Wozu noch Kinder?

23 Aug

Zu den merkwürdigsten Erscheinungen der modernen Zeit, gehört die ewige Klage über den Verfall der „Familie“, der sinkenden Geburtenraten und dem Bedeutungsverlust der Ehe. Offensichtlich scheint es für nicht wenige Menschen von fundamentaler Bedeutung zu sein, wie ihre Mitmenschen ihr Beziehungsleben gestalten, und sie geraten in helle Aufregung, wenn man dies anders bewerkstelligt, als es ihnen vorschwebt. So schreibt etwa die „Freie Welt“:

Allein im Haushalt leben nicht nur – wie früher üblich – verwitwete ältere Menschen, sondern auch immer mehr Erwachsene im klassischen Familienalter zwischen 30 und 40 Jahren. Nicht wenige dieser Alleinwohnenden haben einen außerhalb ihres Haushalts lebenden Partner. Dieses „Living apart together“ steht – so die Auskunft von Soziologen – für ein „verändertes Partnerschaftsideal, das stärker auf Autonomie setzt“. Institutionelle Vorgaben wie die lebenslange Ehe hätten an Bedeutung verloren, so dass man „freier entscheiden kann, wie man leben will“. Familie wandele sich: Sie sei heute „nicht mehr so stark auf den Haushalt beschränkt“ und habe „zunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken“. Neben der „klassischen Kernfamilie“ hätten „sich viele andere Lebensformen etabliert“. Familie verliere deswegen nicht an Bedeutung, sondern „gewinne an Vielfalt“.

Soweit die Analyse, die dann auch sogleich negativ bewertet wird:

Was aber ist nun eine Familie, wenn sie als „soziales Netzwerk“, nicht mehr durch Ehe, Haushalt und Eltern-Kind-Verhältnisse konstituiert ist?

Na ja, vermutlich ist „Familie“ in diesem Fall eben jenes „soziales Netzwerk“, welches sich durch die individuellen Lebensweise des Einzelnen konstituiert.

Befürworter eines „postmodernen“ Familienbildes sprechen von „Verantwortungsgemeinschaften“. Wer wofür und für wie lange Verantwortung tragen soll, definieren sie allerdings nicht.

Und warum sollte man das definieren? Es reicht doch wohl aus, wenn diejenigen, die in der jeweiligen „Verantwortungsgemeinschaft“ leben, wissen für wen sie Verantwortung tragen.

Was „Familie“ bedeutet, bleibt damit dem subjektiven Empfinden des Einzelnen überlassen.

Entweder das, oder die „Familie“ als Beschreibung einer bestimmten Lebensweise, die sich aus einem verheirateten heterosexuellen Paar mit Kindern definiert, verliert schlicht und einfach an Bedeutung.

Empirisch-statistisch lassen sich dann zwar noch verschiedene Lebensformen, aber nicht mehr die Familie als soziale Institution erfassen. Aus dieser Perspektive kann es per definitionem auch keine Krise der Familie geben: Denn mangels objektiver Kriterien lässt sich eine Abkehr von der Familie bevölkerungsstatistisch erst gar nicht feststellen. Sorgen angesichts des „Wandels familialer Lebensformen“ erscheinen dann als Ausdruck eines „falschen Bewusstseins“ von „Fundamentalisten“, die hartnäckig am „alten Ideal der Kernfamilie“ festhalten.

Nu ja, die „Kernfamilie“ als alleinige Form des Zusamenlebens, hat sich nun mal überholt. Sie ist eine Institution des Industriezeitalters und einer Gesellschaft, die den Geschlechtern eine binäre Rollenverteilung zugeschrieben hat. Dass mit der Pille und dem erweiterten Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen – und insbesondere dem der Frau – das Modell der „Kernfamilie“ an Bedeutung verloren hat, ist nur folgerichtig und kann eigentlich niemanden überraschen.

Noch bis vor wenigen Jahren war dieser vermeintliche „Fundamentalismus“ regierungsoffiziell: Die auf die Ehe gegründete Vater-Mutter-Kind-Familie galt als „Grundeinrichtung der menschlichen Gesellschaft“ (René König). Noch 1995 stellte die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum 5. Familienbericht fest: „Die Familie ist und bleibt der Ort der personalen Entfaltung des Menschen. Eine gesicherte Beständigkeit innerfamiliärer Beziehungen, die auch Belastungen durchsteht, gibt Kindern das notwendige Vertrauen in den Wert der eigenen Person wie in die Zukunft“.

Und was soll und das jetzt sagen? Dass das, was die Regierung fest legt, der Weisheit letzter Schluss ist? Und was soll es überhaupt bedeuten, dass die Vater-Mutter-Kind-Familie sei die „Grundeinrichtung der menschlichen Gesellschaft“ sei? So etwas wie eine „Grundeinrichtung der Gesellschaft“ gibt es schlicht und einfach nicht, da eine Gesellschaft ja aus nichts anderem als einzelnen  Menschen besteht, die nach ihren eigenen Interessen und Wertvorstellungen miteinander interagieren.

Wie aber sieht es mit der Beständigkeit von Lebensformen aus, die „stärker auf individuelle Autonomie“ setzen? Die empirischen Befunde sind eindeutig: Das Risiko des Zerbrechens der Beziehungen ist – zumindest im statistischen Durchschnitt – wesentlich größer als in (ehelichen) Kernfamilien.

Nun, das mag man bedauern, muss man aber nicht. Was geht einen schließlich das Beziehungsleben anderer Menschen an?

Doch halt: Was ist mit den Kindern?

Nach den Zahlen der amtlichen Statistik betreffen drei von vier Maßnahmen der Heimerziehung wie der öffentlich geförderten Vollzeitpflege Kinder, deren Eltern sich getrennt haben. Mit diesen familienersetzenden Hilfen übernimmt der Staat die Kosten für das Zerbrechen von Kernfamilien. Zugleich ertönt der Ruf nach noch mehr Staat: Um „Erziehungskatastrophen“ zu verhindern, sollen Kinder künftig von klein auf in Ganztagskindertagesstätten und -Schulen in „öffentlicher Verantwortung“ erzogen werden. Das ist nicht nur für den Steuerzahler teuer. Besonders hoch ist der Preis der Abkehr von der Kernfamilie für die Kinder selbst: Für sie droht aus der postmodernen „Vielfalt“ der Lebensentwürfe Erwachsener ein Aufwachsen im Einheitstakt staatlicher Institutionen zu werden.

Der Lösungsansatz für den Autor scheint klar: Nur die Stärkung der Kernfamilie garantiere ein gedeihliches Aufwachsen von Kindern ohne staatliche Einmischung. Hier werden in genialer Weise liberale Staatsskepsis und konservativer Einstehen für die „Kernfamilie“ miteinander verbunden und dem Leser quasi als „Lösung“  präsentiert, dass die Freiheit des Einzelnen von der Bevormundung durch den Staat nur durch ein Leben mittels „Kernfamilie“ zu sichern sei. Was natürlich Unsinn ist, denn die Alternative ist offensichtlich: Wenn Ehe und Kinder nicht mehr in die individuelle Lebensplanung von Menschen passen, wird nicht mehr geheiratet und werden weniger Kinder geboren. Und genau das ist ja auch der Fall.

Die Rückkehr zur „Kernfamilie“ kann nur durch massiven staatlichen Eingriff und Zwang vonstatten gehen, doch wer wollte das rechtfertigen? Konservative sollten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Kernfamilie nunmehr nur eine Lebensweise von vielen ist, und dass die Erziehung von Kindern heutzutage nicht mehr ist, als eine persönliche Entscheidung, eine Entscheidung überdies, die für nicht wenige Menschen einfach nicht mehr die oberste Priorität hat.

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9 Antworten zu “Wozu noch Kinder?”

  1. dieblaueneu 23. August 2010 um 22:36 #

    Soweit ausgeführt wird,

    — So etwas wie eine „Grundeinrichtung der Gesellschaft“ gibt es schlicht und einfach nicht, da eine Gesellschaft ja aus nichts anderem als einzelnen Menschen besteht, die nach ihren eigenen Interessen und Wertvorstellungen miteinander interagieren.—–

    halte ich diese Aussage schlicht für falsch und sehe darin den Versuch einer Rechtfertigung der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, der aber keiner Rechtfertigung – jedenfalls in Deutschland-mehr bedarf.

    Gleichgeschlechtliche Partnerschaften,Beziehungen oder was auch immer gab es immer und wird es immer geben, sie sind Teil des Lebens.

    Aber: Sie sind die Ausnahme, das menschliche Leben, das Leben an sich, findet und sucht sich in einer symbiotischen Beziehung, zwischen heterosexuellen Partner, die in ihrem Körper und Geist, und nicht nur im Sexus aufeinander geprägt sind, um durch ihr Zusammenkommen, das Leben selbst neu entstehen zu lassen. Den mit der meiotischen Sexualität ist nicht nur der SEX entstanden sondern auch der TOD des Individuums. Nur wenn wir zusammenkommen sich Samen und Eizelle verbinden um sich anschließend durch alle Formen der Schöpfung laufend in einem Kind mündet, das entweder als männlich oder weiblich geprägt wird, besiegen wir den Tod.Unsere Kinder, gleich ob Mädchen oder Junge, gleich welcher sexuellen Prägung, brauchen eine gelebte Beziehung von Partnern, um zu lernen und zu verstehen und selbst neues Leben zu schaffen und es zu aktzeptieren und zu lieben.

    Wir sind aber nicht nur symbiotisch im Zusammenleben und streben dies an, so wie wir atmen,sondern unsere Körper sind es auch.
    Alles leben ist in unglaublicher Weise in endosymbiotischer Verpflechtung miteinander verbunden, alle früheren Erfahrungen werden über das Körpergedächtnis in alle anderen Formen, die das über die meiot.Sexualität expandierende Leben schafft, transferiert.
    Nichts aus uns, ist aus uns selbst. Wir sind Teil aller anderen und darin geht das Bestreben des Lebens, dieser Teil zu sein, um zu leben.
    Das Leben, die Evolution selbst führt uns immer wieder dorthin und so muss es sein, wollen wir nicht dem Tod anheim fallen, diesem Partner des Sex, die das Leben in seiner unglaublichen Vielfalt erst ermöglicht haben.
    Auch sexuell gleichgeschlich orientierte Menschen streben nach Partnerschaft, und zwar ohne sich verstecken zu müssen. Sie wollen Teil des ganzen sein. Das Ganze, das ist das Leben in Symbiose, mit dem Zweck Leben zu schaffen und diesem Leben eine Chance zu geben, zu Leben und zu lernen, wie es selbst neue Partnerschaften gründen kann, damit es in seinen Kindern lebt.
    Wer den Kindern einredet, ein Leben in Einsamkeit, mit gelegentliche Sexkontakten sei gleichwertig mit gelebter Partnerschaft, der irrt sich sehr oder er spricht bewußt die Unwahrheit, um zu rechtfertigen, was keiner Rechtfertigung bedarf, gleichgeschlechtliche Paare können nun einmal keine Kinder zeugen.
    Aber sie habe ihren Platz.

  2. Adrian 23. August 2010 um 23:29 #

    Viel geschrieben, aber schlauer werde ich daraus nicht.

    „halte ich diese Aussage schlicht für falsch“

    Ah ja? Begründung, bitte!

    „Nichts aus uns, ist aus uns selbst.“

    Hä?

    „Wir sind Teil aller anderen“

    Nö.

    „und darin geht das Bestreben des Lebens, dieser Teil zu sein, um zu leben.“

    Hä?

    „Wer den Kindern einredet, ein Leben in Einsamkeit, mit gelegentliche Sexkontakten sei gleichwertig mit gelebter Partnerschaft, der irrt sich sehr oder er spricht bewußt die Unwahrheit“

    Ich habe das keinem Kind eingeredet. Was soll also diese Predigt?

  3. dieblaueneu 24. August 2010 um 07:23 #

    Ich denke, wer offene Worte schreibt und verlangt, dem sollten sie auch gegeben werden.

    Predigt:
    Die gleichgeschlechtliche Lebensweise ohne oder mit festem Partner ist eine Lebensweise die auch dem Gesichtspunkt des Humanismus und der Nächstenliebe zu tolerieren ist, weil es sie immer gibt und geben wird, weil es Menschen sind, die unsere Gemeinschaft mit ihrer Kreativität in Kunst und Kultur und Wissenschaft viel geben.

    Diese Lebensform ist aber die Ausnahme.

    Wenn diese Lebensform anfängt zu missionieren und versucht ihre Lebensform zu expandieren, so muss sie in ihre Schranken gewiesen werden, so wie das auch bei anderen Bestrebungen erfolgen muss, die sich gegen das Leben, die partnerschaftliche Lebensweise mit dem Ziel Kinder zu haben und ins Leben zu führen, erfolgen muss.

    Die gleichgeschlechtliche Lebensform führt nicht zum Leben und stärkt das Leben nicht, sondern stärkt die andere Seite, die mit dem Sex das Leben in seiner expansiven Vielfalt schaffenden Größe entstanden ist- es stärkt die Seite des Todes.

    Hä und hö:

    Mein Herr, sie sind entstanden aus der Zeugung ihrer Eltern, aus zwei Zellen, dass ihr Körper die strukturelle Form eines Mannes ins sexueller Prägung auf Gleichgeschlechtlichkeit erhalten hat, ist nicht aus ihnen selbst heraus entstanden, ist keine Entscheidung des Individuums auch keine Krankheit sondern schlicht Zufall, in der Auseinandersetzung der Gene in der weiblichen Zelle, nach Verschmelzung in Symbiose.
    Das Leben ist aus zellbiologischer Sicht, was sie wissen, da sie sich mit Sicherheit darüber Gedanken gemacht haben, nicht ohne Symbiose einem partnerschaftlichem – symbiotischen -Zusammenleben denkbar, es, das Leben ist in unseren Zellen Endosymbiotisch, so im Innern Partnerschaftlich, und noch viel mehr in seiner Äußeren Gestalt über die Sexuelle Prägung der biologischen Körper. Sie sind längst nicht aus sich selbst heraus entstanden. Ohne die Bakterien in unseren Körpern, dem Darm und sonstwo könnten wir alle – auch nicht die sog. Individualisten-überleben, eine Erscheinung, die selbst die kennen,die sich ansonsten über diese Dinge aus in ihnen selbst liegenden Gründen keine Gedanken machen.

  4. Adrian 24. August 2010 um 10:37 #

    Irgendwie habe ich geahnt, dass sich hinter diesem pseudospirituellen Sermon, ein reaktionärer Kern verbirgt.

    Ihre primitive biologistische Anschauung ist ja geradezu lächerlich, weil Sie zu nichts führt. Sie können tausend Mal argumentieren, dass Heterosexualität zum Leben und Homosexualität zum Tod führt, es ist in dieser Einfachheit schlicht Unsinn, und hat, weiter gedacht, fatale Auswirkungen.

    Sie sind kein Menschenfreund, sondern das Gegenteil.

  5. Blub 24. August 2010 um 22:35 #

    Trotzdem ist die Biologie die Realität der Welt, lieber Adrian. Sie beschreibt das Leben. Wer das ignoriert, redet nicht über die Welt und ihre Lebewesen, sondern über haltlose Fantasie. Das mag heute verbreitet und modern sein, ist aber dennoch genau dies.

    Der Knackpunkt ist, dass nicht der Mensch weiss, was richtig ist, sondern die Natur entscheidet auf eigene Weise und nicht einfach vorhersehbar darüber, und da wird die hier diagnostizierte konservative Ideologie schnell zur Idio….. ein Fehler in seiner Ansicht ist die Gleichsetzung von Partnerschaft mit Kindern, v.a. da Partnerschaften zu unterschiedlichen Zeiten im Leben unterschiedlich ausfallen können und dies keinen Bezug zur Kinderargumentation hat, da diese nicht durchweg gezeugt werden.

    Ansich will er doch sagen, dass Homosexuelle über Partizipation in der Gesellschaft ihren Beitrag leisten, zumindest im ersten Beitrag.

  6. Adrian 24. August 2010 um 22:37 #

    „Trotzdem ist die Biologie die Realität der Welt, lieber Adrian.“

    Habe ich das bestritten?

  7. Dagny 26. August 2010 um 08:22 #

    Witzig. Vor 20 Jahren galt die Uberbevoelkerung als Grunduebel. Die klassische Grossfamilie mit vielen Kindern fuehre zum Kollaps des Planeten, zum Untergang des Abendlandes, zu weniger Wohlstand und der Kapitalismus ist auch irgendwie Schuld daran.

    Heute haben wir mehr Single-Haushalte, Homosexualitaet ist weit akzeptierter, die Zahl der Kinder ist im dekadenten Westen leicht gesunken und es wird der Kollaps des Planeten (zumindest des Rentensystems, das ist fast das gleiche) und der Untergang des Abendlandes ausgerufen, weniger Wohlstand wird kommen und der Kapitalismus ist natuerlich auch wieder irgendwie Schuld daran.

  8. Klaus F. 26. August 2010 um 14:28 #

    zu dieblaueneu:

    unter allen homo-abwertungstheorien, die ich kenne (und ich kenne deren wirklich so einige!) ist das hier eine der bei weitem verschwurbeltsten.

    ich bin ja immer dankbar, wenn mich doch mal wieder jemand überraschen kann…

  9. Yadgar 10. September 2010 um 16:26 #

    @Klaus F.:
    Diese Rede von der „anderen Seite“, sprich dem Tod, als „Ziel“ von Homosexualität, erinnert mich doch sehr an die Verlautbarungen der letzten beiden Päpste… ich habe fast das Gefühl, da kommt konservativer Katholizismus im New-Age-Gewand daher!

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