Schwulenhass ist preisverdächtig

27 Feb

Norwegen ist ein tolerantes, paradiesisches, sozial gerechtes, ja, man könnte fast sagen, geradezu hippiemäßig-sozialistisches Land. Menschen aller Hautfarben, Religionen, Altersstufen, Geschlechter und sexueller Vorlieben leben dort in friedlicher Eintracht zusammen, und damit das auch so bleibt, vergibt das zuständige Ministerium („Ministry of Children, Equality, and Social Inclusion“) einen Preis („Role Model of the Year“) an engagierte Persönlichkeiten, die dafür geeignet sind, als Vorbilder  für die gesamte norwegische Gesellschaft zu fungieren und zum Dialog zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft beizutragen.

In diesem Jahr wurde der Preis für das „Role Model“ an Mahdi Hassan vergeben, ein Mann der, so die Jury, sich dafür einsetze, Kindern und jungen Leuten eine Perspektive zu geben und sich aktiv in die Gesellschaft einbringe. Im Wortlaut ließt sich die Begründung für den Preis, auf der Website der zuständigen Ministerin Anniken Huitfeldt von den Sozialdemokraten („Labor Party“) so:

We know that good role models mean a lot when it comes to creating opportunities for children and teenagers.  Mahdi Hassan is such a role model.  He is visible, he has knowledge and a strong sense of commitment and makes use of these things to create a better day-to-day life for young people in Tynset. People like Mahdi Hassan make a difference and his award for ”2009 Role Model of the Year” is highly deserved.

Mahdi Hassan scheint also ein Mensch zu sein, der dazu beiträgt, unsere Welt ein klein wenig besser zu machen.

„Und wie!“, möchte man ausrufen. Denn Hassans Ideen für eine bessere Welt sind durchaus vielfältig, denn, gestützt auf seinen Glauben, ist er der Meinung, dass Homosexualität verboten werden sollte:

As early as last summer, Hassan told the newspaper Arbeidets Rett that he wants a ban on homosexuality, based on the Koran:Homosexuality is prohibited in the Koran, and I believe in my religion.”

Nun könnte man meinen, dass sei doch bestimmt nicht so gemeint; man mag sich wundern, dass ausgerechnet eine sozialdemokratische Ministerin die Auszeichnung für einen Mann unterstützt, der eine so unprogressive Meinung an den Tag legt; man mag einwenden, diese Äußerung gehöre bestimmt einer Episode der Vergangenheit an – aber nein:

Now Arbeidets Rett has asked Hassan if that is still his opinion, and it is.  The head of the Norwegian LGBT Association, Karen Pinholt, doesn’t thinks this man is a good role model: “It appears as if the Ministry of Inclusion has forgotten to include gay people here.” [Link im Original. A.]

Hassan denkt also immer noch, dass Homosexualität so äh-bäh ist, dass man diese am besten verbieten sollte. Ein gutes Vorbild also? Die Preisjury jedenfalls ist weiterhin davon überzeugt:

The jury believed, on the contrary, that Hassan is a good role model, “both for people with immigrant backgrounds and also for ethnic Norwegians.”

Und auch der Vorsitzende der Sozialistischen Linken („Socialist Left Party“) von Tynset, dem Ort in dem Hassan lebt, kann die Bedenken gar nicht verstehen und verweist auf Meinungsfreiheit und Religion:

“There is freedom of speech in Norway and in the Tynset Socialist Left Party we consider it unproblematic that Mahdi is opposed in principle to homosexuality,” Løkken told Arbeidets Rett. “It is in accordance with his religion.”

Man lasse es sich auf der Zunge zergehen: Ein nicht ganz unwichtiges Mitglied einer sozialistischen Partei findet es unproblematisch, dass ein Mann, der nichts dagegen hätte Homosexualität zu verbieten, mit einem Preis als norwegisches Vorbild ausgezeichnet wird, und begründet dass auch noch mit Hassans Religion, so als wäre das eine Rechtfertigung, die alles erklärt.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich darf Hassan die Meinung äußern, Homosexualität sollte mit einem Bann belegt werden, natürlich darf er glauben was er will; aber es ist doch merkwürdig, dass Mitglieder von Organisationen, die üblicherweise einen Herzkasper bekommen, wenn Christen oder Rechtskonservative über Homosexuelle herziehen, nichts dagegen haben, wenn nun jemand wegen homophober Äußerungen einen Preis bekommt, der eigentlich an Personen vergeben wird, weil diese Menschen Norwegens zusammengebracht haben. Muss man angesichts dieser Preisvergabe nicht den Eindruck bekommen, dass Toleranz einerseits nicht danach bemessen wird, was jemand sagt, sondern wer es sagt, und dass andererseits, Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben eh nicht so wichtig ist?

Aber man sollte Hassan nicht unterbewerten. Denn er ist durchaus differenziert, differenziert bis zur Verständnislosigkeit:

But if Mahdi Hassan agrees in principle with a ban on homosexuality, he does not oppose, in principle, the death penalty for gays: “That must be up to each individual country to decide,” he told the newspaper.  “For myself I think that people must do what they want, and that people shouldn’t be punished for it.”

Das kann man wohl so interpretieren, dass wenn in einem Land auf  Homosexualität die Todesstrafe steht, dies schon ganz okay so ist, und dass, obwohl man Homosexuelle nicht unbedingt bestrafen müsste, es doch schon ausreiche, diese zu verbieten. Was genau meint Hassan eigentlich, außer, dass er Homos nicht besonders gut leiden kann?

Wie auch immer, die Politiker und Preisrichter können relativieren und rechtfertigen was sie wollen – wie die Journalistin Rita Karlsen richtig bemerkt, würde in Norwegen kaum jemand einen Preis als „Role Model“ erhalten, wenn dieser einen Bann für Moslems propagiert, und – ich ergänze – nicht mal dann, wenn dieser jemand Moslems ganz einfach nicht leiden kann. Ja, selbst ein Schwuler dürfte das nicht, ohne von Sozialdemokraten und Sozialisten in der Luft zerissen zu werden.

8 Antworten zu “Schwulenhass ist preisverdächtig”

  1. drehrumbum 28. Februar 2010 um 01:35 #

    Ich erinnere mich an dieser Stelle einmal an eine denkwürdige Anfrage des norwegischen Islamrates an den europäischen Fatwarat.

    Die Anwort ist mir leider nicht bekannt.

  2. Kim 28. Februar 2010 um 11:55 #

    Wo ist Pat Condell, wenn man ihn braucht..?

  3. Thommen 28. Februar 2010 um 20:41 #

    Es gibt nur eines dazu zu sagen: Hört endlich auf mit Begriffen zu jonglieren wie „Toleranz“ und „Akzeptanz“! Sie sind so hohl wie „Freiheit“ und „Ewigkeit“… Amen.

    • Adrian 28. Februar 2010 um 22:03 #

      @ Thommen

      Das magst Du so sehen. Ich nicht.

  4. lukas 1. März 2010 um 00:51 #

    Tynset ist ein 5000-Seelen-Städtchen. Er mag ja Ortsvorsitzender sein, aber ist Stein Petter Løkken deshalb gleich ein „nicht ganz unwichtiges Mitglied“ der SV?

  5. Adrian 1. März 2010 um 11:02 #

    @ lukas
    Ein 5000-Seelen-Städtchen ist in Norwegen schon sehr viel.

  6. monologe 1. März 2010 um 11:40 #

    Also jedenfalls Dank für diese Vermittlung eines aufklärenden Textes aus Norwegen, der ja sonst nur schwer zugänglich wäre! Die Idee, die mir dabei kommt und über die das Wundern darüber warum und wieso diese Zustimmung von allen unerwarteten Seiten usw. vielleicht nicht mehr so groß ist: die abendländische Kultur kann sich ein Verbot der Homosexualität aus vielen vernünftigen Gründen eigentlich nicht mehr leisten, das ist Geschichte. Da sind wir weiter, als es heutzutage manchem wieder wünschenswert erscheint. Da kommt diese Stimme aus dem Islam gerade recht und lässt sich wunderbar und unverdächtig benutzen. Religionsfreiheit, da ist nichts zu machen. Überall auf dem Vormarsch wie eben auch das Wolfsgesetz, Halsabschneiderei und totale Ausbeutung für völlig sinnlosen Plunder. Das wollten wir in unserer Kultur auch mal anders. Wird alles zurückgefahren.

  7. Yadgar 6. März 2010 um 22:14 #

    Immerhin zeigt der Umstand, dass solche peinlichen Anbiederungen an den orthodoxen Islam auch in etlichen Ländern außerhalb Deutschlands passieren und daher nichts mit „durch alliierte Umerziehung und Frankfurter Schule erzeugten nationalen Selbsthass“ (wie unsere rrrrrrrechtskonserrrrrrvativen Gutmenschenfresser ständig behaupten) zu tun haben können…

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