Kultursensibler Irrsinn

6 Aug

Wohin kulturelle Sensibilität, Antidiskriminierung und vom Staat verordneter Pluralismus führen können, hat einmal mehr das romanische Land zwischen dem Rhein und den Pyrenäen gezeigt. Dort hatte ein rechtsextremer Lokalpolitiker im beschaulichen Orléans (bekannt durch Jeanne d’Arc und ein cooles neues Straßenbahnsystem) zu einer Feier geladen, und zwar

mit viel Schweinefleisch und Alkohol, „um sicher zu sein, dass wir unter Freunden bleiben“

Nun dürfte relativ klar sein, wer bei jenem Politiker nicht zu den Freunden zählt – was bei oppositionellen Politikern und Medien dann auch sofort zu empörenden Stellungnahmen führt. Fragt sich bloß, worauf sich diese Empörung versteift. Geht es um die Tatsache, dass ein Politiker offenbar verhindern wollte, dass sich (streng gläubige) Moslems der Feier anschließen, oder doch nur darum, dass es ein dezidiert „rechtsextremer“ Politiker war, der seine Feier frei von Moslem halten wollte?

Nun kann man die Absicht des Politikers, eine Feier zu veranstalten, die offenbar für Moslems tabu ist kritisieren, klar dürfte allerdings sein, dass auch ein rechtsextremer Politiker das Recht hat, sich seine Freunde auszusuchen. Problematisch an der ganzen Geschichte ist denn auch nicht so sehr das Gebahren eines einzelnen Politikers, sondern dass es nicht mehr bei bloßer Kritik bleibt:

Mitte Juni hatten Pariser die Idee, ein großes Picknick zu veranstalten, mit Schweinefleisch und Alkohol. Es sollte im Zentrum von Paris stattfinden, in der Goutte d’Or, wo auch viele Moslems wohnen.

Aber dieser apéro saucisson-pinard, dieser Imbiß mit Würstchen und Wein, fand nicht statt.

Der sozialistische Bürgermeister von Paris, Bernard Delanoë, erkannte eine menace contre l’ordre public, eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung. Die Präfektur von Paris verbot daraufhin die Veranstaltung.

Ja, man hat richtig gelesen: Die Stadt Paris hat einer Gruppe von Bürgern ein Picknick verboten, weil dort Schweinefleisch und Wein konsumiert werden sollten, ein Umstand, der – wen wundert es? – dazu führen könnte, Moslems zu beleidigen.

Die Initiatorin des Picknicks wollte dabei durchaus kein Zeichen gegen, sondern für kulturellen Pluralismus setzen, indem sie sich dagegen verwahrte, dass im Viertel eine streng islamische Monokultur einkehrt, weil nämlich

„die moslemische Welle in diesem Viertel uns mittlerweile schon das islamische Verbot der Produkte unserer Erde aufzwingt, weil sie mit ich weiß nicht welcher religiösen Vorschrift nicht übereinstimmen.“ [Übersetzung durch „Zettels Raum“]

Dagegen wollte sie protestieren, die alteingesessene Pariserin Sylvie François, mit ihrem organisierten gemeinsamen Imbiß. Man wollte gemeinsam essen, was der Islam verbietet, nämlich Würstchen aus Schweinefleisch. Man wollte gemeinsam den Wein trinken, den zu trinken der Islam verbietet. Man wollte sich nicht die Lebensart verbieten lassen, die in diesem Viertel Tradition hat.

„Zettels Raum“, durch den ich auf diesen Beitrag aufmerksam geworden bin, verknüpft diese  Begebenheit mit einem interessanten Vergleich. Die Aktion von Sylvie Francois sei im Prinzip also

der symbolische Protest einer Minderheit; sagen wir, wie der Christopher Street Day: Man will deutlich machen, daß es einen gibt. Man will Flagge zeigen.

Homosexuelle dürfen das; in Frankreich ebenso wie in Deutschland. Selbstverständlich und mit jedem Recht der Welt.

Christliche Pariser dürfen es nicht. Jedenfalls dürfen sie es nicht, solange dort der Homosexuelle Bernard Delanoë Bürgermeister ist. Ein Mann, von dem man eigentlich eine besondere Sensibilität für Minderheiten erwarten könnte; für ihre Freiheit, sich auch in Form von Veranstaltungen zu artikulieren.

Was die Homosexualität Delanoës nun mit dem Verbot des Picknicks zu tun hat, erschließt sich mir nicht, zustimmen würde ich „Zettel“ allerdings in seinem Fazit:

Aber offenbar ist für Delanoë Freiheit keineswegs die Freiheit der Andersdenkenden. Die eigene Lebensart öffentlich demonstrieren – das dürfen die einen, die anderen dürfen es nicht. Freiheit gilt nicht für alle.

So sind Sozialisten halt, parteilich. Wären sie nicht so – würden sie die Freiheit der Andersdenkenden akzeptieren -, dann wären sie Liberale.

Und es ist nun mal zutiefst unliberal, einer Gruppe von Menschen ein Picknick zu untersagen, weil dort nicht „kultursensibel“ genug konsumiert werden sollte.

Nein, mehr noch: das ist nicht nur nicht liberal, das ist Irrsinn.

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9 Antworten zu “Kultursensibler Irrsinn”

  1. Zaphod 9. August 2010 um 17:54 #

    Was für ein Liberalitätsverständnis hat der Autor eigentlich? Ist es liberal, eine Bevölkerungsgruppe bewusst beleidigen zu wollen? Bei dem Picknick ging es ja nicht darum, gemeinsam zu feiern, sondern bewusst die anderen zu beliedigen.

    Es gibt jedoch keinen Grund, die religiösen Gefühle anderer Menschen nur aus Spass zu beleidigen. Daher ist das Verbot der Veranstaltung nur recht und billig!

  2. Adrian 9. August 2010 um 18:59 #

    @ Zaphod
    Wer Verbote fordert, sollte anderen nicht vorwerfen, ein merkwürdiges Liberalitätsverständnis zu besitzen.

  3. Nepumuk 9. August 2010 um 19:38 #

    @ Zaphod
    Es ist liberal die Möglichkeit zu haben sich gegen eine bestimmte Gruppe zu wenden, sofern man dabei auf Gewalt verzichtet.

    So wie man die Möglichkeit haben muss gegen eine (oder beide) christlichen Kirchen zu demonstrieren, gegen die Regierung, gegen Tierversuche etc. genau so muss man die Möglichkeit haben gegen den Islam zu demonstrieren (wie gesagt, solange es ohne Gewalt von statten geht) und dies ist mit einem sit-in mit Wein und Schinken ja wohl gegeben.

  4. Zaphod 9. August 2010 um 22:41 #

    Hallo Adrian,

    da hast Du natürlich recht. Allerdings habe ich ja auch gar nicht behauptet, dass ich liberal wäre. Obwohl ich mich in vielen Dingen liberal nennen würde, umfasst meine Definition der Liberalität nicht, dass ich das Recht habe, auf den Gefühlen anderer bewusst und absichtlich sinnlos herum zu trampeln.

    Es ist ein Unterschied: Wenn sich z.B. Christen durch den CSD beleidigt fühlen, so müssen sie das hinnehmen. Es erscheit mir jedoch fraglich, ob es auch eine sehr christlich-fundamentalistische Gemeinde hinnehmen müsste, wenn ihr Gottesdienst bewusst durch Schwule gestört würde.

    Die Grenze liegt in der bewussten und gewollten Beleidigung anderer. Diese Beleidigung ist – zumindest nach meinem Verständnis – nicht von einem liberalen Gedanken getragen.

  5. Adrian 9. August 2010 um 22:50 #

    @ Zaphod
    Du ziehst moralische Grenzen. Das tut jeder, einschließlich mir. Moralische Grenzen können jedoch kein Argument für Verbote sein, weil jeder eben andere Grenzen setzt. Wenn wir alles verbieten wollen, was jemanden beleidgt, können wir die Meinungsfreiheit gleich abschaffen. Eine bewusste und gewollte Beleidigung anderer Menschen schränkt deren Freiheit nicht ein. Ergo gibt es keinen Grund so etwas zu verbieten.

  6. Zaphod 9. August 2010 um 23:08 #

    Wer persönliche Freiheit als höchstes Gut sieht, hat natürlich mit seiner Argumentation recht. Dann ist es auch nicht verwerflicht, z.B. einer alten Frau den Sitzplatz in der U-Bahn zu nehmen.

    Ich würde jedoch sagen, das wichtigste ist, die „Gesamt-Glücklichkeit“ der Bevölkerung zu mehren. Und sind m.E. kleine Freiheitseinschränkungen zulässig, wenn dadurch die Glücklichkeit anderer gewahrt bleiben kann.

  7. Adrian 9. August 2010 um 23:36 #

    Du verwechselst persönliche Freiheit mit Egoismus und Gewalt.

    „Ich würde jedoch sagen, das wichtigste ist, die „Gesamt-Glücklichkeit“ der Bevölkerung zu mehren.“

    Das ist konsequent betrachtet ein autoritärer, weil kollektivistischer Anspruch, denn wer legt fest, was die „Gesamt-Glücklichkeit“ der Bevölkerung ist und mit welchen Mitteln will man diese durchsetzen? Glück ist etwas höchst Subjektives, das man nicht verallgemeinern kann.

  8. Zaphod 10. August 2010 um 11:23 #

    Es geht nicht darum, Glücklichkeit mit Gewalt durchzusetzen. Es geht darum, dass jeder einzelne sein Handeln so ausrichten sollte, dass er die Gesamt-Glücklichkeit erhöht. Dabei kann es vorkommen, dass er nicht seine eigene maximale Glücklichkeit (z.B. Strassenfeste bei Moslems zu feiern) erreicht, weil das dadurch erzeugte Unglück schwerer wiegt als das eigene Glück. Wem diese Einsicht fehlt, der handelt a-sozial und muss dann tatsächlich „zu seinem Glück gewzungen werden“.

    Letztendlich geht es also um eine – möglichst freiwillige – Selbstbeschränkung der eigenen Möglichkeiten aus Rücksicht auf die anderen.

  9. Adrian 10. August 2010 um 12:34 #

    Die freiwillige Selbstbeschränkung der eigenen Möglichkeiten aus Rücksicht auf andere ist allerdings zu unterscheiden vom Handeln, das dazu dient, die „Gesamt-Glücklichkeit“ zu erhöhen.

    Wenn ich mit anderen Männern nicht mehr Hand in Hand durch die Straßen laufe, wenn ich mich also verstecke, wenn ich behaupte, ich sei mit einer Frau zusammen, würde ich garantiert das Glück vieler Menschen erhöhen. Doch warum sollte ich so etwas tun?

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