Katholizismus, Kapitalismus und der Schwule am Schreibtisch

15 Mai

Katholiken haben es nicht leicht, gerade in unseren Tagen. Eine gesellschaftliche Minderheit, ausgegrenzt vom Mainstream der Gesellschaft, verlacht und verhöhnt und von allen verspottet. Das jedenfalls denkt man, liest man die Worte von Bischof Andreas Laun, der in einem aufrüttelnden Artikel bei kath.net, seine Mitkatholiken dazu anhält, endlich für sich selbst und katholische Überzeugungen einzustehen:

Heute spricht man von „politischer Korrektheit“. Warum ist sie so mächtig? Weil es schön ist, auf der richtigen Seite zu sein und schrecklich, ausgegrenzt zu werden. Darum sind die Menschen so wachsam bezüglich dessen, was „man“, was „die anderen“ denken!

Und es gibt in unserer Gesellschaft nun mal nirgends Menschen, die noch ausgegrenzter sind als Katholiken. Denn sie sind die Einzigen, die anders denken als der Rest der Gesellschaft. Wie traurig:

Wenn der Einzelne aber anderer Meinung ist, dann wird er schweigen, eben, um nicht ausgegrenzt zu werden. Die Anderen hingegen werden nicht aufhören zu reden!

Und diese „Schweigespirale“ zu brechen, das ist der Auftrag des Katholiken von heute, um die Diskurshoheit über wichtige Themen nicht zu verlieren, um sich nicht von der Diktatur der öffentlichen Meinung unterbuttern zu lassen:

Typische Beispiele für solche Diktate der öffentlichen Meinung sind leicht zu finden: Abtreibung, Homosexualität, Darwinismus, Relativität der Wahrheit – und wohl auch Kirche! Da weiß „man“, was „man“ denken und in Gesellschaft sagen muss, damit „man“ dazugehört, kein Außenseiter ist.

So, weiß man das? Was sagt man denn beispielsweise in einer Runde voller angetrunkener Jugendlicher aus Marzahn, wenn man auf das Thema „Scheiß Schwuchteln“ kommt? Oder in einer Seniorenrunde aus Rosenheim der „Babycaust“ an den Neugeborenen zur Sprache kommt? Ist sich Herr Laun wirklich so sicher, dass er mit seiner Meinung bei diesen Gruppen auf grundsätzlichen Widerspruch stoßen wird?

Laun macht es sich eben zu einfach: Er konstruiert eine gesellschaftliche Übereinstimmung in Fragen, bei denen es so etwas wie Übereinstimmung gar nicht gibt. Gerade was das Thema Homosexualität angeht, muss man sich in der letzten Zeit von allerlei Menschen anhören, dass Schwule und Lesben ja mittlerweile  den Gipfel der gesellschaftlichen Akzeptanz erreicht hätten. Doch wie kommt man eigentlich auf so eine Idee?

Man kann nur darauf kommen, wenn man erstens selbst kein Homo ist, und zweitens die Situation von Schwulen und Lesben mit der Vergangenheit, nicht aber mit dem Leben der Heteros vergleicht. Aber letzteres ist eben für viele undenkbar, weil sie Homosexuelle eben als irgendwie defizitäre Menschen sehen, die doch schon froh sein könnten, wenn man sie heutzutage nicht mehr ins Gefängnis sperrt.

Gut, zugegeben, natürlich gilt in gebildeten, urbanen Schichten der Grundsatz, dass man eine Abneigung gegenüber Schwulen und Lesben möglichst nicht zu Erkennen gibt. Summa summarum ist das jedoch nicht Akzeptanz, sondern Toleranz. Doch genau diese Toleranz  ist es ja bereits, die Laun stört. Er nämlich will in einer Gesellschaft leben, in der seine bzw. die katholische Lehrmeinung absolutes Gewicht hat, und in der man sich nicht als Schwuler zu erkennen geben kann, ohne darüber belehrt zu werden, dass dies doch eigentlich Sünde und nicht in Ordnung ist.

Die Ironie an der Sache: Schwule und Lesben würden Laun wiederum erklären, dass sein „Wunsch“  für sie vielerorts immer noch Realität ist. Ja, ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass die katholische Lehrmeinung zur Homosexualität immer noch tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert ist.

Laun mag man tröstend zurufen, dass es also so schlimm um seine Meinungen nicht steht und dass er sich lediglich mit den richtigen Schichten der Gesellschaft abgeben muss, um Zustimmung zu ernten. Zusätzlich sei ihm gesagt, dass wir alle nun mal damit leben müssen, dass unsere eigene Meinung zuweilen nicht anerkannt, ja nicht einmal verstanden wird. Nehmen wir nur mal Adrian und die Deutschen: Seit Beginn der Finanzkrise höre ich von nahezu überall her, dass der Raubtierkapitalismus uns noch alle in den Untergang treiben wird, und dass die Politik wieder was zu sagen haben muss. Was für eine komische Meinung soll das denn bitte schön sein? Reicht doch schon ein Blick auf die Lohnabrechnung um zu erkennen, dass die Politik eine enorme Macht hat und wir keineswegs im Raubtierkapitalismus, ja nicht mal in einer echten Marktwirtschaft leben.

Aber wahrscheinlich versteht dieses Beispiel ohnehin niemand. Was vermutlich am „Diktat der öffentlichen Meinung“ liegt, welches mich und meine Ansichten unterdrückt.

Wie tragisch für mich!

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