Schande über Guido!

17 Aug

„Wir wollen den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern. Aber wir wollen auch nicht das Gegenteil erreichen, indem wir uns unüberlegt verhalten.“

Dieser Satz, ausgesprochen von Außenminister und Vizekanzler Guido Westerwelle, ist ein Meisterstück des Relativismus und ein Beleg für die Abgründe, in die einen das Eintreten für unbedingte Toleranz führen kann. Worum geht es? In der Zeitschrift „Bunte“ hat Westerwelle mittels oben zitierter Aussage erklärt, dass er darauf verzichten wird, in Begleitung seines Lebensgefährten in jene Staaten zu reisen, in denen Homosexualität strafrechtlich verfolgt wird.

Dennoch sei es wichtig, „dass wir unsere eigenen Maßstäbe von Toleranz leben und uns nicht die manchmal weniger toleranten Maßstäbe anderer zu eigen machen“, sagte Westerwelle weiter.

Im Zusammenhang machen beide Sätze absolut keinen Sinn und bei Lichte betrachtet, nicht mal einzeln. Es sind völlig sinnfreie Aussagen, typischer Politikersprech, eher vernebelnd als erhellend. Erster Teil kann ja nur bedeuten, dass Westerwelle so tolerant ist, den Regierungschefs, die mit einem Lächeln auf den Lippen Schwule ins Gefängnis werfen und hinrichten lassen, den Anblick seines Freundes zu ersparen.

Henryk M. Broder bezeichnet das Ganze bei „Spiegel Online“ dann auch treffend als „moralisches Harakiri“:

Man muss diesen Satz nicht zweimal lesen, um zu begreifen, was in ihm steckt: Toleranz ist eine feine Sache, aber wir sollten es mit ihr nicht zu weit treiben. Das ist mehr als eine der üblichen Politiker-Sprechblasen, es ist moralisches Harakiri in Zeitlupe, eine Schande.

In mindestens 75 Staaten ist Homosexualität ein Straftatbestand, der mal mehr, mal weniger streng verfolgt wird. In Iran, im Sudan, in Jemen und Mauretanien, in Somalia, Nigeria und Saudi-Arabien wird Männerliebe mit dem Tod bestraft. Allein in Iran wurden im Laufe der vergangenen 30 Jahre, also seit Beginn der „Revolution“, etwa 4000 Männer erhängt, die angeblich oder tatsächlich schwul waren. Man mag der Meinung sein, dass sie noch immer besser behandelt wurden als „Ehebrecherinnen“, die gesteinigt werden, aber solche Feinheiten sind nur für Islamexperten wie Katajun Amirpur von Bedeutung, die Hängen gegenüber dem Steinigen den Vorzug geben.

Es ist auch fraglich, ob Westerwelle sein Statement wirklich zu Ende gedacht oder nur rausgeblubbert hat. Wie will er „den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern“, wenn er auf die Intoleranz seiner Gastgeber Rücksicht nimmt? Von seinem Schreibtisch in der FDP-Zentrale? Mit einem Grußwort zum Christopher-Street-Day in Köln? Indem er seinem Lebensgefährten bei Auslandsreisen eine Burka überzieht?

Westerwelle ist nicht bösartig oder dumm, aber spricht auf eine erschreckende Weise unüberlegt. Allein der Gedanke, wir müssten uns überlegt verhalten, um nicht „das Gegenteil (zu) erreichen“, ist falsch. Am Anfang einer solchen Überlegung steht der Wunsch, dem Frieden zuliebe nicht zu provozieren, am Ende die Selbstaufgabe.

Wie man dagegen Toleranz wirklich befördern könnte, oder zumindest selbstbewusst den Menschenschindern dieser Welt die Stirn bieten würde, macht Clermens Wergin in der „Welt“ klar, der Westerwelles Auftreten mit einer Situation vergleicht, in der sich der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger befand:

Als er 1973 US-Außenminister wurde, stellte sich ebenfalls ein Problem: Saudi-Arabien, ein wichtiger Verbündeter in der Region, verbietet Juden die Einreise ins Land. Kissinger reiste dennoch zum Staatsbesuch an, obwohl unklar war, ob die Saudis ihm, dem deutschstämmigen amerikanischen Juden, und einigen mitgereisten jüdischen Journalisten die Einreise genehmigen würden. Landen zumindest durfte er. Im Hotel in Riad fand jedes Delegationsmitglied dann ein Exemplar der Hetzschrift „Protokolle der Weisen von Zion“ in der Informationsmappe. Am Ende wurde Kissinger doch zum König vorgelassen, dessen Mitarbeiter lange darüber gegrübelt haben müssen, wie sich diese Situation auflösen ließe. Der König begrüßte Kissinger schließlich mit den Worten: „Ich empfange Sie nicht als Juden, sondern als Menschen und Außenminister der Vereinigten Staaten.“ Worauf Kissinger antwortete: „Einige meiner besten Freunde sind Menschen.“

Wie wäre es also, so fragt Wergin, wenn Westerwelle sich ähnlich selbstbewusst verhalten würde?

Ohne den Vergleich zwischen Antisemitismus und Homophobie zu sehr strapazieren zu wollen, stelle ich mir vor, unser Außenminister würde seinen Freund nach Riad mitbringen und dem heutigen König Abdullah vorstellen: „Das ist mein Partner Michael Mronz. Er ist zwar schwul, aber anders, als ihre Gesetze glauben machen wollen, ist er auch nur ein Mensch. Genauso übrigens wie ich.“

Doch wer um jeden Preis für Toleranz eintreten will, ohne die Toleranz an ethischen Maßstäbe zu knüpfen, wird ein solches Auftreten für absolut intolerant halten müssen.

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8 Antworten zu “Schande über Guido!”

  1. Karsten 17. August 2010 um 12:38 #

    Na, einen gewissen Unterschied sehe ich da schon. Kissinger ist Jude, das kann man nicht ändern, ebenso, wie Guido Westerwelle selbst Jude ist. Und auch Westerwelle besucht, ebenso wie Kissinger, Länder, in denen er eigentlich aufgrund seines So-Seins nicht erwünscht ist – sie tun eigentlich das Gleiche.

    Wenn Kissinger mit der Kippah auf dem Kopf und eine Israel-Fahne schwingend durch Saudi-Arabien gelaufen wäre, wäre das ein Äquivalent zur Begleitung Westerwelles durch Michael Mronz. Hat er das getan? Sicher nicht. So etwas tut ein Diplomat einfach nicht.

  2. Karsten 17. August 2010 um 13:35 #

    Natürlich ist Westerwelle nicht etwa Jude, sondern schwul. Das ist, wenn man nicht mehr liest, was man da getippt hat. 🙂

  3. blogterium 17. August 2010 um 20:53 #

    Eine Israel-Flagge schwingend durch Saudi-Arabien zu laufen, wäre für einen amerikanischen Außenminister in der Tat etwas bizarr, aber es ist ja auch nicht gerade so, dass Herr Westerwelle und Herr Mronz bisher durch das Schwingen von Regenbogenfahnen und innige Küsse vor saudischen Fernsehkameras aufgefallen wären.
    Der gleichgeschlechtliche Partner sollte also zu ertragen sein, ebenso wie eine Kippah. Oder beides.
    Wenn die – häufig fragwürdigen – Regierungen mancher Staaten dies nicht ertragen, wäre vielleicht eher die Beziehung Deutschlands zu diesen Ländern als unseres Außenministers Reisebegleitung zu hinterfragen.
    Sollte unsere liberale Bürgerrechtspartei indes Broders Idee mit der Burka aufnehmen: Bitte für Westerwelle, nicht für Mronz 🙂

  4. Karsten 17. August 2010 um 22:06 #

    Was die Burka angeht, bin ich komplett deiner Meinung, blogterium. Vom ästhetischen Standpunkt her gesehen, jedenfalls.
    Ansonsten: Ja, die Israel-Fahne war einen Tick zuviel und eine kleine Übertreibung, aber mir gefiel die Vorstellung. Auch auf die Kippah hat Kissinger aber klugerweise verzichtet.
    Man darf doch bitte nicht vergessen: Westerwelle ist Deutschlands oberster Diplomat, und als solcher hat er sich im Ausland einfach diplomatisch zu verhalten. Und das umfasst eben die Beachtung der Regeln, die im besuchten Land gelten. Er kann sie kritisieren (bevorzugt leise und vorsichtig – schon vergessen: Diplomatie!), aber nicht einfach brechen.

  5. Karsten 17. August 2010 um 22:08 #

    Schaltet ihr jeden Kommentar einzeln frei, Adrian? Wie anstrengend. Man kann das doch auch so einstellen, dass man nur beim ersten Mal freigeschaltet wird… Oder habt ihr ein Trollproblem?

  6. Adrian 18. August 2010 um 11:59 #

    @ Karsten

    Ich werde den Vorschlag mal in unserer nächsten Redaktionskonferenz ansprechen 🙂

  7. Zaphod 19. August 2010 um 13:13 #

    Der Außenminister ist Deutschlands höchster Diplomant und als socher auch zu diplomatischem Auftreten verpflichtet. Daher ist es doch nur recht und billig, wenn er sich an die Sitten des Gastlandes anpasst, soweit es ihm möglich ist. Wir erwarten ja auch, dass ein Staatsgast aus Ländern, in denen Polygamie verbreitet ist, nicht mit sämtlichen Frauen anreist. Und wenn Herr Gadaffi in seinem Zelt schläft, wird darüber gelächelt.

    Insofern ist es klug, als Repräsentant Deutschlands auf unnötige Provokationen zu verzichten. Denn außer Provokationen und höheren Reisekosten würde die Anwesenheit von Westerwelles Partner ja nichts bringen. Die Chancen auf Veränderungen dürften auch größer sein, wenn man heikle Themen behutsam – eben diplomatisch – anspricht, als mit der Holzhammer-Methode. Dass ein Herr Broder nur die Holzhammer-Methode kennt, ist bekannt und hat auch dazu geführt, dass er nicht Außenminister ist, sondern nur sinnlos provozierender Kolumnist in Medien, deren allgemeines Niveau er nur selten erreicht.

  8. Adrian 19. August 2010 um 13:33 #

    @ Zaphod
    „Wir erwarten ja auch, dass ein Staatsgast aus Ländern, in denen Polygamie verbreitet ist, nicht mit sämtlichen Frauen anreist.“

    Also ich erwarte das nicht.

    „Insofern ist es klug, als Repräsentant Deutschlands auf unnötige Provokationen zu verzichten.“

    Interessant, was heutzutage alles als „Provokation“ gilt.

    „Denn außer Provokationen und höheren Reisekosten würde die Anwesenheit von Westerwelles Partner ja nichts bringen.“

    Michael Mronz hat seine Reisekosten bislang selbst getragen.

    „Die Chancen auf Veränderungen dürften auch größer sein, wenn man heikle Themen behutsam – eben diplomatisch – anspricht, als mit der Holzhammer-Methode.“

    Glaube ich nicht. Du unterstellst damit, die Herrscher der jeweiligen Länder wüssten es nicht besser. Aber ein diktatorischer Menschenschinder ist das nicht etwa, weil er es nicht besser weiß. Sondern weil es ihm nutzt.

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