Münchner Entschwulung

28 Mai

Das Glockenbachviertel in München, einst als Viertel bekannt, in dem selbst die Spatzen auf den Hausdächern schwul waren, verkommt, wie bereits berichtet, immer mehr zur schicken Partymeile und – noch schlimmer – zum Refugium junger Eltern mit Kindern. Wenn man der Abendzeitung Glauben schenken will, sorgt dieser Einfall nichtschwuler Horden für einen gravierenden Wandel: Denn wo Heterosexualität vorherrscht, kommt es – wie die Weltgeschichte beweist – zwangsläufig zu Gewalt, nehmen Anstand, Moral und Menschlichkeit rapide ab:

Die Zahl der Übergriffe auf Homosexuellenimmt zu – auch im Glockenbachviertel. Jetzt hat sich ein Aktionsbündnis gegründet, das gegen Diskriminierungen vorgehen will.

„Diskriminierung“ ist natürlich ein leicht unglücklicher Begriff, will man Gewalttaten gegen Homosexuelle beschreiben, weil er der Sachlage nicht ganz gerecht wird. Immerhin könnte man diese Form von Diskriminierung dadurch beseitigen, in dem man dafür eintritt, dass in Zukunft Homos und Heteros paritätisch in gleicher Weise verprügelt werden.

Doch natürlich geht es nicht nur ums Verprügeln, sondern auch um das gute alte „schwule Sau“:

„In München erleben wir derzeit, dass im Kern der schwulen Szene, dem Glockenbachviertel, die Anzahl der verbalen und psychischen Übergriffe stark ansteigt“, sagt Christopher Knoll vom Sub, dem Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum. Früher sei das Viertel ein „Schutzraum für Schwule“ gewesen. „Viele haben das Gefühl, dass das nicht mehr so ist.“

Da das Ganze bislang aber eher ein „Gefühl“ ist, will man zunächst erst einmal Daten sammeln, um die Bedrohungslage überhaupt verifizieren zu können. Die Polizei ist für dieses Vorhaben nämlich absolut untauglich:

Denn in der Kriminalstatistik ist laut Polizei „ein Recherche-Begriff wie homosexueller Hintergrund“ nicht zulässig – aus Datenschutzgründen.

Wäre dieser Begriff zulässig, wären Polizeiberichte nämlich ungefähr so zu lesen: Gestern Abend wurde ein in Frauenkleidern bekleideter Mann im Münchener Glockenbachviertel von vier jungen, offenbar angetrunkenen Männern zunächst verbal beleidigt und anschließend  mehrfach ins Gesicht geschlagen. Es ist davon auszugehen, dass die Tat einen homosexuellen Hintergrund hat.

In den guten, alten Zeiten, hätte man natürlich den Mann in Frauenkleidern verhaftet, hat er es doch gewagt, die Fäuste der armen jungen Männer zu verletzen, in dem er diesen sein Gesicht als Widerstand dargeboten hat.

Das geht heute leider nicht mehr, denn wie bekannt, gehört Homosexualität ja mittlerweile zur kulturellen Norm, und bald wird es zur Pflicht werden, schwul zu sein.

Kein Wunder, dass sich die letzten aufrechten Heteros provoziert fühlen…

Advertisements

12 Antworten to “Münchner Entschwulung”

  1. pedro luis 28. Mai 2010 um 20:06 #

    Das Glockenbachviertel habe ich als Ex-Münchner früher gut gekannt. Aber die ungute Entwicklung, die es anscheinend genommen hat, war schon vor Jahren absehbar, und eine Art von sicherem schwulem Refugium war es auch damals nicht. Traurig!

  2. Jiri 29. Mai 2010 um 09:04 #

    dann pass ich jetzt besser auf, wenn ich mal wieder zur Deutschen Eiche geh…

    Manchmal würde es wahrscheinlich auch helfen, wenn manche Leute keine legalen Drogen zu sich nehmen dürften, weil ihr kleines Gehirn und die anderen zwei Nervenzellen, die sie haben, diese legale Droge nicht verträgt.

    Aber das ist leider nur ein Grund, andere Gründe für Gewalt gegen Schwule gibts leider noch zuhauf….

  3. Hans 29. Mai 2010 um 12:36 #

    Gentrifizierung auf Schwul?

  4. Ralf 29. Mai 2010 um 16:23 #

    Ich war zuletzt vorigen Oktober mehrmals im Glockenbachviertel, davon einmal unschwer an einer Einkaufstüte vom schwulen Buchladen zu erkennen. Es war gewohnt friedlich, auch in und vor der Deutschen Eiche. Allerdings war es auch immer heller Tag und viel Verkehr. Im Übrigen hört und liest man viel von zunehmender Gewalt gegen unsereinen – weshalb sollte ausgerechnet eine Gegend davon verschont bleiben, wo Täter mit größerer Sicherheit auf leicht zu identifizierende Schwule treffen als anderswo?

  5. pedro luis 29. Mai 2010 um 21:17 #

    Ganz München ist- mit Ausnahme einiger weniger Stadtteile – eine einzige gentrifizierte Möchtegern-„Großstadt“. Widerlich!

  6. Adrian 29. Mai 2010 um 21:49 #

    Gentrifizierung scheint wirklich etwas sehr schlimmes zu sein. Warum eigentlich?

  7. pedro luis 30. Mai 2010 um 07:06 #

    Im Falle Münchens deshalb, weil die Mieten selbst in unattraktiven Vierteln für Normalverdiener unerschwinglich werden, und das in einer Stadt, die außer dem Oktoberfest und guten Einkaufsmöglichkeiten für Wohlhabende überhaupt nichts zu bieten hat – mal abgesehen von allgegenwärtiger spießiger Langeweile.

  8. Adrian 30. Mai 2010 um 11:12 #

    Es muss ja genug Menschen geben, die sich die Mieten leisten können, sonst wären die ja nicht so teuer. Und München muss ja was haben, denn wenn die Menschen dort nicht hinziehen würden, wären die Mieten nicht so teuer.

    Für die normalen bis unteren Schichten Deutschlands gibt es nun mal Berlin. München ist eine Klasse für sich.

  9. martin 31. Mai 2010 um 08:10 #

    Was auch immer hier das Problem ist, Gentrifizierung ist es sicherlich nicht. Erstens sind es – vermutlich – weder Gutverdiener noch Familien mit Kindern, die Schwule anpöbeln oder zusammenschlagen, zweitens sind – besserverdienende – Schwule üblicherweise nicht Opfer, sondern „Täter“ von Gentrifizierung. Überhaupt halte ich das Gerede von Gentrifizierung für selbstmitleidiges Trara, genauso wie übrigens das beliebte (und inzwischen nur noch bornierte) München-Bashing. Ich werde es nicht mit Berlin-Bashing beantworten, das wäre zu billig. Schließlich muss das Geld irgendwo verdient werden, dass die Berliner so gerne ausgeben 😉

  10. Adrian 31. Mai 2010 um 11:10 #

    @ martin

    Für Berlin-Bashing bin ja auch ich zuständig 😉 Ich halte das allerdings ab und an für nötig, bei dem Hype, der um diese Stadt gemacht wird, übrigens befördert von Menschen, die selber nicht schlecht verdienen und im schicken Prenzlauer Berg leben, es aber unheimlich toll finden, dass Berlin – natürlich außerhalb ihrer Wohngegend – noch so „alternativ“ ist.

  11. pedro luis 31. Mai 2010 um 20:18 #

    @Martin

    Guten Appetit bei Weißwurst und Paulaner!

  12. martin 31. Mai 2010 um 23:45 #

    @ pedro luis:

    Ich hasse Bier 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: