Odenwaldschule: Der Gipfel der Heuchelei

12 Apr

Als wir vor bald 25 Jahren einen Artikel über die Schwierigkeiten des Coming-Outs an einer reformpädagogischen Schule in einer Schülerzeitung der Odenwaldschule veröffentlichten, bekamen wir nicht nur zustimmende Reaktionen. Die irrste war die Ansage einer Lehrerin, die Odenwaldschule habe „eine lange homosexuelle Tradition“, deshalb sei ein solcher Artikel überflüssig. Die Illustration des Artikels mit Fotos von einem Jugendlichen in Lederunterwäsche führte zu der Anfrage des in der Presse zur Zeit vielfach erwähnten Lehrers Jürgen K., ob man beabsichtige, an der Odenwaldschule eine „Lederszene wie in Frankfurt“ einzurichten. Dumm nur, dass der Verfasser des Artikels bis dahin weder in Frankfurt gewesen war noch wußte, was eine „Lederszene“ ist.

Wolfgang H. und sein schmutziges „Familienleben“ waren an der Odenwaldschule kein Geheimnis. Lehrer wußten davon und empörten sich darüber, aber niemand unternahm etwas dagegen. Heute wird gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass eine Schulgemeinde von all dem wußte, aber niemand den Opfern zur Seite stand. Eine Erklärung mag die – damalige? – Mentalität an der Schule sein, man pflegte ein elitäres Bewußtsein und schottete sich bewußt nach außen ab. Eine Lehrerin, die seinerzeit ein Jahr zur Probe an der Schule unterrichtete, bekam das Angebot, dauerhaft an der Schule zu arbeiten. Bedingung dafür war, dass ihr Mann auch in der Schule wohnt und arbeitet. Als sie das ablehnten, musste sie die Schule verlassen. Sie ging, dankbar, diesem „inzestuösen Betrieb“ zu entkommen. Was sie damit meinte, hat damals keiner von uns verstanden, auch wenn wir uns über die zahlreichen Liebschaften zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen wunderten.

Der Autor des Coming-Out-Artikels musste die Schule übrigens nach einem Jahr verlassen. Wegen homosexueller Beziehungen zu Schülern. Als Schüler, wohlgemerkt! Zur Begründung hieß es, „wenn davon die BILD-Zeitung“ erführe, käme die Schule in Teufels Küche. Dort ist sie – zu Recht! – heute endlich gelandet.

Interessant zu wissen wäre, wie die Situation für homosexuelle Schüler an der Odenwaldschule heute ist. Ob man sich dort immer noch auf die „lange homosexuelle Tradition“ beruft und schwulen Schülern damit bedeuten will, sie sollten sich verstecken? Aber das ist ein anderes Kapitel, das zu einem anderen Zeitpunkt aufzuarbeiten wäre.

8 Antworten zu “Odenwaldschule: Der Gipfel der Heuchelei”

  1. Oso-Schülerzeitung 19. April 2010 um 11:17 #

    Sorry Damien,

    aber „vor bald 25 Jahren“ (also Mitte der 80er) habe ich mit zwei Mitschülern die Oso-Schülerzeitung namens „SZ“ gemacht – dort gab es keinen entsprechenden Artikel zum Thema Coming-Out.

    • Damien 19. April 2010 um 20:26 #

      Unsere Zeitung erschien im Schuljahr 1987/88.

  2. stefanie 19. April 2010 um 21:28 #

    Doch. Es gab eine andere Schülerzeitung, herausgegeben von X. X.
    Und coming out war ein Thema.
    So wie ich es erinne gab es darin aber auch pädophilieverherrlichende Artikel. Ich würde die Artikel gerne nachlesen. Hast du sie noch?

    • Damien 19. April 2010 um 23:23 #

      Herausgegeben wurde die Zeitung von einem Redaktionskollektiv, ein einzelner Herausgeber wäre uns suspekt gewesen.
      Es gab einen Artikel, der uns anonym zugespielt wurde. Eine ehemalige Lehrerin erklärte darin, warum sie nicht länger unterrichte: Sie liebe Kinder mehr, als es erlaubt sei. Damals waren wir uns nicht sicher, ob dieser Artikel gefakt war. Heute würde man sich nicht wundern, wenn er echt gewesen wäre. An weitere „pädophilieverherrlichende Artikel“ kann ich mich nicht erinnern.
      Ich habe leider keine Ausgaben der Zeitung mehr.

  3. Oso-Schülerzeitung 20. April 2010 um 10:08 #

    @ Damien

    87/88 war ich auf der Oso und habe wie gesagt die „SZ“ mit zwei Freunden gemacht – ohne einen entsprechenden Artikel.

    @ Stefanie

    Es gab noch eine „andere“ Schülerzeitung?
    Von Oso-Schülern?
    Kannst Du mir dazu bitte mal zwei, drei weiterführende Hinweise geben, die eine mögliche Amnesie beheben?

    • Damien 20. April 2010 um 11:32 #

      @Oso-Schülerzeitung: Auch wenn ich nicht Stefanie bin, erlaube ich mir eine Antwort, schließlich habe ich die Zeitung mit herausgegeben. Die Zeitung trug den Namen „Pflasterstein“ und erschien in mehreren Ausgaben, ich kann mich sicher an zwei erinnern. Wir legten keinen Wert auf eine offizielle Anerkennung durch die Schulleitung und definierten uns als AnarchistInnen. Die an der Odenwaldschule existierende Schüler-Mitbestimmung hielten wir für eine Farce und forderten radikal völlige Selbstbestimmung.

  4. Oso-Schülerzeitung 20. April 2010 um 12:16 #

    @ Damien

    „Pflasterstein“??? Mehrere Ausgaben??? Auf der Oso anno 87/88??
    Und von mehreren Schülern herausgegeben?
    Verdammt, warum kenne ich das Werk nicht?!

    Wir haben unsere SZ dem Druck im Speisesaal verteilt, dürfte also jeder seinerzeit mitbekommen haben – wie wurden den „Pflasterstein“ vertrieben?

    Interssiert mich jetzt brennend, unabhängig vom o.g. Inhalt. Insbesonde auch, wer da mitgemacht hat.

    Damien, wäre es ok, wenn mir Steffi Deine eMail weiterleitet, sofern ihr Euch kennt bzw. auch gerne umgekehrtes Procedere?

    • Damien 20. April 2010 um 19:57 #

      @Oso-Schülerzeitung: Warum Du das Werk nicht kennst? Keine Ahnung, wir waren einigermaßen berüchtigt damals 😉 Gab sogar mal so eine Art Schülervollversammlung, bei der einige Aktivschüler die Reihen fest geschlossen sehen wollten, um sich von Abschaum wie uns nicht länger die Schulgemeinschaft zerstören zu lassen. Ist schon bemerkenswert, wenn man heute erfährt, welche Abgründe in dieser Schulgemeinschaft existierten.
      Wie wir das Heft vertrieben haben, weiß ich nicht mehr. Aber bekannt war es, siehe oben, zur Genüge. Wer mitgemacht hat, war damals nicht offiziell bekannt. Dabei lassen wir es dann ruhig auch heute. Wer weiß, in welchen staatstragenden Positionen die damaligen Anarchisten heute tätig sind…
      Du kannst mich über die Redaktionsadresse anschreiben: gay.west@web.de

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