Zwischen den Stühlen – Schwule, morgens halb zehn in Deutschland

16 Mai

„Die Schwulen“ haben es mal wieder in die Zeitung geschafft. Genauer gesagt in einen Artikel der Welt, geschrieben von Gregor Tholl, der sich fragt, ob sich das mit der Emanzipation erledigt, ob sich die Schwulenbewegung nicht „tot gesiegt“ hätte.

Tholl beginnt seine Ausführungen mit einer fragwürdigen These:

Lesben und Schwule müssen sich nicht mehr verstecken.

Stopp! – bereits jetzt. Natürlich „müssen“ Schwule sich nicht mehr verstecken, andererseits „mussten“ sie das nie, es sei denn, sie hatten das Bedürfnis ins Gefängnis zu wandern. Diese Zeiten haben sich glücklicherweise geändert, jedoch ist es zuweilen immer noch ratsam, nicht ganz so „exhibitionistisch“ durch die Welt zu gehen, wie das der gewöhnliche Hetero Tag für Tag tut. Die Toleranz hat im Vergleich zu früheren Jahren zweifellos zugenommen, die Akzeptanz aber bleibt weiterhin – mehr oder weniger – auf der Strecke.

Die Begriffe „schwul“ und „lesbisch“ rufen in jedem etwas anderes hervor – das ist auch bei den Leuten so, die sich selbst vom eigenen Geschlecht erotisch angezogen fühlen. Viele Jüngere können mit den Kampfbegriffen aus den 70er-Jahren nichts mehr anfangen. Sie sehen damit überkommene Verhaltensweisen verbunden und eine offensive Rolle des Andersseins, die sie nicht einnehmen wollen.

„Schwul“ bedeutet für mich – als Teil der jüngeren Generation – zunächst einmal, überwiegend auf Männer zu stehen, erotisch-emotional sogar ausschließlich. Nun kann ich allerdings in der Tat bestätigen, dass dieser Begriff (zum Begriff „lesbisch“ kann ich nichts sagen) schon mit gewissen Erwartungen verbunden ist. In den Anfangsjahren nach meinem Coming out war schwul sein für mich verbunden mit promiskuitivem, aufdringlichen, schrillem Verhalten zuzuüglich politisch linker Orientierung, und das so sehr, dass mich meine ersten Schritte, nach dem Eingeständnis meiner Homosexualität, direkt in einen bekannten Berliner Sexschuppen führten. Für mich gehörte das eben „dazu“, wenn man schwul war, und das obwohl ich innerlich eigentlich gar kein Bedürfnis hatte, schnellen Sex mit fremden Männern zu pflegen. Die oben beschriebene „offensive Rolle“ des Anderseins“, das in der Schwulenszene gepflegt wird, hat mich genervt, allerdings nie so sehr, dass ich mich vom Begriff „schwul“ verabschiedet hätte, zumal ich wenig später zu der Erkenntnis gelangt bin, dass jenes offensiv gepflegte Anderssein nur einen Teil der Schwulenszene ausmacht. Anders ist man als homosexuell Empfindender sowieso. Nur: „anders als die anderen“, ist sowieso jeder Mensch – der eine mehr, der andere weniger.

„Schwul“ ist also nichts weiter als eine Zustandsbeschreibung die besagt, dass man als Mann eben eher auf Männer steht. Alles andere, was in den Begriff hineinprojeziert wird, ist politisch aufgeladener Kokolores, ohne jegliche Relevanz. Man kann als Schwuler alles sein – außer hetero natürlich.

Doch was unterscheidet die jüngere Generation der Schwulen denn nun von ihren Vorgängern? Der „Rückzug ins Private“?

Dazu kommt das Internet, das den Rückzug ins Private einfach macht und gleichzeitig viel Raum schafft, sich auszuleben. Außer in Großstädten, vor allem in Berlin mit seiner riesigen Homo-Szene, ziehen viele inzwischen die Aktivität im Web der öffentlichen Aktion vor – oft tun sie das aber auch nur, weil das bequemer ist und man keine Blicke oder Getuschel aushalten muss.

Es ist nun mal so, dass das Internet die beste Erfindung seit dem Klopapier ist: Es ermöglicht einem eine nahezu unbegrenzte Form der Unterhaltung und Kommunikation. Man kann sich zu Dates verabreden, zum Sex, man kann sich in Foren unterhalten, oder sich einfach bloß beim Porno schauen gepflegt einen runterholen. Das Netz ist ein netter Zeitvertreib und hat die individuellen Möglichkeiten sich auszuleben, zu informieren, sich unterhalten zu lassen, enorm gesteigert.

Mancher Schwule alter Schule ist währenddessen genervt von zu viel Verständnis oder sogar positiver Diskriminierung. „Wir sind nur noch das hippe Ambiente für den weltoffenen Mainstream, das aufregende Umfeld für das langweilige Leben anderer“, beschwerte sich ein Leserbriefschreiber im Hamburger Schwulenmagazin „Hinnerk“. Grund: Im eigentlich schwullesbischen Café Gnosa machen angeblich zu viele Hetero-Frauen die „schwule Wohnzimmerkultur“ kaputt. „Ganz ehrlich, so hab‘ ich mir die Gleichstellung nicht vorgestellt.“

Hier beschreibt der Leserbriefschreiber des „Hinnerk“ ein Problem, welches genau genommen gar keines ist. Es ist ein Luxusproblem, eines von jenen Leuten, die sonst keine Probleme haben. Meine Güte, wer sich tatsächlich über die Invasion von Hetero-Frauen in die „schwule Wohnzimmerkultur“ aufregt, der muss ein wahrhaft glücklicher Mensch sein.  Wenn Du, lieber Leserbriefschreiber, nicht das hippe Ambiente für „das langweilige Leben anderer“ sein willst, dann sei es doch einfach nicht. Klammere Dich nicht an ein Bild davon, was man als Schwuler zu sein hat, sondern sei einfach Du selbst. Der Verfall der „schwulen Wohnzimmerkultur“ – Wen interessiert das eigentlich?

„Seit dem Jahr 2008 steigt die sogenannte Homophobie (Schwulenfeindlichkeit) wieder an, nachdem sie jahrelang kontinuierlich abnahm“, sagt Prof. Dr. Andreas Zick von der Uni Bielefeld. Der Wissenschaftler vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung stützt sich auf repräsentative Umfragen in einem Forschungsprojekt zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. In einer Umfrage Ende 2008 stimmten 38 Prozent der Deutschen der Auffassung zu, Homosexualität sei unmoralisch.

Das klingt allerdings beunruhigender als es ist. Man muss sich an dieser Stelle klar machen, dass die Schwulenbewegung der Anfangsjahre weitgehend im eigene Saft geschmort hat und keinen Grund gesehen hat, sich dem „Hetero-Mainstream“ „anzubiedern“. Was zur Folge hatte, dass Heteros ohne Probleme tolerant sein konnten, weil Schwule eben außerhalb „ihrer“ Welt gelebt haben. Sie waren sozusagen nichts anderes als Ausstellungsstücke in einem Museum, die man ab und an staunend zur Kenntnis nahm, die mit dem eigenen Leben alber nichts zu tun hatten. Das ändert sich seit einigen Jahren, weil Schwule anfangen in eben diese Welt der Heteros vorzudringen, weil es erst jetzt richtig zu Kontakten zwischen beiden Gruppen kommt. Saß der Schwule früher in Schöneberg, weit weg von der Reihenhaussiedlung in Charlottenburg, weit weg von der Kirchengemeinde in Steglitz, ist er nun mittendrin in alledem. Dass das einerseits zum Abbau von Vorurteilen führt, aber andererseits auch zu Irritationen und zu erhöhter Antipathie führt, ist erst einmal folgerichtig. Erkennungsmerkmal dieser relativ neuen Situation ist der von vielen Heteros geprägte Satz, dass man eigentlich nichst gegen Schwule hätte, solange sie es im Privaten ihrer eigenen vier Wände „ausleben“. Doch diese Zeiten sind nun mal vorbei: Schwule sind sichtbarer geworden – und damit auch anfälliger für Feindseligkeit und Hass.

In der Politik ist Schwulenfeindlichkeit dagegen inzwischen weitgehend passé. Kaum jemand nimmt noch an, dass männerliebende Männer nicht führen können, aber auch nicht, dass sie reibungsloser regieren – und das ist auch gut so. Egal, ob Ole von Beust (CDU) in Hamburg oder Klaus Wowereit (SPD) in Berlin: Politiker polarisieren. In einer Demokratie sind sie dafür da. Für Guido Westerwelle (FDP) gilt das aber besonders. Er hat sich viele Gegner erarbeitet, bis hin zu Gruppen wie „Gays against Guido“.

Nur ist Politik für den Mann und die Frau auf der Straße eben ein vollkommen exotisches Phänomen. Schwule Politiker tragen wenig zur Normalisierung der Homosexualität bei, weil Politiker eben nicht mitten im Leben stehen. Wen interessiert schon, was Politiker tun? Die lügen, betrügen und veralbern die Bevölkerung doch sowieso von früh bis spät. Dann können sie ruhig auch schwul sein. Besser macht es das bestimmt nicht. Schlechter allerdings auch nicht.

Tholls Fazit:

Die Situation von Lesben und Schwulen ist also widersprüchlich. Einerseits schafft das Internet Freiheit, andererseits ist es eine Art Rückzugsgebiet.

Was allerdings kein Widerspruch ist: Rückzugsgebiete sind für die eigene Freiheit ziemlich wichtig.

Einerseits fühlen sich manche Schwule von zu viel Verständnis erdrückt, andererseits moralisiert fast die Hälfte der Bevölkerung noch immer ihr Privatleben.

Die Dialektik des Lebens. Nicht weiter tragisch.

Und dann noch das: Mancher Politiker verwechselt Kritik an einem Schwulen mit Homophobie und ein liberaler Kommentator warnt Homosexuelle, bitte nicht angeblich überwundene Vorurteile zu bestätigen.

Nun ja: die Kritik an Westerwelle war nicht homophob, aber deutlich von homophoben Untertönen geprägt.

Deutschland im Jahr 2010.

Summa summarum eigentlich ein ganz nettes Land. Auch für Schwule. Es könnte allerdings besser sein. Sehr viel besser.

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