Gut, dass es Diskriminierung gibt

15 Mai

Was war man böse mit mir, als ich kürzlich das Recht eines britischen Ehepaares verteidigt habe, Schwulen den Aufenthalt in ihrem Hause zu untersagen. Dabei ist es ganz logisch: Wenn man selbst nicht mehr das Recht hat zu bestimmen, wen man in sein Haus lässt, wenn der Staat anfängt zu bestimmen, wie man über seinen Besitz zu verfügen hat, dann, ja dann, muss man irgendwann auch Udo Voigt von der NPD bewirten:

Heinz Baumeister hat sich mit der NPD angelegt, mehr noch: er hat dem Vorsitzenden der rechtsextremen Partei, Udo Voigt, die Tür gewiesen. Baumeister ist Direktor des Hotels Esplanade in Bad Saarow, einem idyllisch gelegenen Komplex am Nordufer des Scharmützelsees. […]

„Die politische Überzeugung von Herrn Voigt ist mit dem Ziel unseres Hauses, jedem Gast nach Möglichkeit ein exzellentes Wohlfühlerlebnis zu bieten, nicht zu vereinbaren“, schrieb Baumeister im Dezember 2009 dem Anwalt des gekränkten Parteivorsitzenden.

Herr Baumeister hat also eindeutig klar gestellt, dass er Voigt auf Grund dessen Weltanschauung diskriminiert hat. Gut so! Allerdings: Verfechter staatlicher Antisdiskriminierungsregeln müssten nun angesichts dieses Falles eigentlich auf die Barrikaden gehen, denn nach den Regeln der Antidiskriminierung unterscheidet sich dieser Fall nicht von dem in Großbritannien.

Ich persönlich hätte Voigt auch rausgeschmissen, weil man eben frei genug sein sollte, Gesocks wie ihn grundsätzlich nicht ertragen zu müssen. Das geht zwangsläufig aber aber nur dann, wenn jeder Eigentümer und jeder Privatmann das Recht hat, diskriminieren zu dürfen.

26 Antworten zu “Gut, dass es Diskriminierung gibt”

  1. Ralf 15. Mai 2010 um 16:06 #

    Welch ein Vergleich! Dass Du jenes Paar mit dem Vorsitzenden einer extremistischen Partei gleichsetzt, spricht nicht dafür, dass Du begriffen hast, worum es bei (Anti-) Diskriminierung geht.

    • Adrian 15. Mai 2010 um 17:14 #

      Konkret, habe ich nicht das schwule Paar mit dem NPD-Fuzzie gleichgesetzt, sondern die Besitzer des Hauses in GB und den des Hotels. Die einen wollen Schwule nicht beherbergen, der andere keinen Rechtsextremisten. Moralisch besteht zwischen beiden Motiven natürlich ein Unterschied. Konsequent sage ich aber: Was die Menschen mit ihrem Besitz machen, wie sie darüber verfügen, geht mich nichts an.

      Aber es ist schon möglich, dass ich es nicht begriffen habe. Worum geht es denn bei (Anti-)Diskriminierung?

  2. Blub 15. Mai 2010 um 17:53 #

    @Ralf: Selektive Anti-Diskriminierung ist Diskriminierung. Daran gibts nichts zu rütteln und auch dann nicht, wenn man das mit einer vermeintlich legimtimen Hierarchie der Wertigkeit von Menschen und Gruppen versieht, d.h. manche Menschen auf Grund gewisser Eigenschaften diskriminiert werden dürfen, andere nicht.

    Letztlich ist das ganze ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits muss man im öffentlichen Leben Diskriminierung eindämmen, um Leuten die Freiheit zu geben, umbeschwert zu sein. Andererseits führen Anti-Diskriminierungsmaßnahmen auch zu gefährlichen Einschränkungen der Freiheit. Davor hat Adrian zu recht Angst.

    Mich ärgern viele akzeptierte Diskriminierungen, von denen kaum eine dadurch abgefangen wird (Konformitätszwang in Berufen o.ä., wo dies nicht erforderlich ist). Gleichzeitig werden gerne Dinge besonders geschützt, wo eine Diskriminierung m.E. eher geboten wäre (z.B. liebenswürdige religiöse Ansichten).

  3. Ralf 15. Mai 2010 um 20:01 #

    Eigentlich ist es ganz einfach: Niemand darf ausgeschlossen werden, weil er etwas IST. Klassisches Beispiel: „Juden sind hier unerwünscht.“ Ein Ausschluss ist legitim wegen etwas, das jemand TUT. Beispiel: Jemand leitet eine extremistische Partei oder schreibt rassistische Pamphlete. Wer ein Paar nicht in sein Hotel lässt, weil es lesbisch ist, steht also moralisch auf ganz anderer Stufe als jemand, der einen politischen Extremisten nicht bewirten will.

  4. Adrian 15. Mai 2010 um 20:18 #

    @ Ralf
    „Niemand darf ausgeschlossen werden, weil er etwas IST.“

    Ich würde das anders ausdrücken: Niemand SOLLTE ausgeschlossen werden, weil er etwas IST.

    „Wer ein Paar nicht in sein Hotel lässt, weil es lesbisch ist, steht also moralisch auf ganz anderer Stufe als jemand, der einen politischen Extremisten nicht bewirten will.“

    Zweifellos. Nur, warum sollte man individuelle moralische Anschauungen gesetzlich durchsetzen?

  5. Adrian 15. Mai 2010 um 20:33 #

    Der Kern ist doch sowieso ein ganz anderer: Besitze ich ein Haus und bin so frei, in diesem ein Zimmer zu vermieten, geht es den Staat einen feuchten Kehricht an, an wen ich dieses Zimmer vermiete. Der Staat hat sich schließlich auch nicht einzumischen, wen ich auf meinen Parties als Gast einlade (ich befürchte allerdings, das wird auch noch reglementiert).

    Genau so ist es bei einem Hotel: Das Hotel gehört dem Besitzer. Also kann er dort bewirten wen er will.

  6. lukas 15. Mai 2010 um 22:09 #

    Eigentlich ist es ganz einfach: Niemand darf ausgeschlossen werden, weil er etwas IST. Klassisches Beispiel: „Juden sind hier unerwünscht.“

    Oder „Ich werde nicht mit einer Frau schlafen.“

  7. Martella 16. Mai 2010 um 11:04 #

    Sehr schön. Dann gibt es ab sofort auch keine Frauenhotels mehr, weil: man darf einen Mann ja nicht diskriminieren für das, was er einfach IST. Sexclubs und sonstige Lokale mit dem Vermerk „Zutritt nur für Personen ab 18“ sind natürlich auch nicht mehr drin: ein Kund TUT ja auch nichts, das IST einfach noch nicht volljährig.

    Wann wird die Gutmenschenbrigade endlich verstehen, dass sich das Gros der Menschheit die bürgerlichen Grundrechte, die hart genug erkämpft wurden und zu denen eben auch das Hausrecht gehört, nicht wegnehmen lassen will?

  8. Ralf 16. Mai 2010 um 11:27 #

    Es macht schon einen Unterschied, ob ich als Privatmensch handele oder als Gewerbetreibender. Wie weit wollen wir denn kommen? Soll meinem Mann und mir im Supermarkt der Einkauf verwehrt werden, weil der Eigentümer oder Marktleiter Schwule nicht mag? Soll mir der Zutritt zum Kino untersagt werden, weil dessen Betreiber doch frei ist zu entscheiden, dass er Schwule dort nicht haben will?

  9. Adrian 16. Mai 2010 um 11:58 #

    @ Ralf
    „Soll meinem Mann und mir im Supermarkt der Einkauf verwehrt werden, weil der Eigentümer oder Marktleiter Schwule nicht mag? Soll mir der Zutritt zum Kino untersagt werden, weil dessen Betreiber doch frei ist zu entscheiden, dass er Schwule dort nicht haben will?“

    Nun, wenn das so ist, dann ist das halt so. Nur, warum sollte ein Geschäftsmann so etwas tun? Er bringt sich doch selbst um Einnahmen, er wird schlechte Presse bekommen, er muss mit dem Zorn der „Community“ rechnen.
    Aber wenn er das will: Es ist halt sein Geschäft.

    In einer freien Marktwirtschaft hätte der homophobe Kinobesitzer mit seiner Aktion übrigens eine Marktlücke aufgerissen: Kinos, in denen Schwule willkommen sind. Ein anderer Geschäftsmann wird diese Chance sehr schnell nutzen.

  10. lukas 16. Mai 2010 um 13:22 #

    Ralf, es gibt auch Menschen, deren Gewerbe darin besteht, mit anderen Menschen zu schlafen.

  11. Ralf 16. Mai 2010 um 13:46 #

    Ich staune, dass Du, lieber Adrian, nichts dabei findest, einzelne Bevölkerungsgruppen auszusondern und auszuschließen. Es ist genau diese Einstellung, die in den USA die Rassentrennung, in Südafrika die Apartheid und in Deutschland den NS-Antisemitismus gestützt hat. Sicher hat es in den Dreißigern in Deutschland zahlreiche Geschäfte gegeben, an deren Tür darauf hingewiesen wurde, dass Juden dort willkommen seien, wenn sie schon bei der Konkurrenz nicht erwünscht waren: Es hat sich bloß kein einziges Foto und keine einzige Zeugensaussage dazu erhalten. – Wenn eine Gesellschaft/ein Staat erst mal damit anfängt, im bürgerlichen Rechtsverkehr und Geschäftsleben den Ausschluss bestimmter Menschen nach missliebigen Merkmalen zu legalisieren, ja als Triumph der Privatautonomie zu legitimieren, dann ist der Weg der Ausgesonderten in die Rechtlosigkeit vorgezeichnet.

  12. Ralf 16. Mai 2010 um 13:58 #

    @ Lukas

    Aha – und weil eine Prostituierte ihr Angebot auf heterosexuellen Vaginalverkehr beschänken darf, muss auch jeder Schwulenhasser sich weigern dürfen, ein schwules Paar in seinem Lokal zu bewirten oder in seinem Geschäft einkaufen zu lassen. Die Diskriminierungsfans suchen krampfhaft nach vermeintlich güten Gründen ihrer Gesinnung. Wenn ich ein Gewerbe habe, dessen Inhalt heterosexuelle Prostitution ist, dann richte ich mich natürlich nur an den einschlägig interessierten Personenkreis. Ein Speiselokal oder ein Lebensmittelgeschäft oder einen Elektrofachhandel auf heterosexuelle Kundschaft zu begrenzen, kann hingegen nur mit persönlicher Antipathie, wenn nicht -reden wir mal Klartext- mit Hass begründet werden. Im Übrigen ist es wie immer: Was gegenüber Schwarzen, Behinderten, Juden, Linkshändern, Kleinwüchsigen, Rothaarigen, Chinesen, Trapezkünstlern, Theologiestudenten, Deutschlehrern und allen anderen denkbaren Gruppen mit Recht nicht zulässig ist, soll gegenüber Schwulen und Lesben erlaubt sein.

  13. Adrian 16. Mai 2010 um 14:07 #

    @ Ralf
    „Ich staune, dass Du, lieber Adrian, nichts dabei findest, einzelne Bevölkerungsgruppen auszusondern und auszuschließen.“

    Wer hat denn gesagt, dass ich nichts dabei finde? Ich habe bloß was dagegen, meine Moral anderen aufzuzwingen.

    „Es ist genau diese Einstellung, die in den USA die Rassentrennung, in Südafrika die Apartheid und in Deutschland den NS-Antisemitismus gestützt hat.“

    Nein, die Einstellung, dass der Staat eine bestimmte Anschauung durchzusetzen hat, dass er durchzusetzen hat, was die Bürger zu denken und wie sie zu handeln haben, hat dazu geführt.
    Ich werde nicht einer Instanz, die mich und meinesgleichen verfolgt hat, die Macht geben, anderen vorzuschreiben, wie sie mit ihrem Eigentum zu verfahren haben.

    „Sicher hat es in den Dreißigern in Deutschland zahlreiche Geschäfte gegeben, an deren Tür darauf hingewiesen wurde, dass Juden dort willkommen seien, wenn sie schon bei der Konkurrenz nicht erwünscht waren:“

    Witzig. Dieser Boykott war nicht von der Privatautonomie getragen, sondern war staatlich vorgeschrieben. Es gibt einen Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft. Ersterer ist eine Zwangsinstitution. Letzteres eine Assoziation von Individuen.

    „Wenn eine Gesellschaft/ein Staat erst mal damit anfängt, im bürgerlichen Rechtsverkehr und Geschäftsleben den Ausschluss bestimmter Menschen nach missliebigen Merkmalen zu legalisieren, ja als Triumph der Privatautonomie zu legitimieren, dann ist der Weg der Ausgesonderten in die Rechtlosigkeit vorgezeichnet.“

    Ich spreche nicht vom „Triumph der Privatautonomie“. Aber die Möglichkeit des Ausschlusses ist eine Folge der Privatautonomie. Welchen Sinn hat diese, wenn ich mich letztendlich doch danach richten muss, was andere für richtig halten?

  14. Adrian 16. Mai 2010 um 14:25 #

    @ Ralf
    „Ein Speiselokal oder ein Lebensmittelgeschäft oder einen Elektrofachhandel auf heterosexuelle Kundschaft zu begrenzen, kann hingegen nur mit persönlicher Antipathie, wenn nicht -reden wir mal Klartext- mit Hass begründet werden.“

    Der Besitzer dieser Lokalitäten hat ein Recht auf seine Anschauung. Es ist sein Leben, es ist seine Anschauung, es ist sein Geschäft; diese Dinge gehören nicht Dir, und Du hast kein Recht ihn zu zwingen, anders zu denken, und anders zu handeln, als er es tut. Genau so wenig hat er ein Recht, Dich zu zwingen, anders zu leben, als Du lebst, und anders zu denken, als Du denkst.

  15. martin 16. Mai 2010 um 14:36 #

    Ralf spricht insofern einen wunden Punkt an, weil das „Recht zu Diskriminieren“ dann problematisch wird, wenn z.B. eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung eine Minderheit nicht auf Grund staatlichen Zwanges, sondern aus freien Stücken diskriminiert. Hypothetisches Beispiel: Bestünde unsere Bevölkerung (nahezu ausschließlich) aus strengen Katholiken, die Homosexualität für abscheulich hielten, wäre es dann ausreichend, wenn der Staat sich lediglich um die physische Sicherheit von Schwulen und Lesben kümmert?

    Die liberale Perspektive stößt dann an moralische Grenzen, wenn es an gesellschaftlicher Pluralität mangelt. Allerdings ist der Liberalismus auch keine politische Ordnung für homogene Gemeinschaften, sondern gründet gerade auf der Pluralität moderner Gesellschaften. In solchen Gesellschaften ist Antidiskriminierung zwar nicht unbedingt überflüssig, aber gleichwohl nicht legitim, wenn sie von Staats wegen verordnet wird. Was diese Gesellschaft zusammenhält, ist nicht irgendein substantielles Prinzip, sondern lediglich der gemeinsame Wille der Bürger zu wechselseitig geachteter Freiheit. Was jeder mit seiner Freiheit anfängt, ist ihm überlassen, solange er niemandem schadet.
    Umgekehrt bedeutet das, wer einer modernen und pluralistischen Gesellschaft irgendein substantielles Prinzip verordnet, nachdem sie sich zu organisieren habe – und sei es das Prinzip der Nichtdiskriminierung -, der ist im Grunde reaktionär, weil er zurück will zu einer sozialen Homogenität, die nicht mehr gegeben ist. Es mag uns vielleicht besser schmecken, wenn das eine Homogenität der Nichtdiskriminierung ist und keine Homogenität aus rassistischen oder homophoben Gründen, aber das ändert nichts daran, dass es illiberal wäre, und das heißt eben auch: vormodern.

  16. Adrian 16. Mai 2010 um 14:51 #

    „Hypothetisches Beispiel: Bestünde unsere Bevölkerung (nahezu ausschließlich) aus strengen Katholiken, die Homosexualität für abscheulich hielten, wäre es dann ausreichend, wenn der Staat sich lediglich um die physische Sicherheit von Schwulen und Lesben kümmert?“

    Ja, denn wenn jeder die gleichen Rechte hat, ist es irrelevat, wer in der Mehrheit und wer in der Minderheit ist. Schwule würden sich in einer homophoben katholischen Gesellschaft halt ihre eigen Infrastruktur aufbauen. Zudem würden sie ja aus katholischen Familien kommen, es gäbe natürlich katholische Eltern mit schwulen Kindern, d. h. die Trennung in zwei Gruppen würde sich nicht ewig aufrecht erhalten lassen. Und genau das ist doch Realität: Die Antipathie „der“ Kirchen hat Schwule doch nicht daran gehindert, für ihre Belange innerhalb „der“ Kirchen einzutreten.

    Eine homogene Gesellschaft ist überdies nur durch den Staat zu schaffen. Besteht Freiheit für alle, mischt sich der Staat nicht durch Gesetzgebung, Sanktionierung und Privilegierung bestimmter Gruppen in die Freiheit des Einzelnen ein, ist eine homogene Gesellschaft nicht durchsetzbar, weil Menschen nun mal unterschiedlich, Gesellschaften nun mal „von Natur aus“ pluralistisch sind.

  17. manu 16. Mai 2010 um 16:48 #

    ich habe jetzt nicht alle kommentare gelesen. deshalb verzeiht, wenn ich etwas schreibe, was schon geschrieben wurde.

    ich halte adrians aussage, dass jemand einem anderen ein zimmer vermieten kann, wie er, der vermietende, es möchte, für vollends richtig. weshalb ich das ganze in großbritannien dennoch für falsch halte, ist ein anderer grund: wenn ich mich recht erinnere, war es dort so, dass das pärchen mit dem vermietenden pärchen in kontakt getreten ist und sogar eine anzahlung geleistet hat. spätestens mit der anzahlung kam deshalb ein mietvertrag zustande. die vermieter haben sich dann geweigert, ihn zu erfüllen und schieben das auf ihre überzeugung. und genau das ist für mich das empörende. pacta sunt servanda. basta. egal, welche überzeugung ich habe.
    voigt hatte offenbar auch schon reserviert. nach den üblichen gepflogenheiten dürfte dort also ebenfalls ein dienst-/mietvertrag zustande gekommen sein. das gleiche gilt dann hierfür: die abweisung des hoteliers war deshalb in meinen augen falsch. anders wäre es, wäre voigt ohne reservierung mit seiner frau hingefahren und wäre dann dort abgewiesen worden.
    und das hausverbot des hotels dürfte rechtlich auch nicht haltbar sein. mal sehen, was das landgericht draus macht …

  18. martin 16. Mai 2010 um 17:36 #

    @ Adrian
    Du bist da wohl optimistischer als ich es bin. Zumindest soweit es „homogene“ Gesellschaften angeht. Vielleicht auch deshalb, weil Du ein wenig eigenmächtig an meinem Beispiel herumgebastelt hast 😉
    Für den Fall der „heterogenen“ Gesellschaften – sozusagen den Gesellschaften, die nur aus Minderheiten bestehen – sind wir ja ohnehin einer Meinung. Aus meiner Sicht ist Antidiskriminierungs-Gesetzgebung sogar so etwas wie ein Rückfall in „homogene“ Zeiten, wenn es diese jemals gab – jedenfalls repräsentiert sie den Irrglauben, dass es substantielle gesellschaftliche Homogenität braucht, dass man sie herstellen muss.
    Übrigens sollte man festhalten: Gesetzgebung tritt in der Regel nur dort ein, wo Homogenität nicht vorhanden ist. Wenn nämlich ohnehin alle Bürger der Meinung wären, Homosexualität sei des Teufels, dann müsste man sie nicht unter Strafe stellen. Das heißt aber auch: Gesetze gegen Diskriminierung braucht es nur dort, wo es Menschen gibt, die diskriminieren. Nur: Dass es Diskriminierung gibt, ist aus liberaler Sicht zunächst einmal völlig unproblematisch, und es ist – allgemeiner – sogar gefährlich, gegen sie vorzugehen, denn letztlich bedeutet „diskriminieren“ bekanntlich nichts anderes als „unterscheiden“. Und wir wissen ja, zu welchen nicht nur sprachlichen Blüten der Kampf gegen das Diskriminieren/Unterscheiden uns bereits geführt hat.

  19. lukas 16. Mai 2010 um 17:41 #

    Ralf, ich bin kein Fan von Diskriminierung. Diskriminierung ist meist verwerflich, oft schädlich, selten nur nützlich oder notwendig.

    Aber sollen wir uns deswegen anmaßen, jede Entscheidung, die ein Mensch im Rahmen der gesellschaftlichen Ordnung trifft, auf ihre Motive hin zu überprüfen und ihn gegebenenfalls zwingen, seine Entscheidung zu revidieren? Das ist schon hart an der Grenze zum Totalitarismus.

  20. Ralf 17. Mai 2010 um 11:27 #

    Ich kann nur noch mal darauf hinweisen, dass es überhaupt keine Diskussion gäbe, wenn an Stelle von Schwulen oder Lesben irgendeine andere Gruppe ausgeschlossen würde. Niemand der hier pro Diskriminierung wegen Eigentumsrechts Postenden -unterstelle ich mal- würde sich dazu aufraffen, die selbe Meinung zu vertreten, wenn ein Antisemit einer jüdischen Familie Hotelzimmer oder ein Rassist einem Schwarzen Bedienung in einem Speiselokal verweigert hätte. Wir haben es mal wieder mit dem Phänomen zu tun, dass Homohasser unter dem Deckmantel der Meinungs- oder Religionsfreiheit ihre vermeintliches Recht auf Diskriminierung durchsetzen wollen – und dass sich reichlich Schwule und Lesben finden, das auch noch zu verteidigen.

  21. Adrian 17. Mai 2010 um 11:41 #

    „würde sich dazu aufraffen, die selbe Meinung zu vertreten, wenn ein Antisemit einer jüdischen Familie Hotelzimmer oder ein Rassist einem Schwarzen Bedienung in einem Speiselokal verweigert hätte.“

    Hmmm, das ist nun mal ein Blog für schwule Themen. Im Übrigen würde ich die Eigentumsrechte auch auf alle anderen anwenden.

    „vermeintliches Recht auf Diskriminierung“

    Im Privaten gibt nun mal ein Recht auf Diskriminierung. Das folgt zwangsäufig aus der Privatautonomie. Es gehört zum Kern der Freiheit, nur mit denen Verträge abzuschließen, mit denen man auch Verträge abschließen will.

  22. lukas 17. Mai 2010 um 15:06 #

    Ich schliesse mich Adrian an, Ralf: Du unterstellst falsch. Es ist nur zum Glueck inzwischen im Westen recht selten geworden, dass „ein Antisemit einer jüdischen Familie Hotelzimmer oder ein Rassist einem Schwarzen Bedienung in einem Speiselokal verweigert.“

  23. Ralf 17. Mai 2010 um 18:04 #

    Ob das momentan selten ist oder nicht, spielt keine Rolle. Und dass der Inhaber dieses Blogs tatsächlich -Du scheinst mir das anzudeuten, Adrian- auch einen Antisemiten verteidigen würde, der kein Geschäft mit Juden machen will, stimmt mich mehr als bedenklich. Sicher ist das hier ein schwuler Blog. Aber darüber dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass viele Minderheiten Zielscheibe von Diskriminierung sind. Und es darf weder Hierarchie noch Ausnahmen geben. Insoweit bist Du zwar konsequent, Adrian, wenn Du auch Antisemitismus tolerierst. Ob solche Toleranz allerdings akzeptabel oder verwerflich ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich halte es mit Wilhelm Busch: Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber der Intoleranz.

    Noch einmal zum Grundsätzlichen: Einerseits hat es ja was für sich, dass jeder Geschäfte machen dürfen soll, mit wem er will. Ich bin ja auch nicht dafür, deswegen eine Gerwerbeerlaubnis zu entziehen oder gar nach strafrechtlicher Ahndung zu rufen. Ich will es aber nicht bei der Berufung auf die Privatautonomie bewenden lassen, sondern nehme mir das Recht heraus, diskriminierendes Verhalten und die dahinter stehende Gesinnung zu verurteilen. Wer eine bestimmte Menschengruppe -welche auch immer- ausschließt, spricht damit aus seiner Sicht ein pauschales Unwerturteil über deren Angehörige aus, im Falle von Schwulen und Leben besonderes perfide mit angeblichen moralischen Werten begründet. Dass in einer freiheitlichen, auf gegenseitigem Respekt begründeten Gesellschaft für solche Grundeinstellung kein Raum sein sollte, das wenigstens darf ich doch wohl noch als Konsens hier voraussetzen.

  24. Adrian 17. Mai 2010 um 18:11 #

    @ Ralf
    „sondern nehme mir das Recht heraus, diskriminierendes Verhalten und die dahinter stehende Gesinnung zu verurteilen.“

    Ähm, das tue ich doch auch.

    „Dass in einer freiheitlichen, auf gegenseitigem Respekt begründeten Gesellschaft für solche Grundeinstellung kein Raum sein sollte, das wenigstens darf ich doch wohl noch als Konsens hier voraussetzen.“

    Ja, aber dieser Konsens widerspricht in keiner Weise meiner Argumentation.

  25. Adrian 17. Mai 2010 um 18:19 #

    Im Übrigen was heißt, ich würde Diskriminierung tolerieren? Das ist jetzt ’ne Definitionsfrage: Wenn einer nicht an Juden verkauft, würde ich zum Bokott aufrufen, und soviele Menschen wire möglich davon überzeugen, dort nicht mehr zu kaufen. Selbiges habe ich ja bei diesem homophoben Eisladen in Schöneberg gemacht.

    https://gaywest.wordpress.com/2009/05/05/leck-mich-jetzt-erst-recht/

    Allerdings würde ich niemals eine Gesetzesinitiative unterstützen, die es dem Inhaber von vornherein vorschreibt, wen er zu bedienen hat.

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