in Berlin in der Rio-Reiser-Ausstellung. Ich versprach mir davon auch eine Antwort auf die Frage, ob Rio nun Christ war. Wobei schon der Text von „Der Traum ist aus“ in dieser Hinsicht keine Fragen offen lässt:

Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei,
du warst hier und wir war’n frei
und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlieren.
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren.
Das war das Paradies.

Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.
Aber Ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.

Ich hab geträumt, der Krieg wär vorbei,
du warst hier, und wir war’n frei
und die Morgensonne schien.
Alle Türen war’n offen, die Gefängnisse leer.
Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr.
Das war das Paradies!

Gibt es ein Land auf der Erde,
wo der Traum Wirklichkeit ist?

Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich sicher,
dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.

Der Traum ist ein Traum, zu dieser Zeit,
doch nicht mehr lange, mach dich bereit
für den Kampf um’s Paradies!
Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst,
es ist unsere Zukunft, unser Land.
Gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand.

Letzte Zweifel waren nach dem Besuch der Ausstellung beseitigt. Es gibt dort Auszüge aus Rios Tagebüchern zu lesen. In einem Eintrag notiert er, dass er die Flugblätter der diversen linken Grüppchen nicht versteht, obwohl sein Bruder sie ihm immer wieder zu erklären versuche. Ganz im Gegensatz zur Bibel, die habe er schon mit 12 verstanden. Deutlich wird in der Ausstellung, dass Rio zur linken Szene nie richtig dazu gehörte und auch nicht dazu gehören wollte. Ob das an seinem Schwulsein lag, an seinem Christsein, an seiner Individualität, für die in den kollektivistischen Strukturen der 68erff kein Platz war, das kann ich nicht sagen. In jedem Fall macht es mir ihn noch einmal ein Stück sympathischer. Die Ausstellung ist klein, aber fein. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall, sie läuft noch bis zum 8. März.

Für alle ewigen Zweifler hier noch der vorletzte Tagebucheintrag von Rio vor seinem Tod, der Beginn eines Gedichts von Dietrich Bonhoeffer, einem von den Nationalsozialisten ermordeten Theologen und Widerstandskämpfer:

Von guten Mächten wunderbar geborgen

Und dann Rios letzter Eintrag, dem nichts hinzuzufügen ist:

Lobe den Herrn

Eine Antwort zu “Rio Reiser, Bruder im Herrn”

  1. Ralf 17. Februar 2010 um 17:05 #

    Rio wäre in diesem Jahr (9. Januar) 60 Jahre alt geworden. Die Ausstellung ist echt lohnenswert. Hab die Infos im Blog gefunden. siehe Link….

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