Intrinsische Naivität

1 Jun

Wenn ein Mann mit seinem Freund die Straßen entlang spaziert, und er sich die Worte „Schwuchtel“, Arschficker“, „Tucke“, „Tuntenpack“, „schwule Sau“, „Schokostecher“, „Kissenbeißer“, „unter Hitler hätte man so was vergast“ etc. pp., anhören muss, dann ist ziemlich klar, dass derjenige, der diese Worte in den Mund nimmt, Schwule nicht so recht leiden kann, umgangssprachlich also homophob ist.

Neben der Homophobie gibt es allerdings noch etwas anderes mit dem sich Schwule (und Lesben) herumschlagen müssen, etwas das subtiler ist, das aber weitaus nerviger und verletzender sein kann: Heterosexismus. Ein schreckliches Wort, fürwahr, ein Wort, das an Seminare mit einer feministischen Dozentin erinnert, die sich nicht die Achseln rasiert und keinen BH trägt, auch wenn wirklich niemand ihre Brüste sehen will. Trotz des ideologischen Klangs hat das Wort aber eine Bedeutung. Es bedeutet im Wesentlichen, Schwule und Lesben nicht mit den Maßstäben wie Heteros zu messen, sie nicht so zu behandeln oder wahr zu nehmen, wie man das mit Heteros tut.

Ein schönes Beispiel dafür liefert uns der Artikel eines gewissen Kurt Nickel:

War es klug, einen homosexuellen Außenminister zu benennen?

Schon die Frage an sich ist merkwürdig, denn inwiefern beeinflusst de Homosexualität eines Ministers dessen Vermögen, ein Amt auszuüben? Die Antwort ist nicht neu, seitdem Westerwelle Außenminister ist, vernimmt man sie aber immer mal wieder.

Doch zunächst muss Herr Nickel die Parameter abstecken, um sich von vorn, und natürlich von hinten, abzusichern:

Homosexualität gehört in unserer heutigen Gesellschaft bezüglich der Akzeptanz zur Normalität und das ist auch gut so.

Schon alleine dieser Satz ist falsch, wie jeder Homosexuelle weiß. Gut, könnte man meinen, nicht so tragisch, dieser Lapsus passiert jedem Hetero mal. Doch lustigerweise konterkariert Nickels ganzer Artikel ja seine These – ohne dass er es bemerkt.

Trotzdem sollten kritische Fragen bezüglich der Rolle eines Außenministers was die Repräsentanz und Akzeptanz in der Welt betrifft, erlaubt sein, sofern sie auf der Sachebene stattfinden.

Ein Meisterstück: Mit diesem Satz suggeriert Nickel, „kritische Fragen“ seien eben normalerweise nicht erlaubt, und man müsste erst gewissermaßen einen Antrag stellen, um solche Tabus brechen zu dürfen. Nickel merkt, wie so viele nicht, dass die Fragen, die er gleich stellen wird – auch wenn es weniger Fragen als eigentlich Meinungen sind -, nicht nur erlaubt sind, sondern dass sie in einer atemberaubenden Penetranz immer wieder gestellt werden.

Ich weiß nicht, ob es nötig war, dass er als Außenminister unser Land repräsentiert.

Und wer ist „er“? Ach so, natürlich – der da!

Zwar habe ich selbst überhaupt nichts gegen Menschen mit anderen Orientierungen und plädiere auch dafür, dass man alle Menschen so leben lassen sollte, wie es ihnen gefällt, ihre Ansichten und Lebensweisen respektiert,

Ein schöner Satz, der schon fast komödienhafte Züge trägt, weil er im Wesentlichen das Gegenteil dessen impliziert, was er aussagt, und man kaum das große „aber“ erwarten kann, welches sich diesem Sermon naturgemäß anschließt, so wie die Müdigkeit dem Orgasmus:

aber viele Vertreter anderer Länder werden es komisch finden, wenn Andere zum Bankett ihre Ehefrauen mitbringen, Guido Westerwelle jedoch seinen Freund. Man kann von der Welt nicht verlangen, dass sie sich unserem Gleichbehandlungsgesetz mit seinen Vorgaben anpasst und so tolerant ist wie wir.

Nun ja, von der Welt zu erwarten sich unserem Gleichbehandlungsgesetz anzupassen, das kann man nun wirklich nicht, das wäre zu viel des Guten! Aber warum kann man nicht erwarten, dass die Welt so tolerant ist wie wir? Ist die Welt etwa dümmer als Germania?

In anderen Ländern werden Homosexuelle ausgeschlossen und inhaftiert, ja, sogar gesteinigt und getötet. Ist es klug, dass jene Länder nun von einem homosexuellen Außenminister besucht werden? Es kann nicht erwartet werden, dass dort ein Empfang mit ausgiebiger Herzlichkeit erfolg, allenfalls politische Reserviertheit mit geschäftlichem Hintergrund.

Aber Herr Nickel, darum geht es doch bei Auslandsbesuchen: Um den geschäftlichen Hintergrund. Wer will schon mit Menschenschlächtern ein herzliches Verhältnis pflegen? Ist doch gut, wenn man gleich zum Geschäft kommt. Man muss sich doch nicht immer gleich herzlich umarmen und küssen – selbst wenn man schwul wie Westerwelle ist.

Das Gleichbehandlungsgesetz hat, so hoffe ich, bewirkt bei uns, dass man darüber nachdenkt, bevor man über Minderheiten wertet.

Bei Herrn Nickel hat das Gleichbehandlungsgesetz offensichtlich noch ein bisschen zu tun.

Darum wird man in der Gesellschaft Homosexuelle achten und respektieren und zwar genau so, wie andere Minderheiten.

Auch ein schöner Satz. Homosexuelle sollen nicht geachtet und respektiert werden wie alle anderen, sondern lediglich „wie andere Minderheiten“, also anders als die Mehrheit. Gut auf den Punkt gebracht.

Jedoch kann man nicht erzwingen, dass man sie lieben wird. Und makabere Witze hinter der vorgehaltenen Hand wird es weiterhin geben. Ob man will oder nicht, ob man Strafe androht oder nicht, so ist es nun mal und so wird es bleiben. Extrinsisch auferlegte Vorgaben können keine intrinsischen Verhaltensweisen erzwingen.

Und der Gebrauch kluger Wörter macht die Aussage nicht zwangsläufig klüger, macht den Nucleus der Information nicht in jedem Fall essentiell.

Folgenden Satz verstehe ich nun gar nicht:

Ich teile das nun folgende Entsetzen absolut, was auf diesen Beitrag wohl folgen wird. Ich hatte jedoch ausdrücklich betont, dass jedem Menschen freistehen sollte zu was und zu wem er sich zuwenden möchte.

Bitte? Herr Nickel teilt das seinem Beitrag folgende Entsetzen über sich selbst? Ist das jetzt intrinsische Dialektik, quasi ein neues Markenzeichen der Postmoderne, das sich dadurch auszeichnet, dass man seine Überzeugung zu Papier bringt, gleichzeitig aber entsetzt darüber ist, was man so für Überzeugungen hat?

Doch das ist ja nicht die elementare Botschaft meines Beitrages sondern die, dass man von anderen Kulturen nicht verlangen sollte, dass sie sich der Unseren anpasst. Ich denke, dass es einige Jahrzehnte her ist, als man glaubte, die Welt müsste das tun. Nachdem es dann Millionen von Toten gegeben hatte, mussten die Deutschen feststellen, dass das nicht funktionieren kann.

Das gilt allerdings immer nur für bestimmte Kulturen. Von der amerikanischen wird beispielsweise beständig verlangt, dass sie sich der unserigen anzupassen hat – mit mehr Sozialstaat, mehr Klimaschutz, mehr Friedenspolitik, weniger Rassismus, mehr „Solidarität“ überhaupt. In anderen Ländern kann das dagegen nicht funktionieren und deshalb sollte man lieber den Mund halten und nichts sagen, wenn im Iran wieder mal ein paar Schwule aufgeknüpft werden. Tut man es doch, könnten nämlich Millionen Tote die Folge sein.

Das alles ist schon lächerlich genug, noch lächerlicher ist allerdings, dass Nickel suggeriert, die schiere Existenz eines schwulen Außenministers sei bereits ein Werkzeug, um anderen Kulturen unsere Werte aufzuwingen. Eine solche Argumentation unterschiedet sich in ihrer geistigen Tieffliegerei durch nichts von der eines Heteros, der in in einem schwulen Paar bereits den Zwang erkennt, künftig selbst schwul sein zu müssen.

Während meines letzten Türkei-Urlaubes musste ich mir von den Einheimischen dort zu dem Thema Homosexualität in Verbindung zum Außenministerium Hohn und Spott anhören. Natürlich konnte ich das nicht billigen, aber es kamen mir erstmals Zweifel und Nachdenklichkeit hierüber.

Zweifel und Nschdenklichkeit darüber, dass die Einheimischen möglicherweise falsch liegen? Nicht doch, das wäre ja fast so was wie Rassismus. Und weil das nun wirklich nicht geht, muss sich eben der Schwule verstecken.

Abschließend möchte ich nachdrücklich zum Ausdruck bringen, dass ich homosexuelle Mitbürger achte und respektiere und dass sich in meinem Bekannten- und Kollegenkreis viele befinden, mit denen ich prima klarkomme.

Ehrlich gesagt pfeife ich darauf, in meiner Eigenschaft als „homosexueller Mitbürger“ von Typen wie Nickel geachtet und respektiert zu werden, so als würde mir ein Makel anhaften, über den man aber tolerant hinwegschaut.

Und ich weise nochmals ausdrücklich darauf hin, dass ich nichts gegen Guido Westerwelle als Mensch habe.

Natürlich. Nickel hat nichts gegen Westerwelle als Menschen. Aber vieles gegen Westerwelle als Schwulen, der ihn in der Welt repräsentiert.

Ich denke wir haben verstanden.

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