Katholiken, Marx und schwule Zipfel

26 Apr

Die Katholische Kirche, in den letzten Monaten in die Defensive gedrängt, wagt den Gegenschlag und beweist in Gestalt des Internetportals „kath.net“ die Richtigkeit der Marxschen Formulierung, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein eines Menschen wesentlich bestimme. Die ewige Frage der Homosexualität bietet dafür ein anschaulichen Beispiel.

Es ist natürlich vollkommen logisch, dass Rom, als hierarchische, quasi autoritär geführte Organisation, mit einem Sexualbild, das im Wesentlichen auf Fortpflanzung angelegt ist, Homosexualität für nicht ganz okay halten muss. Auf der anderen Seite ist es nur folgerichtig, dass ein Schwuler, der den Zauber der Liebe am eigenen Leib erfährt, gar nicht verstehen kann, was an einer Beziehung zu einem Mann denn nun so verwerflich sein soll, nur weil man statt einer Vagina einen Schwellkörperschlauch zwischen den Beinen mit sich herum trägt.

Diese unterschiedlichen Ebenen des Seins machen es höchst schwierig, bei Diskussionen zwischen Homos einerseits und der offiziellen katholischen Lehrmeinung andererseits, zu einen halbwegs übereinstimmenden Konsens zu kommen. Während Rom sich das Recht vorbehält, Homosexualität in ihrer praktizierten Form als Sünde zu betrachten, und überhaupt nicht versteht, warum Homos darauf so angewidert reagieren, verstehen viele Homos ihrerseits nicht, wie man so verstockt in einem völlig von der Realität abgekoppelten Elfenbeinturm leben kann, und sich von Menschen richten lassen soll, die sich selbst den Gebrauch des Schwellkörperschlauchs zwischen den Beinen versagen, aber ansonsten genaue Vorstellungen daüber haben, wie er am besten zu gebrauchen sei.

„Kath.net“ veranschaulicht die unterschiedlichen Bewusstseinsebenen beider Gruppen sehr deutlich:

Praktizierte Homosexualität ist heute im Westen eine gesellschaftliche anerkannte Lebensform. Der deutsche Außenminister reist mit seinem Lebensgefährten durch die Welt, Diskriminierung von Schwulen und Lesben gilt als Kapitalverbrechen, im Sexualkundeunterricht wird schon früh die Gleichwertigkeit von hetero- und homosexuellen Beziehungen herausgestellt und damit die Kinder auch zu Hause sehen, dass Schwulsein völlig normal ist, taucht in fast jeder Fernsehserie der Quoten-Homo auf.

Ein Katholik, welcher der Lehrmeinung Roms zustimmt, kann hier nur bedeutungsschwer mit dem Kopf nicken, um anschließend über die Verschwulung der Welt zu sinieren. Ein Schwuler – und sei es nur ein Adrian – fragt sich dagegen unwillkürlich: „Und nun?“ Worin besteht in der Aufzählung eigentlich die Aussage, die Message, der Kern, das Wesentliche?

Versuchen wir einmal die unterschiedlichen Bewusstseinsebenen zu analysieren:

Praktizierte Homosexualität ist heute im Westen eine gesellschaftliche anerkannte Lebensform.

Diese Aussage ist richtig und nicht ganz korrekt zugleich. Es kommt eben darauf an, wie man es sieht. Sicherlich ist Homosexualität ungleich akzeptierter als noch vor fünf, zehn, gar 50 Jahren. Aber eine gesellschaftlich akzeptierte Lebensform? Ja, wenn man es aus der Sicht eines Heteros betrachtet, der nur erkennt, dass es Lokale mit Regenbogenfahnen, die Homo-Ehe und den CSD gibt. Nein, wenn man es aus der Sicht eines Homos betrachtet, der sich bei der Ankunft auf dem S-Bahnsteig in Marzahn respektive Neukölln  zu entscheiden hat, ob er seinen Schatz an die Hand nimmt, oder doch lieber nicht.

Aus meiner persönlichen Sicht würde ich sogar noch weiter gehen. Homosexualität kann erst dann als gesellschaftlich akzeptierte – und eben nicht lediglich tolerierte – „Lebensform“ betrachtet werden, wenn man seine Sexualität so „aufdringlich“ zur Schau stellen kann, wie das Heteros jeden Tag tun, ohne dafür schief angesehen zu werden. Und das ist eindeutig nicht der Fall!

Der deutsche Außenminister reist mit seinem Lebensgefährten durch die Welt

und muss sich dennoch mit den Fragen in Foren, Leserbriefsparten und an Stammtischen auseinandersetzen, ob das denn sein müsse.

Diskriminierung von Schwulen und Lesben gilt als Kapitalverbrechen

was man unter anderem darin sieht, dass die bundesdeutscehn Gefängnisse mit diskriminierenden überfüllt sind und sogar erwogen wird, die Todesstrafe für Homophobie wieder einzuführen…

im Sexualkundeunterricht wird schon früh die Gleichwertigkeit von hetero- und homosexuellen Beziehungen herausgestellt

Faktisch kann ich das jetzt nicht widerlegen, da meine Schulzeit schon eine Weile zurück liegt, angesichts gesellschaftlicher Realitäten und Medienberichten zu diesem Thema, scheint mir das aber höchst unwahrscheinlich zu sein.

und damit die Kinder auch zu Hause sehen, dass Schwulsein völlig normal ist, taucht in fast jeder Fernsehserie der Quoten-Homo auf.

Wobei der Kern dieser Aussage realistischerweise auf dem Wörtchen „fast“ liegt, denn natürlich werden Quotenhomos, sobald sie in den Serien auftachen, im schlimmsten Fall noch immer als exotische Zootiere präsentiert, und im besten Fall jener Intimät beraubt, die man Lena und Alexander in jedem Fall zugesteht.

Doch das sind ja nur einige Dinge, welche die verschiedenen Bewusstseinsebenen von Rom einerseits und Schwulen – oder zumindest Adrian – anderseits aufzeigen. Ganz verrückt wird es nämlich dann, wenn Rom, zumindest in Gestalt von Kath.net, schlicht und einfach anfängt zu lügen:

Auch Homosexuelle haben in der Kirche ihren Platz und werden dort nicht diskriminiert.

Wobei auch die Bewertung dieser Aussage, auf unterschiedliche Ebenen des Bewusstseins zurückgeführt werden könnte. Denn vielleicht glaubt Rom ja wirklich, dass Homosexuelle innerhalb der katholischen Kirche nicht diskriminiert werden. Als Anhänger der Glaubensfreiheit nehme ich mir allerdings das Recht heraus, das Gegenteil zu glauben.

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Eine Antwort to “Katholiken, Marx und schwule Zipfel”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Homosexualität: Widerspruch aus Loyalität | fxneumann · Blog von Felix Neumann - 27. April 2010

    […] Position zu vertreten: Nämlich die Würde des Menschen dort zu verteidigen, wo es wirklich nötig ist. Umso besser, daß das ein allseits respektierter Wissenschaftler und Priester tut. Hier […]

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