Verque(e)re Ehrenrettung

8 Jul

Jan Feddersen versucht zu retten, was nicht zu retten ist:

Dass sie den Preis am Ende nicht wollte, war den Verantwortlichen des Berliner CSD e. V. letztlich einerlei. In einem Punkt hat Judith Butler, die den Zivilcouragepreis jenes Vereins, der die hauptstädtische Christopher-Street-Day-Parade organisiert, zurückwies, völlig recht: Gut ist, dass jetzt eine Diskussion angestoßen wurde. Butler allerdings glaubt, nun sei das Thema des Rassismus auf der Tagesordnung der queeren Community gelandet. In Wahrheit aber geht es um Politikkonzepte, ja um das Politische überhaupt.

Seine Haltung scheint dem üblichen Schöneberg-Bashing und Kreuzberg-Hype angenehm entgegengesetzt:

Jahr für Jahr wird in der linken Szene – auch in der taz -, kolportiert, dass der Kreuzberger CSD der politische, mithin relevantere sei. Der andere, viel größere hingegen sei ein Karneval ohne Sinn und Verstand. Dieser Befund verblüffte schon immer, in den vergangenen Jahren war er aber besonders ressentimentgesättigt. In dieser Wahrnehmung ist ein CSD nur dann politisch, wenn er das Bild von den schrillen, schrägen Schwulen und Lesben bedient, das mehr nach Underground als nach „gewöhnlichen Homosexuellen“ schmeckt.

Seine Begründung klingt überzeugend:

Ziehen wir eine Bilanz, die sich am politischen Output orientiert. Alle Reformprojekte zugunsten der Lebensbedingungen Homosexueller und Transsexueller sind nicht aus dem transgenialen Spektrum heraus initiiert oder erkämpft worden, sondern waren ein Resultat eines auf parlamentarische und institutionelle Lobbyarbeit setzenden Engagements.

Beispiele gefällig?

Das Gesetz zur eingetragenen Lebenspartnerschaft, die Abschaffung des Paragrafen 175, die Fülle von Verbesserungen im alltäglichen Detail (Tarifverträge, Antidiskriminierungsgesetz, in Gerichtsentscheidungen) – all diese (gelungenen oder noch bis zur rechtlichen Gleichstellung zu verwirklichenden) Topoi sind nicht nur nicht mit, sondern gegen das errungen worden, wofür der Transgeniale CSD steht.

Klare Worte findet Feddersen für den Kreuzberger Mummenschanz:

Der Kreuzberger CSD hat zu allem höchstens eine Auffassung und nichts, schon gar nicht zu Besserungen irgendetwas beigetragen. Politik ist jedoch immer das, was aus dem Kampf um Einflüsse herauskommt – nicht das, was einer oder eine so vor sich hin meint. Insofern verdreht die Behauptung, der Transgeniale CSD sei der politische CSD im Ursinne des Anlasses – die Aufstände im New Yorker Homoviertel gegen mafiotisch-polizeiliche Razzien im Sommer 1969 -, die Dinge ums Ganze: Nie ging es um anderes denn um BürgerInnenrechte. Der Kreuzberger CSD ist allenfalls eine Touristenfalle – wenn auch eine besonders gemütvoll-karnevalistische.

Feddersen erklärt, warum Militanz kein Ersatz für Politik sein kann:

Denn wer in einem Land wie der Bundesrepublik nicht in den Mainstream will, wer schon – wie die Zirkel und „Bündnisse“ beim Transgenialen CSD – die Präsenz der Homos der Union für nachgerade rassistisch als solches hält, wer den Lesben- und Schwulenverband seiner akkuraten, nötigenfalls auch gegen Migrationsverbände interessierten Arbeit wegen schon für irgendwie faschistisch hält, hat sich vom Politischen allenthalben verabschiedet. Der und die wollen – in einem gramscianischen Sinne – nicht die Eroberung der mächtigen gesellschaftlichen Sphären, sondern nur identitär Recht behalten. Darin enthalten ist ein totalitäres Moment, charakteristisch für linke Politikkonzepte, die schon deshalb auf innere und äußere Militanz halten müssen. Denn was sollen sie auch sonst tun?

Und dann enthüllt Feddersen, was in diesem Blog bereits zwei Wochen zuvor zu lesen war:

Hisbollah und Hamas, dekretierte sie in einem Vortrag jüngst, seien für eine linke Perspektive freundlich zu veranschlagen.

Merkwürdig nur, dass die von Feddersen mitgegründete Organisation Queer Nations noch am Vorabend der gescheiterten Preisverleihung Butler eine (Volks-)Bühne zur Darstellung ihrer verque(e)ren Positionen bot. Offenbar war man der Meinung, die Wichtigkeit Butlers für den queeren Diskurs legitimiere ihre Einladung. Dabei hat Butler die von Feddersen gerügte Freundschaftserklärung keineswegs jüngst getätigt, sondern bereits im Jahre 2006. Und so wird der Umstand, ausgerechnet einer bekennenden Freundin arabischer Antisemiten ein Podium geboten zu haben, auch nicht weniger problematisch durch den Versuch, Politisierung per se als einen Erfolg zu verkaufen.

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